Das Grüne Band Deutschland: Eine Motorradtour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Fast 40 Jahre lang war Deutschland geteilt. Sperrzonen, hohe Mauern, Stacheldraht, Wachtürme, Wachhunde und später sogar Minenfelder und Selbstschussanlagen sollten dafür sorgen, dass möglichst kein Mensch von der einen auf die andere Seite gelangt. Denn auf einem schmalen Streifen zwischen der eigentlichen Staatsgrenze und den ersten Grenzsicherungsanlagen der DDR verlief das sogenannte "Niemandsland".

Durch dieses jahrzehntelange Unterdrücken einer Verbuschung durch die DDR entstand entlang der 1.400 Kilometer langen Grenze ein „Grünes Band“ aus zahlreichen Offenlandbiotopen, die einer Vielzahl an darauf spezialisierten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum boten. Dieses Grüne Band - wie wir es nun tatsächlich nennen - stellt heute den größten Biotopverbund Deutschlands dar. Auf seinen Flächen mit den dazugehörigen über 150 Naturschutzgebieten kommen mehr als 1.200 in Deutschland bedrohte Arten vor.

Eine Reise entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, am sogenannten Grünen Band, ist grenzwertig im doppelten Sinn. Markus Golletz (Text & Fotos) und Thomas Rebre erkundeten Deutschlands größten Biotopverbund. Das Grüne Band Deutschland verläuft fast vollständig auf der Ostseite der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Insofern, als es ab 1990 zu Grenzkorrekturen gekommen ist, kann es allerdings auch durch ein westdeutsches Land verlaufen. Dies trifft beispielsweise auf das Nordostufer der Elbe im heute niedersächsischen Amt Neuhaus zu.

Das Grüne Band Deutschland ist das erste gesamtdeutsche Naturschutzprojekt: Es wurde auf Initiative des BUND Naturschutz in Bayern e. V. kurz nach dem Mauerfall und der friedlichen Revolution am 9. Dezember 1989 ins Leben gerufen. Der fast 1400 km lange Geländestreifen entlang der ehemaligen Innerdeutschen Grenze soll ein Grüngürtel bleiben bzw. es wieder werden. Der 50-200 m breite Geländestreifen reicht von Travemünde bis zum Dreiländereck bei Hof. Das Grüne Band Deutschland ist Teil des mitteleuropäischen Abschnitts des Grünen Bands Europa.

Aus dem ehemaligen „Todesstreifen“ wurde also ein „Grünes Band“. Abseits der Wege besteht aber vereinzelt noch eine geringe Gefahr, Warnschilder sind unbedingt zu beachten. Es gibt viele Möglichkeiten die Ex-DDR Grenze legal zu queren und Einblicke in Natur-Landschaftsschutz und FFH Gebiet zu bekommen. Außerdem interessant: Die deutsche Geschichte, die Schicksale, die unterschiedlichen Standpunkte. Um Missverständnisse auszuräumen: Wir fahren dabei nicht abseits von Wegen durch Naturschutzgebiete - aber möglichst nah dran. Das Motorrad eignet sich hervorragend dafür, unverbrämt und mit offenem Visier erkunden wir (Markus Golletz & Thomas Rebre) die Naturschönheit des Grünen Bandes.

Stationen und Sehenswürdigkeiten entlang des Grünen Bandes

Auf vom Sand überwehtem Kopfsteinpflaster pöttere ich zur Ostsee. Die Priwall-Halbinsel liegt vis-à-vis von Travemünde und konnte vom Westen bis 1990 nur per Fähre erreicht werden. Ein Grenzstein macht auf den ehemaligen Grenzverlauf aufmerksam. Hier beginnt offiziell das Grüne Band. Und es ist nicht mehr weit bis zum Ostseebad Boltenhagen, das ich auf meiner Tour noch mitnehmen möchte. Denn auch an der Ostsee selbst hat die DDR-Grenze unbeabsichtigt Naturräume erhalten und kleine Paradiese bewahrt.

