Die Empfehlung vieler Helm-Hersteller, einen Fahrradhelm bereits nach wenigen Jahren im Einsatz gegen einen neuen auszutauschen, verunsichert viele Radfahrer. Immer wieder erreichen uns Leserbriefe mit der bangen Frage, ob denn der eigene Rennrad-Helm noch sicher sei? Viele mit dem Hinweis, man habe ihn immer gut gepflegt und er zeige auch keinerlei Dellen oder Risse. Solle man sich also tatsächlich schon nach ein paar Jahren von seinem teuren Kopfschutz trennen?
Gründe für den Austausch eines Fahrradhelms
Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Fahrradhelm ausgetauscht werden sollte:
- Nach einem Sturz: Dass ein Helm, der bei einem Unfall oder Sturz auf ein Hindernis geprallt ist, anschließend ausgetauscht werden sollte, auch wenn er möglicherweise keine oder nur leichte Spuren einer Beschädigung zeigt, gilt als Konsens.
- Materialermüdung: Aber auch ohne Sturz kann ein Rennrad-Helm leiden. Selbst wenn der Helm auf den ersten Blick unbeschädigt wirkt, können die Styroporkügelchen unter der äußeren Polycarbonatschale gelitten haben. Dann ist die volle Schutzwirkung nicht mehr gewährleistet. Auch die aggressive UV-Strahlung der Sonne und große Temperaturschwankungen schwächen den Verbund zwischen den kleinen, weißen Kügelchen mit der Zeit.
Unklar ist jedoch, wie lange es dauert, bis die Schutzwirkung merklich nachlässt. Helme besitzen nun mal keine eingebaute Sonnenstunden-Uhr, und ihre Besitzer gehen mal mehr, mal weniger achtsam mit ihrem Kopfschutz um.
Herstellerempfehlungen und EU-Richtlinien
Aus technischer Sicht bleibt die Frage, wann genau ein Fahrradhelm sein Lebensende erreicht hat, deshalb offen. Die Helmanbieter sind zumindest per EURichtlinie und Norm zu einem Hinweis auf die Verfallszeit verpflichtet. Präzise handelt es sich dabei um die Norm EN 1078:2012 und die Richtlinie 89/686 für die persönliche Schutzausrüstung (PSA), die besagt, dass die Helmen beiliegende Benutzerinformation, neben Hinweisen zur Pflege und dem bestimmungsgemäßen Gebrauch, ein Verfallsdatum oder die Verfallszeit enthalten muss.
Die Uhr tickt ab dem Herstellungsdatum, weshalb ein Blick darauf beim Kauf ratsam ist: Ein Schnäppchen könnte sich als bereits lange lagernder Ladenhüter entpuppen, der gemäß der Herstellerempfehlung schon nach einem oder zwei Jahren ausgetauscht werden müsste. Achten Sie deshalb beim Kauf auf den kleinen Aufkleber mit dem Herstellungsdatum innen im Helm.
Crashtest mit älteren Helmen
Um dem Verfallsdatum auf der Basis von Fakten näher zu kommen, hat TOUR Leser gebeten, gebrauchte, mindestens fünf Jahre alte Helme für einen Crashtest nach der Norm EN 1078 zur Verfügung zu stellen. Insbesondere haben wir nach Modellen gefragt, die wir beim Test in TOUR 8/2010 im Neuzustand ebenfalls nach der EN 1078 überprüft hatten. Von den damals elf Modellen erhielten wir sechs für den aktuellen Crash-Test: gebrauchte Helme von Alpina, Giro, MET, Scott, Specialized und Uvex, im Alter zwischen sechs und neun Jahren - und von jedem Modell drei Exemplare als Mindestanzahl für einen Crash-Test.
