Udo Lindenberg: Eine Reise durch die Höhen und Tiefen des Panikrockers

Eines der schönsten deutschen Gedichte hebt folgendermaßen an: „Getrampt oder mit ’m Moped/ Oder schwarz mit der Bahn/ Immer bin ich dir irgendwie/ Hinterhergefahr’n.“ Die Zeilen stammen aus der Ballade „Cello“ von Udo Lindenbergs drittem Album „Alles klar auf der Andrea Doria“. Schon Ende 1973 wusste das bald jeder in Deutschland. Dass sich da einer gefunden hatte.

Die frühen Jahre und der Durchbruch

Schon mittags betrunken - so feiert Frauke Ludowig Heiligabend. Allein schon das Cover! Udo Lindenberg sitzt auf dem Beifahrersitz seines Tourbusses, mit einem Fischaugenobjektiv fotografiert, der debil grinsende Fahrer und die Parade schräger Typen, die er durchs vernebelte Gelände kutschiert, sie sehen aus wie auf einen Luftballon gezogen.

Nur Udo bleibt cool und unverzerrt, liest Prawda, raucht Zigarre, schenkt sich Sekt nach. Er ist der Dompteur im Irrenzirkus. Nach dem Überraschungserfolg von „Andrea Doria“ handelt Lindenberg einen Plattenvertrag aus, der ihm eine Million Deutsche Mark und die künstlerische Freiheit garantiert. Unerhört ist das, in einem Land, das sich keine Stars erlaubt, nur Schlagersänger, die nach der Peitsche von Dieter Thomas Heck tanzen.

So schreibt es Thomas Hüetlin, beziehungsweise so lässt er es sich vom 72 Jahre alten Chef-Paniker einflüstern, in dessen just erschienener Autobiografie „Udo“. „Stell Dir vor . . .“- mit dieser Selbstaufforderung beginnt jedes Kapitel, ein fernes Echo von Vladimir Nabokovs Erinnerungen „Speak, Memory“ vielleicht. Es folgen Beichten in der dritten Person, Geschichten von einem Helden, der die Zügel gerne mal schießen lässt, so er sie nicht gleich in die Hände hochprozentiger Begleiter legt, vom edlen schottischen Lagavulin bis zum industriell hergestellten Kräuterfusel.

Abstürze und Comeback

So beginnt „Udo“ keineswegs mit den alten Glanzzeiten des ersten ernstzunehmenden deutschen Rockstars, sondern mit dem Tiefpunkt seiner langen Karriere, im Jahr 2006. Den schier unvorstellbaren Mengen an Alkohol, die auf den knapp 350 Seiten von „Udo“ konsumiert werden, begegnet man sonst höchstens noch in der berüchtigten Mötley-Crüe-Biografie „The Dirt“, doch anders als die weidet sich Lindenberg nicht an den Gelagen der Vergangenheit. Er verzeichnet, relativ nüchtern, die Kosten. Bis hin zur 4,7 Promille Diagnose im Anschluss an eine (für ihn) desaströse „Rock gegen Rechts“-Tournee kurz nach der Jahrtausendwende.

Der Suff hat ihn fest im Griff, die Bank verkündet, dass sein Depot leider leer sei, künstlerisch lebt er schon länger auf Kredit. Hinterm Horizont geht es nicht mehr weiter, da lauern Baumärkte und Möbelhäuser. Den ehemaligen Fans erscheint der aufgedunsene Nuschler nur noch als sein eigener zweitbester Parodist (gleich hinter Helge Schneider), selbst die eigene Entourage schimpft ihn „die singende Bockwurst“. Und dann stirbt sein älterer Bruder Erich, der erfolglose, aber unkorrumpierbare Maler, sein gutes mahnendes Gewissen: „Der Udoway war jetzt nur noch ein Highway ohne Leitplanken“, wie Lindenberg gut lindenbergisch feststellt.