Ein paar Biker lehnen an ihrem Gespann und Solo-Maschinen in der Sonne, im Hintergrund pendelt die von einem Brückenneubau bedrohte Elbfähre ‚Tanja‘ pausenlos zwischen dem Hier und dem Amt Neuhaus hin und her. ‚Tanja‘ ist neben Glückstadt-Wischhafen die größte Elbfähre, die den Strom überquert. Am anderen Ufer angekommen biegen wir stromaufwärts ab, um möglichst nah am Grünen Band und Elbe zu bleiben. Über 6000 Bäume sollen es allein in der Gegend vom Amt Neuhaus sein. Dort befindet man sich im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue sein. Die Elbuferstraße ist auf dieser Seite keine Berg- und Talbahn, wie im Moränen-geprägten Raum um Hitzacker.

Dorfrepublik Rüterberg: 300-Seelendorf (Früher: Wendisch Wehnigen Broda) war zu DDR Zeiten 22 Jahre lang von Sperranlagen umgeben. Nur ein Stahltor blieb als Zugang ins Dorf und wer hinein oder hinaus wollte, benötigte besondere Papiere. Um 22.00 Uhr wurden die Bewohner hinter ihrem Zaun eingeschlossen. Einwohner von Rüterberg nach Auswegen, die sie mittels Gräben unterm Zaun hindurch fanden. 1988 war es damit aber auch vorbei. Die Sperranlagen wurden erneuert und alle Schlupflöcher geschlossen. Das kostete pro Kilometer rund 170.000 Mark, weil nur bester Edelstahl verbaut wurde, der aus der Produktion eines namhaften Herstellers im Westen Deutschlands stammte. Rüterberg war nun ganz eingesperrt.

Aber Verzweiflung macht Mut, und so kamen die Dorfbewohner auf eine für DDR-Verhältnisse äußerst wagemutige Idee. Am 24.10.1989 wurde in Ost-Berlin völlig ordnungsgemäß eine Einwohnerversammlung beantragt. Das brachte nicht nur die Staatssicherheit auf Trab, sondern führte am 8. November zur Unabhängigkeitserklärung Rüterbergs. Der Ort war quasi souverän, ein eigener Staat. Dömitz ist ein Festungsort mit mandelförmigen Altstadtkern und einer Elb-nahen Festung mit Wassergraben als Schutzgarant. Die Gastronomie hat dort mächtig aufgerüstet und es gibt sogar eine Bar mit Strand und Infinity-Pool.

Durch ein paar Wohngebietstraßen gelangen wir zu den nach gelegenen Binnendünen, von Klein Schmölen, die wie Dömitz auch im 5-km-Sperrgebiet der DDR-Grenze lagen. Es ist die Burg Lenzen, die wir besuchen wollen, denn sie ist quasi BUND-Besucherzentrum für alles, was hier mit Ökologie und dem Grünen Band zu tun hat. Die Elbfähre Schnackenburg wird wegen Maschinenschaden so schnell nicht mehr den Betrieb aufnehmen und so gibt es eine Extrarunde nach Lenzen und über die Elbe zum Höhbeck, wo der BUND einige Flächen aufgekauft hat.

Fast alles, was es im Anschluss im ehemalig abgelegensten Teil des Landkreises Lüchow-Dannenberg zu sehen gibt, ist der Wald der Grafen von Bernstorff, bekannt auch durch ihr Engagement gegen das geplante Atommüll-Endlager. Eine filmreif große Horde Schwarzwild, vielleicht 30 Stück, springen queren auf einer unbefestigten Waldstraße majestätisch vor und den Weg, ganz in der Nähe jenen Ortes an dem im Sommer 1980 Aktivisten (so hießen die damals noch nicht) auf einer abgebrannten Waldfläche ein Hüttendorf errichteten: Die Republik Freies Wendland wurde am Tiefbohrstelle‚1004‘ ausgerufen und im Juni pilgerten Atomkraftgegner von Nah und Fern hierher und richteten sich häuslich ein. Zwischen Hippie-Kult und beginnender Grünen-Bewegung entstand ein Ort freien Lebens, der kurze Zeit später brutal geräumt wurde.

