Das Antiblockiersystem (ABS) ist eine der wichtigsten Innovationen in der Motorradtechnik der letzten Jahre. Es sichert bei Vollbremsungen einen möglichst kurzen Bremsweg, sodass Fahrer und Fahrerin auch in Extremsituationen die Kontrolle behalten. Das intelligente Regelsystem, meist als Kurven-ABS bezeichnet, gilt als eine der wichtigsten Innovationen in der Motorradtechnik der letzten Jahre.
Die Geschichte des ABS
Die Geschichte des Antiblockiersystems (ABS) reicht bis in die 1970er Jahre zurück. Damals wurden die ersten Autos mit einer frühen Technik ausgestattet, bei Motorrädern folgten die ersten Systeme erst Ende der 80er Jahre. Ein Grund für die spätere Verbreitung liegt in den besonderen fahrphysikalischen Herausforderungen von Einspurfahrzeugen: Sie sind leichter, haben eine kleinere Kontaktfläche zwischen Reifen und Fahrbahn und neigen bei Vollbremsungen schneller dazu, in eine physikalisch kritische Phase einzutreten.
Erst in den 1990er Jahren standen wirksame und kompakte ABS-Systeme für Motorräder zur Verfügung, die seit mittlerweile vielen Jahren sogar zur Pflichtausstattung von Neufahrzeugen gehören.
Wie funktioniert ein Motorrad ABS?
Bei einem Motorrad mit Antiblockiersystem überwacht das ABS-Steuergerät mit Hilfe von Raddrehzahlsensoren ständig die Geschwindigkeit der Räder. Droht ein Rad zu blockieren, regelt das System gezielt den Bremsdruck: der Fahrer kann sicher abbremsen. Das Zweirad bleibt stabil und lenkbar - selbst bei ungünstigen Fahrbahnbedingungen wie Sand, Rollsplit oder Nässe. Das Risiko eines bremsbedingten Sturzes kann deutlich verringert werden.
Das System wirkt bei einem Bremsmanöver, insbesondere auf nicht haftfähigem Fahrbahnbelag, indem es dem Blockieren der Räder durch Bremsdruckabbau entgegenwirkt, bis sich die Räder wieder drehen können. Anschließend wird der Druck wiederaufgebaut.
An einer Zahnscheibe in Bremsscheibennähe wird mittels Induktionsgeber an jedem Rad die Raddrehzahl gemessen. Im Fall einer drohenden Radblockade (das Rad kommt dabei kurzzeitig zum Stillstand) wird mittels Sensoren ein steiler Abfall der Radumfangsgeschwindigkeit erkannt. Anschließend wird der Bremsdruck so lange abgesenkt, bis das Rad wieder rollt. Nachdem das Rad wieder zu rollen beginnt, erfolgt eine Erhöhung des Bremsdrucks bis zur erneuten Blockade - ein Vorgang (welcher auch als Regelfrequenz bezeichnet wird) der sich bis zu 15x pro Sekunde wiederholen kann.
Die umfangreiche Signalverarbeitung, welche dafür notwendig ist, erfolgt in einer zentralen Steuereinheit mit bis zu 3000 Impulsen pro Sekunde. Im Regelbereich des ABS spürt man die Aktivität des ABS durch ein Pulsieren im Hand- bzw. Fußbremshebel. Moderne Systeme berücksichtigen neben den Radgeschwindigkeiten durch zusätzliche Sensoren auch Neigungswinkel und Rotationsbeschleunigungen, sodass sich die Reaktion der Systeme beim Bremsen in Kurven massiv verbessert hat. Hier lässt sich ein Pulsieren im Hebel häufig nicht mehr erkennen.
Der Unterschied zum PKW-ABS
Der Unterschied ist hier nicht zwingend in der Technik zu finden, sondern vielmehr im Zweck: Das entscheidende Kriterium beim PKW ist ganz klar Bremsweg, wohingegen es beim Motorrad vielmehr um die Reduktion der Sturzgefahr geht, insbesondere wenn das Vorderrad zum Blockieren neigt.