Man kann diese Biografie unmöglich lesen, ohne sie sich von der inneren Stimme im wie durch den Kamm geblasenen Lindenberg’schen Schnodderorgan vornölen zu lassen. Wie auch anders? Klar, man will alles von Udos geheimer Affäre mit Nena wissen, in deren Zuge das damalige Mädchenwunder der Neuen Deutschen Welle, unter einer Burka verborgen, gemeinsam mit dem langsam kahl werdenden Rocker im Liebesnest eincheckte („Meine Cousie aus Saudi-Arabien“).

Das Gegenstück zur Kindheit im äußersten Westen bilden die Kapitel, die Lindenbergs Engagement im Osten nachspüren, das lange vorm „Sonderzug nach Pankow“ begann. 72 Jahre, über 700 Songs, noch mehr spektakuläre Abstürze und ein grandioses Comeback: Hier erzählt Udo Lindenberg, wie er wurde, was er heute ist - in zehn seiner LieblingssongsWahrscheinlich kann nur Keith Richards wirklich beurteilen, wie es Udo Lindenberg gelungen ist, sein eigenes Leben bis heute zu überleben. Der Panikrocker tanzte immer ganz nah am alleräußersten Rand der Absturzkante, Hut, Sonnenbrille, Doppelkorn, Eierlikör, Zigarre, der erste deutsche Rockstar überhaupt.

2011 gelang ihm nach einigen miesen Jahren mit 1,2 Millionen verkauften „MTV Unplugged“-Alben sein Comeback. Nun gibt er mit „MTV Unplugged 2“ eine Zugabe. Aufgenommen hat er das Album im Juli dieses Jahres in Hamburg, wieder gemeinsam mit Wegbegleitern und Freunden wie Jan Delay, Alice Cooper, Marteria und Maria Furtwängler, mit denen er alte und neue Songs in der intimen Atmosphäre der Kulturfabrik Kampnagel singt.

Lindenberg über Lindenberg

Beim Interview im Berliner Hotel „Hyatt“ am Potsdamer Platz setzt er die Sonnenbrille ab und lässt den Hut auf. Er trinkt Tee und möchte nicht gesiezt werden. Herr Lindenberg, das klingt auch irgendwie seltsam. Ganze Generationen knutschten zum ersten Mal zu „Cello“, und in „Udopia“ sind wir ohnehin alle eine große Familie.

„Hoch im Norden“ 1972

Hoch im Norden, hinter den Deichen bin ich geboren / immer nur Wasser, ganz viele FischeDas war dein erster Hit. Warum hast du als Trommler überhaupt mit dem Singen angefangen? Es ging nicht so richtig weiter in der Musik. Dafür hätte ich jeden Tag fünf Stunden im Keller üben müssen. Ich wollte lieber auf die Bühne gehen und mich feiern lassen, toll beleuchtet als Rockstar. Damals war Rockmusik ja immer englisch, auf Deutsch geht das nicht, dachten wir. Ich so: „Götter, wenn es euch gibt, dann bitte macht, dass ich der Erste bin, dass mir keiner zuvorkommt damit.“ Einer musste das ja machen.

„Hoch im Norden“ war die B-Seite eines Schlagers namens „Sommerliebe“, den die Plattenfirma unbedingt wollte. Absurde Story. „Sommerliebe“ hatte ich in der Psychiatrie geschrieben, da war ich, weil ich es bei der Bundeswehr nicht ausgehalten habe, Zuckungen und so. Da gab’s eine Ausschreibung von der „Hörzu“ - die schönste Komposition. Die habe ich gewonnen, eine Krawatte war der Preis. Die Plattenfirma wollte den unbedingt, ich habe gesagt: „Den kriegt ihr nur mit ,Hoch im Norden‘ auf der B-Seite.“ Den Song fand ich so schön ballaballa. Das war gerade der Gag, dass ich kein ausgebildeter Sänger bin. Ich kann keine Töne halten, singe auch meistens ein bisschen schief.

