Vor einem Sturz ist niemand gefeit, weshalb ein Helm selbstverständlich bei jeder noch so kurzen Ausfahrt auf den Kopf gehört. Doch wie gut schützen eigentlich aktuelle Rennrad-Helme im Fall eines Falles? Das wollte RoadBIKE genau wissen und hat gemeinsam mit dem TÜV Süd 16 Modelle einem vergleichenden Crashtest unterzogen - angelehnt an die aktuelle Europäische Norm (EN 1078).
Eingeladen waren sämtliche großen Hersteller, und fast alle kamen dem Aufruf nach. Die Preisspanne der getesteten Helme reicht vom 110 Euro teuren Limar 778 Superlight bis zu den Modellen von Bell (Bell Volt RL-X), Bollé (Bollé The One Road Standard), Giro (Giro Atmos II) und Uvex (Uvex Race 1), die mit 150 Euro die obere Preisgrenze markieren.
Schlag auf Schlag: Die Schutzfunktion im Fokus
Auch wenn Punkte wie Belüftung, Aerodynamik und optischer Chic beim Helmkauf eine wichtige Rolle spielen: Die Kernkompetenz eines Helms ist und bleibt seine Schutzfunktion bei einem Sturz. Der in die Schale gespritzte und meist fest damit verbackene EPS-Schaum (In-Mold-Verfahren) soll möglichst viel von der Aufprallenergie aufnehmen und so Kopfverletzungen verhindern oder wenigstens abmildern.
Das zwar erwartete und dennoch äußerst erfreuliche Ergebnis des Crashtests: Die Dämpfungseigenschaften aller getesteten Rennrad-Helme sind deutlich besser als von der Norm gefordert. Am besten schneidet der recht schwere Casco Full Air RCC ab, der die Aufprallenergie auf 117 g reduziert, von der Norm erlaubt sind Werte bis 250 g. Selbst die „schwächsten“ Modelle erzielen immer noch Werte von unter 200 g. Auch der Versuch, die Helmschalen mit einem gezielten Aufprall auf einen keilförmigen Untergrund zu spalten, bestanden alle getesteten Helme hervorragend. „Alle Helmschalen waren sehr stabil und hätten auch bei einem weiteren Aufprall noch gut geschützt“, bilanziert Diplom-Ingenieur Frank Wittmann vom TÜV Süd.
Doch auch der beste Helm kann seine Aufgabe nur dann erfüllen, wenn er beim Sturz auf dem Kopf bleibt und nicht verrutscht. Wie gut die Befestigung funktioniert, haben die Experten des TÜV bei einem Roll-Off-Test überprüft. Das Ergebnis: Die meisten Helme waren ausreichend sicher fixiert, sodass die Schutzfunktion weiterhin gegeben war.
Belüftung und Tragekomfort
Damit ein Helm auch bei längeren Ausfahrten im Sommer nicht zur Qual wird, muss er eine ausreichende Belüftung des Kopfes gewährleisten. Entscheidend dafür ist nicht allein die Zahl der Belüftungsöffnungen in der Helmschale, sondern auch deren Größe sowie die Führung der im Helm verlaufenden Belüftungskanäle - sehr gut gelöst etwa beim Casco Full Air RCC, der in Sachen Belüftung von den Testern am besten bewertet wurde, knapp vor dem Giro Atmos II und dem Mavic Ksyrium Elite. Am hinteren Ende der Skala rangiert der Bollé The One Road Standard. Selbst ohne die mitgelieferten Abdeckungen kommt nur wenig Luft an den Kopf, im Helm angelegte Luftkanäle fehlen völlig.
Beim Tragekomfort lobten die Tester vor allem den Specialized Airnet mit seinen angenehmen, gut verteilten Innenpolstern, auch der Scott Wit-R erhielt für seinen angenehmen Sitz viel Lob. Beim Catlike Olula monierten einige Tester die zu weit vorne platzierten Gurte, die leicht an den Augenbrauen reiben können.
