Hohe Carbonfelgen sind so was wie die Segel des Rennrads. Sie können sogar Seitenwind in Vortrieb umwandeln und sind erste Wahl, wenn es um maximales Tempo in flachem bis welligem Gelände geht. Außerdem verändern sie mächtig die Optik des Renners - selbst ein unauffälliger Rahmen wird, derart bereift, zum Hingucker.
Die neuesten Entwicklungen im Visier
Nachdem zuletzt preisattraktive Aero-Laufräder mit bis zu 55 Millimeter hohen Felgen und Preisen bis 1.200 Euro getestet wurden, wollen wir jetzt wissen, wie viel schneller die Besten der Besten sind. Eingeladen wurden sechs Marken, die im zurückliegenden Jahr neue Konstruktionen präsentiert haben. Deren Felgen sind zwischen 55 und 62 Millimeter hoch. Dass die Hersteller hier alle Register ziehen, spiegelt sich in den Preisen von 2.000 bis 3.600 Euro für die Laufräder wider: Neben komplizierter Nabentechnik und Keramiklagern sind darin auch teure Carbonfasern und Harze verbaut, die besonders hohe - und damit aerodynamische -, leichte und gleichzeitig stabile Felgen erlauben.
Breitere Felgen für mehr Komfort und Tempo
Auffällig ist, dass die Felgen im Vergleich zu ihren Vorgängermodellen nochmals breiter geworden sind. Außen messen die Felgenringe nun bis zu 33 Millimeter, die Felgeninnenweiten sind bis auf knapp 24 Millimeter gewachsen (Zipp). Passende Reifen sollten mindestens 25 Millimeter breit sein, aber auch 28 oder 30 Millimeter breite Pneus finden super Anschluss auf diesen Felgen. Denn die Felge sollte aus aerodynamischen Gründen idealerweise etwas breiter sein als der montierte Reifen.
Breitere Felgen erhöhen wiederum den Spielraum, die Reifen mit weniger Druck zu fahren und so die Fahrdynamik zu verbessern: Stützt sich der Reifen breiter ab, überträgt er auch mit weniger Luftdruck die Lenkbefehle noch einwandfrei auf die Straße, federt aber zugleich besser. Mehr Komfort? Ja. Aber auch mehr Tempo. Auf holperigen Straßen rollen die Reifen schneller, die besser federn. Der Kopfstein-Klassiker Paris-Roubaix wurde 2021 mit 30- beziehungsweise 32-Millimeter-Tubeless-Reifen gewonnen - und mit besonders niedrigen Luftdrücken: Sieger Sonny Colbrelli fuhr 32er-Reifen mit 3,8 und 3,4 Bar, im Frauenrennen war Lizzie Deignan mit 30er-Reifen die Schnellste und gab nach dem Rennen zu Protokoll, diese mit nur 2,3 Bar befüllt zu haben.
Aber auch jenseits der extremen Pavés sind breite Reifen oft die bessere Wahl: Selbst eine normale Landstraße, die nicht mehr ganz glatt ist, zieht mit jedem Rumpeln Körner aus den Beinen. Dagegen gleiten wir bei unseren Testfahrten mit den extrabreiten Zipp-Felgen wie auf Samtpfoten über brüchige Straßen - unter einem 70 Kilogramm schweren Fahrer mit 4,5 bis 5 Bar im 25er-Tubeless-Reifen; das ist das obere Limit dessen, was die hakenlose Felge verträgt. Schwere Fahrer sollten also besser zu breiteren Reifen mit mehr Volumen greifen, sie würden sonst die Druckgrenze der hakenlosen Felge überschreiten.
Tubeless-Technologie und Aerodynamik
Alle Felgen sind tubeless-ready, mit Dichtmittel also auch ohne Schlauch fahrbar. Da Tubeless-Reifen sich mit niedrigerem Druck fahren lassen und dabei immer noch sehr durchschlagsicher sind, sind sie angesichts der immer breiter werdenden Felgen die logische Wahl. Auch im Profiradsport zeichnet sich ein Umdenken ab. Schlauchreifen werden nach den positiven Erfahrungen mit Tubeless in der Rennsaison 2021 wohl auch in ihrer letzten Bastion in naher Zukunft zum Auslaufmodell.