„Andrea Doria“ 1973

Bei Onkel Pö spielt ’ne Rentnerband / seit 20 Jahren Dixieland / ’n Groupie haben die auch / die heißt Rosa oder so / und die tanzt aufm Tisch /wie ’n Go-Go-GirlMit diesem Lied hast du dein erstes großes Konzert begonnen, 1973 in der Musikhalle Hamburg. Ich dachte, ziehst dir goldene Klamotten an und los. A star is born oder nicht. Ich wusste nicht, ob meine Musik nur auf der Platte gut ist und live nicht so. Na ja. Live war auch gut.

Wenn du so ein großes Cola-Glas nimmst, kriegst du 15 kleine Doppelkorn rein. 15 Körner, dann auf die Bühne. Mir ist ein bisschen schwindelig geworden. Lampenfieber. Rennst da raus. Die Spots blenden dich. Findest das Mikrofon gar nicht, knallst um. Grazil wie eine Gazelle, so raubtiermäßig, habe ich das Mikro aufgefangen und „Andrea Doria“ angefangen. Die Leute dachten, ich hätte ewig geübt für diese Einlage. Damals hast du die Fantasiesumme von einer Million Mark verlangt von der Plattenfirma - und bekommen, als erster deutscher Rockmusiker. Du bist ein Zocker. Zocker, Gambler, Abenteurer. Ich musste damals die Kohlen holen.

Nach dem Tod meines Vaters war nicht viel Knete da, 300 Mark Rente für meine Mutter. Und meine drei Geschwister hatten auch nichts. Warum hast du dich so verantwortlich gefühlt für die Familie? Als mein Vater starb, saß ich neben ihm, da ging das von ihm auf mich über. Wie bei „Der Pate“. Der Plattenfirma habe ich dann gesagt: „Unter ’ner Million müssen wir gar nicht weiterreden.“ Da war ich 25 und hatte so Gamaschen an und weiße Handschuhe. Das fand ich auch eindrucksvoll, weißt du. Eine Summe mit so vielen Nullen hatte ich vorher noch nie gesehen. Ich bin dann mit einer weißen Stretch-Limo nach Gronau, und das sieht natürlich auch wie Kino aus. Ja, ich bin ein Glückspilz. Geiler Beruf, Rockstar.

„Cello“ 1973

Getrampt oder mit dem Moped oder schwarz mit der Bahn / immer bin ich dir irgendwie hinterhergefahr’nDu hast so viele Liebeslieder geschrieben. Warum bist du Single geblieben? Meine Maxime war immer die Musik, die Karriere. Alles andere musste damit kompatibel sein. Also keinen Liebesstress. Kann ich mir nicht erlauben. Stress und Palaver, dann bin ich nicht gut auf der Bühne und beim Schreiben. Und Frauen wollen dann auch Kindchen und eben ein anderes Leben, nicht dieses Rock-’n’-Roll-Leben, dieses unstete Durch-die-Welt-Ziehen. Deswegen hat’s nie so geklappt. Aber irgendwann habe ich gesagt, muss ja auch nicht sein.

Mit seiner Gang zu leben ist auch sehr schön. Das ist deine Familie? Ja, das ist meine Punk-Familie. Natürlich gibt es mal Frauen, die mir besonders nahe sind am Herzen, oder Typen. Aber ich bin mehr so ein Hippie-Freddy, der mit der Gang rumzieht. Trotzdem extrem eifersüchtig, zumindest während der Affäre mit Nena. Ja, ja, ja, das ist eben so eine archaische blöde Nummer, die auch mir irgendwie noch am Fuße klebt. Ich bin Doktor Flexibel. Aber die Frau soll dann bitte nicht mit anderen.