Verschiedene Arten von Motorrad-ABS
Das Angebot verfügbarer Kurven-ABS-Varianten umfasst mittlerweile verschiedene modulare Lösungen mit unterschiedlichen Kombinationen aus ABS und IMU. So wird bei günstigeren Motorradmodellen oft ein kompaktes ABS mit einer kostengünstigeren 3D-IMU kombiniert. In höherpreisigen Segmenten sind mittlerweile 6D-IMU und ABS und weiteren Regelsystemen kombiniert.
Standard-ABS
Das klassische Motorrad-ABS sorgt dafür, dass die Räder beim Bremsen nicht blockieren, wodurch typische Stürze bei Vollbremsungen auf gerader Strecke in der Regel vermieden werden. Insbesondere in Kurven stößt die Regeltechnik jedoch an Grenzen, die erst durch das Kurven-ABS überwunden werden konnten.
Technisch basiert das System auf hochentwickelter Hydraulik und Elektronik, die in Echtzeit arbeiten. Die Sensoren überwachen die Raddrehzahlen, und das zentrale Steuergerät berechnet fortlaufend den optimalen Bremsdruck. Das Antiblockiersystem greift nur dann ein, wenn es wirklich nötig ist, sodass der Fahrer auch bei normalen Bremsvorgängen ein natürliches Bremsgefühl hat.
Besonders auf nassen oder glatten Straßen ist das Standard-System unverzichtbar. Es ermöglicht, dass das Motorrad selbst bei plötzlichen Bremsmanövern nicht ausbricht und die Haftung der Reifen optimal genutzt wird.
Kurven-ABS
Das Kurven-ABS, eines der fortschrittlichsten Bremssysteme von KTM, hebt das herkömmliche Antiblockiersystem (ABS) auf ein neues Level. Wo das Standard-ABS vor allem bei geraden Bremsmanövern eingreift, bietet das Kurven-ABS in Verbindung mit der MSC-Technologie (Motorcycle Stability Control) auch in Schräglagen maximale Sicherheit.
Um eine kurvenempfindliche Regelung der Funktion zu ermöglichen, wird beim Kurven-ABS das heute übliche Motorrad-ABS mit einer 3D- oder 6D-Inertialsensoreinheit (IMU) kombiniert. Mit Hilfe der IMU und einer Reihe von Sensoren können Parameter wie Schräglage und Fahrdynamik des Zweirads erfasst werden. Die IMU ermittelt beispielsweise Beschleunigung, Winkelgeschwindigkeit sowie Neigungs- und Nickwinkel, während die Raddrehzahlsensoren die Drehzahl von Vorder- und Hinterrad messen. Mit Hilfe dieser Daten optimiert das Kurven-ABS die Stabilität und Bremswirkung speziell in Kurven. So kann die Technik das Ausbrechen oder Aufstellen beim Bremsen in Kurven verhindern und damit viele typische Motorradunfälle vermeiden.
Gleichzeitig wird die Bremswirkung optimiert, um den Bremsweg zu verkürzen. Mit zunehmender Schräglage wird der Bremsdruckgradient zu Beginn der Bremsung immer weiter begrenzt. Dadurch wird der Druckaufbau verlangsamt. Außerdem wird die Druckmodulation im Bereich der ABS-Regelung gleichmäßiger. Ein feinfühliges Ansprechverhalten sowie hohe Brems- und Fahrstabilität bei bestmöglicher Verzögerung auch in Kurven sind die Vorteile.