Heute, 40 Jahre später, wurde bekannt gegeben, dass all jene Recht hatten, die behaupteten, dass der Gorlebener Salzstock ungeeignet wäre für eine 1 Mio. Jahre dauernde Einlagerung des privaten Atom-Mülls der wohlhabenden Betreiber, die sich dieser Verantwortung entledigt haben. Schnackenburg ist heute ein Ort mit einer Handvoll älteren Anwohnern, sagt uns der 82-Jährige Herr, der im Grenzlandmuseum seinen Kassierer-Dienst schiebt. „Nach der Grenzöffnung ging es hier bergab“, sagt er zu unserer Verwunderung, denn es war ursprünglich die Elbschifffahrt, die Schnackenburg florieren ließ.

Als wir abfahren kommt er noch einmal heraus, begutachtet die Motorräder und gibt uns Tipps für die Weiterfahrt. Wir fahren wir einen Stück Kolonnenweg, hart and der Grenze geht es zu einem markanten Ort des Grünen Bandes, den der BUND besonders hergerichtet hat: die Wirler Spitze liegt an der Grenze des ausgedehnten Gartower Forstes. Hier trifft man sich zur Wolfswanderung oder um die Binnendüne zu besichtigen, die spitze Ecke des geraden Grenzstreifens markiert. Wendlandbräu Bierbrauer Mathias Edler erzählt uns später noch von der der alten Gipsie-Route, die durch tiefen Wald am Forsthaus des Grafen von Bernsdorff im Wirler Forst vorbeiführte.

An der Grenzlinie kann man noch ein paar Wachturm-Relikte besichtigen, Hoyersburg oder wieder bei Luckau im Wendland. Am nächsten Tag drehen wir eine kleine Runde entlang der Wustrower Dumme jahrzehntelang im Schatten des Eisernen Vorhangs gelegen und sehr unberührt Tommi ist mittlerweile auch eingetroffen. An der Dumme geht es mit Sicherheit per Verbrenner nicht weiter und so begleitet uns Mathias noch ein Stück zu den Grenzsicherungsanlagen von Schmölau.

Wir treffen auf Zäune und einen Graffiti übersäten Turm, der sogar noch begangen werden kann. Während sich die letzten Elbstorche auf den Heimweg machen tuckern wir weiter entlang der ehemaligen DDR-Grenze, dem heutigen Grünen Band. Der Genz Lehrpfad nahe des teilweise geschliffenen Dorfes Zicherie-Böckwitz ist aufgrund einer Privatinitiative entstanden, die Anwohner wollten zuerst nicht an die Jahrzehnte der Teilung erinnert werden.

Die DDR-Kontrollstellen Marienborn (Autobahn-Abfertigungsanlage) und Hötensleben an die ich mich noch erinnere, halten die Erinnerung wach, wie die Transitstrecke A2 und der ganz normale Wahnsinn funktionierte. In der DDR sprach auch von strikt geheim gehaltenen ‚Schleusen‘, durch die man Agenten, Funktionäre der KDD und SED oder Propagandamaterial in den Westen schleusen konnte. Auch das Ministerium für Staatssicherheit unterhielt solche Zugänge für nachrichtendienstliche Zwecke. Marienborn ist eine riesige Anlage, die Gedenkstätte meist leer: Autobahnfahrer wollen hier ihre Fahrt nicht lange unterbrechen. Sie hat aber auch einen Zugang von der Landstraße, was Durschreisende nicht wissen.

Die Luft riecht nach frisch gepflügter Erde, die Felder reichen in der Magdeburger Börde bis zum Horizont, so freuen wir uns, als der Brocken und Wernigerode am Horizont auftauchen. Die Bikerschmiede Zilly sollte man nicht versäumen, wenn man auf DDR Nostalgische Fahrzeuge steht, das Gespräch mit Wilfried oder Tilo Niebel ist immer sehr erfrischend. Im Harz verläuft das Grüne Band über große Distanz nur unterhalb Norddeutschlands höchsten Berges, den wir östlich umfahren. Im Harz ist es immer ein paar Grad kälter als in der Niederung und so freuen wir uns auf eine überdachte Behausung in Braunlage mit einem kleinen Wellness Angebot.

