Fahrräder der Wehrmacht: Geschichte und Bedeutung im Zweiten Weltkrieg

Truppenfahrrad und Blitzkrieg? Wo gibt’s denn sowas? In den alten Wochenschauen brausen Panzer über die Straße, stürzen Stukas auf den Feind hernieder, schleudert Artillerie den Untergang zum Feind, Kradschützen brettern übers staubig trockene Feld. So kennt man den Blitzkrieg auf Zelluloid. Wer jedoch ein wenig belesen ist, der weiß, dass die motorisierte Maschinerie vor allem in den Köpfen der Zuschauer der Wochenschauen existierte.

Die Rolle des „Drahtesels“ im Zweiten Weltkrieg war groß, vor allem auf deutscher Seite - doch sie ist so gut wie vergessen. „Wohl kein Einsatzmittel ist bei der Aufbereitung der deutschen Wehrgeschichte so sehr vernachlässigt worden wie das Fahrrad“, schreibt der Privatforscher Horst Hinrichsen in seinem 1996 erstmals erschienenen Band „Radfahr-Schwadronen“.

Tatsächlich beweisen zahlreiche erhaltene Fotografien, welch große Bedeutung Fahrradfahrer im Bewegungskrieg der Wehrmacht von 1939 bis 1942 spielten. Solche Aufnahmen gibt es ebenso aus dem Feldzug gegen die Niederlande und Frankreich als auch gegen die Sowjetunion 1941/42, nur noch ausnahmsweise allerdings aus den Abwehrschlachten gegen die alliierten Offensiven im Spätsommer und Frühherbst 1944.

Das Truppenfahrrad ist nun keine Erfindung deutscher Ingenieure, geschweige denn ist der militärische Einsatz des Fahrrads ein Verdienst deutscher Militärs und Strategen. Schon lange vor dem zweiten Weltkrieg begannen die Techniker unter Europas Heerführern ein gewisses Interesse an der militärischen Verwendungsmöglichkeit des Fahrrads zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt schrieb man noch das 19. Jahrhundert.

Entwicklung und Einführung des Truppenfahrrads

Noch in den 1890ern erwachte das Interesse in Deutschland am Truppenfahrrad. Aber erst im Jahre 1906 kam es in Posen zur Aufstellung einer sogenannten Radfahr-Versuchs-Kompanie. Die ausgiebige Erprobung des Objekts des Fortschritts förderte viele Informationen und Einsatzmöglichkeiten zutage.

Der Einsatz im Meldedienst ist heute im Zeitalter von Mobiltelefonen nur schwer vorstellbar. Zu jener Zeit jedoch war die Aussicht, eine Nachricht mit einer stabilen Geschwindigkeit von grob 20 Kilometern pro Stunde übermitteln zu können, eine außergewöhnliche Größe.

Das Truppenfahrrad versetzte Soldaten in die Lage, wesentlich schneller vorstoßen und plötzliche Standortwechsel durchführen und an Brennpunkten plötzlich erscheinen zu können, als dies bisher per Fußmarsch möglich war. Man muss aus heutiger Sicht noch dazurechnen, dass das Truppenfahrrad keinerlei Treibstoff oder Versorgung benötigte, von kleinem Volumen und Gewicht war. Auch die Beschaffungskosten waren gering im Vergleich zu anderem Kriegsgerät. Last but not least ermöglichen Fahrräder eine nahezu lautlose Fortbewegung.

Der Einsatz von Fahrrädern in deutschen Truppenverbänden erfolgte unabhängig, nämlich vor der Einführung der ersten motorisierten Verbände. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden Fahrräder als Transportmittel eingeführt. Dafür bürgerten sich im deutschen Heer ausweislich zahlreicher Akten die beiden Bezeichnungen „Truppenradfahrer“ und „Radfahrertruppen“ ein.

Obwohl die Begriffe ähnlich klangen, bezeichneten sie unterschiedliche taktische Verwendungen des Fahrrades. „Truppenradfahrer“ nannte man einzelne für Melde- oder Botendienste eingesetzte Radfahrer. Seit den 1870er-Jahren gab es sie bei verschiedenen Stäben. „Radfahrertruppen“ hingegen waren geschlossene Einheiten oft in Zugstärke, die sich auf Fahrrädern bewegten. Ende 1906 wurde in Posen die erste Radfahr-Versuchs-Kompanie aufgestellt.

Die ersten Erfahrungen kamen für die umfassende „Felddienstordnung“ des deutschen Heeres vom 22. März 1908 offenbar zu spät. Denn in deren Unterkapitel „Autos, Motorräder und Fahrräder“ hieß es in der Vorschrift Nr. 564: „Fahrräder dienen vor allem der Übermittlung von Meldungen und Befehlen, denn bei günstigem Wetter und auf guten Straßen könnten Radfahrer in 2 Stunden 30 bis 40 Kilometer zurücklegen.“ Zugleich hielt die Vorschrift allerdings fest: „Starker Gegenwind, lange Steigungen oder rutschige Straßen können ihre Wirkung völlig aufheben.“

Der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit

In den Stellungskämpfen an der Westfront des Ersten Weltkriegs spielten Fahrräder eine untergeordnete Rolle. Anders im Bewegungskrieg an der Ostfront: Hier waren die meisten der bis 1917 aufgestellten 37 regulären und 17 Ersatzkompanien im Einsatz. Die britische Armee stellte 1916 sogar zwei „Cyclist Divisions“ auf, die aber schon nach wenigen Monaten Existenz aufgelöst und deren Mitglieder auf andere Einheiten verteilt wurden.