Das Herzstück des Kurven-ABS-Systems ist ein hochpräziser 6-Achsen-Sensor, der die Lage und Bewegung des Motorrads in Echtzeit erfasst. Dieser Sensor überwacht:
- Beschleunigung in allen drei Dimensionen (vorwärts/rückwärts, seitwärts und vertikal)
- Drehbewegungen (Neigung, Gieren und Nicken) des Motorrads
Sobald das Motorrad in eine Kurve fährt, registriert das MSC-System die Schräglage und passt die Bremskraft individuell für jedes Rad an. Anders als bei herkömmlichen Systemen, bei denen eine plötzliche Bremsung in der Kurve schnell zum Verlust der Traktion und einem gefährlichen Sturz führen kann, verhindert das Kurven-System solche Szenarien.
Unterschiede zum Standard-ABS
Während das Standard-ABS die Bremskraft in linearen Situationen steuert, kommt das Kurven-ABS in dynamischen Fahrsituationen ins Spiel. In Kurvenfahrten wirken andere Kräfte als auf geraden Strecken:
- Veränderte Kontaktfläche: In der Kurve ist die Kontaktfläche des Reifens zur Straße kleiner, da das Motorrad geneigt ist. Ein plötzliches Blockieren eines Rades kann hier schnell zu einem Sturz führen, da das Motorrad die Haftung verliert.
- Präzise Bremskraftanpassung: Das Kurven-ABS steuert die Bremskraft mit höchster Präzision und sorgt dafür, dass die Bremsen sanft eingreifen, selbst wenn der Fahrer in stark geneigter Position eine Notbremsung machen muss.
Sicherheitsvorteile des Kurven-ABS
- Maximale Bremsleistung in Schräglage: Das System ermöglicht es, auch in Kurven stark zu bremsen, ohne das Risiko eines Sturzes einzugehen. Es analysiert kontinuierlich die Fahrdynamik und passt den Bremsdruck entsprechend an.
- Stabilität auch bei plötzlichen Bremsmanövern: In vielen Fällen, insbesondere bei unerwarteten Hindernissen in der Kurve, kann das Kurven-ABS den entscheidenden Unterschied machen. Selbst bei scharfen Bremsmanövern bleibt das Motorrad kontrollierbar.
- Verkürzte Bremswege: Durch die gezielte Anpassung der Bremskraft wird der Bremsweg auch in Schräglagen minimiert. Dies gibt dem Fahrer ein hohes Maß an Vertrauen und ermöglicht präzisere und sicherere Fahrmanöver.
Technische Highlights
- Bosch System: Das Bosch System ist eines der modernsten Systeme auf dem Markt. Es reagiert innerhalb von Millisekunden auf Veränderungen der Fahrsituation und sorgt für eine kontinuierliche Anpassung der Bremskraft.
- Schräglagenabhängige Regelung: Das System misst den Neigungswinkel des Motorrads in Echtzeit und passt die Bremskraft entsprechend an. So wird in jeder Schräglage die optimale Bremsleistung erzielt.
- Separate Steuerung für Vorder- und Hinterrad: Das Kurven-ABS kann die Bremskraft an Vorder- und Hinterrad unabhängig voneinander regeln, was besonders bei extremen Schräglagen oder unvorhergesehenen Hindernissen von Vorteil ist.
Wer profitiert vom Kurven-ABS?
Das Kurven-ABS richtet sich besonders an Fahrer, die oft in kurvigen Gebieten unterwegs sind, sei es auf Bergpässen oder bei sportlichen Fahrten.
Offroad-ABS
Das Offroad-ABS hat eine entscheidende Bedeutung für Fahrer, die ihre KTM abseits der Straße bewegen. Während das Standard-ABS optimal für asphaltierte Straßen entwickelt wurde, ist das Fahren im Gelände eine völlig andere Herausforderung. Lose Untergründe wie Schotter, Sand oder Matsch erfordern eine angepasste Bremsstrategie.
