Federgabel am Motorrad richtig einstellen: Eine detaillierte Anleitung

Motorrad Fahrwerke und deren Einstellung sind noch immer ein gern genommenes Thema für wilde Diskussionen. In diesem Artikel werden die Begrifflichkeiten und Funktionen rund um ein Motorrad Fahrwerk erklärt, um das Fahrverhalten an die individuellen Wünsche anzupassen und die aktive Sicherheit zu verbessern.

Grundlagen der Vorderradgabel

Vorne angefangen, starten wir mit der Vorderradgabel eines Motorrad Fahrwerks. Prinzipiell hat sie die Funktion, das Vorderrad am Boden zu halten und Unebenheiten der Fahrbahn in einem gesunden Maß auszugleichen.

Die klassische Motorradgabel ist als Telegabel ausgeführt - BMW führte diese als erster in den 1930er-Jahren ein. Unten nehmen die Tauchrohre das Vorderrad bzw. die Vorderachse auf. Die Standrohre “tauchen” in die Tauchrohre ein und sind oben mit den Motorrad Gabelbrücken verbunden.

Diese wiederum ist über den Lenkkopf bzw. Das Lenkkopflager mit dem Rahmen verbunden. In den Standrohren befinden sich die Gabelfedern und das Gabelöl. Das Öl dämpft dabei die Bewegung der Feder und verhindert ein wildes Wippen.

Die einfachsten Telegabeln lassen sich nicht einstellen. Will man das Setup verändern, ohne aufwendig auf eine andere Gabel umzubauen, können die Federn sowie das Gabelöl getauscht werden.

Anfang der 1990er Jahre hielt zunächst bei Superbikes die Upside-Down-Gabel (kurz USD-Gabel) Einzug bei den Motorrad Fahrwerken. Hier ist das Standrohr in großem Durchmesser aus Aluminium ausgeführt und verzahnt sich mit einer Alu-Gabelbrücke.

Das reduziert die Verwindungen massiv. Hinzu kommt, dass die beiden Tauchrohre sehr lang durch das Standrohr geführt werden. Durch das nur kurze, sichtbare Stück der Tauchrohre sind die Gabelsimmeringe bei einer USD-Gabel auch besser vor Beschädigungen geschützt.

Vorbereitung zur Fahrwerkseinstellung

Bevor es an die Fahrwerkseinstellungen geht, muss sichergestellt sein, dass sich das Fahrwerk in einwandfreiem Zustand befindet. Bei einer undichten Gabel kann noch so viel eingestellt werden, es wird nie ein gutes Ergebnis herauskommen.

Tipp: Vorm Motorrad Fahrwerk einstellen erst das Fahrwerk auf Grundeinstellungen zurücksetzen, bevor die eigene Justierung auf der falschen Grundlage misslingt.

Die Hinterradaufhängung muss freibeweglich sein, feste und defekte Lagerstellen an der Umlenkung und Schwinge instand setzen. Die Vorderradgabel muss frei von Verspannungen in der Klemmung, oder Schmutz in den Lagerstellen, beweglich sein.

Das bedeutet, bei geringer Last auf die Motorradfront federt die Gabel ein und auch wieder zurück. Verspannung an der Gabelklemmung beseitigen:

  1. Um die Parallelität der Gabel zu richten muss man die zentrale Schraube des Lenklagers, die Klemmen der oberen Gabelbrücke und die Achsklemmen des Rades lösen.
  2. Obere Gabelbrücke und Zentralschraube festziehen, nicht gegen den Lenkanschlag anlegen sondern mit dem Lenker Gegenhalten.
  3. Bei Upside-Down Gabeln unbedingt Klemmen der Gabelbrücken mit dem richtigen Anzugsmoment festziehen. Ein zu großer Drehmoment verkleinert die Bohrung des Standrohres.
  4. Steckachse und eine Achsklemmung, Bremsseitig festziehen. Achsklemme rechte Seite noch nicht festziehen.
  5. Ohne die Vorderradbremse zu betätigen durchfedern, oder per Hand den Gabelfuß auf der Steckachse vermitteln, dann die Achsklemmung, rechts festziehen.

Einstellmöglichkeiten

Im Folgenden gehen wir auf Federbasis, Zugstufe und Druckstufe ein.

Federbasis (Federvorspannung)

Die Federbasis bzw. Federvorspannung wird über den größeren Einstellmechanismus - oftmals ein Sechskant - am oberen Gabelende eingestellt.

Bei einer voll einstellbaren Gabel lässt sich über die Federvorspannung/ Federbasis das Fahrzeugniveau (oder einfach: die Fahrzeughöhe) an der Front einstellen.