„Mädchen aus Ostberlin“ 1973

Stell dir vor, du kommst nach Ostberlin / und da triffst du ein ganz heißes Mädchen / So ein ganz heißes Mädchen aus Pankow / Und du findest sie sehr bedeutend / und sie dich auchDie DDR war dein Lebensthema. Warum? 1973 war mir die politische Tragweite noch gar nicht so klar. Das Treffen da mit meinem Mädchen aus Ostberlin, Unter den Linden, wir haben Piccolöchen getrunken. Und Schmusefix und so. Und dann mussten wir uns wieder trennen. Welche Regierung darf das? In der Nacht habe ich „Mädchen aus Ostberlin“ aufgeschrieben. Du warst ein gesamtdeutscher Rockstar. Aber es hat noch zehn Jahre gedauert, bis du im Palast der Republik singen durftest.

Das war schwierig. Ich wusste nicht, dass die nur FDJ einladen zum Konzert und keine Fans. Deswegen bin ich da auch abgehauen. Hab behauptet, ich muss kurz auf die Toilette und bin dann raus. Die Fans haben mich auf die Schultern genommen. Da war der SED klar, dass mein Auftritt doch riskant ist. Alle weiteren Konzerte haben sie dann abgesagt. Ich glaube, dass sie die wirklich ehrlich wollten. Aber sie haben Angst gekriegt.

„Riskante Spiele“ 1974

Nun stand er jeden Abend an der Theke / und trank mit Vergnügen viele Flaschen aus / doch eines Abends nach dem zwanzigsten Bier / da sah er seine erste weiße MausAlkohol hat in deinem Leben immer eine Hauptrolle gespielt. Ja, ja, ja. Ich komme aus einer reinen Alkoholkultur. Das war in den fünfziger Jahren so. Die Leute waren nur fröhlich, wenn sie was gesoffen hatten. Wir saßen ja noch in den Trümmern, weißt du, 1949 in Gronau. Ich musste mir die ganzen Jahre Mut antrinken und alleine sein in großen Städten und der Alkohol immer ein steter Begleiter.

Die ersten Gagen mit 13 waren noch Schokolade, dann bin ich auf Bier umgestiegen. In der Musikerszene läuft immer alles mit Alkohol. Bierchen, Bierchen, trallala, Doppelkorn. Immer ein bisschen feiern muss man als Musiker, das ist geil, kannst ja immer feiern. Wie hast du es geschafft, immer wieder aufzuhören? Es sollte mich ja nicht killen. War aber nah dran. Viermal Krankenhaus mit 4,7 Promille. Der Doktor hat gesagt: „Also normalerweise ist man jetzt tot.“ Ich war zehnmal jedes Jahr im Krankenhaus. Dann wieder weg. Der Astronaut muss wieder los. Muss große Texte machen.

Irgendein Spezialdoktor hat mir dann eine Spezialpille gegeben, die hat mich so richtig weggebombt. Udopium. Dann wurde mir immer klarer, ich höre jetzt auf. Ich mache einen Deal. Was gewinne ich dafür, wenn ich nicht mehr trinke? Eine bessere Option. Das ist die Bühne, geile Musik machen, wieder gut aussehen. So grazil wie die Gazelle eben. Und dann läuft wieder alles. Erfolg. Geil. In der Kunst. Mit Publikum. Die große Liebe. Die Knete kommt, Frauen kommen, Männer kommen, alles ist fantastisch. Das ist echt ein Rock-’n’-Roll-Leben, aber eben ohne diese Mengen. Ein bisschen Eierlikör, ein bisschen fernöstliche Dingerchen. Das reicht.

„Votan Wahnwitz“ 1975

Wahnsinn und Genie gehen Hand in Hand / dieser Taktstockmeister war auch dafür bekannt / Dann stand er da, mit wirrem Haar / dem Herzinfarkt verdächtig nahDein Vater hat den Klempnerladen seiner Eltern in deiner westfälischen Heimatstadt Gronau übernommen, aber er war nicht glücklich damit. Er war ein Visionär. Er träumte von einem Leben in der Kunst. Ja. Aber das ging ja in diesem kleinen Gronau in den fünfziger Jahren nicht. Er kam zurück aus dem Krieg, sein älterer Bruder war mit dem Motorrad verunglückt, dann war er der Ältere und musste den Betrieb übernehmen. Er hat es gehasst.