Das Offroad-ABS unterscheidet sich grundlegend vom Standard-ABS, da es speziell für den Einsatz auf losem Untergrund entwickelt wurde. Im Gelände ist es oft vorteilhaft, das Hinterrad gezielt blockieren zu lassen, um das Motorrad zu stabilisieren oder die Richtung zu kontrollieren. Aus diesem Grund bleibt das Antiblockiersystem am Vorderrad aktiv, während es am Hinterrad deaktiviert wird.
Vorteile des Offroad-ABS
- Kontrolle des Vorderrads: Durch die aktive ABS-Unterstützung am Vorderrad bleibt das Motorrad auch in unwegsamem Gelände gut lenkbar. Dies ist besonders wichtig, wenn du über lose Steine, Sand oder durch Matsch fährst. Das Vorderrad bleibt stabil und blockiert nicht, sodass du immer die Kontrolle behältst.
- Gezieltes Blockieren des Hinterrads: Im Gelände ist es oft gewollt, das Hinterrad zum Driften zu bringen oder in extremen Situationen zu blockieren, um mehr Traktion zu bekommen. Das deaktivierte Antiblockiersystem am Hinterrad erlaubt es dem Fahrer, das Motorrad so zu kontrollieren, wie es die Situation erfordert - ein Vorteil, den besonders erfahrene Offroad-Piloten zu schätzen wissen.
- Maximale Flexibilität: Ob du einen steilen Hügel hinaufkletterst oder durch tiefen Sand navigierst - das Offroad-ABS passt sich den unterschiedlichsten Bedingungen an. Das System reagiert dynamisch auf die Gegebenheiten des Terrains und unterstützt den Fahrer dabei, die volle Kontrolle zu behalten.
Unterschiede zum Standard-ABS
Im Vergleich zum Standard-ABS, das für den Straßenverkehr entwickelt wurde, liegt der Fokus des Offroad-ABS auf Geländetauglichkeit und Flexibilität. Das System nimmt bewusst in Kauf, dass das Hinterrad blockiert werden kann, um in bestimmten Situationen die Traktion zu verbessern. Gleichzeitig sorgt das aktive ABS am Vorderrad für Stabilität und verhindert ein zu starkes Eingreifen in Situationen, in denen ein blockiertes Rad die Balance stören könnte.
Sicherheitsvorteile im Gelände
- Anpassung an den Untergrund: Das Offroad-ABS erkennt die Besonderheiten des Untergrunds und passt die Bremskraft entsprechend an. Ob lockerer Schotter oder tiefer Sand - das System ermöglicht sicheres Bremsen ohne Kontrollverlust.
- Verhinderung des Wegrutschens: Besonders in steilem Gelände oder bei rutschigem Untergrund sorgt das Offroad-ABS dafür, dass das Vorderrad nicht blockiert. Dies minimiert das Risiko, dass das Vorderrad wegrutscht und der Fahrer die Kontrolle verliert.
Wer profitiert vom Offroad-ABS?
Das Offroad-ABS richtet sich an Fahrer, die ihre KTM regelmäßig abseits befestigter Straßen bewegen.
Supermoto-ABS
Das Supermoto-ABS von KTM wurde speziell für extreme Straßenfahrten und Rennstreckeneinsätze entwickelt. Supermoto kombiniert Elemente des Offroad-Fahrens mit präzisem Asphalt-Handling, und die Anforderungen an die Bremsen sind in dieser Disziplin besonders hoch.
Beim Supermoto-ABS wird das ABS am Hinterrad deaktiviert, während es am Vorderrad weiterhin in einer reduzierten Form aktiv bleibt. Dies erlaubt es dem Fahrer, das Hinterrad in Kurven bewusst blockieren zu lassen, um die für Supermoto typischen Drifts einzuleiten. Gleichzeitig sorgt die reduzierte ABS-Unterstützung am Vorderrad dafür, dass ein Blockieren in extremen Bremsmanövern vermieden wird, ohne die volle Kontrolle über das Fahrgefühl zu verlieren.
