Wenn ein behelmter Testkopf auf die stählerne Teststraße prallt und mit Schmackes in die Auffangkiste schießt, macht diese einen ordentlichen Satz nach hinten und die Zuschauer zucken zusammen. Einen Crash aus nächster Nähe zu erleben - das will sich keiner entgehen lassen.
Sicherheitstests und Standards
Wir leisten uns bei TOUR (zusammen mit unserem Schwestermagazin BIKE) einen Luxus, den kein anderes Fahrradmagazin für sich reklamieren kann: Wir testen im Dienste unserer Leserschaft Rennrad-Helme auf Sicherheit - und zwar mit eigenem Equipment, also unabhängig von Herstellern.
Und das nicht irgendwie, sondern mit beträchtlichem Aufwand, wie er vergleichbar nur in wenigen Forschungseinrichtungen betrieben wird. Die nach offizieller EN-Norm vorgeschriebenen Standardprüfungen sind weniger streng und ignorieren manche Fortschritte im Fahrradhelm-Design der vergangenen 20 Jahre.
Seit vielen Jahren werden zwar angepasste Tests-Standards diskutiert, aber die Mühlen der europäischen Komitees für Standardisierung mahlen langsam.
MIPS-Technologie: Rotationsschutz im Fokus
De facto haben sich bei Radhelmen längst neue Sicherheitsfeatures etabliert, die die gängigen Normen nicht abbilden. Das ist ganz wesentlich einem schwedischen Unternehmen zu verdanken, das seit 20 Jahren hartnäckig seine Philosophie verfolgt und einen Schutzmechanismus ersonnen hat, der anders wirkt als die klassische Schlagdämpfung über einen EPS-Schaum, der beim Aufprall Energie aufnimmt.
MIPS, das für „Multi Directional Impact Protection System” steht, hat einen Rotationsschutz erdacht, eine zusätzliche, bewegliche Kunststoffschale zwischen Helmpolster und Helmschale. Die Aufgabe dieser inneren Schale besteht darin, bei einem schrägen Aufprall - wie er zum Beispiel beim Sturz über den Lenker typisch ist - etwas zusätzliche Rotationsbewegung der Helmschale zuzulassen.
Das senkt die Wahrscheinlichkeit von Hirnschäden, die auftreten, wenn der Schädel sich so schnell dreht, dass die träge Masse des Gehirns nicht folgen kann und Blutgefäße bei der Scherbewegung zwischen Schädelknochen und Gehirn einreißen.
Der Übergang von leichter Gehirnerschütterung zu schwerer Kopfverletzung ist dabei nach Ansicht der Mediziner fließend. Das heißt, man sollte möglichst alles tun, was die Belastung des Gehirns bei einem Unfall senkt.
Aus der Drehrate errechnen wir zusätzlich die Gefahr einer Gehirnerschütterung durch die Rotation. 2.400-mal pro Sekunde checkt der Messchip, der in weniger edler Ausführung auch in jedem Smartphone steckt, die Lage und macht Dinge sichtbar, die sich dem bloßen Auge entziehen: zum Beispiel, dass die Drehraten des Kopfes nach dem schrägen Aufprall im Schnitt um 40 Prozent zurückgehen, wenn ein MIPS-System im Helm eingebaut ist.
Die Wahrscheinlichkeit, eine mittlere Gehirnerschütterung durch die Rotation zu erleiden, sinkt sogar um drei Viertel, von durchschnittlich 39 auf nur noch 10 Prozent - verglichen mit einem Helm ohne MIPS. Das heißt nicht, dass ein MIPS Rennrad-Helm Hirnschäden immer vollständig vermeidet, aber das Risiko bei einem schrägen Stoß sinkt signifikant gegenüber Standardhelmen.
Im Superzeitlupen-Video des TOUR-Tests (siehe unten) kann man den Effekt sehen: Die Helmschale verdreht sich beim schrägen Aufprall klar erkennbar gegenüber dem Kopf, dieser zusätzliche Bremsweg nimmt Energie aus der Drehung.
