Fahrradhelm-Akzeptanz in Deutschland und Europa: Eine Statistische Analyse

Der Helm ist sowohl für Motorradfahrer als auch für Radfahrer ein oft lebenswichtiges Sicherheitselement bei einem Unfall. Doch wie sieht es mit den Helmtragequoten aus?

Helmtragequoten in Deutschland

Eine Veröffentlichung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) von 2018 gibt Auskunft über die Helmtragequote in Deutschland und differenziert zugleich unterschiedliche Altersgruppen. Die Helmtragequote unter den motorisierten Zweirädern lag 2018 nahezu bei 100 Prozent, die der Fahrradfahrer dagegen gerade mal bei 18 Prozent, wobei Kinder (82 Prozent) deutlich häufiger einen Helm tragen als Erwachsene. Dargestellt wird auch ein Vergleich mit der Quote des vergangenen Jahres, wodurch deutlich wird, dass der Trend, einen Helm zu tragen, immerhin steigt.

Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) hat wieder ermittelt, wie hoch die Quote der Radfahrenden ist, die einen Kopfschutz tragen. In 2023 lag die Quote über alle Altersgruppen gerechnet bei 44,4 Prozent. Das war vor einigen Jahren noch kaum denkbar, denn vor fünf Jahren waren es 22,8 Prozent. Die Quoten im Einzelnen: Unter Fahrern konventioneller Fahrräder betrug die Tragequote 35,4 Prozent, unter Pedelec-Fahrern 65 Prozent. 82,8 Prozent der Kinder von 6 bis 10 Jahren trugen 2023 einen Fahrradhelm. Unter den 11- bis 16-Jährigen waren es 47,4 Prozent, unter den 17- bis 21-Jährigen 33,1 Prozent.

Auffällig ist, dass mit der zunehmenden Zahl von E-Bikes auch die Zahl der Fahrradfahrer ansteigt, die einen Helm tragen. Die Helmquote lag laut Bundesanstalt für Straßenwesen im Jahr 2022 bei Fahrerinnen und Fahrern konventioneller Fahrräder bei 34 Prozent. Unter den E-Bike-Fahrerinnen und -Fahrern haben dagegen 60,1 Prozent einen Helm getragen. Insgesamt lag die Helmquote unter allen Radfahrenden bei 40,3 Prozent. Damit ist die Quote gegenüber dem Vorjahr deutlich gestiegen: 2021 lag sie noch bei 34,6 Prozent.

Im Jahr 2022 trugen rund 40 Prozent aller Radfahrer einen Schutzhelm, 2021 waren es knapp 35 Prozent. Die Helmtragequote von Fahrern konventioneller Fahrräder betrug 34 Prozent, diejenige von Pedelec-Fahrern 60 Prozent.

Trotz des Anstiegs der Helmtragequote ist die Zahl der Unfalltoten auf dem Rad im selben Zeitraum gestiegen. 474 Menschen kamen laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2022 bei einem Fahrradunfall ums Leben, 2021 waren es 372.

Internationale Vergleiche: DEKRA Studie in Europäischen Hauptstädten

Um die aktuelle Helmtragequote bei Fahrrad-, Pedelec- und E-Scooter-Fahrern zu ermitteln, hat die DEKRA Unfallforschung 2019 eine quantitative Querschnittsstudie konzipiert und dabei die Helmtragequote in neun ausgewählten, als fahrradfreundlich geltenden Hauptstädten Europas ermittelt - und zwar in Berlin, Warschau, Kopenhagen, Zagreb, Ljubljana, Wien, London, Amsterdam und Paris.

Um ein möglichst repräsentatives Ergebnis zu erhalten, erfolgten in jeder der Städte Beobachtungen des Radverkehrs zu unterschiedlichen Tageszeiten, an verschiedenen Erhebungsorten rund um den Stadtkern und ausschließlich an Wochentagen. Insgesamt wurde in den neun genannten Hauptstädten die Helmtragequote von 12.700 Fahrrad-, Pedelec- und (E-)Scooter-Fahrern ermittelt. Über alle Städte hinweg lag die Quote bei 22 Prozent. Rund jeder fünfte Fahrrad-, Pedelec und (E-)Scooter-Fahrer hatte somit beim Fahren einen Helm auf.

Die mit großem Abstand höchste Helmtragequote wurde in London mit 60,9 Prozent festgestellt, es folgten Wien mit 26,7 Prozent und Berlin mit 24,3 Prozent. Die geringste Helmtragequote wies Amsterdam mit lediglich 1,1 Prozent auf. In Ljubljana und Zagreb lagen die Quoten bei 9,1 beziehungsweise 5,9 Prozent.