Vorteile des Supermoto-ABS
- Blockieren des Hinterrads für Drifts: Im Supermoto-Mode bleibt das ABS am Hinterrad deaktiviert, sodass der Fahrer das Hinterrad blockieren kann, um gezielt in den Drift zu gehen. Dies ist eine wesentliche Technik, um in engen Kurven schnelle und kontrollierte Manöver auszuführen.
- ABS-Unterstützung am Vorderrad: Trotz des Drifts bleibt das Vorderrad stabil, da das ABS in reduzierter Form weiterhin aktiv ist. Das bedeutet, dass das Vorderrad nicht blockiert, selbst bei harten Bremsmanövern, was ein Abrutschen des Vorderreifens und den Verlust der Lenkfähigkeit verhindert.
- Perfekt abgestimmt für den Einsatz auf der Straße und der Rennstrecke: Das Supermoto-ABS bietet genau die richtige Balance zwischen Kontrolle und Flexibilität. Auf Asphalt ermöglicht es präzises Bremsen ohne unnötige Eingriffe, während es dem Fahrer erlaubt, das Motorrad auf der Rennstrecke aggressiv und dynamisch zu bewegen.
Unterschiede zu anderen ABS-Modi
Während das Offroad-ABS speziell für lockeren Untergrund entwickelt wurde und das Kurven-ABS die Bremskraft in Schräglagen reguliert, liegt der Fokus des Supermoto-ABS klar auf dem Einsatz auf Asphalt. Der Hauptunterschied liegt in der Möglichkeit, das Hinterrad gezielt blockieren zu lassen, während das Vorderrad weiterhin kontrolliert wird. Dies macht das Supermoto-ABS ideal für Supermoto-Rennen, bei denen es auf maximale Präzision und Kontrolle ankommt.
Sicherheitsvorteile des Supermoto-ABS
- Gezielte Kontrolle in Kurven: Der Fahrer kann durch das bewusste Blockieren des Hinterrads gezielt in den Drift übergehen, ohne die Stabilität des Motorrads zu gefährden. Dies gibt dem Fahrer nicht nur mehr Kontrolle, sondern ermöglicht auch eine aggressive, aber sichere Kurventechnik.
- Stabilität bei harten Bremsmanövern: Trotz der Möglichkeit, das Hinterrad zu blockieren, bleibt das Vorderrad dank des aktiven ABS stabil. Dies sorgt für zusätzliche Sicherheit und minimiert das Risiko, die Kontrolle über das Motorrad zu verlieren.
- Flexibilität auf der Straße: Das System ist nicht nur für die Rennstrecke gedacht, sondern bietet auch auf der Straße eine ideale Mischung aus Kontrolle und Flexibilität - perfekt für sportliche Fahrer, die das Maximum aus ihrem Motorrad herausholen wollen.
Wer profitiert vom Supermoto-ABS?
Das Supermoto-System richtet sich an sportlich orientierte Fahrer, die ihr Motorrad gerne auf der Rennstrecke oder auf anspruchsvollen Straßen bewegen. Es bietet die perfekte Kombination aus Kontrolle, Präzision und Flexibilität, um das Motorrad in jeder Situation optimal zu beherrschen.
Moderne ABS-Systeme arbeiten proaktiv
Frühe ABS haben einzig Raddrehzahlen gemessen und darauf reagiert, wenn ein Rad beim Bremsen stehen bleibt. Dann wurde kurzzeitig ein Ventil im Bremskreislauf geöffnet und der Bremsdruck so lange verringert, bis das Rad sich wieder zu drehen begann. Dann wurde wieder Bremsdruck aufgebaut. Das spürbare Regelintervall.
Moderne ABS bedienen sich einer Vielzahl an Parametern und arbeiten schon vor dem Erreichen der Haftgrenze des Reifens. Das macht einen Bremsvorgang besonders in Schräglage harmonischer und sicherer: In Schräglage einem rutschenden Rad wieder Haftung zu verschaffen ist schwieriger, als es erst gar nicht zum Rutschen zu bringen.