Verbreitung der MIPS-Technologie
Das MIPS-Konzept hat viele Hersteller überzeugt, die Technik in die Rennrad-Helme einzubauen, auch wenn das keine Norm fordert und zusätzliches Geld kostet. Wie verbreitet das System ist, lässt sich am aktuellen Angebot eines großen Online-Händlers ablesen: 1000 von insgesamt 4000 verfügbaren Straßen-Fahrradhelmen sind inzwischen mit MIPS ausgestattet, nur wenige Marken beschreiten gänzlich eigene konstruktive Wege in Sachen Sicherheit (siehe auch Helmtest in TOUR 9/2020).
Preis und Schutzwirkung
Die spannende Frage lautet: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Preis und Schutzwirkung? Um das herauszufinden, unterzogen wir jeweils mindestens zwei Helme jedes Modells dem Crash-Test, überprüften aber auch den Tragekomfort und testeten die Belüftung mit einem Mini-Windkanal.
Im Rotationsschutz bei schrägem Aufprall zeigen alle Helme deutlich Wirkung. Vier Modelle können sich vom Feld absetzen, sie zeichnen sich durch besonders niedrige Drehraten bei einem Sturz auf die Stirn aus, darunter auch der günstige Giant Rev Comp.
In der klassischen Schlagdämpfung, bei frontalem und seitlichem Aufprall, schneidet der günstige Giant-Helm hingegen etwas schwächer ab. Bestwerte in dieser Prüfung erzielt Giro mit dem Modell Syntax und schneidet auch in der kombinierten Sicherheitswertung aus Schlagdämpfung und Rotationsdämpfung am besten ab. Insgesamt ist das Sicherheitsniveau des Testfeldes hoch.
Pauschal kann man aber nicht sagen, dass teurere Fahrradhelme sicherer sind.
Gewicht und Belüftung
Die Gewichte der getesteten Rennrad-Helme variieren zwischen 265 und 340 Gramm. Eine Korrelation zwischen Gewicht und Schutzfunktion sehen wir nicht. Scott liefert mit dem Modell Arx Plus innerhalb dieses Testfeldes sogar einen besonders leichten Radhelm mit der zweitbesten Schutzfunktion und obendrein der besten Belüftung.
Was diesem Modell unterm Strich auch den Testsieg nach Punkten beschert. Von unseren Noten kann man sich bei einer Vorauswahl für ein Helmmodell nur leiten lassen, denn in der Praxis ist es wichtig, dass der Helm gut sitzt.
Die Anpassungssysteme sind zwar ziemlich ausgereift und tolerant, aber der beste Helm nützt nichts, wenn er nicht richtig passt oder schlecht getragen wird. Deshalb raten wir zu einer Anprobe. Sitzt der Helm gut, findet er im Falle eines Falles gute Arbeitsbedingungen vor, um sein ganzes Schutzpotenzial zu entfalten.
Einzelne Modelle im Test
Hier eine Übersicht einiger getesteter MIPS Rennrad-Helme:
- BBB Maestro Mips: Der schwerste Helm im Test fällt klein und kompakt aus - besser eine Nummer größer ausprobieren. Extras wie Reflexmaterial und Lichthalter erhöhen die Sichtbarkeit.
- BELL Formula Mips: Der leichte Bell hat eine Allround-Passform. Selbst die im Vergleich geringste Rotationsdämpfung schützt immer noch besser als bei Helmen ohne Mips.
- BOLLE Exo Mips: Der Bollé passt auf viele Köpfe, sein relativ hohes Gewicht ist jedoch spürbar. Verarbeitung und Schutz sind gut.
- GIANT Rev Mips: Nach unserer Prüfstandsmessung verhindert der Rev Mips eine mögliche Gehirnerschütterung durch Rotation am effektivsten. Auch in den anderen Disziplinen überzeugt der relativ leichte Helm.