Den mit sechs Jahren jüngsten Helm steuerte Leserin Ira Ludwig aus Dietramszell bei, der mit neun Jahren älteste Kopfschutz kam von Bastian Falkowsky aus Leipzig. Alle Helme zeigten mit Sonnencreme-Resten am Polster, vergilbten Außenschalen oder verschwitzten Kinnriemen deutliche Gebrauchsspuren. Als Dankeschön haben alle 18 Leser vom jeweiligen Hersteller ihres Helms ein aktuelles, nagelneues Modell erhalten.
Ergebnisse des Crashtests
Beim Härtetest schlugen die in die Jahre gekommenen Kopfschützer, beladen mit dem sensorgespickten Prüfkopf, 36-mal auf die stahlharten Prüfsockel. Und 36-mal haben wir uns gefragt: "Hat er gehalten?" Teils präsentierten sich die vom Aufprall geschundenen Helme in sichtbar desolatem Zustand - bei Alpina, Giro oder Uvex klafften sichtbare Risse im schwarzen Schaumstoff, insbesondere nach dem anspruchsvollen Bordstein-Crash, bei dem der Helm so ausgerichtet wird, dass der Sockel genau in die schwächste Stelle ins größte Belüftungsloch keilt.
Das jedoch sei "normal", versichert Prüferin Nicola Grahl, und es sei bei fabrikneuen Helmen nicht anders. Vielmehr kommt es nämlich darauf an, dass der Prüfkopf keine höheren Beschleunigungswerte als 250 g misst. Und hier ist das finale Ergebnis eindeutig positiv: Keiner der alten Helme hat versagt und das Norm-Limit überschritten. Unsere Stichprobe mit den 18 Helmen hat ergeben, dass das Stoßdämpfungsvermögen durchschnittlich nur um 10 g nachgelassen hat. Kurz: Auch ältere Helme sind sicher!
Crash-Replacement und Ersatzteile
Nach einem Sturz mit Aufprall auf hartem Untergrund darf der Helm nicht weiter benutzt werden, da die Innenschale nicht auf Anhieb sichtbare Risse bekommen haben könnte. Würde man mit einem vorgeschädigten Helm erneut stürzen, hätte er nicht mehr seine volle Schutzfunktion, vermeidbare Schädelverletzungen wären die Folge. Als Anreiz zum Tausch bieten die Helmhersteller aus Kulanz Unfallersatz-Regelungen an (Crash Replacement). Sie gelten in der Regel für zwei bis drei Jahre ab Kaufdatum und bieten einen neuen Helm zum halben Neupreis beim Tausch gegen den alten.
Interview mit einem Experten
TOUR: Die Helminnenschale aus geschäumtem Polystyrol, kurz EPS, übernimmt beim Helm die Stoßdämpfer-Funktion. Gibt es hier Unterschiede bei der Qualität?
Dautermann Etwa 80 Prozent aller Hersteller verwenden das gleiche Material vom österreichischen Hersteller Sunpor. Im Vergleich zu Verpackungs- oder Dämm-Material, das man unter dem Begriff Styropor kennt, sind die Schaum-Kügelchen dichter gepackt, und das Material hat höhere Dämpfungseigenschaften.
Nur ein passender Helm schützt optimal. Gibt es sichere Erkenntnisse, inwieweit ein zu kleiner oder zu großer Helm die Schutzwirkung beeinträchtigt?
Helme mit einer Konfektionsgröße für sehr unterschiedlich große Köpfe sind so ausgelegt, dass die Dämpfungsanforderungen erfüllt werden. Trägt man jedoch einen zu großen Helm, muss der Kopf des Radlers beim Aufprall größere Beschleunigungswerte aushalten, und das Verletzungsrisiko steigt.
Was passiert in technischer Hinsicht, wenn die Helmschalte älter wird? Wird der Helm mit der Zeit einfach bröseliger?
Umgangssprachlich könnte man das so bezeichnen. Tatsächlich spricht man von Alterung beim EPS, verursacht durch UV-Strahlung in Form von Sonnenlicht und Temperaturwechseln. Mit den Jahren lassen die Bindungskräfte zwischen den Kügelchen etwas nach, was man jedoch mit bloßem Auge nicht erkennen kann.
