Die Frage, ob Frauen im Iran Motorrad fahren dürfen, ist komplex und vielschichtig. Offiziell ist es Frauen im Iran nicht erlaubt, Motorrad zu fahren. Trotzdem wagte die britische Abenteurerin Lois Pryce das Wagnis und reiste mit ihrem Motorrad durch den Iran. Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse geben einen tiefen Einblick in die Realität des Lebens im Iran und die Rolle der Frau in dieser Gesellschaft.
Die Einladung eines Fremden
Eines Tages entdeckte Lois Pryce in London einen Zettel an ihrem weitgereisten Motorrad: Eine persönliche Einladung in den Iran, ausgesprochen von einem Fremden namens Habib. Die Neugierde der Abenteurerin war geweckt.
Lois Pryce: Eine Abenteurerin auf zwei Rädern
Lois Pryce, Jahrgang 1973, ist für ihr Leben gern unterwegs, je abenteuerlicher, desto besser. 2003 kündigte sie ihre Stelle bei einem bekannten britischen Radiosender und brach auf zu ihrem ersten großen Abenteuer: 20.000 Kilometer mit dem Motorrad von Alaska über Feuerland bis nach Argentinien. Seitdem bereist sie die Welt. Ihr Markenzeichen: das Schaffell auf dem Sattel ihres Motorrads. Sie schreibt regelmäßig für die New York Times, den Guardian u.a. und kuratiert das Adventure Travel Film Festival. Lois Pryce lebt mit ihrem Mann in London auf einem alten holländischen Frachtkahn.
Die Reise in ein unbekanntes Land
Lois fasst Mut, stürzt sich in die Bürokratie für die Visabeantragung und schließlich betreten ihre Füße tatsächlich iranischen Boden. Und ihr Motorrad hat sie auch dabei. Nun blickt sie nach vorne. Sie hat ein paar Wochen, in denen sie Land und Leute erforschen und kennenlernen kann.
Nicht, dass die Genehmigung eines Visums einfach ist, geschweige denn, dass der Iran Frauen erlaubt, allein, mit dem Motorrad, durchs Land zu tingeln. Trotzdem: 2013 bricht Lois auf, fährt - in Kopftuch und Ganzkörperverhüllung - auf ihrem Bike quer durch die Türkei, steigt in Ankara in den Transasia-Express und nach gut tausend Kilometern, im Iran, in der Grenzstadt Täbriz, wieder aus. Von dort erkundet sie das Ufer des Kaspischen Meeres, fährt mit ihrem Motorrad durch die Wüste, über das Elburs- und Zagrosgebirge nach Teheran, dann nach Süden, nach Yazd, Isfahan und schließlich - nach Schiraz. Eine Reise von mehreren Tausend Kilometern.
Erfahrungen und Begegnungen
Auf ihrer Reise erlebt die Britin das ein oder andere Abenteuer. Sie trifft immer wieder auf Menschen, die neugierig auf die Frau mit dem Motorrad reagieren, auf Menschen, die ihr wohlgesonnen sind, neugierig darauf, was sie antreibt durch den Iran zu reisen. Doch es bleibt nicht aus, dass die Britin auch unangenehme Situationen überstehen muss.
Faszinierend und beeindruckend sind die Begegnungen voller Herzlichkeit, Neugier und Hilfsbereitschaft über die Lois Pryce berichtet. So erhält die Leserin zum Teil gute Einblicke in den Alltag der iranischen Bevölkerung. Damit verbunden sind zahlreiche intime Einblicke in die Alltagswelt der Einheimischen.
Die Rolle der Frau im Iran
Eine weitere sehr positive Erfahrung für Lois als auch für mich war, dass sie ihre Vorstellung von iranischen Frauen revidieren musste. Sie waren keineswegs unterdrückte und kuschende Frauen. Eine Menge ist gebildet, berufstätig, arbeiten in gehobenen Berufen wie Ärztinnen und Anwältinnen. Im Iran studieren mehr Frauen als Männer.
>>"Im Westen denken die Leute, wir würden uns alle unter schwarzen Tschadors verstecken", "Dass wir unseren Männern gehorchen, dass wir nicht Auto fahren oder arbeiten gehen dürfen. Abgesehen von den Menschen, die sehr viel Lebensfreude versprühen und zu jeder Zeit versuchen das Maximum für sich an Lebensqualität herauszuholen, kann die Autorin auch das Land ganz wunderbar vor Augen bringen.
Ein Land voller Widersprüche
Und Lois macht eine erstaunliche Entdeckung: Obwohl die, denen sie begegnet, geprägt sind von den brutalen Restriktionen eines diktatorischen Systems, liebste Menschen immer wieder verschwinden oder nie wieder auftauchen, sind die Iraner unendlich lebensfroh, umschiffen mit großer Kreativität die Zwänge des Regimes: Alles ist möglich, lernt Lois. Man muss nur wissen wie und - über wen!
Filme, Alkohol, Party, Sex, Drogen, Internet, Miniröcke, Schmuck und rot lackierte Fußnägel? Kein Problem! Die Menschen leben in parallelen Welten, einer öffentlichen, maximal restriktiven und einer privaten, freien - dem Gegenüber nahen, diskursiven. Das überrascht die Reisende vor allem: die Zuneigung, menschliche Nähe und Offenheit die ihr zuteil wird, die große Gastfreundschaft, die sie fasziniert und eine Liebe in ihr weckt.
Das Land ist kompliziert, widersprüchlich, es ist „religiös und doch hedonistisch, praktisch und doch poetisch, modern und doch traditionsbewusst…“ Und es gibt mehr Ähnlichkeiten zwischen dem Iran und Großbritannien, als Lois Pryce vermutet: Beide Länder waren mächtige Königreiche mit ausgeprägtem Nationalstolz, die eine sehr ähnliche Inselmentalität entwickelt haben, „eine perverse Lust an der Eigenbrötlerei“.
Wie die Briten lieben die Iraner das Bergsteigen, Picknicken, haben seltsame Höflichkeitsrituale und tun nichts ohne eine Tasse Tee.
Fazit
Gegen alle Voraussagen, brennt nach 4 erlebnisreichen Wochen ihr Herz für dieses Land und seine Menschen. Sie möchte in die Welt hinausposaunen, welch Woge der Menschlichkeit sie überrollt hat, die sie "in dieser Form nirgends auf der Welt erlebt hat." (Seite 314).
Eines steht für Lois Pryce am Ende ihrer Reise in jedem Falle fest: „Der Iran hatte mich auf eine essenzielle Weise verändert.
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