Die Motorcycle Stability Control (MSC) von Bosch, unter anderem bei KTM und Ducati Serie, gleicht den geforderten Bremsdruck dauerhaft mit der maximal übertragbaren Bremsleistung ab und regelt bei Bedarf minimal nach. Der Fahrer merkt davon nichts. Zwar wird der Bremsdruck weiter aufgebaut, aber bei diesen Mikroregelungen wird die Geschwindigkeit der Bremskraftsteigerung etwas zurückgenommen. Das nennt Bosch die Pre-Control: Sie wird aktiv, sobald der Fahrer ab einer bestimmten Schräglage einen bestimmten Bremsdruck aufbaut und regelt den Bremsdruckgradient, wenn es Bremskraftspitzen gibt. Also immer, wenn der Fahrer mit der Bremse korrigiert. Mit dem Hauptvorteil, dass die Kurvenfahrt und das Bremsgefühl harmonischer verlaufen, ein echter Eingriff des Kurven-ABS würde hier zu Unruhen führen.
Continental entwickelt neue ABS-Generation
Das Technologieunternehmen Continental hat eine neue Generation ihres kompakten 2-Kanal-ABS für Motorräder entwickelt. Bei diesem System (MK 100 MAB PYA) wird ein neuer Sensortyp optional direkt auf der Platine des ABS integriert. Dank dieser Hochintegration ist keine separate Sensorbox mehr erforderlich.
Der mechanische Halter dafür am Motorrad entfällt, es wird kein Kabelbaum benötigt, und die Fertigung wird für den Motorradhersteller einfacher. Zudem ist die Integration des Sensors auf der Leiterplatte deutlich kostengünstiger als eine separate Box, was besonders in Volumenmodellen relevant ist.
Wenn der Motorradhersteller die Option mit integrierter Sensoreinheit wählt, erkennt ein innovatives Sensorelement im Inneren des ABS beim MK 100 MAB PYA die Querbeschleunigung und die Drehraten auf allen Raumachsen und liefert damit die Datengrundlage für erweiterte Schutzfunktionen.
Laut Continental Unfallforschung bietet ein Motorrad-ABS das Potential zur Unfallreduktion von rund 25 Prozent. Seit der serienmäßigen Einführung von ABS bei neu zugelassenen Motorrädern über 125 ccm in der Europäischen Union im Jahr 2016 ging allein in Deutschland die Zahl der getöteten Motorradfahrer und -fahrerinnen von 536 auf 473 im Jahr 2021 zurück. Auch sank im selben Zeitraum die Zahl der Motorradfahrunfälle mit Personenschaden von 8.607 auf 8.221.
Bosch ABS Generation 9
Mit der ABS-Generation 9 für Motorräder hat Bosch das erste speziell für Motorräder entwickelte Antiblockiersystem auf den Markt gebracht. Es ist 0,5 Liter groß und 700 Gramm schwer - und damit wesentlich kleiner und leichter als bisherige Systeme, die immer von Pkw-Systemen abgeleitet wurden. Dank seines modularen Systemaufbaus und unterschiedlicher Funktionsumfänge lässt sich die Technik in jeder Leistungsklasse einsetzen - von der preiswerten Einstiegsmaschine bis zum Supersportler.
Die verschiedenen Ausbaustufen des Bosch ABS 9
- ABS 9M light: 1-Kanal-Antiblockiersystem, das nur auf das Vorderrad wirkt und kostengünstiger ist. Konzipiert für preiswerte Motorräder in Asien und Südamerika.
- ABS 9 base: Bietet vollen Blockierschutz für Vorder- und Hinterrad und reagiert sicher auf sich blitzartig verändernde Straßenverhältnisse.
- ABS 9 plus: Geeignet für leistungsstärkere Maschinen, mit zusätzlichem Drucksensor zur Verbesserung der ABS-Regelung und Erkennung von Überschlagneigung.