Woher stammt die Empfehlung der Hersteller, seinen Helm nach ein paar Jahren gegen einen neuen zu tauschen?
Dazu sind wir laut EU-Richtlinie verpflichtet. Ohne dieses "Haltbarkeitsdatum" in der Dokumentation, das ab dem Herstellungsdatum gilt, dürften wir den Helm gar nicht in den Handel bringen. Ein Tipp: Das Herstellungsdatum findet sich als Prägung oder Aufkleber in der Helmschale. Es vergeht zwar ungefähr ein halbes Jahr von der Produktion bis zur Lieferung an den Handel, aber einen Ladenhüter kann man so leicht identifizieren.
Wie sollte man seinen Helm richtig pflegen?
Ebenso wie der Altershinweis ist auch die Pflege des Helms vom Hersteller in der Benutzerinformation anzugeben. Kurz: Der Helm sollte nicht mit Lösungsmittel gereinigt werden, sondern lediglich mit lauwarmer Seifenlauge. Zudem sollte man den Helm keiner Hitze über 60 Grad aussetzen und ihn bei Nichtgebrauch trocken und vor Sonnenlicht beziehungsweise UV-Strahlung geschützt aufbewahren.
Wann sollte ich meinen Fahrradhelm austauschen?
Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Die Experten vom Helmexpress Magazin sind der Frage auf den Grund gegangen. Um die Frage zu beantworten, wann Sie Ihren Fahrradhelm austauschen sollten, gilt es einige Aspekte zu berücksichtigen. So ist die Fahrradhelm Haltbarkeit in Abhängigkeit davon, wie oft dieser genutzt wird. Die Pflege des Helmes ist ebenfalls von Bedeutung.
Experten empfehlen, den Helm nach Beginn der Nutzungsdauer alle 3 bis 5 Jahre auszutauschen. Dies liegt daran, dass die Helmschale durch verschiedene Faktoren, insbesondere durch UV-Strahlung, beschädigt werden kann. UV-Strahlung führt dazu, dass das Material des Helms mit der Zeit spröde wird und an Schutzwirkung verliert.
Fahrradhelme sind nicht für die Ewigkeit ausgelegt und schützen Radfahrer auch nicht mehr ausreichend, wenn erste Abnutzungserscheinungen sichtbar werden. Es ist wichtig, einen Fahrradhelm sofort auszutauschen, wenn er in einen Unfall verwickelt war. Für die Sicherheit ist dies von enormer Bedeutung, selbst wenn der Schaden nicht gravierend erscheint.
Die Faustregel, den Fahrradhelm alle 3-5 Jahre auszutauschen, sollte nur als Richtwert angesehen werden. Es gibt keine feste Regel, wann Sie Ihren Fahrradhelm nach einem Sturz wechseln sollten oder nicht. Wenn der Helm sichtbare Schäden aufweist, muss er ersetzt werden.
Tipps zur Verlängerung der Lebensdauer deines Helms
- Schütze deinen Helm vor Witterungseinflüssen. Lasse ihn nicht zu lange in der Sonne liegen. Schone ihn bei starkem Regen mit einer Regenhaube.
- Sorge für achtsame Lagerung. Gib deinem Helm einen festen und am besten lichtgeschützten Platz, an dem er sicher liegt und nicht herabfallen kann. Schon kleine Stöße können großen Schaden anrichten. Lege ihn mit der Kopföffnung nach unten in ein Regal. Nutze nicht die Riemen als Aufhängung, damit diese nicht unnötig strapaziert werden. Um das Material zu schonen, meide die Aufbewahrung des Helms in der Nähe starker Wärmequellen oder an einem zu kalten Ort.
- Schmücke deinen Helm nicht mit Aufklebern. Lösungsmittel, die aus dem Klebstoff austreten, können das Material des Helms schädigen.