Was bedeutet die wachsende Felgenbreite nun für den Luftwiderstand des Laufrads? Müsste dieser nicht zunehmen, weil sich die Stirnfläche des Laufrades vergrößert? Getestet haben wir die Aerodynamik im GST-Windkanal, wie immer mit unserem tretenden Dummy als Fahrer. Das Ergebnis: Trotz breiterer Felgen messen wir für die neuen Räder einen Tick weniger Luftwiderstand. Ganz vorne landet DT Swiss mit dem Modell ARC 1100 Dicut 62, aber die Spitze ist so dicht beisammen, dass Shimano und Bontrager im Rahmen der Messgenauigkeit gleichauf liegen. Vision und Zipp folgen mit einem guten Watt Abstand und Campagnolo, das „langsamste“ Rad im Test, liegt zwei Watt hinter DT Swiss.
Offensichtlich ist die Aerodynamik der Laufräder weitgehend ausgereizt. Markanter sind die Fortschritte und Unterschiede im Handling: Die neuen Felgenprofile vereinen Tempo besser mit guter Seitenwindstabilität, Böen zerren weniger am Vorderrad. Am besten gelingt die Abstimmung Bontrager. DT Swiss, Shimano und Zipp haben ihre Profile im Hinblick auf die Windstabilität auch verbessert und liegen im Mittelfeld. Etwas abgeschlagen folgen Vision und Campagnolo. Wichtig zu wissen: Auch die Besten der hohen Felgen reagieren stärker auf Böen als flache Felgen. Schließlich gibt es keinen Segeleffekt, ohne dass entsprechende Kräfte auftreten. Wer segeln will, muss lernen, bei Seitenwind mit dem Lenker gegenzuhalten.
Vor- und Nachteile hoher Felgen
Bleibt die Frage, ob 55 oder 60 Millimeter hohe Felgen relevante Vorteile im Vergleich zu niedrigeren Felgen bringen. Daher haben wir das Dura-Ace-Laufrad auch in 50 Millimeter Felgenhöhe mitgetestet und die Vision-Felge auch in 45 Millimeter. Beide rangieren in der Aero-Wertung, in die alle Messungen über verschiedene Anströmwinkel einfließen, zwei, beziehungsweise fünf Watt hinter den höheren Modellen. Ein Blick auf den Luftwiderstandsverlauf zeigt aber, dass sie bei kleinen Anströmwinkeln (viel Tempo, wenig Seitenwind) fast gleichauf liegen; der geringere Gesamt-Luftwiderstand der hohen Räder entsteht hauptsächlich durch Segeleffekte bei großen Anströmwinkeln, also starkem Seitenwind.
Die hohen Felgen bringen erst bei kräftigem Wind ein relevantes Plus. Die flacheren Modelle segeln schlechter, sind dafür aber spurstabiler bei Seitenwind; 15 Millimeter weniger Bauhöhe bewirken bei Vision eine Halbierung des Lenkmoments. Für Rennen heißt das: Bei hohem Tempo und entsprechend eher kleineren Anströmwinkeln ist das Laufrad mit 45-Millimeter-Felge nur minimal (0,8 Watt) langsamer als das mit 60 Millimetern. Treten Böen auf, greifen sie weniger in die Lenkung. Für Straßenrennen mit dicht gepacktem Peloton ist die 45er-Felge daher die bessere und universellere Lösung. Auch im Straßenverkehr sind die 45er-Felgen stressärmer, weil sie weniger ausschlagen, wenn zum Beispiel LKW beim Überholen heftige Lufwirbel verursachen.
Zeitfahrer, insbesondere Triathleten, profitieren eher von den 60er-„Segeln“, denn sie erleben je nach Streckenverlauf auch größere Anströmwinkel und können den Segeleffekt entsprechend besser nutzen.
