Der Film „The Bikeriders“, der am 20. Juni 2024 in den deutschen Kinos anlief, thematisiert das Leben einer fiktiven Motorradgang in den 1960er-Jahren. Der Film wurde von dem 1968 erschienenen Fotoband gleichen Namens des Fotojournalisten Danny Lyon inspiriert. Lyon trat 1963 dem Chicago Outlaws Motorcycle Club bei und dokumentierte vier Jahre lang das Leben der Biker, was das Fotobuch so authentisch macht.
Die Realität der Rockerklubs ist jedoch oft weit entfernt von der Romantik des Films. Viele dieser Gruppierungen sind in kriminelle Machenschaften verwickelt, die von Körperverletzung über Drogendelikte bis hin zu Mord reichen. In Deutschland werden immer wieder Ortsgruppen verboten oder lösen sich selbst auf, um dem Gesetz zuvorzukommen, nur um sich später neu zu gründen.
Überblick über die größten Rockergruppen der Welt
Welche Outlaw Motorcycle Gangs (OMCG) gibt es überhaupt auf der Welt und welches sind die größten und bekanntesten? Hier ist ein Überblick:
Hells Angels Motorcycle Club (HAMC)
Die Hells Angels waren der erste Rockerklub und sind bis heute der bekannteste und größte. Der Klub wurde 1948 gegründet und ist Medienberichten zufolge mittlerweile in 32 Ländern vertreten, auch in Deutschland. International wird der Klub immer wieder mit Straftaten in Verbindung gebracht.
Weltweit sollen die Hells Angels rund 6000 Mitglieder haben. In Deutschland gab es im Jahr 2021 19 Gruppierungen der Hells Angels, die der Organisierten Kriminalität zugerechnet wurden.
Zu erkennen sind die „Angels“ an ihren Kutten oder Jacken, oft aus Leder, mit dem Totenkopf mit Helm und Flügeln darauf sowie dem Schriftzug „Hells Angels“.
Bandidos Motorcycle Club (BMC)
Die Bandidos gelten als die Rivalen der Hells Angels. Sie sind ähnlich bekannt und haben Berichten zufolge weltweit in etwa 22 Ländern rund 5000 Mitglieder. Der Klub wurde 1966 im US-amerikanischen Texas gegründet und ist in Deutschland seit 1999 vertreten.
Das Logo der Rocker zeigt einen mexikanischen Banditen mit Machete in der einen und Revolver in der anderen Hand.
Outlaws Motorcycle Club (OMC)
Der Outlaws Motorcycle Club ist vor allem in den USA groß, aber auch in Deutschland vertreten. Er soll Berichten zufolge weltweit rund 4500 Mitglieder haben. Zu erkennen sind die Outlaws an dem Totenkopfsymbol.
Der Motorradklub wurde schon 1935 gegründet, damals unter dem Namen „Mc Cook Outlaws Motorcycle Club“, löste sich zwischendurch aber wieder auf und kam erst später wieder zusammen.
Gremium Motorcycle Club (GMC)
Der Gremium MC wurde 1972 in Mannheim gegründet und hat sich seitdem auch nicht wie viele andere einem internationalen Motorradklub wie den Hells Angels oder Bandidos angeschlossen. Rund 1900 Mitglieder hat der Klub Berichten zufolge weltweit und zählt europaweit zu den größten. Zu erkennen sind die Mitglieder an den Kutten mit einer Faust darauf, die eine Wolkendecke durchbricht, sowie dem Schriftzug mit dem Namen des Klubs.
Mongols Motorcycle Club (MMC)
Die Mongols wurden 1969 im kalifornischen Montebello gegründet und sind immer noch am stärksten in ihrem Heimat-US-Bundesstaat vertreten, aber auch in anderen US-Staaten sowie weiteren Ländern. Schätzungen der weltweiten Mitgliederzahlen gehen auseinander und liegen zwischen 500 und 1500. In den USA gelten die Mongols als besonders gewalttätig.
Die Mongols erkennt man an ihrem Logo, auf dem ein mongolischer Krieger zu sehen ist, der eine Sonnenbrille trägt.
Sons Of Silence Motorcycle Club (SOSMC oder SOS)
Die Sons of Silence wurden 1966 in Colorado gegründet und sollen zu einem der fünf größten Motorradklubs der USA gehören. Ihr erstes Chapter außerhalb der USA gründeten sie tatsächlich in Deutschland, im Jahr 1998 in München. Weltweit sollen die Sons of Silence jedoch „nur“ 400 Mitglieder haben. Ihr Logo zeigt einen Weißkopfseeadler vor einem großen A.
Pagan’s Motorcycle Club (PMC)
Die Pagan’s wurden 1959 in Prince George’s Country im US-Bundesstaat Maryland gegründet und haben Berichten zufolge in den USA rund 900 Mitglieder, in anderen Ländern hat der Klub keine Ortsgruppen. Den Pagan’s wird aber nachgesagt, Verbindungen zur italienischen Mafia zu haben sowie zu der US-Neonazi-Gruppe Aryan Brotherhood. Ihr Logo ziert ein Teufel mit Schwert in Flammen.
