Die besten Rennradreifen im Test: So finden Sie den idealen Pneu

Die Frage nach dem besten Rennradreifen beschäftigt viele Radsportler. Gibt es ihn überhaupt, den ultimativen Reifen? Wahrscheinlich nicht, denn die Anforderungen sind individuell verschieden. Dennoch wollen wir Ihnen helfen, den für Sie optimalen Pneu zu finden. Hier finden Sie einen umfassenden Überblick über aktuelle Tests, Technologien und Empfehlungen.

Historischer Überblick

Die Geschichte der Fahrradreifen ist lang und traditionsreich:

  • 1889: Michelin
  • 1892: Continental
  • 1953: Vittoria
  • 1973: Schwalbe
  • Später folgten Specialized und Pirelli

Historisch betrachtet, müssten Continental und Michelin in der Entwicklung von Luftreifen die Nase vorn haben, da ihre Teams in Korbach und Clement-Ferrand (FRA) bereits am längsten forschen. Doch wie sieht es in der Realität aus?

Reifenausrüster der World-Tour-Teams

Ein Blick auf die Ausrüsterverträge der 34 Männer- und Frauen-World-Tour-Teams zeigt ein deutliches Bild: Continental liegt mit zwölf Verträgen klar vorne.

Der Rennradreifenmarkt im Wandel

Der Rennradreifenmarkt entwickelt sich rasant. Waren im Rennsport vor zehn Jahren noch 23 Millimeter normal, sind heute 25 oder 26 Millimeter breite Pneus üblich, bei manchen Profis sogar 28 Millimeter. Für Rennen auf schlechtem Untergrund ziehen die Fahrer inzwischen bis zu 32 Millimeter breite Gummis auf ihre Aero-Felgen. Langjährigen Rennradlern mag das absurd vorkommen, haben viele doch Zeiten erlebt, in denen Rennradreifen gar nicht schmal ­genug sein konnten - bis zu 19 Millimeter dünn.

Heute weiß man’s schlicht besser, weil man Unterschiede präzise messen kann. Der bessere Komfort dürfte - von wirklich ruppigen Pflasterpassagen abgesehen - heutigen Radprofis noch weitgehend egal sein. Eine größere Rolle spielt, dass breitere Reifen insbesondere auf unebenen Strecken - aber nicht nur da - schneller rollen als hart aufgepumpte, schmale Rennradreifen. Vier Millimeter zusätzlicher Federweg sind auf einem Rennrad Welten, die Gefahr von Durchschlägen sinkt deutlich.

Auch in Sachen Pannenschutz bieten die dicken Dinger Vorteile: Mehr Volumen bedeutet eine höhere Sicherheit gegen Durchschläge und damit ein geringeres Risiko liegenzubleiben. Mit dem richtigen Luftdruck - deutlich niedriger als bei schmaleren Rennradreifen - verleiht ein breiterer Reifen dem eigentlich eher harten Rennrad zudem ein recht passables Fahrwerk. Auf holperiger Straße springt der Renner weniger und ist besser zu kontrollieren; dazu kommt ein besserer Halt in Kurven, besonders auf nasser Strecke.

Genügend Gründe also auch für Hobby­sportler, breitere Pneus zu fahren. Für sie dürfte das Komfortempfinden den größten Aha-Effekt erzeugen. Im Vergleich zu 28-Millimeter-Reifen gibt es immerhin bis zu vier Millimeter mehr Federweg - auf dem Rennrad sind das Welten. Auch Abstecher auf Feld- und Waldwege sind damit kein Problem mehr, Touren- und Reiseradler profitieren vom erweiterten Aktionsradius ihres Renners und sind dennoch zügig unterwegs. Dem entgegen stehen das minimal höhere Gewicht und ein (geringer) aerodynamischer Nachteil aufgrund der größeren Frontfläche: Der beträgt gerade mal ein Watt bei 45 km/h Renngeschwindigkeit - von TOUR im Windkanal gemessen. Handicaps, die angesichts des Nutzens marginal erscheinen.

Clincher vs. Tubeless

Die Einführung von Tubeless-Reifen hat die Reifenwahl revolutioniert. Ohne Schlauch verringert sich die Reibung im Reifen. Die Möglichkeit, mit niedrigerem Luftdruck zu fahren, verbessert den Dämpfungskomfort enorm. Gleichzeitig bietet Tubeless in der Regel eine höhere Pannensicherheit, da kleine Durchstiche durch Dichtmilch sofort versiegelt werden.

Der klassische Clincher-Reifen mit einem Schlauch ist für viele Radsportler weiterhin die einfachste und alltagstauglichste Lösung. Zwei Beispiele: Schwalbe bietet mit dem Modell Aerothan einen Schlauch, der deutlich weniger als 50 Gramm wiegt und einen besseren Pannenschutz als ein Butyl-Modell bietet.

