Indische Diesel-Motorradmodelle: Ein Blick auf die Enfield Diesel

Die Enfield Diesel entstand in den 1980er-Jahren in Indien und war das weltweit einzige Diesel-Motorrad, das in größeren Stückzahlen entstand. Bei einer Moderation für den ADAC Niedersachen/Sachsen-Anhalt traf ich unter anderem auf eine Enfield Diesel Taurus, was mich dazu veranlasste, mich näher mit diesem ungewöhnlichen Fahrzeug zu beschäftigen.

Die Geschichte der Enfield Diesel

Royal Enfield bot in Indien mit der Enfield Diesel beziehungsweise Enfield Taurus tatsächlich ein Motorrad mit Selbstzünder an. Die Enfield Diesel basiert auf der Enfield Bullet. Das war auch deshalb möglich, weil Grundlage der Enfield Diesel die legendäre Bullet von Royal Enfield ist. Diesen Motorradklassiker stellte Royal Enfield bereits 1931 erstmals vor. 1948 überarbeitete der britische Motorradhersteller aus Redditch, Worcestershire seine Bullet vollständig.

1955 begann Madras Motors in Indien mit der Lizenzproduktion dieses Modells. Das half als die britischen Lizenzgeber in den 1960er-Jahren in die Krise fuhren. 1967 verlor die britische Firma, die einst als Zulieferer der Royal Small Arms Factory in Enfield, London gestartete, die Unabhängigkeit. Doch Käufer Norton-Villiers lies die Marke schon drei Jahre später auslaufen. Zudem ging Norton-Villiers bald selbst in einem anderen Unternehmen auf. Dieses wiederum schloss 1978 die Tore. Zur Insolvenzmasse gehörten die Rechte an der Marke Royal Enfield. In Indien lief die Produktion davon ungestört weiter.

Dieser entstand selbst einst als indischer Ableger des deutschen Landmaschinen-Herstellers Eicher und überlebte ebenfalls das Stammunternehmen. Eicher Goodearth führte die neue Tochter unter dem Namen Royal Enfield India. 1999 gelang es der Firma sich die Markenrechte Royal Enfield zu sichern. Damit entfiel der Namenszusatz „India“. Zum Programm des Motorradbauers gehört immer noch die Bullet. Damit ist sie das am längsten gebaute Motorrad der Geschichte. Und zu den Irrungen und Wirrungen dieser Geschichte gehört auch eine Diesel-Epoche.

Technische Details und Besonderheiten

Dabei griff das Unternehmen auf zugekaufte Einzylinder von Lombardini zurück. Der italienische Motorenbauer aus Reggio nell’Emilia bietet diese luftgekühlten Aggregate eigentlich für Stromerzeuger oder Pumpen an. Eine spezielle Version seines Einzylinders ist auch mit integriertem Getriebe und Differenzial verfügbar. Royal Enfield bezog die einfachen Standmotoren. Denn die Motorräder des inzwischen indischen Traditionsherstellers brachten das Getriebe bereits mit. Dieses nutzte auch der Diesel von Lombardini.

Die war übrigens nur möglich, da bei der Bullet Motor- und Getriebegehäuse zwei getrennte Teile sind. Bei modernen Motorrädern gibt es in der Regel nur noch ein Gehäuse. Dies nutzten zunächst findige Mechaniker aus, die bei defekten Maschinen den Motor durch Fremdprodukte ersetzten. Das sprach sich bald auch beim Hersteller rum. Und so fand die Enfield Diesel in den 1980er-Jahren als Enfield Taurus Aufnahme ins offizielle Programm.

Zunächst bot Royal Enfield einen 325 ccm großen Diesel an. Der mit 18:1 verdichtete Lombardini 6 LD 325 leistet bei 3.600 Umdrehungen pro Minute 6,5 PS (5 kW). Bei 2.500 Umdrehungen stemmt der Selbstzünder 15 Newtonmeter maximales Drehmoment auf seine Kurbelwelle. 85 Kilometer pro Stunde ist die Enfield Diesel damit schnell. Wobei der Diesel auch mit zwei Rädern seine Sparsamkeit beweist.

Interessant ist, wie sich der Auspuff irgendwie zwischen Motor und Getriebe hindurchschlängelt. Rechts am Gebläse verfügt der Motor noch über einen Anschluss für eine Pumpe. Schön zu erkennen ist auch die Führung des Auspuffs. Er windet sich zwischen Motor und Getriebe hindurch.

Hier eine Tabelle mit den wichtigsten technischen Daten:

Merkmal Wert
Motor Lombardini 6 LD 325 Einzylinder-Diesel
Hubraum 325 ccm
Verdichtung 18:1
Leistung 6,5 PS (5 kW) bei 3.600 U/min
Max. Drehmoment 15 Nm bei 2.500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 85 km/h

Besonderheiten beim Starten

Bei meiner Moderation in Hannover bestätigte der Besitzer der Enfield Diesel diese Angabe. Er fahre mit dem 14 Liter Tank mehr als 1.000 Kilometer und demonstrierte mir zum Abschied das durchaus besondere Startprozedere des Motorrads. Zunächst betätigte der Fahrer einen kleinen Hebel am Ventildeckel, um den Motor zu dekomprimieren. Nach einem deutlich vernehmbaren Geräusch betätigte er einmal langsam den Kickstarter, um dann beim zweiten Mal kräftig zuzutreten. Doch die Maschine blieb stumm, sprang noch nicht an. Bis 1993 war dieses Verfahren der Standard. Dann bot Royal Enfield die Taurus auf Wunsch auch mit einem Elektrostarter an.

Das Ende einer Ära

Mit der Abgasnorm Euro 3 Anfang 2006 wurde die Zulassung der Diesel-Motorräder in der EU unmöglich. Ende 2008 schlossen sich auch die Schlupflöcher Kleinserie und Einzelabnahme, die in Deutschland einige Diesel-Freunde oft nutzten. Vor gut 15 Jahren lief schließlich auch in Indien die Produktion der Enfield Diesel Taurus aus. Denn auch in Indien entwickelten sich die Abgasvorschriften weiter.

Die Diesel-Motorrad-Szene lebt weiter

Gleich mehrere Spezialisten kümmern sich bis heute um das Thema „Diesel-Motorrad“. Seit die Zulassung neuer Maschinen nicht mehr möglich ist, bauen sie vorhandene Maschinen nachträglich zu Diesel-Motorrädern um. Einer der Spezialisten lud in der Vergangenheit (= vor der Corona-Pandemie) regelmäßig zu einem großen Dieseltreffen. Bei diesem trafen sich regelmäßig mehr als 50 Fahrer einer Enfield Diesel.

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