Das habe ich früh gemerkt. Vor allem wenn er breit aus der Kneipe kam, und Mutter weckte uns, und er dirigierte ein nicht vorhandenes Orchester, wir als Publikum. Yeah, mit wehenden Haaren, fortissimo! Schön verrückt, aber geil. Also wurde mir sehr früh klar, ich musste die Träume meines Vaters in die Realität übersetzen. Deswegen hat er dir auch das Schlagzeug geschenkt. Das fand er dann auch geil. Dass ich getrommelt habe. Natürlich immer verbunden mit der Sorge, ob das eine sichere Existenz ist.

Aber dann war schnell klar, schon mit 15, ich werde Profi-Trommler und so, dadamm, dadamm. Und als ich dann bei Klaus Doldinger in München war, ein paar Jahre später, und das stand in der Zeitung, da war er stolz. Das war meine Mission. Zwölf Jahre Berufstrommler in ganz vielen Bands, bis das dann irgendwann kam mit dem Gesang.

„Hermine“ 1988

Es fährt ein Schnellzug nach Berlin / und da sitzt sie ganz alleine / ums Herz ist ihr ein bisschen bang / und die Reise ist so lang / 1930 - Hermine ist ihr Name / Sie ist aus Gronau / eine kleine Stadt / in der man große Träume hatDu hast deine Mutter sehr geliebt. Ja. Hermine war sehr sensibel. Ich spüre, dass sie immer irgendwo in meiner Nähe ist. Sie hat mir gesagt: „Du bist auch sensibel und fein. Manchmal sind die Zeiten hart. Deine Sensibilität ist ein hohes Gut, du musst sie schützen. Verschwende dich nicht mit deinen ganzen Kostbarkeiten.“ Das habe ich auch befolgt.

Ich habe die Mauer einer gewissen Coolness herumgebaut um meine sensible Seele. Aber es geht ja nicht anders. Was war sie für ein Mensch? Sie war ein Arbeiterkind, keine dolle Partie für meinen Vater. Sie hatte einen ganz harten Job. Vier Kinder, der große Haushalt, die Firma. Deswegen fand ich es schön, dass sie noch zehn Jahre dabei war, als ich nun Star wurde. Nach ihrem Tod hättest du fast Selbstmord begangen. Was hat dich abgehalten? Dass sie das nicht gern gesehen hätte. Sie will, dass ich starke Dinger mache.

„Der Millionär hat keine Kohle mehr“ 2002

Das Leben ist grausam, und die Taschen sind leer / Haste mal nen schlaffen Euro oder ne müde Mark? / Die letzte Bank, die ihm noch bleibt, ist die Bank im ParkWie würdest du dein Verhältnis zu Geld beschreiben? Kommt rein, fließt raus, kommt rein, fließt raus. An vergängliche Werte sollte man sich nicht binden. Obwohl, eine ordentliche Grundausstattung mit Knete, das ist schon gut, weil das auch Freiheit ist. Ich muss nicht irgendeinen Job machen, auf den ich keinen Bock habe, nur wegen der Kohle.

2002 warst du fast pleite. Das war die New Economy. Da haben die bei der Bank alles reingeballert in diese abstrakten Papiere, dann war plötzlich die Kohle weg. Das hat mich schon gestresst, weil ich ja seit 1980 im Hotel wohne, ich gehe gerne auf Reisen. Das alles kostet. Wenn das so weitergeht, habe ich gedacht, dann muss ich demnächst beim Möbelmarkt singen. Wie Rex Gildo. Oder im Baumarkt. Hossa, hossa. Da musste ich irgendwie raus aus dieser scheiß Situation. Damals habe ich natürlich auch viel gesoffen. Ich sah nicht mehr sehr lecker aus. Ein bisschen Richtung Elvis, letzter Auftritt in Las Vegas. Nee, habe ich gedacht, das können wir nicht machen.

