Es ist der Albtraum jedes Joggers und Radfahrers: Ein scheinbar herrenloser Hund kommt angerast und schnappt nach Leib und Seele des Menschen. Aber warum macht er das überhaupt? Und wie kommt es nur dazu, dass manche Hunde den Unterschied zwischen Mensch und Beute nicht kennen?
Gründe für das Verhalten
Kurz gesagt, gibt es zwei Hauptgründe, warum Hunde Jogger oder Radfahrer verfolgen:
- Der Mensch wird als Eindringling wahrgenommen: Der Mensch wird als Passant des heimischen Grundstücks als Eindringling wahrgenommen und muss vertrieben werden. In diesem Fall kann es zu Bissverletzungen kommen, der Hund wird aber aller Wahrscheinlichkeit nach dem vermeintlichen Eindringling nicht nach dem Leben trachten, er will nur, dass dieser verschwindet. Das ist übrigens auch der grundsätzliche Sinn aggressiven Verhaltens: den Abstand zu vergrößern.
- Der Mensch wird als Beute wahrgenommen: Der Mensch wird nicht als Sozialpartner wahrgenommen, sondern als Beute. Um das zu erklären, muss man kurz auf die Entwicklung des Hundes eingehen.
Die Entwicklung des Hundes und das Spielverhalten
Ein wichtiges Element, um verschiedenste Dinge zu erlernen, ist das Spiel. Spiel wird definiert als »soziopositive Interaktion« (= freundliches Miteinander) zwischen zwei Individuen, während derer es zum ständigen Rollentausch kommt. Am Beispiel vom Fangenspielen lässt sich das einleuchtend erklären. Mal ist der eine Jäger, mal der andere. Wenn man immer nur der Gejagte ist, verliert man bald die Lust und bricht das Spiel ab. So ist es bei Hunden und auch bei Kindern. Im Spiel werden also soziale Verhaltenselemente erlernt und geübt. Deshalb ist auch der Kontakt zu Artgenossen in diesem Alter so wichtig, und auch aggressives Verhalten, das Teil des ganz normalen Sozialverhaltens ist, muss unbedingt gelernt werden dürfen!
Vermenschlicht gesprochen, heißt das: Auf eine freche Anmache sollte nicht gleich mit dem Messer zugestochen, sondern angemessen mit einem unfreundlichen »Lass mich in Ruhe!« reagiert werden. Erst gaaanz am Ende der »Hundwerdung« ist das Jagen dran. Jagen gehört zum Funktionskreis des stoffwechselbedingten Verhaltens und hat also mit dem Sozialverhalten wenig zu tun. Die zum Jagen nötigen Verhaltensweisen hat der kleine Hund im Spiel erlernt und geübt und bekommt schließlich im Laufe der Reifung die hormonelle Information, worauf und auf wen sie anzuwenden sind. Ist alles passend und artgemäß verlaufen, wird der Hund also genau unterscheiden können, was jagbar ist und wer und was nicht.
Das Jagdverhalten des Hundes
Das Jagdverhalten des Hundes besteht aus mehreren Sequenzen:
- Appetenzverhalten: Das ist die Suche nach dem auslösenden Reiz. Ich nenne das auch gern »Appetitverhalten«, das ist dann quasi selbst erklärend. Es ist im Grunde das diffuse Gefühl, Lust auf etwas zu haben, in der passenden Stimmung zu sein.
- Orten und Fixieren: Ich weiß zwar nicht, was genau ich gesucht habe, aber - huch! - da ist ein Kaninchen. Es läuft weg. Auf diesen Bewegungsreiz wird im Hundehirn blitzartig ein Hormoncocktail ausgeschüttet.
- Hetzen und Packen: Der Hund sprintet hinter dem Kaninchen her, Hormone sorgen für Weitstellung der Pupille und vermindertes Schmerzempfinden.
- Töten: Die zum Töten notwendigen Griffe und Kniffe wurden bereits im Spiel erlernt - wie zum Beispiel der Kehlbiss oder das Beißschütteln.
- Fressen und Verdauen: Auch das gehört noch zum Jagdverhalten dazu.
Der Einfluss des Menschen
Jetzt kommt der Mensch ins Spiel. Durch Halbwissen, Hundeplatz-Klugscheißerei und halbgute Fernsehsendungen inspiriert glaubt der rezente Hundebesitzer, er müsse seinem Hund rund um die Uhr Entertainment bieten, ihn »auslasten«. Prominente Hundetrainer empfehlen dringend, den in Abwesenheit des Halters aus Langeweile das Sofa zerstörenden Köter derartig krass zu bespaßen, dass dieser anschließend stundenlang zu Tode erschöpft artig im Körbchen schläft und bis zur Rückkehr von Mutti keinen Mist baut. Tatsächlich erreicht man damit meist ganz genau das Gegenteil.
Wer derart auf Action trainiert ist, regeneriert schnell und landet dann wieder auf einem hohen Erwartungslevel: »Was jetzt? Wer aber im Gegenteil gelernt hat, die Smartphonepause auszuhalten, an roten Ampeln friedlich auf Grün zu warten, mal Löcher in die Luft zu gucken, der findet auch in der actionlosen Zeit viel leichter zur Ruhe.
Nun haben wir aber einen Hundehalter, der nicht mehr auf sein Bauchgefühl hört, seine Kinder zwar aus Überzeugung zur medienfreien Zeit zwingt, selbst vielleicht wenig Zeit hat und den noch jungen Hund dennoch »auslasten« will, weil der Fernsehonkel das so gesagt hat. Dieser Junghundhalter greift dann gern für zehn Minuten zur Ballschleuder, anstatt eine Stunde spazieren zu gehen. Schauen wir auf die Definition von Spiel, wird schnell klar, dass während der Ballschleuder-Nummer NIEMALS die Rollen getauscht werden. Ich habe jedenfalls noch keinen Hund gesehen, der mit der Ballschleuder seinen Menschen einem Ball nachrennen lässt.
