Fahrradhelm Norm NTA 8776: Erklärung und Bedeutung

Nur mit einem Fahrradhelm lassen sich schwere Kopfverletzungen vermeiden. Doch welcher Helm ist der richtige? Diese Frage stellt viele Anfänger vor Probleme. Alle in Deutschland erhältlichen Fahrradhelme werden auf Sicherheit getestet.Zusätzlichen Schutz bieten Helme mit einem System, das Rotationskräfte abfedert.

Woraus besteht ein Fahrradhelm?

Damit ein Fahrradhelm deinen Kopf schützen kann, sind zwei Materialien nötig. Da wäre zum einen die Innenschicht aus Styropor. Dieser Hartschaum hat eine besondere Eigenschaft: Er gibt nach. So wird die Energie bei einem Aufprall abgefedert. Leider ist Styropor ein relativ empfindliches Material, das leicht brechen und durchstoßen werden kann. Außerdem besitzt es eine raue Oberfläche. Bei einem Unfall könnte dein Kopf auf der Straße „hängen“ bleiben - keine schöne Vorstellung!

Der Helm benötigt eine zweite Schicht. Sie besteht aus Kunststoff - im höheren Preissegment auch Carbon. Anders als Styropor ist die äußere Schicht hart und glatt. Idealerweise gleitet der Helm damit über die Straße und spitze Gegenstände wie Steinchen und Äste können ihm weniger anhaben.

Zwei Bauweisen im Vergleich

Um die beiden Schichten eines Fahrradhelms zu verbinden, gibt es zwei Möglichkeiten: Traditionell wird die äußere Plastik-Schicht punktuell auf den Hartschaum geklebt. Vor allem im höheren Preissegment hat sich jedoch das In-Mold-Verfahren durchgesetzt: Beide Schichten werden bereits in der Gussform miteinander verschweißt. Das sorgt für besonders festen Halt und reduziert das Gewicht. Auch bei der Schutzwirkung haben In-Mold Helme die Nase vorn. Da beide Schichten eine Einheit bilden, wird die Aufprallenergie gleichmäßiger verteilt. Dafür ist das Verfahren auch teurer. Es kommt vor allem für Mountainbike- und Rennradhelme zum Einsatz.

Fahrradhelm-Typen

Es gibt verschiedene Arten von Fahrradhelmen, die jeweils für unterschiedliche Einsatzbereiche optimiert sind:

  • Allroundhelme / Cityhelme: Robuste Allrounder zu attraktiven Preisen. Abstriche müssen bei Belüftung und Gewicht gemacht werden. Dank ihrer tiefen Form umschließen sie den Kopf besonders gut. Allerdings fällt das Gewicht höher aus als bei Sporthelmen. Ihre Form ist nicht aerodynamisch und meist besitzen sie nur kleine Lüftungsöffnungen. Eher schon kommen sie im Stadtverkehr zum Einsatz. Dort profitierst du vom Rundumschutz und einem stabilen Hartschalen-Design.
  • Rennradhelme: Sportliche Leichtgewichte mit ausreichend Belüftung. Etwas weniger Schutz im hinteren Kopfbereich. Rennrad-Helme werden meist im In-Mold-Verfahren hergestellt und präsentieren sich besonders leicht. Ihre Form ist windschnittig und große Öffnungen sorgen für eine optimale Belüftung. Der Nachteil: Rennradhelme besitzen eine eher flache Form. Sie schützen Hinterkopf und Schläfen daher weniger effektiv als tiefe Helme.
  • Gravelhelme: Vereint die Vorteile von City und Rennradhelm und das bei akzeptablem Gewicht. Gravelhelme wirken optisch wie ein Zwischending aus City- und Rennradhelm. Dank großer Öffnungen lassen sie die Luft hindurchströmen. Ihre Form ist jedoch tiefer, sodass Schläfen und Hinterkopf effektiv geschützt sind. Oft findet man Gravelhelme mit Netzen in den Öffnungen. Diese halten Insekten ab.
  • MTB-Helme: Weitreichender Schutz für den Einsatz im Gelände. Visier und gute Belüftung sorgen für Komfort, auch unter rauen Bedingungen. MTB-Helme schützen daher eine besonders große Kopffläche. Wie bei den meisten Radsport-Helmen sind mehrere Lüftungsschlitze vorhanden. Außerdem bietet ein Visier Schutz vor Ästen und Zweigen.
  • Fullface-Helme: Rundum Schutz für extreme Situationen. Einschränkungen beim Sichtfeld und ein hohes Gewicht. Sie umschließen nicht nur den Kopf, sondern besitzen auch einen Kinnbügel. Die Polsterung ist besonders dick. Beachte jedoch, dass dein Sichtfeld durch die geschlossene Form eingeschränkt sein kann. Die Lüftungsöffnungen fallen kleiner aus als bei MTB-, Gravel- und Rennradhelmen.
  • E-Bike-Helme: Starker Schutz bei hohen Geschwindigkeiten mit Komfort und Features. Jedoch verhältnismäßig schwer und etwas eingeschränkter Belüftung. Viele Nutzer greifen zum Motorradhelm, um sich bei hohen Geschwindigkeiten zu schützen. Es gibt jedoch auch spezielle S-Pedelec Helme. Diese dämpfen Stöße dank verstärkter Helmschale besonders gut, umschließen einen großen Kopfbereich und besitzen oft ein Visier.

