Die härtesten Radrennen der Welt: Eine Herausforderung für Körper und Geist

Extremsportler sind Inkarnationen freiwilligen Leidens, die sich in ihrem ausgemergelten Erscheinungsbild demonstrativ gegen eine rein konsumatorisch orientierte Körpernutzung wenden und damit die ‚Verweichlichung‘ des modernen Subjekts kritisieren, so der Darmstädter Soziologe Karl-Heinrich Bette.

Die Frage, die diese Athleten antreibt, ist oft: "Wo stehe ich? Wo ist meine Grenze? Und: Wie weit kann ich sie verschieben?"

Race Across America (RAAM): Die ultimative Herausforderung

Das Race Across America (RAAM) gilt als eines der härtesten Radrennen der Welt. Nachdem 1982 vier Athleten die Durchquerung der Vereinigten Staaten von Amerika auf sich genommen haben und zur damaligen Zeit vom Santa Monica Pier in Los Angeles bis zum Empire State Building in New York City fuhren, hat sich das ‚RAAM‘ zum absoluten Highlight unter den Ultra-Radsportlern entwickelt.

Eine Expertenkommission des "Outside Magazine" hat es sogar einmal als "härtesten Ausdauerwettkampf der Welt" klassifiziert - noch vor dem Ironman Hawaii.

Allein die Eckpunkte des Rennens sprechen eigentlich schon für sich: 3.000 Meilen oder umgerechnet 4.800 Kilometer sowie 170,000 vertical feet (~50.000 Höhenmeter) gilt es zu überwinden.

Gestartet wird mittlerweile an der Westküste Kaliforniens in Oceanside, das Ziel befindet sich nach der Durchquerung von insgesamt 12 Bundesstaaten an der Ostküste in Annapolis.

Das Zeitlimit beim RAAM beträgt zwölf Tage oder 288 Stunden.

Das Rennen wird nach Regeln des Radsport-Weltverbandess gefahren. Es gibt Dopingkontrollen.

Wer von der Rennjury dabei erwischt wird, wie er zum Beispiel an einer roten Ampel weiterfährt, erhält eine Zeitstrafe.

257 Radfahrer sind für die Ausgabe 2015 gemeldet, der Großteil in Achter-, Zweier- oder Viererteams, von denen es auch zwei deutsche geben wird.

Unter den 41 Solostartern, die Dienstag von Oceanside/Kalifornien in Richtung Annapolis/US-Bundesstaat Maryland losrollen, ist auch der 63 Jahre alte Deutsche Achim Heukemes.

35.000 Euro kostet ihn das Project Race Across America nach eigenen Angaben.

Gerhard Gulewicz: Ein RAAM-Enthusiast

Das RAAM ist Gerhard Gulewicz’ Passion, seine Triebfeder, die ultimative Herausforderung.

Zwei zweite und zwei dritte Plätze hat er dort seit 2006 belegt. Gewonnen hat er das Rennen im Gegensatz zu Landsmann und Titelverteidiger Christoph Strasser, 32, noch nie.

Durch das Rennen gewonnen hingegen schon.

Seit August 2014 bereitet sich Gulewicz wieder auf die Strapazen vor. Sein persönlicher Rekord steht bei acht Tagen, 22 Stunden und 53 Minuten.

Ihn zu unterbieten, das hat er sich für dieses Jahr vorgenommen.

Unterstützt (und überwacht) von einem neunköpfigen Team - darunter ein Arzt - wird er so schnell fahren, wie sein schmächtiger, gebeugter Körper es zulässt. Er wird 12.000 bis 15.000 Kalorien und zwölf bis 24 Liter Flüssigkeit täglich zu sich nehmen, seine Fahrt allenfalls mit in der Regel 15-Minuten-Nickerchen im mitreisenden Campingbus unterbrechen.

"Diese Powernaps dienen nur dazu, das Gehirn wieder zu regenerieren. Das ist lebensnotwenig. Körperlich kannst du während des Rennens sowieso nicht regenerieren", erklärt Gulewicz, von Beruf - wie passend - Motivationstrainer.

Das Wichtigste sei, "nie stehen zu bleiben, denn jede Bewegung ist besser als Stillstand". Und seien es nur 12 km/h.