Groß sind auch die Unterschiede beim Gewicht: Während der Limar 778 Superlight seinem Namen Ehre macht und mit 205 Gramm den Bestwert lieferte, bringt der Casco Full Air RCC 100 g mehr auf die Waage.
Testfazit zum Giro Atmos II
Relativ leicht, angenehm zu tragen, überzeugend im Crashtest und dazu gut belüftet: Der Giro Atmos II leistet sich keine Schwächen und sichert sich so den Testsieg. Nur knapp dahinter: der Kask Mojito und der deutlich günstigere Limar 778 Superlight, der sich damit den Preis-Leistungs-Tipp sichert.
Weitere getestete Helme und ihre Eigenschaften
Neben den bereits recht bekannten Modellen Aeon und Synthe hat Giro kürzlich die Modelle Atmos II und Savant vorgestellt. Optisch bleibt Giro in etwa der Linie treu, die der Aeon mit seinem zerklüfteten Design vorgegeben hat. Viele Lufteinlässe, eine etwas angehobene Heckpartie und die spitz zulaufende Front machen den Helm sehr dynamisch, wirken auch ein wenig aggressiv - was uns durchaus zu gefallen wusste. Auf gesonderte Reflektionsflächen als Unfallschutz konnte der Hersteller verzichten.
25 Lufteinlässe sorgen beim Giro Savant MIPS für ein Open-Air-Erlebnis. Im Fahrtwind weiß Giros Neuer durchaus zu überzeugen. Die Menge an Lufteinlässen ist für uns nie ein Kriterium, vielmehr interessiert uns die Luftstromlenkung am Oberkopf. Einen Brillenport bietet der Savant MIPS leider nicht an. Am HInterkopf findet sich das recht kleine Drehrad zur Verstellung der Kopfführung. Giro nennt das System Rocloc und definiert mit dem kleinen Regler in sehr kleinen Rasterstufen den Sitz am Kopf. Jede Stufe rastet deutlich hörbar ein und ist zwischen den Finger spürbar. So lässt sich gut mit einer Hand und unter der Fahrt der Sitz korrigieren. Die Höhe des Innenkäfigs ist über eine dreistufige Ratsche einstellbar.
Mit den sehr flächigen Innenpolstern setzt sich Giro von vielen Mitbewerbern ab. Die Polster sind dafür recht dünn und haben eine etwas geringere Druckentlastung als alternative Helme wie z.B. jene von Uvex, die flauschig weiche und dicke Polsterflächen bieten. Wer viele Haare hat, wird kaum einen Unterschied feststellen.
Überblick über die getesteten Helme
Im großen Vergleichstest wurden 20 Rennradhelme auf ihre Sicherheit, ihren Komfort und ihre Belüftung geprüft. Viele der getesteten Helme verfügen über Rotationseinbauten, um die Drehbelastung des Kopfes bei schrägen Stößen zu reduzieren. Es zeigte sich, dass weder Schutz noch Komfort eng an den Preis geknüpft sind. Es gibt gute und günstige Helme, die leicht, sicher und gut belüftet sind. Die letzte Verfeinerung aber kostet - wie immer.
Das wichtigste Qualitätskriterium für einen Radhelm ist und bleibt jedoch die Schutzfunktion. Auf den ersten Blick scheint es hier keine Unterschiede zu geben: Im Inneren aller Modelle des Testfeldes prangt ein Sticker, der besagt, dass sie die Europäische Sicherheitsnorm EN 1078 CE bestanden haben. Das Normsiegel bedeutet nur, dass ein Mindestschutz gewährleistet ist bei einem stumpfen Aufprall aus 19,5 km/h. Um differenziert nach dem Stand der Wissenschaft zu testen, betreibt RoadBIKE gemeinsam mit seinem Schwestermagazin BIKE einen eigenen Helm-Prüfstand, der es erlaubt, die Schlagdämpfung und die Rotationskräfte zu simulieren.