Die Vermischung der Antriebe
Und jetzt blicken wir auf Punkt 3 im Jagdverhalten: Hetzen und Packen. DAS ist es, was wir mit der Ballschleuder trainieren! Die blitzschnelle Reaktion auf den Bewegungsreiz und hetzen-packen-hetzen-packen-hetzen-packen. Immer wieder. Und wenn dann noch dieses Hetzen-und-Packen-Training in eine Entwicklungszeit fällt, in der das Jagen noch gar nicht dran ist, dann kann das zu einem riesigen, einem tödlichen Problem werden. Das ist das, was die Fachwelt »Vermischung der Antriebe« nennt. Es wird quasi die Reaktion auf den Bewegungsreiz vor das Orten und Fixieren geschaltet. Der 3. vor dem 2. Schritt gemacht. Und dann ist es völlig gleichgültig, was sich da bewegt, es wird verfolgt, WEIL es sich bewegt! Die Information: »Oh, ein Reh! Jagen!« oder »Oh, nur ein laufender Mensch! Nicht jagen!« kommt zu spät oder gar nicht im Hundehirn an.
Deshalb musste der kleine Volkan im Jahr 2000 sterben. Das war Jagdverhalten, kein aggressives Verhalten. Auf jenem Hamburger Schulhof wurde der Hund regelmäßig mit einem Fußball bespaßt. Und dann läuft ihm eines Tages dort ein Junge über den Weg. Dass dieser jagdliche Hormonrausch obendrein auch noch süchtig machen kann, sei abschließend und der Vollständigkeit halber auch noch erwähnt.
In meiner aktiven Zeit als Hundetrainerin hatte ich mal einen Rottweiler im Training, der von den Erstbesitzern komplett tennisballsüchtig gemacht worden war. Dieser Hund hat sogar winzige Filzfitzelchen im Gebüsch gefunden, nahm sie auf, trug sie und war nicht mehr ansprechbar, wirkte regelrecht selig und in sich gekehrt. Und weil in seiner neuen Familie keiner mit Tennisbällen warf, lenkte er seine Sucht nach dem Hormonrausch auf andere sich bewegende Dinge um: Blätter, Eicheln, Autos, Busse, Laster. So ein armer Hund.
Test zur Suchterkennung
Wenn Sie sich jetzt fragen, ob Ihr Hund suchtkrank ist, empfehle ich einen simplen Test. Wenn Sie bei Hundebegegnungen den Ball in die Tasche stecken und Ihr Hund nimmt Kontakt zu seinen Artgenossen auf - alles bestens. Hat er aber keinen Blick für Seinesgleichen, sondern starrt nur auf die Tasche, in der der Ball sich befindet - suchtkrank.
Verhaltenstipps für Begegnungen mit Hunden
Stellen Sie sich vor, sie stehen auf einem Hochhaus und werfen den Ball über den Gebäuderand hinweg. Die schlechteste Idee in zwei von drei Fällen ist es, kehrt zu machen und die Flucht zu ergreifen. Viele Hunde - auch mittelgroße - schaffen häufig locker 20 bis 30 km/h und halten diese Geschwindigkeit vermutlich auch länger durch als wir. Im Video unten sind meine Hunde etwa 45 km/h schnell und kein bisschen angestrengt.
| Verhalten | Empfehlung |
|---|---|
| Hund nähert sich | Anhalten und sich groß machen, einen energischen Schritt auf das Tier zugehen und es anbrüllen. (»Hau ab!« ist kurz und lässt sich überzeugend vortragen.) Hat man ein Rad dabei, kann man es zwischen sich und das Tier stellen, falls man unsicher ist. |
| Hund verteidigt sein Grundstück | Großmachen und Rumbrüllen empfiehlt sich allerdings überhaupt nicht, wenn das Tier sein Grundstück verteidigt. In einem solchen Fall lieber den Blick abwenden und sich langsam, aber nicht fluchtartig entfernen. |
Die in diesem Artikel besprochene Problematik betrifft nicht alle Hunderassen und deren Mischlinge. Es gibt Hunde, mit denen zu jeder Zeit im Leben bis zum Abwinken mit dem Ball gespielt werden kann. Aber es gibt eben auch genetisch bevorzugte Hunde, beispielsweise Stöberhunde, Terrier oder Rottweiler, manche Hütehunde, die schneller durcheinander kommen. Es kommt immer darauf an, wofür eine bestimmte Rasse gezüchtet, welche Anlagen durch Zuchtauslese gefördert wurden. So reagiert beispielsweise der Labrador gelassener auf einen Bewegungsreiz als ein Jack Russell Terrier. Der Labrador soll das Wild nicht verfolgen, bei ihm wurde in der Zucht Wert auf Nervenstärke, Apportierfreude und Kooperation mit dem Menschen gelegt.
Liebe Hundehalter, lasst doch dieses unreflektierte Ballspielen einfach ganz sein. Es gibt so viele andere Dinge, die man mit Hunden machen kann. Die am meisten unterschätzte Beschäftigung ist übrigens der Spaziergang. Ist wenig Zeit, können zehn Minuten Suchspiel ausreichend zur Auslastung sein. Oder rangelt doch mal ohne Geräte mit Euren Hunden!
Peanut und Musha zeigen hier bei Weitem nicht alles, was sie an Speed drauf haben. Und trotzdem sind das hier satte 45 km/h Geschwindigkeit, mit der sie auf mich zulaufen.
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