In allen Städten waren die meisten Radfahrer mit Privatfahrrädern unterwegs. Die durchschnittliche Helmtragequote lag hier weit über derjenigen von Fahrern mit Leihfahrrädern. Der E-Scooter spielte mit Blick auf die absolute Nutzung vor allem in Berlin, Warschau, Wien und Paris eine Rolle. Die Helmtragequote dabei war sehr gering und lag in diesen Städten deutlich unter der jeweiligen durchschnittlichen Gesamthelmtragequote. In Berlin wurden 173 E-Scooter-Fahrer erfasst. Keiner der Fahrer trug hierbei einen Helm. In Paris trugen von 316 E-Scooter-Fahrern immerhin neun Prozent einen Helm.

Helmtragequoten im Überblick (DEKRA Studie 2019)

StadtHelmtragequote
London60,9 %
Wien26,7 %
Berlin24,3 %
Kopenhagen19,9 %
Ljubljana9,1 %
Zagreb5,9 %
Amsterdam1,1 %

Einflussfaktoren auf die Helmtragequote

Zu beobachten war außerdem, dass Kinder, die mit dem Rad unterwegs sind, häufiger einen Helm tragen als alle anderen Altersgruppen. Das hat zweifelsohne primär damit zu tun, dass Eltern in höherem Maße auf die Sicherheit ihrer Kinder achten und im Idealfall als Vorbild vorangehen. Dazu kommt, dass in vier der Länder, in deren Hauptstädten DEKRA die Untersuchung durchgeführt hat, eine Helmpflicht gilt: in Österreich und Frankreich bis 12 Jahre, in Slowenien bis 15 Jahre und in Kroatien sogar bis 16 Jahre. Im Gegensatz hierzu wurde bei der Gruppe der Jugendlichen die niedrigste Quote ermittelt. Diese waren eher mit Freunden oder allein unterwegs statt mit den Eltern. Der Verzicht auf den Helm ist eventuell auf den Entwicklungsstatus in der Pubertät zurückzuführen.

Infrastruktur als Kriterium

Da ein großer Teil der Londoner Einwohner die Straßen der britischen Hauptstadt als gefährlich für Radfahrer einstuft, greifen viele auf dem Weg zur Arbeit zum Helm. Bei der Datenerhebung fiel außerdem auf, dass in London eine große Zahl der Radfahrer auf Sicherheitskleidung achtet. So werden zum Beispiel häufig gelbe Warnwesten getragen, um im Verkehr besser wahrgenommen zu werden.

Die Niederlande gelten als „die“ Fahrradnation schlechthin. Auf den ersten Blick scheint es daher verwirrend, dass bei der Untersuchung in Amsterdam gerade mal eine Helmtragequote von 1,1 Prozent ermittelt wurde. Doch bei genauerer Betrachtung verwundert dies nicht. Denn bereits ab den 1970er-Jahren investierte der Staat massiv in eine entsprechende Infrastruktur, um die Straßen sicherer für Radfahrer zu machen. Den Haag und Tilburg waren 1975 erste Modellstädte für Fahrradstraßen, Delft installierte als erste Stadt ein komplettes Netz an Fahrradwegen. Wie in kaum einem anderen Land gehört das Fahrrad als Verkehrsmittel in den Niederlanden zum Alltag. Die Infrastruktur ist beispiellos gut ausgebaut und die Bevölkerung fühlt sich aufgrund dieser Maßnahmen beim Radfahren sicher. Ein Helm wird daher als unnötige Last empfunden, eine Helmpflicht abgelehnt. Insgesamt gehören die Niederlande zusammen mit Dänemark in Bezug auf die gefahrenen Kilometer weltweit zu den sichersten Ländern für Fahrradfahrer.

Kopenhagen wird gern mit holländischen Städten bezüglich des Radverkehrs verglichen. Überraschend ist daher, dass mit 19,9 Prozent die Radhelmtragequote deutlich über dem Wert von Amsterdam und im Mittelfeld aller untersuchten Städte liegt. Neben dem guten infrastrukturellen Ausbau in Dänemark wird auch hier auf groß angelegte Helmtragekampagnen gesetzt, um die Sicherheit zu erhöhen. In Kopenhagen sind im Gegensatz zu Amsterdam viele Radwege nicht baulich von der Fahrbahn der Autos getrennt, außer durch niedrige Bordsteine. Daher erscheint der Radverkehr gefährlicher, die Radfahrer greifen deswegen häufiger auf einen Helm zurück als in Amsterdam.