Helmgröße und Passform

Am Anfang steht die Wahl der richtigen Passform. Der Helm muss bequem auf deinen Kopf passen und darf gleichzeitig nicht verrutschen. Eine Helmgröße für alle gibt es nicht. Stattdessen ist dein Kopfumfang wichtig. Um diesen zu messen, nimmst du ein Maßband und legst es an der Stirn an: etwa zwei Fingerbreit oberhalb der Augenbrauen. Führe es knapp über den Ohren um den Kopf herum und versuche, möglichst gerade zu messen. Anschließend vergleichst du den gemessenen Kopfumfang mit den Angaben des Herstellers. Die meisten Helme stehen in zwei, drei oder vier Größen zur Verfügung. Meist erfolgt die Einteilung in Schritten von 2 bis 6 cm.

Ein Beispiel: Dein Kopfumfang beträgt 60 cm und du möchtest einen Helm von Abus kaufen. Dann ist die Größe L (59-60 cm) für dich geeignet. Beachte, dass es sich nur um Näherungswerte handelt. Eine Garantie für optimalen Sitz gibt es nicht. Vor allem, wenn du zwischen zwei Größen schwankst, solltest du den Helm vor dem Kauf anprobieren.

Fahrradhelme richtig einstellen

Ein Fahrradhelm schützt dich nur, wenn er richtig eingestellt ist. Dafür gehst du folgendermaßen vor:

  1. Die vordere Kante sollte sich etwa zwei Fingerbreit über den Augenbrauen befinden. Achte darauf, dass der Helm links und rechts auf gleicher Höhe ist.
  2. Dreh nun am Rädchen, um den Helm enger zu stellen. Er muss auch ohne geschlossenen Kinngurt ausreichend festsitzen und darf nicht wackeln. Bewege deinen Kopf in alle Richtungen, um das zu testen.
  3. Zuletzt stellst du den Kinngurt ein. Ziehe ihn so fest, dass noch zwei Finger zwischen Kinn und Gurt passen. So vermeidest du unangenehmen Druck und bekommst genug Luft. Die Y-Stücke führen an den Ohren vorbei, ohne sie einzuklemmen.

Worauf muss man beim Helmkauf achten?

DEN perfekten Helm für alle Anforderungen gibt es nicht. Stattdessen kommt es auf das Einsatzgebiet an. Ein Beispiel: Wer lediglich zur Arbeit fährt, kann auf bestimmte Features verzichten. Der Helm muss dann weder besonders leicht noch aerodynamisch sein. Auch die Belüftung spielt eine geringe Rolle. Anders sieht es auf langen Bikepacking-Touren aus. Mit der Zeit macht sich jedes Gramm bemerkbar und ohne Lüftungsschlitze kommst du unweigerlich ins Schwitzen. Ein sportlicher Helm bietet hier mehr Komfort als ein City-Helm für die Stadt.

Außerdem gilt: Je riskanter die Sportart, desto besser solltest du deinen Kopf schützen. Fullface-Helme wären im Alltag sicher übertrieben. Doch bei Downhill-Fahrten werden Geschwindigkeiten von bis zu 70 km/h erreicht. Ein offener Helm würde dich im Fall eines Sturzes kaum noch retten.

MIPS und andere Sicherheitssysteme

Bei einem Sturz trifft der Kopf selten gerade, sondern in einem Winkel auf das Hindernis. Die Folge: Er dreht sich im Helm. Erst vor kurzem erkannten Forscher, wie gefährlich die dabei entstehenden Rotationskräfte sind. Sie erhöhen die Gefahr einer schweren Gehirnerschütterung beträchtlich. Abhilfe schafft das sog. MIPS-System. Es handelt sich um eine zusätzliche Schicht, die im Helm integriert ist. Sie bewegt sich bei einer Kollision um wenige Zentimeter mit. So wird die Aufprallenergie vom Kopf weggeleitet.

Dass MIPS funktioniert, zeigen nicht nur Tests des Herstellers. Auch externe Prüfstellen haben das System unter die Lupe genommen. Ihr Ergebnis: Helme mit MIPS bieten einen besseren Schutz als Helme ohne MIPS. Vor allem MTB-, Rennrad- und Downhill-Fahrer profitieren davon.

MIPS wird von zahlreichen Herstellern eingesetzt und in Helme integriert. Doch die Technologie ist nicht konkurrenzlos. Auch SPIN, WaveCel und Kineticore schützen vor Rotationskräften. WaveCel setzt z. B. auf eine Wabenstruktur, die sich verformt und Stöße intern weiterleitet. Dagegen kommen für Kineticore kegelförmige Schaumstoffblöcke zum Einsatz. Leider fehlt ein einheitlicher Vergleichs-Standard und im Labor können Stürze nie 100 % genau simuliert werden. Welche Technologie am besten schützt, lässt sich daher nicht eindeutig sagen.