Grundsätzlich lässt sich der vorhandene Federweg in einen Negativ- und Positiv-Federweg unterteilen. Bei ausgefederter entlasteter Gabel stehen beispielsweise 150 mm Federweg zur Verfügung. Steht die Maschine auf eigenen Rädern und sitzt noch der Fahrer darauf, sind es nur noch 100 mm. Also hat die Maschine einen Negativ-Federweg von 50 mm. Über die Federvorspannung Motorrad lässt sich dieser justieren.

Das genannte Beispiel hat bereits die perfekte ⅓ zu ⅔ Aufteilung von Negativ- zu Positivfederweg. Grundsätzlich “steht” das Motorrad schon gut. Diese Einstellung richtet sich natürlich nach dem Beladungszustand des Bikes. Das Gewicht der Beladung ist entscheidend. Handelt es sich um einen sehr leichten oder sehr schweren Fahrer, oder ist dauerhaft ein Sozius mit an Bord?

Mit der im oberen Gabelstopfen sitzenden Gewindespindel kann die Vorspannung der Gabelfedern reguliert werden. Dazu werden beide Spindeln mit gleichmäßig vielen Umdrehungen verändert. Beim Drehen im Uhrzeigersinn hebt sich die Maschine aus der Federung nach oben, bei entgegengesetzter Drehrichtung senkt sich die Frontpartie.

Durch die Federvorspannung verändert sich der Negativfederweg (Ausfederweg). Also der Federweg, der zum Ausfedern bei Vertiefungen in der Straße notwendig ist.

Achtung: Die Federvorspannung verändert nicht die Federhärte (Fachjargon: Federrate), sondern nur die Ausgangslage des Federvorgangs (Federbasis) und die Anteile von Negativ- und Positivfederweg.

Auswirkungen einer falschen Federvorspannung

  • Zu geringe Federvorspannung an der Gabel:
    • Motorrad steht vorne zu tief, Lenkkopfwinkel und Nachlauf verändern sich in Richtung Überhandlichkeit und Instabilität.
    • Gabel kann beim harten Bremsen auf Block gehen, das Vorderrad neigt dann zum Blockieren.
    • Motorrad fährt sich in Kurven kippelig und nervös.
    • Sitzhöhe und Schwerpunkt sinken ab.
  • Zu hohe Federvorspannung an der Gabel:
    • Motorrad steht vorn zu hoch, Lenkkopfwinkel und Nachlauf verändern sich in Richtung Unhandlichkeit.
    • Frontpartie kann auf welligen Strecken wegen des zu geringen Negativfederwegs zum Lenkerschlagen neigen.
    • Motorrad verliert an Handlichkeit.
    • Sitzhöhe und Schwerpunkt erhöhen sich.

Dämpfung: Zugstufe und Druckstufe

Lässt sich die Federbasis noch im Stand justieren, sind für die Einstellung des Dämpfungsverhaltens Testfahrten nötig. Generell bestimmt die Zugstufen-Einstellung (bei einer USD-Gabel am oberen Ende des Holms) das Verhalten beim Ausfedern der Gabel und die Druckstufen-Einstellung das Dämpfungsverhalten beim Einfedern der Gabel.

Für den spürbaren Unterschied empfiehlt es sich zunächst, beide in gleichem Maße zu verstellen. Sollten keine Klick-Punkte vorhanden sein, gilt es die Umdrehungen der Schrauben zu zählen. Gezählt wird von geschlossen (Anschlag Rechtsdrehung) nach offen. Bei Zug- und Druckstufe gibt es - außer der Grundeinstellung - keine “richtige” Einstellung. Hier kann nach eigenem Ermessen ausprobiert werden.

Bei Zug- und Druckstufe gilt, einen guten Kompromiss zwischen Fahrkomfort und Kontakt zur Fahrbahn zu finden. Alle Veränderungen beginnen von der Grundeinstellung aus dem Hersteller Handbuch.

Zugstufe

Die Zugstufe reguliert, wie schnell die Gabel ausfedert (sog. Rebound). Bei Umlenkungsdämpfern hat die Einstellung des Zugstufeneinstellers auch Einfluss auf das Druckstufenverhalten des Dämpfers (bauartbedingt).

Je weiter die Zugstufe geschlossen (im Uhrzeigersinn/rechts rum) wird, desto langsamer federt der Dämpfer aus. Damit erhöht sich die Kontrolle, die man über das Bike hat, man bekommt direkteres Feedback und das Bike läuft stabiler.

Je weiter die Zugstufe geöffnet (gegen den Uhrzeigersinn, links rum) wird, desto schneller federt der Dämpfer aus.