Tubeless-Systeme, bei denen der „Mantel“ ohne Schlauch - dafür mit einer abdichtenden und Pannen sofort und selbst schließenden Sealant-Milch - auf der Felge montiert wird, haben sich im Mountainbike- und Gravel-Bereich bereits weitgehend durchgesetzt. Im Offroad-Bereich sind die Aspekte Dämpfungskomfort, Traktion und Pannenschutz besonders vorteilhaft. Von diesen Vorteilen profitiert man jedoch auch auf der Straße. Auch hier lässt sich der Luftdruck deutlich senken - oft um rund zwei Bar. Dies kann hinsichtlich des Fahrkomforts und der Rolleffizienz zu großen Verbesserungen führen - im Vergleich zu vielen Clincher-Schlauch-Kombinationen. Die Gefahr von Durchschlägen auf die Felge, bei denen der Schlauch durch einen „Snakebite“ beschädigt wird, entfällt.

Die in vielen Fällen sehr geringen Rollwiderstands-Werte bei den Tubeless-Reifen sind in diesem Test auffällig. Auch der Praxis-Eindruck war meist überzeugend. Die Erfahrung mit mehreren hundert Reifen und Felgen in den vergangenen Jahren zeigt: Das Tubeless-System macht auch für den Einsatz am Rennrad große Fortschritte. Die „Negativ-Erfahrungen“ mit Montageproblemen oder entweichender Luft werden immer seltener.

Reifenbreite und Rollwiderstand

Ein breiterer Reifen hat bei gleichem Luftdruck in der Regel einen geringeren Rollwiderstand als ein schmaler. Die Bodenkontaktfläche ist dabei in der Länge und in der Breite ausgeglichener. Bei schmaleren Pneus ist sie deutlich länger als breit. Daher entsteht bei einem breiteren Reifen weniger Walkarbeit - was den Widerstand verringern kann. Auch verringert sich die Kontaktfläche bei einer seitlichen Neigung weniger stark - dies bringt mehr Grip in Kurven. Ein weiterer Vorteil: Ist der Luftdruck geringer, dann rollt der Reifen leichter über Gegenstände hinweg, die eine potenzielle Pannen-Gefahr darstellen.

Mehrere Messungen zeigten: Breitere Reifen haben einen kürzeren Kontaktpunkt, was die Reibung reduziert. Sie können mit einem niedrigeren Druck gefahren werden, was Vibrationen absorbiert und die Muskulatur entlastet.

In einem Test des Bicycle Rolling Resistance Lab erzielte ein 23 Millimeter breiter Continental-5000-Pneu bei einem Druck von 5,5 Bar einen Rollwiderstand von 10,2 Watt.

Pannenschutz

Moderne Rennradreifen bieten hierfür spezielle Schutzschichten aus Materialien wie Kevlar, Vectran, PU, Aramid et cetera. In mehrere Tests schnitt der Continental Gatorskin als einer der besten Reifen im Bereich Pannensicherheit ab. Auch der Schwalbe Durano Plus überzeugt durch seine doppelte Gummischicht, die das Risiko von Durchstichen minimiert. Auch der Continental GP 5000, der Michelin Power All Season oder der Pirelli Cinturato Road TLR überzeugte hinsichtlich ihrer Pannenschutzeigenschaften.

Gewicht und Schutz - beide Faktoren sind, leider, in der Regel konträr. Denn: Höherer Pannenschutz bedeutet oft ein höheres Gewicht. Dies zeigt sich etwa am Beispiel des Schwalbe One 365.

Reifendruck

Dieser zeigte sich in einer Messreihe als wichtiger Einfluss auf den Rollwiderstand. Im Durchschnitt erhöht ein Reifendruck von 1 bar über dem empfohlenen Druck den Rollwiderstand um 0,5 bis 1 Watt.

Für 30 Millimeter liegen die Empfehlungen zwischen 3,5 und 4,5 Bar - je nach Fahrergewicht und Strecke. Nur mit dem niedrigen Druck ist das verbesserte Verhältnis von Quer- zu Vertikalsteifigkeit erfahrbar, nur dann federn die Pneus, wie sie können und sollen. Knallhart aufpumpen bringt auf der Straße nur Nachteile, auch der Rollwiderstand steigt dann! Die untere Druckgrenze ist erreicht, wenn der Reifen sich schwammig anfühlt.

Testverfahren

Die Testverfahren für Rennradreifen setzen seit vielen Jahren Maßstäbe. Die Testaufbauten werden laufend verbessert, neu für diese Ausgabe ist der eigene Nasshaftungstest auf einer bewässerten Kreisbahn. Ein Überblick über die Verfahren und Bewertungskriterien.

