Glatte Asphaltstraßen, tiefer Waldboden, feiner Schotter, grobe Steine und nasse Wurzeln - Gravel-Reifen müssen Allrounder sein. Denn Gravel bedeutet: Freie Streckenwahl und die Unabhängigkeit von asphaltierten Straßen. Das Versprechen: Abenteuer, Naturerlebnis und ein Radsport-Erlebnis ohne die Nachteile des Straßenverkehrs. Kein Teil am Rad ist hierfür so entscheidend wie die Reifen. Sie müssen auf unterschiedlichen Terrains funktionieren - auf einem möglichst hohen Niveau.
Die Anforderungen an Gravel-Reifen
Gravel-Reifen machen den wesentlichen Unterschied. Grip, Komfort, Rollwiderstand und einen hohen Pannenschutz: All das sollen Gravel-Reifen auf sehr unterschiedlichen Untergründen bieten. Je nach den Vorlieben des Fahrers und der Beschaffenheit der gefahrenen Strecken sind die Anforderungen an den Reifen sehr unterschiedlich. Daher gibt es nicht den „einen“ perfekten Gravel-Reifen. Die Auswahl ist groß: Die meisten Hersteller bieten verschiedene Modelle für die unterschiedlichen Haupteinsatzgebiete an.
Nicht alle Gravel-Reifen sind echte Allrounder. Viele Modelle sind spezialisiert: Sie bieten etwa besonders wenig Rollwiderstand auf Asphalt - oder mit einem groben Stollenprofil besonders viel Halt im Gelände.Auf fast jedem Gravelride wechselt der Untergrund zigfach. Den richtigen Reifen für jeden Meter zu finden? Ist da oft nur ein frommer Wunsch. Und wer will schon vor jeder Ausfahrt den passenden Reifen aufziehen? Eben!
Allround-Gravel-Reifen im Fokus
Bei der Auswahl der Kandidaten für diesen Test wurde der Fokus auf Allround-Gravel-Reifen gelegt. Dennoch gibt es auch hier Unterschiede hinsichtlich der Performance auf befestigten und unbefestigten Böden. Denn die Auswahl des richtigen Reifens sollte immer mit folgender Frage beginnen: Auf welchem Untergrund soll der Reifen besonders überzeugen - welches ist mein Haupteinsatzgebiet?
Unser Test zeigt: Es gibt sie - jene Gravel-Reifen, die auf sehr unterschiedlichen Strecken und Untergründen ähnlich schnell, agil, sicher und komfortabel sind. Beide zeigen auf Asphalt und Schotterstraßen einen geringen Rollwiderstand und bieten einen guten Pannenschutz. Aufgrund ihrer stabilen Karkassen ist das Fahrgefühl nie schwammig, dennoch können sie mit einem geringen Luftdruck gefahren werden und bieten daher viel Dämpfungskomfort.
Andere Allround-Modelle setzen stattdessen auf unterschiedliche Profilierungen, um besonders allround-tauglich zu werden. Beim Specialized Pathfinder Pro befindet sich in der Mitte der Lauffläche ein Slick-Streifen. Entsprechend gut rollt der Reifen auf Asphalt. Dank der Stollen an den Schultern ist der Grip auch in Schotterkurven hoch.
Reifenbreite und Luftdruck
An Rennrädern sind 25 Millimeter breite Reifen inzwischen der Standard. Auch 28-Millimeter-Modelle sieht man immer häufiger. Eine noch stärkere Dämpfung ist klar im Offroad-Einsatz gefragt. Bei den meisten Gravel-Bikes kommt der höchste Anteil davon von den Reifen. Dies zeigt auch unser großer Gravel-Radtest mit 33 sehr unterschiedlichen Modellen. Hier kommen, sofern die Reifenfreiheit der Rahmenkonstruktion gegeben ist, auch einige 650b- ergo 27,5-Zoll-Reifen zum Einsatz, die noch breiter und voluminöser sind.
Meist gilt: Je breiter der Reifen ist, desto größer ist sein Volumen und desto geringer ist der Luftdruck, mit dem er gefahren werden kann. Tubeless-Systeme können in vielen Fällen den Dämpfungskomfort zusätzlich erhöhen, da sie mit einem sehr geringen Luftdruck gefahren werden können. Viele setzten hier im Allround-Einsatz auf Werte von rund zwei Bar. Wer die Reifen mit einem Schlauch fährt, wählt in der Regel eher rund drei Bar Druck. Dann ist die Gefahr einer Durchschlag-Panne geringer, und der „gespannte“ Schlauch kann weniger leicht am Felgenhorn eingeklemmt werden.
Testverfahren
Alle Test-Reifen haben wir in der Praxis auf unterschiedlichen Untergründen, Felgen und sowohl mit einem Schlauch als auch als Tubeless-System getestet.
- Rollwiderstand: Getestet wurde standardmäßig mit einem Schlauch bei 3,5 Bar Luftdruck und bei einer Rollgeschwindigkeit von 30 km/h auf Stans-No-Tubes-Felgen mit einer Maulweite von 20 Millimetern.