Auswirkungen einer falschen Zugstufe
  • Zugstufe zu hart:
    • Unkomfortables Gefühl beim Bremsen
    • Plötzliches Abtauchen der Motorradfront in größeren Bremslöschern
    • Dämpfungsprobleme bei stark ausgefahrener Strecke
    • Lenkerschlagen bei schneller Fahrt
  • Zugstufe zu weich:
    • Unkontrolliertes Ausfedern nach der Landung
    • Unkontrolliertes Ausfedern beim Absprung
    • Wenig Gripp, schnelles Ausbrechen beim Bremsen
    • Vorderrad wandert zum Kurven äußeren
    • "Dicke Unterarme"

Druckstufe

Die Druckstufe reguliert, wie stark die Gabel beim Einfedern gedämpft wird. Die Druckstufe des Stoßdämpfers wird am Ausgleichbehälter eingestellt.

Eine weichere Druckstufe macht die Gabel insgesamt weicher, bei langsamer Gangart komfortabler.

Auswirkungen einer falschen Druckstufe
  • Druckstufe zu hart:
    • Wenig Gefühl für die Rutschgrenze bei Kurvenfahrt
    • Vorderrad verliert schnell den Fahrbahnkontakt bei Kurvenfahrt
    • Kleinere Bodenunebenheiten gelangen bis zum Fahrer
    • Lenkerschlagen beim Beschleunigen
    • Motorrad wirkt unhandlich
  • Druckstufe zu weich:
    • Front taucht beim Bremsen sofort nach unten
    • Lenkerbewegungen beim Bremsen
    • Große vertikale Bewegungen der Fahrzeugfront
    • Vorderrad rattert beim Bremsen auch bei ebener Fahrbahn
    • Kein Gripp und keine Spurtreue

Grundeinstellung der Federung

Federweg: Differenz zwischen ausgefedert und eingefedert.

Negativer Federweg (SAG): Einfederweg des Motorrades unter dem eigenen Gewicht.

Referenzwerte:

  • Motocross- Hinterradfederung: 25 - 35 mm
  • PDS-System: 35-38 mm
  • Vorderradaufhängung Motocross und Enduro: 25 - 35 mm
  • Straßenmotorräder und Supersportler Hinterrad: 5-15mm
  • Straßenmotorräder und Supersportler Vorderradaufhängung: 20-25mm

Durchhang (RACE SAG): Einfederweg des Motorrades unter dem Gewicht des Fahrers mit Bekleidung. Der Fahrer muss eine neutrale Haltung auf dem Motorrad einnehmen, d. h. in der Mitte sitzend.

Referenzwerte:

  • Hinterradfederung bei Enduro und Motocross: 95 - 105 mm, ca. 1/3 des Federweges
  • Straßen und Rennmotorräder: 30-35mm

Tipps zur Fehlersuche und Korrektur

Hier einige häufige Fahrwerksprobleme bei Straßenfahrern und mögliche Korrekturansätze:

Problem Mögliche Ursachen Korrekturansätze
Unruhiges Fahrverhalten in Kurven Falsche Federvorspannung, ungleichmäßige Dämpfung Federvorspannung anpassen, Dämpfung überprüfen und einstellen
Durchschlagen der Federung bei Unebenheiten Zu weiche Federn, zu geringe Dämpfung Härtere Federn einbauen, Dämpfung erhöhen
Lenkerschlagen bei hohen Geschwindigkeiten Falsche Geometrie, zu geringe Dämpfung Geometrie überprüfen und korrigieren, Dämpfung erhöhen
Mangelnder Grip beim Beschleunigen Falsche Zugstufeneinstellung, zu geringe Dämpfung Zugstufe anpassen, Dämpfung erhöhen

Wichtige Hinweise

  • Merke Federvorspannung von linkem und rechtem Telegabelbein muss immer gleich eingestellt sein.
  • Vorder- und Hinterradfederung müssen immer passend zueinander eingestellt sein, damit die Grundgeometrie des Fahrwerks gesichert ist.
  • Ganz falsch ist, wenn die Federn in den vorderen Gabelbeinen maximal vorgespannt sind ("Federeinsteller ganz eingedreht")und die Feder des hinteren Federbeins nicht oder nur wenig vorgespannt ist (Einstellstufe 1 oder 2). Dadurch steht die Maschine vorn zu hoch und hinten zu niedrig.
  • Wenn umgekehrt die Federn in den vorderen Gabelbeinen nur minimal vorgespannt sind ("Federeinsteller ganz ausgedreht"), die Feder des hinteren Federbeins jedoch maximal (Einstellstufe 7), steht die Maschine vorn zu niedrig und hinten zu hoch.
  • Beim Einstellen der Zugstufe zuerst die Dämpfer-Einstellschraube vorsichtig rechtsherum ganz eindrehen, dann jeweils eine ¼-Umdrehung aufdrehen und jede Umdrehung als "Verstellschritt" zählen. Die Anzahl der Umdrehungen notieren und beobachten, wie sich das Fahrverhalten verändert!

Mit diesen Informationen und etwas Geduld kann jeder Motorradfahrer sein Fahrwerk besser verstehen und an seine individuellen Bedürfnisse anpassen. Viel Spaß bei der Feineinstellung!

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