Besonders hervorzuheben ist das „Grüne Band“ Deutschlands. Geprägt durch 40 Jahre „eiserner Vorhang“ entstand hier entlang der Grenze ein einzigartiger Biotopverbund, welcher 125 km durch das Eichsfeld führt und traumhafte Motorrad Nebenstrecken durch unberührte Landschaften bietet. Diese werden wir teilweise kreuzen. Der Hainich punktet mit seiner Natur: Der Nationalpark gehört zu den letzten Überbleibseln der Urwälder, die einst weite Teile Mitteleuropas bedeckten.

Besonders im Harz war die innerdeutsche Grenze schmerzlich zu spüren: Den Brocken - imposantes und weithin sichtbares Symbol des Harzes - konnten die Menschen in Ost und West nur von der Ferne aus betrachten. Er lag im militärischen Sperrgebiet. Heute hat der Harz ein neues Gesicht: Entlang des ehemaligen Todesstreifens schlängelt sich - reich an Attraktionen - das lebenspendende Grüne Band: Naturschönheiten schmiegen sich an kulturelle Kostbarkeiten. Abenteuerliche Ausflüge gehen mit besinnlichen Momenten Hand in Hand.

In Deutschland zeigte sich der Eiserne Vorhang von seiner brutalsten Seite: Mauern, Minen und Stacheldraht teilten das Land in Ost und West, rissen Familien und Freunde für Jahrzehnte auseinander. Mindestens 900 Menschen fanden den Tod beim Versuch die Grenze zu überschreiten. Dann 1989 … die Mauer fällt, die Grenzen öffnen sich. Sofort wird klar, dass im Schutz der Grenzanlagen ein kostbares Stück Wildnis herangewachsen war, eine Lebensader für Flora und Fauna. Die Naturschützer reagierten schnell und setzten sich zum Ziel, dieses grandiose Naturerbe als „Grünes Band“ zu bewahren. Eine Idee war geboren und mit ihr eines der größten Naturschutzprojekte Europas.

Das Grüne Band Europa

Heute schlängelt sich das Grüne Band durch 23 europäische Länder hindurch, über 12.500 Kilometer hinweg. Mal ist es 50 Meter breit, mal sogar viele Kilometer. Wie Perlen an einer Kette sind Sümpfe, Heiden und Urwälder, Flüsse, Moore und Seen aneinandergereiht. Und alle sind durch Büsche, Bäume und Hecken miteinander verbunden. Wissenschaftler schwärmen von einem der längsten „Biotopverbundsysteme“ der Welt. Hier findet die Wildkatze versteckte Höhlen für ihren Nachwuchs. Der Kranich trompetet ungestört sein Lied und die Fischotter spielen im Wasser.

Große Säugetiere wie Wolf, Bär und Luchs nutzen das Grüne Band als Wanderweg, um sich langsam wieder in Europa auszubreiten.

Gefahren und Schutzmaßnahmen

In Deutschland beeindruckt das Grüne Band mit stolzen Zahlen: von der Ostsee bis ins sächsische Vogtland knapp 1.400 Kilometer lang, 177 Quadratkilometer groß und 109 verschiedene Lebensräume stark. Dennoch herrscht nicht nur eitel Sonnenschein am Grünen Band: Es wird bedroht von intensiver Land und Forstwirtschaft, neuen Siedlungen, ICE-Trassen und Straßen ... so sehr, dass es inzwischen an einigen Stellen nur noch wenige Meter breit oder sogar ganz verschwunden ist. Überließe der Mensch das Grüne Band allerdings ganz sich selbst, würde es allmählich zuwuchern. Daher sind am Grünen Band, wo dies nötig ist, Landschaftspfleger im Einsatz.

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