Diese Rotationskräfte beim schrägen Aufprall des Kopfes zu vermindern, hat sich das schwedische Unternehmen Mips schon lange auf seine Fahnen geschrieben und damit die Helmentwicklung entschieden vorangetrieben. Verschiedenartig ausgeführte Gleitschichten im Helminneren sollen dafür sorgen, dass der Kopf bei schrägem Aufprall nicht abrupt mit einer Drehbewegung belastet wird, die zu inneren Blutungen führen können. Das Spektrum der Mips-Konstruktionen reicht inzwischen von flächigen, den Kopf umfassenden Plastikschalen bis hin zu Polsterinnenleben, deren Gleitfunktion nur bei genauem Hinsehen zu erkennen ist.
Die Auswertung der Daten zeigt, dass durchweg alle 20 Helme einen vernünftigen Schlagschutz bieten. Das Spektrum der Beschleunigungsspitzen reicht von 80 bis 120 g. Im Durchschnitt liegen die Top-Helme acht Prozent vor den günstigeren Modellen - allerdings können die günstigen von Scott und Uvex mit Noten von 1,7 für die Schlagdämpfung locker mit den teuren mithalten. Auch im Rotationsschutz sind die teureren Helme etwas besser.
Allerdings funktionieren die Lösungen nicht alle gleich gut. Scotts Top-Modell Cadence Plus kann sich auch mit Mips nicht deutlich von den Helmen ohne Mips absetzen. Minimalistische Mips-Lösungen wie im Top-Helm Cube Heron funktionieren sehr gut. Auch sehr gut schneidet der besonders aufwendig konstruierte Giro Aries Spherical ab, der zwei gegeneinander bewegliche Helmschalen besitzt. Interessante Erkenntnis: Weder ein hoher Preis noch ein Rotationsschutz-System garantiert den idealen Kopfschutz. Die individuellen Unterschiede zwischen den Helmmodellen sind größer, weshalb es sich lohnt, genauer in die Steckbriefe zu schauen.
Sowohl der leichteste (Abus Power Dome mit 210 Gramm) als auch der schwerste Helm (POC Omne Air Mips mit 330 Gramm) gehören zu den günstigen Testkandidaten. Am besten belüftet ist das günstige Eco-Modell von Scott, der am schlechtesten belüftete Helm ist ein Top-Modell, der relativ geschlossene Aero-Helm Falconer von Sweet Protection.
Bei der Wahl des Helmes sollte man also Einsatzzweck und Fahrprofil vor Augen haben. Sich zwei unterschiedlich belüftete Helme zu gönnen, scheint nicht übertrieben.
Testsieger: Met Trenta 3K Carbon
Den Testsieg nach Noten holt sich der besonders teure Met Trenta 3K Carbon (330 Euro), der den besten Schlagschutz im Testfeld mit minimalem Gewicht (227 Gramm) vereint. Immerhin schafft es damit ein teurer High-Tech-Helm auf den ersten Platz. Tadej Pogacar bestritt mit diesem Modell die Tour de France 2021 und 2022.
Nur ganz knapp geschlagen folgt auf dem zweiten Platz der viel günstigere Scott ARX mit 100 Euro Listenpreis, der mit ausgezeichneter Belüftung und nur 234 Gramm Gewicht punktet, aber auch mit einer ordentlichen Sicherheitsbewertung von 1,9. Den dritten Platz belegt der 260 Euro teure Poc Ventral Air mit ebenfalls sehr guter Kühlung (Sicherheit 1,7).
Es lohnt sich aber ein Blick in die Steckbriefe, um für sich den individuellen Favoriten auszumachen. Auch eine Anprobe des Wunschhelms ist Pflicht, denn ein Helm, der nicht richtig sitzt, hat wenig Wert. In Sachen Preis zeigt die Internetrecherche, dass viel Spielraum vorhanden ist. 30 Prozent Abschlag auf die Listenpreise sind oftmals drin.