In Phasen großer mentaler wie körperlicher Erschöpfung auf der Reise über mehr als 50.000 Höhenmeter setzt sich Gulewicz darum kleine Ziele, denkt nicht an die nächsten 10, 100 oder 1000 Kilometer Strecke vor sich, sondern nur bis zur nächsten Kurve, zum folgenden Hügel.

Es klingt wie eine Binsenweisheit, wenn er sagt: "Es braucht kleine Ziele, um ein großes zu erreichen."

Mit seinem Lieblingsrennen, das 1982 von vier Männern als vermeintlich verrückte Idee ins Leben gerufen wurde, hat Gulewicz 2015 eine Rechnung offen.

Voriges Jahr stoppte den Österreicher nach viereinhalb Tagen eine Lebensmittelvergiftung.

2013 musste er wegen einer Lungenentzündung und extremen Nackenproblemen vorzeitig aussteigen.

Als Gulewicz 2013 vom Rad stieg, das Gesicht eingefallen, im Blick völlige Leere, war er genau sieben Tage, 16 Stunden, 33 Minuten unterwegs gewesen.

Regisseur Sascha Köllnreitner aus Österreich hat diese quälenden Momente in einem sehenswerten Dokumentarfilm über drei Extremsportler, "Attention - A Life in Extremes" aufgezeichnet. In dem Film, der gerade als DVD erschienen ist, kommt Gulewicz’ Vater zu Wort. Er sagt: "Es ist Gerhards Leben. Es ist sein Sport. Er hat wirklich Freude dran. Auch wenn er sich fast damit umbringt. Ich sage immer: Jeder soll machen, was ihm Spaß macht."

Gulewicz sagt: "Bessere Menschen auf keinen Fall. Helden nur bedingt." Er ist überzeugt: "Wir Menschen haben ein riesiges Potenzial, das wir nicht nutzen - weder physisch noch mental. Bestimmte Fähigkeiten und Instinkte sind in der jüngeren Evolution verkümmert, weil wir sie nicht mehr benötigen. Als Extremsportler nutzen wir zumindest einen Teil dieser Fähigkeiten wieder. Es geht sicherlich auch darum, zu zeigen, zu was wir Menschen fähig sind, wenn wir wollen."

Wenn Gerhard Gulewicz nach einer Woche fast ohne Pausen im Sattel kurz in seinen Campingbus krabbelt und sich dort von einem Betreuer in beinahe embryonaler Haltung liegend füttern lässt, wird das besonders augenfällig.

"In guten Phasen fühlst du dich wie Superman, in schlechten wie ein Kleinkind, das am liebsten seine Mutter neben sich hätte", beschreibt er es.

Trans-Siberian-Extreme: Die längste Etappe misst stolze 1400 Kilometer

Nichts anderes ist das Trans-Siberian-Extreme, das über 9100 Kilometer von Moskau nach Vladivostok führt. Zum Vergleich: der Erdmittelpunkt liegt “gerade einmal” bei ca. 6350 Kilometern, die Fahrer der Tour de France müssen “läpsche” 3500 Kilometer radeln.

Auf dem Weg vorbei an den russischen Grenzen zu Kasachstan, der Mongolei und China bewältigen die Teilnehmer dabei 79.000 Höhenmeter - fast das 9-fache des Mount Everests.

Die längste Etappe, die “Amur-Challenge” führt von Chita nach Svobodny und misst stolze 1400 Kilometer. Das Rennen das durch 4 Klima- und 7 Zeitzonen führt bringt die Teilnehmer dabei an die physischen und psychischen Grenzen des Machbaren.

Das Starterfeld des Trans-Siberian-Extreme ist auf 20 Teilnehmer beschränkt, die sich auf einer Warteliste eintragen und durch eine Expertenjury bestätigt werden müssen.

Dabei teilen sich die Teilnehmer auf Solo-Fahrer und Duo-Fahrer auf. Solo-Fahrer müssen die gesamte Strecke bewältigen, während Duo-Fahrer auf eine Art Staffelsystem zurückgreifen können, bei dem die jeweilige Etappe von mindestens einem Teammitglied bewältigt werden muss.

Ganz alleine sind jedoch selbst die Solo-Fahrer nicht.

Am 18. Juli starteten am Roten Platz mitten in Moskau acht Männer und zwei Damen auf das längste Radrennen der Welt.

