Hydraulische Vorderradbremse am Motorrad: Funktion, Wartung und mehr

Bremsen sind ein essenzieller Bestandteil jedes Motorrads und können im Zweifelsfall Leben retten. Dieser Artikel beleuchtet alle Aspekte der Scheibenbremsen am Motorrad, von Aufbau und Funktionsweise über häufige Defekte bis hin zu Wartung und Pflege.

Funktionsweise der hydraulischen Vorderradbremse

Haben Sie sich jemals gefragt, wie es möglich ist, ein 250 kg schweres Motorrad aus voller Fahrt mit nur einer Hand abzubremsen? Die Antwort liegt in der Hydraulik. Am Lenker befindet sich die Handbremspumpe, deren Hebel auf einen Geberzylinder mit Flüssigkeitsbehälter wirkt. Dieser enthält einen oder mehrere Bremskolben (auch Nehmerzylinder) und ist mit dem Tauchrohr der Gabel verschraubt. Durch den Bremssattel läuft die Bremsscheibe, die beim Betätigen der Bremse von mindestens zwei Bremsbelägen sprichwörtlich in die Zange genommen wird, indem die Beläge durch die Bremskolben an die Scheibe gepresst werden.

Physikalische Grundlagen: Beim Bremsen wird die kinetische (Bewegungs-)Energie des Bikes durch Reibung der Bremsbeläge an der Bremsscheibe in Wärme umgewandelt. Die Hydraulik funktioniert wie ein Getriebe und setzt einen größeren Arbeitsweg mit wenig Kraftaufwand (Handbremspumpe) in einen kleineren Arbeitsweg mit riesiger Kraftausbeute (Bremssattel) um.

Arten von Scheibenbremssystemen

Es gibt verschiedene Arten von Scheibenbremssystemen. Jene mit Seilzugbetätigung sind wegen ihrer geringen Verbreitung weniger relevant. An älteren Motorrädern finden sich normalerweise Bremsen mit einer oder auch zwei Scheiben, gelocht oder ungelocht und von verschiedenen Durchmessern und Stärken. Neuere, schwerere oder leistungsstärkere Maschinen bremsen aber auch heckseitig mit Scheiben. Die bei einigen Sportwagen und ab und an auch bei aufwendig gestalteten Custombikes anzutreffende Perimeterbremse, bei der die Scheibe nicht an der Radnabe, sondern am Felgenkranz verschraubt ist, wird der Vollständigkeit halber ebenfalls erwähnt.

Wichtiger Hinweis zur Arbeit an Bremsen

Vorab ein sehr wichtiger Hinweis: Arbeiten Sie bitte an Bremsen nur, wenn Sie es können und wissen, was Sie tun. Wenn dem nicht so ist, ab zur Fachwerkstatt, dem Customizer oder zum erfahrenen Schrauberkumpel, der sicher gern weiterhilft.

Bremsflüssigkeit: Das Lebenselixier

Beginnen wir bei der Bremsflüssigkeit. Hierbei handelt es sich um ein spezielles Hydrauliköl mit einem sehr hohen Siedepunkt und korrosionshemmender Wirkung. Der Siedepunkt von Bremsflüssigkeit sinkt mit der Zunahme des Wasseranteils und so kann es auf hitzig zugehenden Fahrten mit scharfen Bremsmanövern zu Dampfblasenbildung kommen. Diese sind, im Gegensatz zu Flüssigkeiten, komprimierbar, was im schlimmsten Falle den Ausfall der kompletten Bremse zur Folge hat, da die vom Handhebel betätigte Bremspumpe lediglich Luftblasen zusammendrückt, anstatt durch ordentlichen Druckaufbau die Beläge in Richtung Scheibe zu zwingen.

Die Motorradhersteller geben aus diesen Gründen zumeist ein jährliches Wechselintervall an. Also, raus mit der Suppe, wenn das Christkind vor der Tür steht, das Zeug kostet nur ein paar Euro und ist bei den meisten, vor allem älteren Motorrädern ohne ABS, sehr einfach auch selbst durchführbar.

Es gibt DOT 3, DOT 4, DOT 5.1 und DOT 5. Während die ersten drei untereinander mischbar sind, ist DOT 5, da auf Silikonbasis hergestellt, nicht mit den anderen Flüssigkeiten kompatibel. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, schaut auf den Deckel des Ausgleichsbehälters, dort ist die geforderte Bremsflüssigkeit vermerkt.