Strategien zur Steigerung der Helmtragequote

Angesichts der Ergebnisse dieser DEKRA Studie wie auch der genannten Zahlen der BASt ist zu fragen, wovon die Akzeptanz des Tragens eines Fahrradhelms abhängt und wie diese verbessert werden kann. Royal, S. et al. (2007) erstellten eine Metaanalyse über elf Studien zu Arten von Interventionen und deren Einfluss auf das Helmtrageverhalten von Kindern und Jugendlichen. Die Ergebnisse zeigen dass nicht legislative Interventionen beziehungsweise Unterstützungsmaßnahmen außerhalb gesetzlicher Regelungen sehr effektiv sein können. Im Vergleich zu Kampagnen, die von Schulen ausgingen oder mit subventionierten Helmen warben, waren diejenigen Kampagnen, die wohnortnah in den Gemeinden durchgeführt und bei denen kostenlose Helme verteilt wurden, deutlich wirksamer. Die geringsten Effekte hatten Interventionen, die ausschließlich aus Aufklärungsarbeit bestanden. Doch auch diese stellten eine signifikante, wenn auch kleinere Verbesserung dar. Interventionen in Schulen hatten die meiste Wirkung, wenn sie bei den jüngeren Schülern ansetzten. Das ist ein Hinweis darauf, dass insbesondere hier angesetzt werden muss.

Argumente für und gegen das Tragen eines Fahrradhelms

Sieben von zehn Deutschen, die ein Fahrrad besitzen, haben auch einen Helm. Das hat eine aktuelle Befragung der Expertenorganisation DEKRA und des Marktforschungsinstituts Ipsos ergeben. 58 Prozent der Helmbesitzerinnen und besitzer tragen den Kopfschutz bei jeder Fahrt, egal wie lang oder kurz.

Die Begründungen dafür, einen Helm zu haben, sind klar: Es geht um die Sicherheit und darum, den Kopf vor Verletzungen zu schützen. Die Argumente dagegen sind vielschichtiger. 14 Prozent derer, die keinen Helm besitzen, begründen das damit, dass sie nur Kurzstrecken oder insgesamt wenig Fahrrad fahren. 11 Prozent finden den Helm unbequem, 10 Prozent geben als Begründung die eigene Eitelkeit und die Tatsache an, dass der Helm nicht gut aussehe. 35 Prozent sagen ganz allgemein, sie bräuchten keinen Fahrradhelm.

Unter den Helmbesitzern gibt es neben den 58 Prozent, die ihren Kopfschutz immer tragen, 28 Prozent, die ihn eher häufig tragen, und 11 Prozent, die ihn eher selten aufsetzen. Diese beiden Gruppen, die den Helm zeitweise tragen, lassen ihn eher bei kurzen Fahrten weg als auf längeren Strecken. In der Stadt wird der Helm häufiger getragen als bei Fahrten in der Natur.

Die Bedeutung des Helmalters und der Helmpflege

Der durchschnittliche Fahrradhelm ist vier Jahre alt, so das Ergebnis der Befragung. Mehr als 70 Prozent sind bis zu fünf Jahre alt, 2 Prozent sind älter als zehn Jahre. Allerdings können 16 Prozent der Befragten gar nicht sagen, wie alt ihr Helm ist.

In welchem Alter es Zeit ist, einen Fahrradhelm zu ersetzen, ist für die DEKRA Experten nicht pauschal zu beantworten. Neben der Qualität des Helms spielt dafür vor allem eine Rolle, wie pfleglich er behandelt worden ist.

Eine eindeutige Empfehlung gibt Peter Rücker, Leiter der DEKRA Unfallforschung, allerdings: „Wenn ein Helm schon einmal in einen schweren Sturz oder einen Unfall verwickelt war, sollte man ihn nicht mehr tragen, sondern einen neuen anschaffen. Selbst wenn Beschädigungen minimal scheinen oder auch überhaupt kein Schaden äußerlich sichtbar ist, kann es sein, dass der Helm im nächsten Ernstfall keinen ausreichenden Schutz mehr bietet. Dieses Risiko sollte man auf keinen Fall eingehen.“

Freiwilligkeit versus Helmpflicht

Unabhängig vom Alter des Radfahrers: Selbst die beste Infrastruktur schützt nicht vor Unfällen. Zweifellos schützt ein Helm vor schweren Kopfverletzungen - ganz gleich, ob man auf einer langen Fahrradtour unterwegs ist oder nur zum Bäcker um die Ecke fährt. Eine Helmpflicht gibt es in Deutschland aber nicht. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) lehnt eine Pflicht ab.

„Die Bundesregierung setzt weiterhin auf das Prinzip der Freiwilligkeit und die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit der Verkehrsteilnehmer. So unterstützt der Bund zahlreiche Kampagnen und Aktionen zur Steigerung der Nutzung von Fahrradhelmen.

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