Sicherheit der Helme im Überblick
Die Grafik zeigt, wie die Helme in der Sicherheitsprüfung abschneiden. Sortiert nach der Gesamtnote Sicherheit aus Rotation und Beschleunigung/Schlagdämpfung, wobei wir Letztere höher gewichten. Der insgesamt sicherste Helm steht ganz unten.
Die Grafik zeigt die Messergebnisse des Cube Heron nach einem Crashtest. Die sechs Kurven bilden ab, was die sechs Sensoren im Helm beim schrägen Aufprall gemessen haben: jeweils drei Beschleunigungs- und drei Rotationswerte. Zwei solcher Crashfahrten ergeben am Ende die summierten Messwerte - und damit die Grundlage für die Sicherheitsnoten Beschleunigung/Schlagdämpfung und Rotation.
Steckbriefe ausgewählter Helme
Abus AirBreaker
- Preis: 250 Euro
- Produktionsland: Italien
- Gewicht (58 cm): 214 Gramm
- Kühlleistung: 145 Watt
- Rotation (BrIC): 0,39
- Beschleunigung (g): 103,5
Fazit: Leichtester Top-Helm im Test; passt auf viele Köpfe; die dünnen Gurtbänder verdrehen sich unterm Ohr; ohne Mips nur mittleres Schutzniveau; luftig im Sommer
Abus Power Dome
- Preis: 120 Euro
- Produktionsland: Italien
- Gewicht (58 cm): 210 Gramm
- Kühlleistung: 134,8 Watt
- Rotation (BrIC): 0,39
- Beschleunigung (g): 114,5
Fazit: Das neueste Abus-Modell und der Leichteste im Test; gut belüftet und gut anzupassen; in puncto Sicherheit nur Durchschnitt; das Modell gibt es auch mit Mips (40 Euro teurer)
Cube Heron
- Preis: 250 Euro
- Produktionsland: China
- Gewicht (58 cm): 258 Gramm
- Kühlleistung: 126,4 Watt
- Rotation (BrIC): 0,17
- Beschleunigung (g): 93,4
Fazit: Top Sicherheit und gutes Handling; noch gute Belüftung trotz der relativ geschlossenen Helmschale
Cube Road Race
- Preis: 100 Euro
- Produktionsland: China
- Gewicht (58 cm): 230 Gramm
- Kühlleistung: 141,3 Watt
- Rotation (BrIC): 0,34
- Beschleunigung (g): 125,9
Fazit: 28 Gramm leichter und 150 Euro günstiger als das Cube-Top-Modell, doch längst nicht so sicher; sehr gut belüftet; gutes Gurtsystem
Giro Aries Spherical
- Preis: 320 Euro
- Produktionsland: China
- Gewicht (58 cm): 267 Gramm
- Kühlleistung: 136,6 Watt
- Rotation (BrIC): 0,18
- Beschleunigung (g): 101,1
Fazit: Kompakt, leicht, gut belüftet und die gegeneinander beweglichen Helmschalen (Spherical) schützen sehr gut vor Gehirnerschütterung; nervig: das kleine Einstellrad zur Weiteneinstellung
Verwandte Beiträge:
- Fahrradhelm mit Kragen Test: Schutz & Komfort im Vergleich
- Fahrradhelm Damen Matt Schwarz: Stil & Sicherheit vereint
- Günstige Fahrradhelme für Herren: Top Modelle im Vergleich
- KED Fahrradhelm Hello Kitty: Test & Kaufberatung
- Motorrad abmelden: Alle notwendigen Unterlagen & Schritte
- Ultimative Mountainbike-Alpenüberquerung: Top Schwierigkeitsgrade & Profi-Tipps zur perfekten Planung!
Kommentar schreiben