Bremsleitungen: Gummi vs. Stahlflex

Bremsleitungen aus Gummi altern, werden rissig oder quellen auf. Letzteres ist besonders arglistig, da die Leitungen sich im Querschnitt verjüngen und die Bremsflüssigkeit nach vollzogenem Druckaufbau keinen geordneten Rückzug antreten kann. Wenn Sie diesbezüglich Ruhe haben wollen, empfiehlt sich ein Austausch gegen Stahlflexleitungen, deren Hersteller eine quasi lebenslange Garantie auf die Leitungen geben. Hübsche Nebeneffekte sind die schlankere Optik und ein vermeintlich exakter fühlbarer Druckpunkt, da die Leitungen wegen ihrer Stahlgewebe-Ummantelung kaum Druckverluste zulassen sollen.

Stahlflexleitungen gibt es von verschiedenen Herstellern für alle gängigen Fahrzeugmodelle und zum Selbstkonfektionieren für Umbauten. Achten Sie beim Kauf auf eine vorhandene ABE, dann sind die Dinger eintragungsfrei.

Verschleiß der Bremsscheiben

Auch die Bremsscheiben unterliegen natürlich einem Verschleiß, sie werden im Laufe der Zeit regelrecht dünn gebremst. Ihre Mindeststärke ist auf dem Scheibenträger eingeprägt. Kaufen oder leihen Sie sich eine Mikrometerschraube, messen Sie ab und an mal nach und wenn der angegebene Wert erreicht oder bereits unterschritten ist, muss die Scheibe gewechselt werden. Manche Scheiben verkürzen den Zeitraum ihrer Koexistenz mit Mensch und Maschine auch dadurch, dass sie feine Haarrisse zwischen den Lochbohrungen entwickeln. Der Schrotthändler entsorgt diese gerne für Sie.

Der Bremssattel und sein Innenleben

Widmen wir uns nun dem Bremssattel und seinem Interieur. Eine regelmäßige Sichtkontrolle der Bremsbeläge versteht sich von selbst. Deren Austausch ist möglich, ohne in das geschlossene hydraulische System einzugreifen. Wenn die Klötze schon einmal draußen sind, können wir einen Blick auf die Bremskolben und ihre Gummidichtungen werfen. Es gibt einen inneren Dichtungsring und eine äußere Gummimanschette.

Ähnlich wie beim Schwimmsattel drückt der hydraulisch betätigte Kolben nur von einer Seite, sodass der gesamte Sattel auf der Kolbenseite quasi von der Scheibe weggedrückt wird, wodurch der feste Bremsbelag auf der anderen Seite an die Scheibe herangeführt wird und ebenfalls seine Wirkung entfalten kann. Nachteil: Durch Winkelversatz kein hoher Wirkungsgrad und schräg abgenutzte Bremsbeläge.

Diese äußere Manschette kann man mit einem weichen Lappen vorsichtig reinigen und auf Risse oder Beschädigungen untersuchen. Falls dabei Bremsflüssigkeit zum Vorschein kommt, besteht Handlungsbedarf und der Sattel muss überholt werden. Dann ist nämlich beispielsweise der innere Dichtring spröde und verschlissen. Oder aber der Bremskolben aus Stahl ist durch veraltete Bremsflüssigkeit oder von außen eingedrungenes Wasser korrodiert. Ein neuer Kolben inklusive eines kompletten Dichtsatzes ist jetzt oft die letzte Rettung.

Das bisher für den Bremssattel Geschriebene gilt übrigens eins zu eins auch für die Handbremspumpe. Auch hier gibt es einen Kolben aus Alu oder Stahl, der mit Gummidichtungen und Manschetten abgedichtet ist.

Tabelle: Bremsflüssigkeiten im Vergleich

DOT-Klasse Siedepunkt (°C) Mischbarkeit
DOT 3 205 Mischbar mit DOT 4 und DOT 5.1
DOT 4 230 Mischbar mit DOT 3 und DOT 5.1
DOT 5.1 260 Mischbar mit DOT 3 und DOT 4
DOT 5 260 Nicht mischbar mit DOT 3, DOT 4 und DOT 5.1 (Silikonbasis)

Tuning-Potenziale und Verbesserungen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Bremsleistung Ihres Motorrads zu verbessern:

  • Stahlflexleitungen: Bringen einen konkreteren Druckpunkt, schlankere und auf Wunsch auch farbenfrohe Optik und garantieren sehr lange Standzeiten.
  • Bremsbeläge: Die Materialmischung des eigentlichen Bremsbelages auf der Trägerplatte hat großen Einfluss auf die Bremswirkung und Haltbarkeit von Belägen und Scheiben. Organisch oder Sintermetall unterscheiden sich deutlich.
  • Gelochte Scheiben: Haben ein besseres Nassbremsverhalten, sie führen die Reibungswärme schneller ab und sind heutzutage das Maß aller Dinge.
  • Größere Scheiben: Bieten wohl, wenn es um die reine Bremsleistung geht, das größte Tuningpotenzial.
  • Handbremspumpe mit kleinerem Kolbendurchmesser: Ein außerdem häufig gewähltes Vorgehen bei schwacher Bremsleistung ist der Einbau einer Handbremspumpe mit kleinerem Kolbendurchmesser.

Das komplette Unterfangen ist selbstverständlich, möglichst vorher, mit einem amtlich anerkannten Sachverständigen abzuklären, denn bei jedem Eingriff in das bestehende Bremssystem erlischt automatisch die Betriebserlaubnis für das Fahrzeug.

Alternative Bremssysteme: Die Trommelbremse

Allen Unkenrufen zum Trotz und entgegen allen technischen Fortschritts mit immer komplexeren und bissigeren Bremssystemen soll es auch noch Fahrzeuge geben, deren Piloten ihr Leben den wunderschön archaischen Trommelbremsen anvertrauen. Dies zu Recht, denn gut eingestellt und gewartet kann auch eine Trommelbremse durchaus ordentliche Verzögerungswerte erreichen, und unter optischen Gesichtspunkten ist sie, zumindest bei Nostalgikern, sowieso über jeden Zweifel erhaben.

ABS und CBS: Moderne Bremstechnologien

ABS steht für Antiblockiersystem und ist eine Sicherheitsfunktion, die darauf abzielt, das Blockieren der Räder beim Bremsen zu verhindern. Das Kurven-ABS ist eine Weiterentwicklung des herkömmlichen ABS für Motorräder, das speziell für das Bremsen in Kurven entwickelt und optimiert wurde.

Das kombinierte Bremssystem (CBS) ist eine Technologie, die Bremsen an Vorder- und Hinterrad gleichzeitig aktiviert, wenn nur einer der Bremshebel betätigt wird. Dies verbessert die Bremsleistung und Stabilität des Motorrads, insbesondere in Notfallsituationen.

Der Bremshebel: Kontrolle und Einstellung

Der Bremshebel befindet sich rechts am Lenker. Am besten kontrollierst du vor jeder Fahrt, ob er auch wirklich einwandfrei funktioniert. Außerdem sollte er immer ein angenehmes Griffgefühl ermöglichen.

Um stets unfallfrei unterwegs zu sein, solltest du sichergehen, dass dein Bremshebel richtig eingestellt ist. Dazu achtest du beim Fahren einfach darauf, ob dein Unterarm zusammen mit deinen Fingern eine Gerade bildet. Auf diese Weise liegt die Hand ideal auf dem Bremshebel auf.

Um den Bremshebel einzustellen, musst du nur die Klemmschrauben an den Armaturen lösen. Danach kannst du den Handhebel einfach an die für dich ideale Position bringen. Anschließend ziehst du alle Schrauben wieder fest.

Wenn der Bremshebel nicht mehr wie gewünscht funktioniert, lässt du dein Motorrad vorerst lieber stehen und suchst schnellstmöglich die nächste Werkstatt auf.

Motorrad-Bremse entlüften: So geht's

Nur dann, wenn es sich um eine geschlossenes hydraulisches System ohne Lufteinschlüsse handelt, funktionieren die Bremsen einwandfrei. Jedoch nimmt die Bremsflüssigkeit mit zunehmendem Alter Luft und Wasser auf - es ist unabhängig von den gefahrenen Kilometern. Es schwächt die Bremswirkung deutlich ab oder es kommt zu einem totalen Bremsen-Ausfall.

Schau Dir die Färbung der Bremsflüssigkeit im Flüssigkeitsbehälter an. Frische Bremsflüssigkeit ist in der Regel hellgelb. Ungeachtet dessen ist alte Bremsflüssigkeit grau bis schwarz. Ist dies der Fall, dann besser Bremsflüssigkeit vorab wechseln.

Wie das Motorrad-Bremse entlüften funktioniert, wird im Detail in zahlreichen Anleitungen erklärt.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0