Der Deutsche Pierre Bischoff schaffte es sensationell als Zweiter ins Ziel. Er war nur einer von drei 'Überlebenden'. Das Rennen entschied der Russe Aleksey Shebelin für sich und Marcelo Soares aus Brasilien landete auf Rang 3.

Es ist schon richtig hart, wenn du dich nach einer 1400 km-Etappe hoch motiviert in die nächsten zwei 750 km-Etappen werfen musst. Aber dann hast du die Sonnenauf- und Untergänge in der Steppe, der Taiga und Tundra. Und im Kopf weißt du, wie viele Menschen zu Hause diese Reise mit verfolgen.

Alle vier Stunden gab es dann was Warmes wie Couscous aus der Flasche oder selbst gemachtes Porridge.

Kurz vor Ende entpuppt sich die 12. Etappe nach Svobodny als Monsteretappe. Der Däne Peter Sandholt scheidet schließlich aus und überlässt den drei letzten Muskeltieren das Finale.

Race across the Alps: Das härteste Eintages-Radrennen der Welt

525 km in rund 24 Stunden: Das "Race across the Alps" (RATA) mit Start und Ziel in Nauders ist das härteste Eintages-Radrennen der Welt.

Die Strecke am 27. und 28. Juni 2025 führt durch die Länder Italien, Schweiz und Österreich.

Von hier geht es über den Reschenpass nach Italien. Auf der 525 km langen Strecke sind zahlreiche Pässe zu bewältigen, darunter in Italien das Stilfser Joch, Gavia, Aprica und Mortirolo.

Weiter geht es in die Schweiz über den Bernina-, den Albula-, den Flüela- und den Ofenpass. Über eine erneute Schleife durch Italien führt die Strecke dann wieder zurück nach Nauders.

Das Race across the Alps ist kein Rennen für Jedermann: Das Fahrerfeld ist auf 45 Teilnehmer beschränkt.

Zugelassen wird nur, wer als Langstreckenfahrer die Strecke von 525 km in maximal 32 Stunden schafft, dann ist nämlich Zielschluss.

Wobei die meisten Teilnehmer für sich als Ziel gesetzt haben, die Tour in weniger als 24 Stunden zu absolvieren.

Transcontinental Race: 4000 Kilometer ohne Hilfe

Das Transcontinental Race ist eines der anstrengendsten Radrennen der Welt. Die ungefähr 4000 Kilometer von Geraardsbergen nach Istanbul müssen ohne Hilfe bewältigt werden. Das heißt: Serviceautos oder ähnliches, wie man es von der Tour de France kennt, gibt es nicht. Auch ist es jedem Fahrer selbst überlassen, welche Route er oder sie nach Istanbul einschlägt. Diese Freiheiten macht das Transcontinental einmalig. Es ist frei von Zwängen.

Mike Hall, Organisator und Erfinder des Transcontinental Race, ist berühmt in der Szene der Ultra-Langstreckenradfahrer. 2012 umrundet er in 91 Tagen die Welt mit dem Fahrrad. Weltrekordzeit. Zwei Jahre später gewinnt Hall dann das Trans Am Bike Race. Fast 7000 Kilometer durch zehn US-Bundesstaaten von der Ost- zur Westküste.

Die Regeln des Rennens sind simpel. Jeder Fahrer ist für sich selber verantwortlich.

Bernd Paul versuchte 450 Kilometer am Tag zu fahren. Am Anfang geht's eher leicht, wenige Höhenmeter und die Straßen sind gut.

Mit voller Kraft tritt er durch die Nacht, erreicht bei Tageslicht die französische Stadt Reims, am späten Nachmittag ist er kurz vor Lyon.

Paul musste aufhören, da er eine Sonnenallergie hatte.

Fazit

Die hier vorgestellten Radrennen stellen extreme Anforderungen an die Teilnehmer. Sie erfordern nicht nur eine außergewöhnliche körperliche Fitness, sondern auch eine enorme mentale Stärke und die Fähigkeit, Schmerzen und Entbehrungen zu ertragen. Diejenigen, die diese Herausforderungen annehmen, suchen oft nach ihren persönlichen Grenzen und wollen zeigen, wozu der menschliche Körper und Geist fähig sind.

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