- GIANT Rev Comp Mips: Der günstigste Helm im Test hat sehr guten Rotationsschutz und baut sehr schlank. Trotz geschlossener Mips-Schale kommt viel Luft an den Kopf.
- GIRO Isode Mips: Den leichtesten Helm im Test gibt es nur in einer Größe, die mittelgroßen, eher breiten Köpfen mit etwa 57 Zentimeter Umfang am besten passt. Trägt sich angenehm durch viel Polstermaterial innen.
- GIRO Syntax Mips: Allround-Passform, dank vier verfügbarer Größen so fein abgestuft, dass er auf viele Köpfe passen dürfte. Top verarbeitet, beste kombinierte Schutzwirkung im Test.
- LAZER Blade+ Mips: Als einziger im Test lässt sich der Lazer Blade+ Mips über ein Schneckengetriebe oben auf dem Helm in der Weite verstellen. Gute Kühlung. Sehr guter Rotationsschutz.
- MET Vinci Mips: Der leichte, schmale Helm mit Allround-Passform liegt rundum gut an. Die Verarbeitung ist insgesamt gut. Sechs Farbvarianten.
- MET Estro Mips: Der Estro fällt extrem klein und schmal aus. Schwächen leistet sich der Helm nicht: Er ist leicht, ordentlich belüftet, top verarbeitet und lässt sich schnell und flexibel anpassen.
- SCOTT Arx Plus: Der Arx Plus Rennrad-Helm von Scott ist in dieser Konkurrenz der absolute Testsieger. Ohne Schwächen räumt er bei Belüftung und Anpassung die besten Noten ab. Auch beim Crashtest überzeugt er mit der zweitbesten Note.
- SMITH Persit Mips: Der Smith Persit MIPS Rennrad-Helm gefällt mit seiner Allround-Passform und deckt mit vier Größen Kopfumfänge von 51 bis 65 Zentimetern ab.
- SPECIALIZED Echelon II: (Weitere Informationen fehlen im bereitgestellten Text)
Testergebnisse im Überblick
| Modell | Preis (ca.) | Gewicht | Wahrscheinlichkeit Gehirnerschütterung | Fazit |
|---|---|---|---|---|
| BBB Maestro Mips | 140 Euro | 340 Gramm | 16 % | Fällt klein aus, Reflexmaterial und Lichthalter. |
| BELL Formula Mips | 120 Euro | 275 Gramm | 21 % | Leichte Allround-Passform. |
| BOLLE Exo Mips | 130 Euro | 315 Gramm | 7 % | Passt auf viele Köpfe, relativ hohes Gewicht. |
| GIANT Rev Mips | 120 Euro | 280 Gramm | 2 % | Verhindert Gehirnerschütterung durch Rotation am effektivsten. |
| GIANT Rev Comp Mips | 80 Euro | 300 Gramm | 5 % | Günstigster Helm, sehr guter Rotationsschutz. |
| GIRO Isode Mips | 90 Euro | 265 Gramm | 20 % | Leichtester Helm, passt am besten zu mittelgroßen, eher breiten Köpfen |
| GIRO Syntax Mips | 145 Euro | 290 Gramm | 16 % | Allround-Passform, beste kombinierte Schutzwirkung im Test |
| LAZER Blade+ Mips | 120 Euro | 325 Gramm | 10 % | Lässt sich über Schneckengetriebe verstellen, gute Kühlung und Rotationsschutz |
| MET Vinci Mips | 110 Euro | 270 Gramm | 14 % | Leichter Helm mit Allround-Passform, gute Verarbeitung |
| MET Estro Mips | 130 Euro | 270 Gramm | 3 % | Extrem kleiner und schmaler Helm, leicht, gut belüftet und verarbeitet |
| SCOTT Arx Plus | 120 Euro | 280 Gramm | 11 % | Testsieger, beste Noten bei Belüftung und Anpassung, überzeugt im Crashtest |
| SMITH Persit Mips | 100 Euro | 285 Gramm | 18 % | Allround-Passform, deckt Kopfumfänge von 51 bis 65 cm ab |
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