Aufbau, Mechanik und Gewicht
In Aufbau und Mechanik sind die Unterschiede zwischen den Rädern im Testfeld gering. 24 Speichen sind gesetzt, die Steifigkeitswerte sind alle im grünen Bereich, die Designs zurückhaltend. Beim Gewicht setzt sich Zipp jedoch sehr deutlich vom Rest des Feldes ab: 1.380 Gramm sind eine Ansage bei 55 Millimetern Felgenhöhe. Möglich wird dies vor allem durch eine offensichtlich leichtere Felge, das belegen unsere Trägheitsmessungen. Zipp lässt sich die Felgen-Diät aber sehr teuer bezahlen. 3.600 Euro stechen nach oben raus - dafür bekäme man glatt vier Sätze der Leeze-CC50-Laufräder, die den Testsieg in TOUR 4/2021 eingefahren haben (ein Watt langsamer als Zipp, seitenwindstabiler, 300 Gramm schwerer).
In der Gesamtwertung setzt sich Bontrager in diesem Test mit sehr gut abgestimmter Aerodynamik knapp durch und holt sich den Testsieg in der 60-Millimeter-Klasse.
Technische Details und Testergebnisse
Hier eine Übersicht der getesteten Aero-Rennrad-Laufräder:
| Laufrad | Preis pro Satz | Breite x Höhe / Innenbreite | Speichen (vorne/hinten) | tubeless-tauglich / Freilauf | Gewichtslimit / Garantie* | Fazit |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Bontrager Aeolus RSL 62 | 2.498 Euro | 33 x 62 / 23 Millimeter | Messerspeichen, ungekröpft 24/24 | ja / Shimano, SRAM XDR | keine Angabe / lebenslang; CR (Crash Replacement) | Sehr gute Aerodynamik. Die breite Felge mit großem Innenmaß schafft einen guten Kompromiss aus Tempo und Handling - beste Abstimmung im Testfeld. Für die Felgenhöhe vergleichsweise leicht. |
| Campagnolo WTO Ultra 60 | 3.149 Euro | 26,5 x 60 / 21 Millimeter | Messerspeichen, ungekröpft 24/24 | ja / Campagnolo, Shimano, SRAM XDR | 120 kg Systemgewicht | Schnell, aber nicht so stabil im Seitenwind wie die breiteren Wettbewerber - das drückt die Note. Viele sehenswerte und gute Details: Carbon-Nabenkörper, einstellbare Keramik-Hybridlager, geschlossener Felgenboden. |
| DT Swiss ARC 1100 Dicut DB 62 | 2.389 Euro | 30 x 62 / 20 Millimeter | Messerspeichen, ungekröpft 24/24 | ja / Shimano, SRAM XDR | 110 kg Systemgewicht / lebenslang; CR (Crash Replacement) | Sehr schnell, mit bauchigem Profil und moderater Innenweite. Innen liegende Nippel für verminderten Rotations-Luftwiderstand. Mittlere Seitenwindstabilität, relativ schwere Felgen, Keramik-Hybrid-Lager. Mattes Finish. |
| Shimano Dura-Ace C60 | 1.999 Euro | 28 x 60 / 21 Millimeter | Messerspeichen, ungekröpft 24/24 | ja / Shimano | keine Angabe | Sehr schnell und mit mittlerer Seitenwindstabilität. Typisch für Shimano sind die einstellbaren Konuslagerungen. Gute Steifigkeit, schnörkellos. Mattes Finish. Günstigster Laufradsatz im Test. |
| Vision Metron 60 | 2.058 Euro | 33 x 60 / 21 Millimeter | Messerspeichen, ungekröpft 24/24 | ja / Shimano, SRAM XDR | keine Angabe / lebenslang; CR (Crash Replacement) | Bauchig breite Felge, aber normales Innenmaß von 21 Millimetern. Schnell, aber nicht so spurstabil im Wind wie die Klassenbesten. Steifigkeitswerte und Gewicht sind mittelmäßig, das drückt die Note etwas. |
| ZIPP 454 NSW | 3.599 Euro | 28 x 55 / 23,6 Millimeter | Messerspeichen 24/24 | ja / Shimano, SRAM XDR, Campagnolo | 115 kg Fahrer / lebenslang; CR (Crash Replacement) | Sehr leichtes Set mit großer Innenbreite und hakenloser Felge, limitiert auf 5 Bar Druck - sinnvoll ab 28-Millimeter-Reifen. Sehr gute Aerodynamik, mittlere Seitenwindstabilität. Teuer. |
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