Noch vor den Prüfstandstests fahren wir alle Rennradreifen im direkten Vergleich auf einer standardisierten Teststrecke, mit schlecht asphaltierten Teil­stücken, Kopfsteinpflaster und geschotterten Passagen sowie schnellen, kurven­reichen Abfahrten. Dabei dokumentieren wir unsere subjektiven Eindrücke zum Komfort, Geradeauslauf und Lenkverhalten in Kurven.

Der Rollwiderstandstest ist eine Eigenentwicklung von TOUR. Dabei wird ein Oszillator (ein schwingungsfähiges mechanisches System) mit zwei Laufrädern und den bereits eingefahrenen Testreifen bestückt und mit Gewichten belastet.

Diese Wertung setzt sich aus drei Laborversuchen zusammen: Im sogenannten Sticheltest wird der aufgepumpte Reifen mit einer schwingend belasteten Klinge traktiert, die sich in die Lauffläche arbeitet - analog zu Steinen oder Scherben, die vom Rennradreifen aufgesammelt werden.

Die Kurvenhaftung der Reifen haben wir auf einer bewässerten Betonkreisbahn verglichen; sie befindet sich am Flugplatz in Jesenwang bei München und ist Teil des Versuchsgeländes des früheren Reifenherstellers Metzeler. Der TOUR-Testfahrer beschleunigt dabei auf dem von einem Elektromotor angetriebenen Fahrrad die Kreisfahrt so lange, bis die Haftungsgrenze der Reifen erreicht ist.

Testergebnisse und Empfehlungen

Es gibt auch unter den Top-Allroundern für unterschiedliche Fahrertypen und deren Ansprüche unterschiedlich gut geeignete Reifenmodelle. Dennoch ragen einige Modelle heraus. Der Grand Prix 5000 von Continental überzeugt unter den Clincher-Modellen besonders - sowohl durch seine Laborwerte beim Rollwiderstand und beim Pannenschutz als auch durch die Praxiseindrücke zum Grip und zum Abrollverhalten. Dieses Allround-Top-Niveau erreicht ansonsten nur der Pro One von Schwalbe. Auffällig: Auch die jeweils günstigeren Allwetter-Trainings-Modelle, der Continental GP 4 Seasons und der Schwalbe One Plus, überzeugen.

Im Tubeless-Sektor ragt ein Modell heraus: Der in der Praxis sehr geschmeidig rollende Pro One TLE von Schwalbe ist der Beste in den Kategorien Gewicht und Rollwiderstand - und auch beim Pannenschutz vorne dabei.

Testergebnisse 2021

  • Continental GP 5000: Überragend (95 Punkte)
  • Michelin Power Road Black TS: Gut (69 Punkte)
  • Pirelli P Zero Velo: Sehr gut (85 Punkte)
  • Schwalbe Pro One Tubetype: Sehr gut (90 Punkte)
  • Vittoria Corsa Control G2.0: Gut (61 Punkte)
  • Vredestein Fortezza Senso Superiore: Sehr gut (71 Punkte)

Die Qual der Wahl: Welcher Reifen ist der Richtige für mich?

Die Wahl des richtigen Rennradreifens hängt stark von den persönlichen Anforderungen und dem individuellen Fahrverhalten ab. Folgende Tabelle fasst exemplarische Messungen zusammen:

Reifenmodell Rollwiderstand (Watt) Pannenschutz Gewicht (g)
Continental Grand Prix 5000 9 Sehr gut 223
Vittoria Corsa Pro Speed TLR 5,6 Gut 250

Die große Revolution: Superleichte Reifen von Schwalbe?

Eine Revolution - oder auch Disruption - des Rennradreifenmarktes könnte von Schwalbe kommen: gänzlich neue superleichte Pneus aus Aerothan- beziehungsweis kevlarähnlichem Material. Zuerst wurde diese Entwicklung durch das Video eines Uno-X Pro-Team-Profis bekannt, der die neuen Modelle testete. Das Ergebnis: 164 Gramm pro Reifen. Dies entspräche insgesamt einer Gewichtsersparnis von fast 300 Gramm gegenüber „normalen“ Pneus. Laut Schwalbe sollen auch der Rollwiderstand, der Grip und der Pannenschutz auf Top-Niveau sein.

Das Fazit: Welcher Reifen ist der beste?

Es gibt nicht DEN einen besten Rennradreifen. Die Wahl hängt von Ihren individuellen Bedürfnissen und Prioritäten ab. Ob Pannenschutz, Rollwiderstand, Grip oder Komfort -wägen Sie ab, was Ihnen am wichtigsten ist, und wählen Sie den Reifen, der Ihre Anforderungen am besten erfüllt.

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