- ABS 9 enhanced: Bietet zusätzlich die eCBS-Funktion (electronically Combined Brake System), bei der die zweite Bremse automatisch zugeschaltet wird, wenn der Fahrer nur eine der beiden Bremsen betätigt.
Zusatzfunktionen für noch mehr Komfort und Sicherheit
Das Bosch-ABS kann nicht nur die Bremswirkung des Motorrads verbessern. Viele Zusatzfunktionen ermöglichen Motorradfahrern ein noch sichereres und komfortableres Fahren.
- Traktionskontrolle: Sie verhindert beim starken Beschleunigen das Durchdrehen des Hinterrads und wirkt dem Aufsteigen des Vorderrades entgegen. Die Traktionskontrolle ist in alle 2 Kanal-Systeme der ABS-Generation 9 von Bosch integrierbar.
- Berganfahrhilfe: Die Berganfahrhilfe hält nach dem Lösen der Bremse durch den Fahrer den Bremsdruck weiter aufrecht. So bleibt das Motorrad stehen, bis der Fahrer wieder anfährt. Die Komfortfunktion ist in das ABS 9M enhanced integrierbar.
ABS-Pflicht in der EU
Von 2017 an schreibt das Europäische Parlament Antiblockiersysteme für alle Motorräder mit mehr als 125 Kubikzentimetern (ccm) Hubraum vor. Für neue am Markt eingeführte Modelle gilt diese Verordnung bereits ab 2016. Kleinere Maschinen ab 50 ccm müssen mit ABS oder einem kombinierten Bremssystem ausgestattet sein.
Sicherheitssysteme im Vergleich
Die folgende Tabelle bietet einen Überblick über verschiedene Sicherheitssysteme für Motorräder und deren jeweiliges Sicherheitspotenzial:
| Bezeichnung | Wirkung | Sicherheitspotenzial |
|---|---|---|
| Standard-ABS (vorrangig für Geradeausbremsung) | Verhindert vor allem bei Geradeausfahrt einen Sturz durch Notbremsung mit blockierten Rädern | Sehr hoch |
| Kurventaugliches ABS | Wie Standard-ABS, zusätzlich anwendbar in starker Schräglage, verhindert das Aufrichten der Maschine inkl. Verlassen der Fahrlinie und ein Wegrutschen der Räder (im Rahmen der physikalischen Grenzen) | Sehr hoch |
| Hinterrad-Abhebe-Kontrolle (Stoppie-Kontrolle) | Verhindert beim starken Bremsen das Abheben des Hinterrades, im Extremfall einen Fahrzeugüberschlag, besonders bei starken Bergabbremsungen. Funktion ist in guten ABS teilweise integriert | Hoch |
| Kombi- oder Integral-Bremssystem | Bremskreise für Vorder- und Hinterrad sind ganz oder teilweise verknüpft, Bremshebel wirkt auch auf die Bremse des anderen Rades. Sorgt für bessere Bremsstabilität und schnelleren Bremseinsatz | Hoch |
| Wheelie-Kontrolle | Verhindert das Abheben des Vorderrades beim zu heftigen Beschleunigen. Motorkraft wird ggf. begrenzt | Hoch |
| Kurventaugliche Schlupfkontrolle | Sichert bei Kurvenfahrt den Grip des Hinterrades durch etwaige Begrenzung der Motorkraft, besonders bei sportlicher Fahrweise, kann sogenannte Highsider verhindern | Hoch |
Fazit
ABS hat sich als ein entscheidendes Sicherheitsmerkmal für Motorräder etabliert. Moderne Systeme bieten nicht nur Schutz bei Geradeausbremsungen, sondern auch in Kurven und im Gelände. Die technologischen Fortschritte haben zu immer feinfühligeren und effektiveren Systemen geführt, die einen wesentlichen Beitrag zur Reduzierung von Motorradunfällen leisten.
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