- Durchschlag - „Snakebite“ - der Lauffläche: Getestet wurde mit einem stumpfen Fallbeil mit einem Gewicht von 14 Kilogramm. Angegeben ist die Fallhöhe in Millimetern, die für den Defekt erforderlich war.
- Durchstich Spitz - Lauffläche: Getestet wurde jeder Pneu mit einem spitzen Runddorn mit 1,5 Millimetern Durchmesser.
- Durchstich Stumpf - Lauffläche: Getestet wurde mittels eines stumpfen Dorns mit fünf Millimetern Durchmesser.
- Durchstich Karkasse - Seitenwand: Getestet wurde mit einem stumpfen Dorn mit fünf Millimetern Durchmesser.
Die Interpretation: Je höher die in Newton angegebene, für einen Defekt erforderliche Kraft ist, desto besser ist der Pannenschutz der Seitenwand.
Testergebnisse im Überblick
Hier ist eine Zusammenfassung der getesteten Reifenmodelle und ihrer jeweiligen Stärken und Schwächen:
| Reifenmodell | Preis | Gewicht | Effektive Breite | Fazit |
|---|---|---|---|---|
| Challenge Getaway XP Handmade TLR | 75,98 Euro | 544 g | 40,0 mm | GUT/ 62 Punkte. Bester Durchschlagschutz, aber träges Fahrgefühl. |
| Continental Terra Speed | 64,95 Euro | 477 g | 39,0 mm | SEHR GUT / 90 Punkte. Leichtfüßig, schnell und komfortabel. Preis/Leistungssieger. |
| Goodyear Connector | 57,00 Euro | 511 g | 39,8 mm | GUT/ 51 Punkte. Ausgewogener Fahreindruck, aber langsamster Testreifen. |
| Kenda Alluvium Pro GCT | 69,90 Euro | 478 g | 43,3 mm | SEHR GUT/ 73 Punkte. Bietet satte Kurvenlage mit gutem Grip und hohem Komfort. |
| Maxxis Rambler Silk Shield | 59,90 Euro | 520 g | 40,3 mm | GUT/ 62 Punkte. Sehr einfache Montage und recht solide Defektabwehr. |
| Michelin Power Gravel Competition | 59,90 Euro | 520 g | 40,3 mm | GUT/ 66 Punkte. Viel Kontrolle, auch wenn der Fahrspaß bei manchem Mitbewerber höher ist. |
| Pirelli Cinturato Gravel M | 69,90 Euro | 519 g | 40,1 mm | SEHR GUT/ 71 Punkte. Bietet vor allem auf weichen Böden Kurvengrip und Sicherheit. |
| Schwalbe G-One R Pro | 74,90 Euro | 474 g | 40,6 mm | ÜBERRAGEND/ 91 Punkte. Schnellster Gravel-Reifen im Test mit starken Durchstichwerten und einfacher Montage. Testsieger! |
| Specialized Tracer Pro 2Bliss | 50,00 Euro | 544 g | 42,7 mm | SEHR GUT/ 82 Punkte. Rollt flott auf Asphalt und passt sich geschmeidig ans Gelände an. |
| Vittoria Terreno T50 Mixed Gravel Endurance | 58,95 Euro | 517 g | 40,0 mm | GUT/ 61 Punkte. Solide gegen Defekte und Durchschläge, zudem einfach zu montieren. |
| Vredestein Aventura | 58,95 Euro | 434 g | 36,7 mm | SEHR GUT/ 83 Punkte. Fahrspaßgarantie dank spritziger Beschleunigung, agilem Handling und gutem Grip. |
Die Qual der Wahl: Welcher Reifen passt zu mir?
Die Wahl des richtigen Reifens beginnt nicht im Shop oder im Internet, sondern zuhause und auf dem Bike. Was muss mein Reifen können? Wo und wie fahre ich mein Bike, und wo soll es besonders gut funktionieren? Dabei gilt: realistisch bleiben! Wunschdenken bringt vielleicht ein cooles Setup, führt aber sicher nicht zum perfekten Gravel-Reifen.
Neben dem Anforderungsprofil gibt es noch einige Faktoren, die im Idealfall bei allen Reifen gegeben sind. Mit welcher Geschwindigkeit bin ich unterwegs und wie wichtig ist mir viel Speed? Daraus resultiert direkt, wie effizient der Reifen sein soll. Effiziente Reifen rollen schneller, sparen Leistung bei gleicher Geschwindigkeit und sind leichter zu beschleunigen. Erreicht wird das meist durch ein schnelleres und nicht ganz so aggressives Profil, eine flache Lauffläche und eine härtere Gummimischung.
Da sich Gravel aber nicht nur auf einem Untergrund abspielt, muss der schnellste Gravel-Reifen für die Straße auf Schotter nicht zwingend die Krone holen. Daher kommt es selbst bei Gravel-Racing nicht nur auf puren Speed an, denn auch Grip und Compliance entscheiden über den Sieg! Und selbst wenn pure Geschwindigkeit nicht das Ziel Nummer 1 ist, darf man die Effizienz nicht unterschätzen. In unserem Testfeld liegen immerhin ganze 10,6 Watt zwischen dem schnellsten und dem langsamsten Reifen.
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