Vagos Motorcycle Club (VMC)
Der Vagos MC, manchmal auch Green Nation genannt, wurde im Jahr 1965 in Kalifornien gegründet. Das Logo der Gang ist Loki, ein Gott aus der nordischen Mythologie, auf einem Motorrad. Berichten zufolge hat der Vagos MC weltweit rund 4000 Mitglieder.
Rock Machine
Dieser kanadische Rockerklub wurde 1986 in Québec gegründet. Seit 2000 wurden Rock Machine bei den Bandidos eingegliedert, wurden 2007 aber wieder unabhängig. Das Logo der Rockergruppe: ein Adlerkopf mit rotem Auge.
Rebels
Die Rebels wurden in Australien gegründet und sind die größte Gang des Landes mit über 2300 Mitgliedern. Sie sind vor allem im Drogenhandel aktiv und werden von den australischen Behörden als größte kriminelle Bedrohung eingeschätzt. Ableger gibt es in rund 20 Ländern.
Weitere gefährliche Rockergruppen
Neben den genannten gibt es noch unzählige weitere Motorradclubs, die neben ihren Bikes vor allem eins gemeinsam haben: Dass sie sich regelmäßig durch kriminelle Machenschaften hervortun. Dazu gehören beispielsweise:
- Gypsy Joker
- Satudarah
- Black Jackets
- Red Legion
- La Fraternidad
Die Rolle der Frau in Rockergruppen
In der Männerwelt der Rocker spielt das weibliche Geschlecht eine spezielle Rolle. Frauen im Umfeld von Rockern werden oft mit dem Zeigen von viel Haut und in erotischen Posen assoziiert. Innerhalb der Rockergruppen gibt es verschiedene Rollen für Frauen:
- Old Ladies: Feste Partnerinnen einzelner Mitglieder, die für die übrigen Mitglieder tabu sind.
- Mamas: Allgemein verfügbare „Lustobjekte“, die quasi als Clubeigentum betrachtet werden und für jedes Mitglied verfügbar sein müssen.
Die Expansion und Kriminalität der Outlaws
Der Chicago Outlaw Motorcycle Club (auch bekannt als die Outlaws) wurde 1935 vor Matilda’s Bar in McCook, Illinois, einem Vorort von Chicago, gegründet. Der Zweite Weltkrieg war ein wichtiger Treiber für den Aufstieg der Motorradkultur in den USA.
Mit den Kriegsveteranen bekamen die MCs allerdings auch eine neue Dynamik. Aus harmlosen Faustkämpfen werden Schießereien und Attentate; das Leben in den Motorradclubs verlagerte sich zunehmend ins kriminelle Milieu. Heute sind die Outlaws der drittgrößte MC der Welt, nach den Hells Angels und den Bandidos.
Die Outlaws sind übrigens auch der erste anerkannte „Ein Prozent“-Motorradclub im US-Bundesstaat Illinois. Mitglieder der Onepercenter leben ihren Lebensstil als buchstäbliche Outlaws ohne Kompromisse.
Seit der Gründung haben sich die Outlaws weit über ihren Hauptsitz in Chicago hinaus ausgebreitet. Die Organisation hat heute laut Biography Niederlassungen in mindestens 26 Staaten und ist in Ländern wie Frankreich, Irland, Japan und Russland vertreten.
Seit November 2023 stuft das US-Justizministerium die Outlaws als eine von 300 „Outlaw Motorcycle Gangs“ oder OMGs ein.
Der Film „The Bikeriders“
„The Bikeriders“ ist der siebte Spielfilm von Regisseur Jeff Nichols, der vor allem für seine Arbeit an „Take Shelter“ (2011) und „Mud“ (2012) mit Matthew McConaughey in der Hauptrolle bekannt ist.
Der Film verfolgt die Gründung eines anfangs kleinen Motorradclubs im Mittleren Westen der USA zur Zeit der rebellischen 60er-Jahre. Im Film heißt der MC allerdings „Vandals“ und nicht Outlaws wie im echten Leben.
Nach einer Begegnung in einer örtlichen Bar fühlt sich die selbstbewusste Kathy (Jodie Comer) spontan zu Benny (Austin Butler) hingezogen, dem neuesten Mitglied der Vandals. Angeführt wird die Gang vom mysteriösen Johnny (Tom Hardy).
Der Club entwickelt sich weiter: Er verwandelt sich von einem Treffpunkt für Außenseiter zu einer gewalttätigen und kriminellen Organisation.
Regisseur Jeff Nichols stieß schon vor 20 Jahren auf das Buch von Danny Lyon und wurde sofort in die Magie der Motorradwelt hineingezogen. Danny selbst wird in der Verfilmung von „Challengers“-Star Mike Faist gespielt, der hier im Gegensatz zur Realität nicht selbst Motorrad fährt. Der Danny im Film plant ebenfalls, ein Buch über die Biker zu schreiben.
