In Belgien gab es zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg viele Motorradmarken. Die „Fabrique Nationale d’Armes des Guerre“ - kurz FN - war die bekannteste.
Noch heute werden in Herstal Waffen von Weltruf hergestellt. FN wurde 1889 als Waffenfabrik gegründet, in Herstal, einem Stadtteil von Liege (Lüttich) baute FN ab 1901 Motorräder und später auch Automobile, darunter ab 1904 die legendären 4 Zylinder, das erste in Serie gebaute 4 Zylinder Motorrad überhaupt, diese Maschinen waren die Vorbilder für viele amerikanische Modelle. FN- Motoren wurden um 1900 als Einbaumotorern von vielen Marken eingebaut.
Im Jahr 1901 begann die Motorradproduktion mit einem 135 ccm kleinen Einzylinder-Viertakter.
Die Sensation des Vierzylinders
1904 dann die große Sensation auf dem Pariser Salon: Das erste Serien-Motorrad der Zweiradgeschichte mit einem Vierzylinder-Motor. Er war längs eingebaut und statt des zur vorletzten Jahrhundertwende üblichen Keilriemens führte eine Kardanwelle zum Hinterrad. Das erste noch kupplungs- und getriebelose Modell hatte 362 ccm.
Einzylinder-Blockmotoren und die "Sahara"
Ebenso populär waren die ab 1922 gebauten Einzylinder-Blockmotoren, besonders die 1927 erschienene M 70. Diese seitengesteuerte 350er wurde bald unter dem Namen „Sahara” weltbekannt, weil drei belgische Militärfahrer mit diesem Modell eine 8.000 km lange Sahara-Durchquerung schafften. So z.B. 1927 die Saharadurchquerung der 350ccm sv an der der FN-Chef persönlich teilnahm.
Die sportliche M 67
Parallel dazu wurde auch eine wesentlich sportlichere 500er gebaut: Die M 67 von 1929 hatte ebenfalls einen Blockmotor, war aber kopfgesteuert. Ihre beiden Ventile sind nicht gekapselt. Im Gegensatz zu den langen Stoßstangen, die in einem verchromten Rohr laufen. Das sieht nach Königswellenantrieb aus, doch die Nocken sitzen unten im Motor, nicht oben im Zylinderkopf.
Technische Daten und Fahreindruck der FN M 67
Von den harmlosen Eckdaten dieser FN darf man sich nicht täuschen lassen. 496 ccm, 16 PS und 135 Kilo Leergewicht hören sich nach gutmütiger Anfängermaschine an. Doch der langhubige Motor - 85 mm Bohrung und 87 mm Hub - muss erst einmal zum Leben erweckt werden.
Ist der französische Gurtner-Zweischieber-Vergaser gut geflutet, wird es ernst: Den Totpunkt erfühlen und den Kickstarter Richtung Erdmittelpunkt treten. Von den ersten Zündungen an ist klar: Der Motor ist starr mit dem Rahmen verschraubt. Im Leerlauf schüttelt sich der gesamte Vorbau: Lenker, Gabel, Vorderrad; alles tanzt im Takt des riesigen Kolbens. Die Passanten am Straßenrand könnten denken, jemand bändige einen Presslufthammer.
Im Zylinder brennt es. Obwohl die FN noch Verlustschmierung hat, verbrennt sie relativ wenig Öl. Der Vorrat des „schwarzen Goldes” befindet sich auch nicht - wie bei Harley und Co. damals üblich - in einer separaten Tankhälfte, sondern direkt im Motorblock. Das ist ungewöhnlich. Die Öl- pumpe mit Schauglas ist am Kurbelgehäuse befestigt. Mit einer Vierkantwelle greift sie in den vorstehenden Kurbelwellenzapfen. Die Fördermenge kann mittels einer geriffelten Schraube eingestellt werden. Ein Blick aufs Schauglas an der rechten Motorseite verrät, ob alles (Tröpfchen für Tröpfchen) wie geschmiert läuft.
So anspruchslos wie das Dreigang- Getriebe ist auch dessen Schmierung. Die Betriebsanleitung sagt dazu auf Seite 27: „Nach Abnehmen der Einfüllverschraubung fülle man 250 bis 300 ccm Oel in den Kasten. Für diesen Zweck kann gebrauchtes Oel, nachdem es sorgfältig filtriert worden ist, genommen werden.
Butterweich und gut zu dosieren sind die 14(!) Kupplungsscheiben, deren Metall-Lamellen im Ölbad laufen. Der Motor läuft, die Bullriding-Gaudi kann beginnen. Und der Fahrer darf sich nur mit der linken Hand festhalten, weil die rechte Ordnung in die Zahnradsammlung bringen muss. Dass die FN manchmal Assoziationen an spanabhebende Metall- bearbeitung weckt, liegt am Getriebe. Selbiges will mit Nachdruck geschaltet werden und gibt gerne deftige Geräusche von sich. Zaghafte Schaltvorgänge werden als mangelndes Durchsetzungsvermögen interpretiert und mit herausspringenden Gängen geahndet. Beim Gasgeben wird der Motor nicht nur lauter, sondern das Motorrad auch schneller. Alsbald steht der erste Gangwechsel an.
Die leicht vorgebeugte Sitzposition und der breite Lenker vermitteln einen guten Kontakt zum Motorrad. Die breiten Wulstreifen der Größe 720 x 120 folgen spurtreu des Bikers Lenkbefehlen. Unruhe in die Lenkung bringen lediglich kurvige Holperstrecken.
Der Rahmen ist ein so genannter geschlossener dreieckiger Wiegenrahmen. Das bedeutet, dass die zwei Unterzüge unter dem Motorblock verlaufen und an einem Verbindungsstück befestigt werden. Die beiden Oberzüge verlaufen ebenfalls direkt vom Lenkkopf zur Hinterradbefestigung. Das alles ist so stabil, dass auch ein Beiwagen angebaut werden kann.
Die Vorderradgabel ist sehr weich und durch die beiden außenliegenden Schwinghebel seitenstabil. Sie ruht auf zwei Spiralfedern, die auf Druck arbeiten. Geht es bergab oder nähert man sich einer Kreuzung, muss erst einmal das Tempo mit Bedacht gemindert werden. Die Bremsen verzögern nur mäßig, wenn man den Innenzughebel betätigt und mit dem Fuß beherzt zutritt.
Schon in der Frühzeit beteiligte sich FN an unzähligen Rennen und Zuverlässigkeitsfahrten um diese werbewirksam einzusetzten. So z.B. 1904 die Weltumrundung mit einem 4 Zylinder Modell.
Straßen, Kurven, Landschaften - all das wird im Sattel einer FN zur Kulisse in einem Breitwand-Epos, in dem der Fahrer sowohl Betrachter als auch Hauptdarsteller ist. Die M 67 entfaltet beim Fahren ihren eigenen großen Charme, wenn sie Steigungen und Gefälle ebenso souverän meistert wie vor Jahrzehnten, als sie noch zu dem modernsten Motorrad ihrer Klasse gehörte. Die Leute verrenken sich die Hälse, wenn sie über die Straßen tuckert. Auch viele, viele Jahre nach ihrer Erstzulassung zieht sie die Blicke auf sich.
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