Die Rolle Dritter
Versicherungen haben bereits versucht, Unfallopfern, die beispielsweise von einer rücksichtslos geöffneten Autotür vom Rad geholt wurden, eine Mitschuld zuzuordnen, um einen Teil der Reha-Kosten nicht übernehmen zu müssen. Die Versicherer waren damit aber bislang vor Gericht letztinstanzlich aufgrund der auch in Deutschland geringen Helmtragequote nicht erfolgreich. Aber allein der Versuch zeigt, dass Versicherungen und ihre Verbände keine neutrale Rolle bei der Helmfrage einnehmen.
ADAC Fahrradhelm-Test 2021
Der ADAC hat gemeinsam mit der Stiftung Warentest elf City- und Urban-Fahrradhelme sowie drei S-Pedelec-Helme in den Kategorien Sicherheit, Komfort, Handhabung und Schadstoffgehalt getestet.
Mit Ausnahme des Testverlierers erzielten alle Produkte erfreulicherweise eine ausreichende Schutzwirkung bei einem Stoß gegen den Fahrradhelm. Den besten Unfallschutz im Vergleich bot der Testsieger von Uvex.
Der Anschaffungspreis des Urban Planet LED liegt mit 130 Euro im oberen Bereich des Testfeldes. Mit 385 Gramm ist der Uvex kein Leichtgewicht, dafür bietet er an der Rückseite ein aktives Licht mit drei unterschiedlichen Beleuchtungsmodi.
Gut geschlagen hat sich der günstigste Helm im Test: Mit einer Gesamtnote von 2,6 kann sich der Crivit-Fahrradhelm von Lidl im Vergleichsfeld behaupten. Sein Preis von gerade einmal 15 Euro ist um den Faktor acht günstiger als beim Testsieger von Uvex und beweist, dass ein Kopfschutz beim Radfahren nicht teuer sein muss.
Empfehlungen an die Hersteller
- Die Anforderungen der geltenden Norm müssen eingehalten werden.
- Nur ein angenehmer und gut einzustellender Helm wird getragen. Die Anpassungen am Kopf müssen einfach, gut und sicher durchgeführt werden können.
- Sichtbarkeit bedeutet Sicherheit. Daher sollten die Fahrradhelme zumindest mit Reflektoren ausgestattet sein: Der Helm von Lazer, Giro und Cube, sowie der S-Pedelec-Helm von KED haben keinerlei Reflektion.
Tipps für Verbraucher
- Da sich jede Kopfform individuell darstellt, ist es empfehlenswert, den Helm vor dem Kauf anzuprobieren. So lassen sich Passform und Einstellmöglichkeiten des Wunschhelms prüfen und ein Fehlkauf vermeiden. Nehmen Sie am besten auch Ihre Brille zum Probetragen mit.
- Die Pflege des Helmes entscheidet über die Dauer der Einsatzfähigkeit. Denn die Schutzwirkung verliert auch ein in die Jahre gekommener Helm nicht wesentlich. Durch regelmäßige Pflege und Reinigung, trockene Lagerung sowie der Schutz vor äußeren Einwirkungen kann der Helm über längere Zeit genutzt werden.
- Um eine möglichst gute Sichtbarkeit zu gewährleisten, sollte der Helm mit einer LED-Beleuchtung ausgestattet sein. Da die Aktivierung vom Nutzer bzw. der Nutzerin jedoch oft vergessen wird, sollte der Helm auch über eine passive Sicherheitsausstattung in Form von reflektierenden Elementen an der gesamten Helmschale sowie im Kinnriemen verfügen. Ein helles Design in auffälligen Farben erhöht zudem die Sichtbarkeit bei Tag und Nacht.
Schlussfolgerung
Die ADAC Unfallforschung belegt, dass ein Helm beim Sturz effektiv vor vielen Kopfverletzungen schützen kann. Auch der schlechteste Helm im Test kann im Ernstfall Leben retten, wenn er richtig getragen wird.
Helmpflicht
In Deutschland besteht generell keine Helmpflicht für Radfahrende, weder im Allgemeinen noch für bestimmte Altersgruppen, in bestimmten Regionen oder bei Gruppenfahrten.
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