Jodie Comer hat ihren Chicagoer Akzent im Film an eine 30-minütige Aufnahme mit der echten Kathy angelehnt. Ein Foto des echten Benny gibt es im Bildband The Bikeriders leider nicht.
Entwicklung der Rockerkriminalität
Die Zeiten, in denen Rocker ihre Revierkämpfe mit bloßen Fäusten austrugen, sind lange vorbei. Heute wird scharf geschossen. Viele Gangmitglieder verzichten auch auf das einstmals obligatorische Motorrad.
Die Gangs haben anderes zu tun, als in Formation durch die Gegend zu biken. Sie kassieren ab, schüchtern ein, schlagen zu. Als Fortbewegungsmittel kommen oft eher aufgemotzte Limousinen als Zweiräder zum Einsatz.
Gangnamen und Loyalitäten wechseln, man kommt kaum noch mit. Früher gab es drei, vier Gangs wie die Angels und die Mongols. Früher galt, einmal Angel, immer Angel. Heute schießen ständig neue Gruppen aus dem Boden, mit neuen Namen.
Immer mehr Rockertrupps sortieren sich nach ethnischer Herkunft: Viele junge türkischstämmige Männer drängen zu den Hells Angels und deren Supporter-Clubs, zu den „Osmanen“. Bei den mit ihnen verfeindeten United Tribuns hingegen finden sich Iraner, Albaner, Kosovaren, Araber und Serben.
Was die Gangs eint, ist die Gier nach Geltung und Geld.
Neco Arabaci und sein Einfluss
Hinter der Schießerei steckt nach Erkenntnissen von Ermittlern ein alter Bekannter. Der agiert nicht in Berlin, Hamburg oder Leipzig, er spinnt seine Fäden von der Türkei aus. In Deutschland wird er per Haftbefehl gesucht: Neco Arabaci, 44, genannt „der Schönling“.
Früher war Arabaci Chef der Hells Angels in Köln. Durch brutale Erpressungen, Prostitution und Drogenhandel erkämpfte sich der Mann seinen Ruf in der Szene. Arabaci wurde im September 2004 zu neun Jahren Haft verurteilt und schließlich in die Türkei abgeschoben. Heute agiert er von Izmir aus.
Arabaci legt sich mit den mächtigen arabischen Großfamilien an, die dort seit Jahren die lukrativen Geschäftsfelder Drogen, Schutzgelderpressung, Prostitution und Menschenhandel kontrollieren. Bei seiner unfreundlichen Übernahme geht Arabaci strategisch vor. Er nutzt die Rocker-Strukturen und baut sie für seine Interessen um. Er wechselt die Gangs wie Hemden. Sie sind nur noch Masken der Kriminalität.
Die aktuelle Situation in Deutschland
Die Sicherheitsbehörden reagieren u.a. mit Verboten und verstärkten Kontrollen auf die Zunahme gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Rockergruppen. Dennoch bleibt die Rockerkriminalität ein Problem, das die Sicherheitsbehörden weiterhin beschäftigt.
Die Rocker sind nicht nur untereinander brutal, sondern geben auch die Parole aus, bei Überprüfungen oder Festnahmen so viel Widerstand wie möglich gegen Polizisten zu leisten.
Mitgliederzahlen und kriminelle Aktivitäten
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Mitgliederzahlen und die vorwiegenden kriminellen Bereiche der größten Rockergruppen:
| Rockergruppe | Mitgliederzahl weltweit (ca.) | Vorwiegende kriminelle Bereiche |
|---|---|---|
| Hells Angels | 6.000 | Drogen-, Waffen- und Frauenhandel, Schmuggel, (Schutzgeld-)Erpressung, Gewalt |
| Bandidos | 5.000 | Drogen-, Waffen- und Frauenhandel, Schmuggel, (Schutzgeld-)Erpressung, Gewalt |
| Outlaws | 4.500 | Drogenhandel, Gewalt |
| Gremium MC | 1.900 | Drogen-, Waffen- und Frauenhandel, Schmuggel, (Schutzgeld-)Erpressung, Gewalt, Rechtsradikalität |
| Mongols | 1.500 | Drogen-, Waffen- und Frauenhandel, Geldwäsche, Schmuggel, (Schutzgeld-)Erpressung, Gewalt |
| Sons of Silence | 400 | Drogen-, Waffen- und Frauenhandel, Geldwäsche, (Schutzgeld-)Erpressung, Gewalt |
| Pagan’s | 900 | Drogen-, Waffen- und Frauenhandel, Geldwäsche, (Schutzgeld-)Erpressung, Gewalt |
| Vagos | 4.000 | Drogenhandel, Versicherungsbetrug, Geldwäsche, (Schutzgeld-)Erpressung, Fahrzeugdiebstahl, Gewalt |
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