In der Zwischenkriegszeit waren dem 100.000-Mann-Heer der Wehrmacht motorisierte Kampffahrzeuge offiziell verboten. Doch auch nach der Machtübernahme durch die NSDAP und in der beginnenden Aufrüstung blieb das Fahrrad aktuell. Ende 1935 wurde sogar eine eigene Heeres-Dienstvorschrift (HDv) 293 über „Das Truppenfahrrad“ erlassen, die immerhin 42 Seiten umfasste. In der Einleitung hieß es: „Das Fahrrad ist in Kriegs- und Friedenszeiten ein wertvolles Hilfsmittel für die Truppe im Nachrichten- und Aufklärungsdienst bei der Befehlsübermittlung, Aufrechterhaltung von Verbindungen und Heranschaffen von leichtem Gerät.“

Für die jetzt in großer Zahl speziell zusammengebauten „Truppenfahrräder“ (entsprechend dem nicht nur in Deutschland üblichen Abkürzungsdrang von Stabsoffizieren „Tr Fa“ genannt) wurden spezielle „Befestigungsvorrichtungen“ für Waffen wie das leichte MG 34, den leichten Granatwerfer 36 oder die Panzerbüchse 39 im Kaliber 7,92 × 94 Millimeter und die jeweils benötigte Munition sowie Zubehör entwickelt. Auf drei bis vier Fahrrädern wurde so ein MG-Trupp mobil.

Um Truppenfahrräder gegen Diebstahl zu schützen, ordnete die HDv 293 an, bei abgestellten Rädern den Lenker abzunehmen; der Fahrrad-Soldat sollte ihn stets bei sich tragen, wenn er sein Gefährt unbeaufsichtigt ließ. Eine Gangschaltung war übrigens nicht vorgesehen, die Vorderradbremse soll zu schwach dimensioniert gewesen sein, der Rücktritt dagegen ausreichend.

Der Zweite Weltkrieg: Einsatz und Bedeutung

Ich hatte es ganz oben schon mal angesprochen: die Wehrmacht war zum Zeitpunkt des Westfeldzugs und auch später zu Beginn des Unternehmens Barbarossa (und auch noch danach) alles andere als eine motorisierte Armee. Motorisierte Rad- und Kettenfahrzeuge stellten gerade in Infanterieverbänden eher die Ausnahme als die Regel dar. Somit kann man sich leicht vorstellen, dass der Einsatz von Fahrrädern noch immer von Bedeutung war. Zu Beginn des Westfeldzugs verfügte die Wehrmacht vor allem über bespannte Truppenteile, oftmals sogar nicht mal das. Das Pferd trug also den Blitz nach Vorne. Der Motorisierungsgrad stieg im Verlauf des Krieges, fiel jedoch zum Ende hin aufgrund des immer größer werdenden Treibstoffmangels wieder ab. Truppenfahrrad und Pferd behielten draussen im Feld ihre Bedeutung. Das geflügelte Wort vom „Kamerad Pferd“ kommt daher nicht von ungefähr.

Radfahrschwadronen führte die Wehrmacht in den Aufklärungsabteilungen der Divisionen. Als beispielsweise am 10. Dezember 1940 die Aufklärungsabteilung 106 der 106. Infanteriedivision aufgestellt wurde, formten sich hier zwei Radfahr-Schwadronen und eine schwere Schwadron. Eine Infanterie-Division der Wehrmacht (1.

Zum ersten Mal im Einsatz waren Radfahrtruppen der Wehrmacht Anfang September 1939 im Polenfeldzug. Auf den gut ausgebauten, oft noch aus preußischer Zeit stammenden Straßen in den westlichen Teilen des Landes kamen sie fast gleich schnell wie die Panzer voran. Während der Fahrt schießen konnten sie allerdings nicht - der deutsche Standardkarabiner 98k war zu lang und zu schwer dafür. Fotos zeigen Radfahrsoldaten, die in Bewegung mit Maschinenpistolen (1939/40 gab es davon im Heer nur einige tausend Stück) schossen - aber mehr als Sperrfeuer war das nie.

Am Unternehmen Weserübung, der Invasion Norwegens (und der fast kampflosen Besetzung Dänemarks), waren Radfahr-Kompanien ebenfalls beteiligt, unter anderem bei der Einnahme der südnorwegischen Kleinstädte Egersund und Adrendal. In diesen unverteidigten Orten ging es darum, schnell vorzustoßen und die einheimische Bevölkerung durch schiere Präsenz zu schockieren.