Ich muss jetzt diesen Deal machen, Alkohol wird eingetauscht gegen große Karriere. Ich wünschte, jeder Mensch hätte die Möglichkeit, so einen Deal zu machen, weißt du. Denn du musst ja, wenn du auf Droge bist, was Besseres finden als die Droge. Und du hattest was Besseres: dein Publikum, deine Kunst. Ja. In meinem Fall hat es funktioniert mit dem zweiten großen Akt im Leben. Wann hast du angefangen zu malen?Ich saß da, hatte ein bisschen Krise. 1995. Nur noch am Tresen. Immer am Saufen. Es kamen Leute und sagten: „Ich will ein Autogramm.“ Ich: „Ich gebe nur Udogramm.“ Und neben mir stand ein Glas Eierlikör oder irgendein Schnaps in einer schönen Farbe, der kippt um, ich male damit herum, male noch ein Frauchen dazu, fertig ist das Udogramm. Bitte schön. Kann man auch verkaufen, die Likörellen. So hat das angefangen.

„Stark wie zwei“ 2008

Stark wie zwei / Du bist wie schon so oft ein Pionier / Du reist jetzt schon mal vor / und irgendwann / dann folg ich dirDer überraschende Tod deines Bruders 2008 hat dich nach einer künstlerisch und persönlich ziemlich miesen Phase wieder wachgerüttelt. Das Album „Stark wie zwei“ wurde mit 600000 Verkäufen zu deinem erfolgreichsten überhaupt. Ich wollte im Namen von Lindenberg noch einmal das ganz große Ding machen, statt mich totzusaufen. Es war der Produzent Andreas Herbig, der mir sagte: „Die Leute wollen den Udo wieder so hören, wie wir ihn geliebt haben in den Siebzigern, mit ganz viel Akustik-Gitarre. Nicht mehr AC/DC, sondern transparenter.“ Das haben wir irgendwie hingekriegt. Ich hatte einen Rückfall bei der Produktion.

Herbig so: „Wenn du jetzt säufst, dann gehen wir nach Hause.“ Da bin ich heute noch dankbar für. Has... Ehrung für LebenswerkGeheimes aus dem UdoversumDonnerstag, 11.11.2010, 11:31Udo Lindenberg bekommt den Bambi für sein Lebenswerk. Udo Lindenberg (64). Zeit also für eine Zeitreise. FOCUS Online präsentiert Lindenbergs schönste Liedzeilen aus vier Jahrzehnten und vergleicht Dichtung mit Wahrheit. Ein Realitäts-Check. Denn Lindenbergs Leben ist nicht nur ein Soundtrack, sondern ein Film, der auf wahren Begebenheiten beruht.

Realitäts-Check

Gronau im tiefsten Westfalen, Gartenstraße 3. Hier wächst Udo auf. Klein die Verhältnisse, groß die Sehnsüchte. Udo nimmt früh Reißaus. 1973 erinnert er sich an die ersten Fluchten und schreibt „Cello“, einen seiner größten Klassiker. Heute ist der Text in italienischen Schulbüchern abgedruckt, als Beispiel für deutsche Pop-Sprache. Udo ist heute längst ein gefühlter Sizilianer.

Song Jahr Bedeutung
Hoch im Norden 1972 Erster Hit, markiert den Beginn seiner Gesangskarriere
Andrea Doria 1973 Durchbruch, etabliert ihn als Rockstar
Cello 1973 Liebeslied, thematisiert seine Single-Existenz
Mädchen aus Ostberlin 1973 Politisches Engagement, gesamtdeutscher Rockstar
Riskante Spiele 1974 Alkoholproblematik, Kampf gegen die Sucht
Votan Wahnwitz 1975 Erinnerung an den Vater, Verwirklichung von Träumen
Hermine 1988 Liebe zur Mutter, Sensibilität und Schutz
Der Millionär hat keine Kohle mehr 2002 Finanzielle Krise, Umgang mit Geld
Stark wie zwei 2008 Comeback nach dem Tod des Bruders

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