Weitere Aspekte beim Helmkauf

  • Verstellmöglichkeiten: Jeder Fahrradhelm besitzt ein Drehrädchen, mit dem du ihn enger oder weiter stellen kannst. Dieses Rädchen sollte nicht nur stabil, sondern auch leichtgängig sein. So benötigst du zum Verstellen wenig Kraft. Ideal ist eine einfach erreichbare Position. Achte außerdem auf die Größe. Fällt das Drehrädchen zu klein aus, lässt es sich evtl. nur schwer mit Handschuhen bedienen.
  • Belüftung und Aerodynamik: Lüftungsschlitze im Helm sorgen dafür, dass du nicht so schnell ins Schwitzen kommst. Bergab lassen sie den Wind einströmen; bergauf kann die angestaute Hitze entweichen. Wer beim Fahren weniger ins Schwitzen kommen möchte, sollte daher auf große Öffnungen achten. Einen anderen Ansatz verfolgen sog. Aero- oder Zeitfahrhelme. Sie besitzen eine geschlossene Form, die den Luftwiderstand reduziert.
  • Ausstattung und Features:
    • Visier: Vor allem bei rasanten Bergab-Fahrten solltest du deine Augen vor Wind und Insekten schützen. Das funktioniert entweder mit einer Fahrradbrille; oder du kaufst einen Fahrradhelm mit Visier. Wird dieses gerade nicht gebraucht, kannst du es nach oben klappen und in der Helmschale verstauen. Neben transparenten Visieren stehen getönte Varianten bereit, die als Sonnenschutz dienen. Bei manchen Helmen lässt sich das Visier sogar wechseln.
    • Reflektoren und LEDs: Um die Sichtbarkeit zu verbessern, bieten sich Reflektoren am Helm an. Noch besser ist eine Beleuchtung. Im einfachsten Fall besitzt der Helm am Hinterkopf eine Lampe. Es gibt aber auch Varianten mit umlaufenden LEDs. Damit wirst du von allen Seiten gut gesehen.
    • Sensoren: Sensoren wie Tocsen, Abus Quin und ANGi werden direkt am Helm angebracht. Dort registrieren sie die Beschleunigung und senden bei Stürzen automatisch einen Notruf. Auch deine Position wird durchgegeben.
    • Regenschutz: ABUS bietet z. B. Helme mit Regenhaube an. Bei Bedarf lässt sich diese Haube schnell überstreifen.
    • Zopf-Aussparung: Achte jedoch auf die Bauart. Die Aussparung zwischen Helm und Drehrädchen muss groß genug sein, damit der Zopf hindurchpasst. Geschlossene Helme bieten hier selten genug Platz.

Fahrradhelme - die wichtigsten Sicherheitsnormen

Sicherheitsnormen garantieren, dass ein Helm im Ernstfall auch wirklich schützt. Manche davon sind vorgeschrieben - andere optional:

  • EN 1078: Alle Fahrradhelme, die in der Europäischen Union verkauft werden, müssen die Norm EN 1078 erfüllen. Dafür ist folgender Test vorgesehen: Im Inneren des Helms steckt ein Kopf-Dummy. Nun prallt der Helm mit 5,42 m/s auf einen Metallambos. Sensoren messen die auf den Kopf wirkenden Aufprallkräfte. Sie dürfen 250 G nicht überschreiten. Getestet wird an mehreren Stellen: oben, hinten, vorne und seitlich. Die Tester stellen sicher, dass auch UV-gealterte Helme noch ausreichend schützen. Außerdem werden hohe und niedrige Temperaturen berücksichtigt. Die Norm EN 1078 stellt noch zwei weitere Anforderungen: Das Sichtfeld darf durch den Helm nicht eingeschränkt sein. Die Gurte sind so designet, dass der Helm bei Kollisionen auf dem Kopf bleibt. Beachte, dass lediglich Geschwindigkeiten von 5,42 m/s (19,5 km/h) simuliert werden. Im Stadtverkehr mag das realistisch sein. Downhill bist du aber deutlich schneller unterwegs. Wie gut dich der Helm dann schützt, verrät die Norm nicht.
  • NTA 8776: Strenger ist die niederländische Norm NTA 8776. Sie wurde speziell für S-Pedelecs entwickelt - also Fahrräder, die bis 45 km/h unterstützen. Im Vergleich zur Norm EN 1078 gibt es folgende Besonderheiten: Simuliert wird eine 20 % höhere Geschwindigkeit.

Der wesentliche Unterschied zur EU-Fahrradhelm-Norm ist, dass die S-Pedelec-Helme mit einer um knapp 20 Prozent höheren Geschwindigkeit aufschlagen. Das aber ebenfalls nur senkrecht. Anforderungen zum Schutz des Kinnbereichs wären wünschenswert, da man auf dem Pedelec mit 45 km/h unterwegs ist!

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