Im Westfeldzug 1940 setzten unter anderem Fallschirmjäger Fahrräder ein, um rasch aus ihren Landezonen hinter den gegnerischen Linien auszubrechen und Verwirrung zu stiften. Das gelang sehr gut. Im weiteren Verlauf der Kämpfe in Frankreich waren Radfahrsoldaten oft die einzige Infanterie, die den Panzervorstößen von Kommandeuren wie Erwin Rommel folgen konnten - Panzergrenadiere, also motorisierte Infanterie gab es praktisch noch nicht.

Beim Balkanfeldzug spielten Fahrräder wegen der gebirgigen Gegend eine weniger große Rolle. Anders war es 1941 beim Vormarsch der Wehrmacht in die weiten Ebenen der westlichen Sowjetunion, besonders der Ukraine. Hier wurde die Transportkapazität von Truppen-Lastwagen dadurch erhöht, dass sich Radfahrer an Seilen mit Griffen mitschleppen ließen.

Während des Vormarsches durch die südliche Sowjetunion Richtung Stalingrad waren ebenfalls noch vielfach Fahrräder im Einsatz. Die HDv 293 erschien 1942 in einer überarbeiteten Fassung neu.

Doch ab 1943 gibt es nur noch vergleichsweise selten Aufnahmen deutscher Soldaten mit Fahrrädern. Das kann verschiedene Gründe haben: Entweder ging die Nutzung zurück oder man kam sich zunehmend seltsam vor, eigene Soldaten auf Fahrrädern zu zeigen, während die Truppen der Kriegsgegner inzwischen weitgehend motorisiert waren (nämlich vorwiegend und an allen Fronten auf Lastwagen aus US-Produktion). Zuverlässig zu entscheiden ist das nicht. Jedenfalls sind Bilder wie das des Waffen-SS-Kriegsberichterstatters aus der Nähe von Arnheim um den 20. September 1944 herum selten.

Truppenfahrräder im Museum

Wir haben vor einigen Jahren eine Museumsausstellung im Oorlogsmuseum Overloon besucht. Dort wurden einige gut erhaltene Exemplare des Truppenfahrrads ausgestellt. Die Namen der Hersteller lesen sich interessant. Neben den heute noch bekannten Marken tauchen auch untergegangene Namen wie bzk44, Wagner & Keller Metallwaren Ludwigsburg oder die Brennabor-Werke Gebr. Reichstein auf.

Jetzt hat ein Jeder einen unterschiedlichen Blickwinkel bei der Visite einer solchen Ausstellung. Für einen Fernmelder steht natürlich die Nachrichtenübermittlung im Vordergrund. Von der Meldetasche bis hin zu anderen Utensilien will man alles sehen, was nur im Entferntesten im Zusammenhang mit der Nachrichtentruppe steht und stand. Für uns Sofageneräle steht hier mehr der Gefechtsdienst im Vordergrund.

Dieses Truppenfahrrad (TrFa) ist mit zwei Halterungen für die Panzerfäust ausgestattet. Dieses Truppenfahrrad (TrFa) zeigt den Panzerschreck am Rahmen des Fahrrads befestigt. Hier nochmals der Panzerschreck von Vorne. Noch interessanter sind die anderen Truppenfahrräder ringsum. Zur Rechten erkennt man eine Panzermine am Fahrradrahmen. Am Rahmen des TrFa der Radfahrschwadronen wurden oftmals Transportkasten befestigt.

Ein historisches Truppenfahrrad ist für so manchen Sammler von Militaria ein echtes Schmankerl Auf den Sammlerbörsen und Conventions wird so manches Truppenfahrrad angeboten. Ob diese tatsächlich echt sind und aus der damaligen Zeit stammen, ist fraglich. Wer selbst mal auf die Suche gehen will, der sollte eventuell folgenden Tipp beherzigen: Truppenfahrräder hatten definitiv keine verchromten, verzinkten oder vernickelten Bauteile. Das TrFa hatte einen Schnellverschluss am Lenker, den sogenannten Expresslenker.

Das Truppenfahrrad im Modellbau

Zum Abschluss noch ein wenig zweirädriges Leben. Sturmi ist passionierter Dioramen- und Modellbauer und Table-Top-Spieler.

Das Set: In dem Blister befinden sich Teile für zwei Fahrradfahrer der Wehrmacht. Einer schiebt das Fahrrad und der andere Sitzt darauf. Beide Fahrräder sind unterschiedlich ausgerüstet. Eines transportiert ein MG-42 und das andere ist mit zwei Panzerschreck beladen. Die Bauteile sind sehr gut detailliert. Es sind alle Speichen, die Ventile, der Dynamo und die Kabel zu den Lampen wiedergegeben. Auch die anzubringenden Waffen sind sehr gut gelungen. Die Figuren bestehen aus einem Teil und passen gut zu den Rädern.

Beim Heraustrennen der Bauteile sollte man Vorsicht walten lassen, da sonst die kleinen Details wegbrechen können. Ein sehr schönes Set von CMK.

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