Auch wenn ich (oder: gerade weil ich) beruflich nichts mit Technik zu tun habe, mag ich es, die Basisarbeiten an meinem Motorrad selbst durchzuführen. Für mich ist es immer wieder ein Abenteuer, eine Schraube zu lösen, einen Gehäusedeckel abzunehmen und auf neue Kontinente der Mechanik vorzudringen. Ein selbst durchgeführter Wartungsdienst beginnt mit dem Zusammenstellen einer Service- und Einkaufsliste und endet mit dem Vergnügen, wieder einmal etwas für sein geliebtes Forum zu schreiben.
Auch wenn man sich die Freude macht, alles Nötige beim Harley-Dealer zu kaufen, werden die Kosten für die 24000er-Inspektion die 100 Euro-Marke kaum überschreiten, auβer, wenn es sich herausstellen sollte, dass man ein neues Luftfilterelement braucht. Ich brauchte es nicht und habe gegenüber dem Wartungsdienst in der Vertragswerkstatt ganze 300 Euro gespart.
Die folgenden Beiträge beschreiben das 24000er Serviceprogramm Schritt für Schritt (nun ja, auch Schluck für Schluck). Wir übernehmen keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen. Haftungsansprüche gegen die Autoren, welche sich auf Schäden materieller oder ideeller Art beziehen, die durch die Nutzung oder Nichtnutzung der dargebotenen Informationen bzw. durch die Nutzung fehlerhafter und unvollständiger Informationen verursacht wurden sind grundsätzlich ausgeschlossen, sofern seitens der Autoren kein nachweislich vorsätzliches oder grob fahrlässiges Verschulden vorliegt.
1. Ölwechsel
Samstagmittag, 11 Uhr. Zunächst eine kleine Runde fahren, um Öl und Blut auf Betriebstemperatur zu bringen. Durch das Fahren werden die im Öl und Hirn enthaltenen Schwebestoffe gleichmäβig verteilt; warm läuft das Öl später besser ab. Das Motorrad dann auf den Seitenständer stellen und den Öleinlass-Stutzen öffnen.
Die Ölablassschraube befindet sich auf der linken Seite der Motor/Getriebe-Einheit, ganz hinten, und kann mit einem 5/8-Zoll Schlüssel zunächst etwas gelöst werden. Nun einen passenden Ölauffangbehälter, zum Beispiel einen aufgeschnittenen 5-Liter-Weinkanister, darunter schieben. Sollen die Finger von heiβem Öl verschont werden, sollte man zumindest für die letzten Drehungen der Ablassschraube eine Nuss mit Verlängerung benutzen.
Warten bis nichts mehr kommt. Ich reinige die magnetische Ölablassschraube und bereite sie für den Wiedereinbau vor. Feiner metallischer Staub, der an ihrem Magnetkern haftet ? das sind die besagten Späne, die entstehen, wenn der Hobel bewegt wird. Staubtrocken, hier in der Garage. Unter dem Kopf der Ölablassschraube befindet sich ein kleiner O-Ring. Diesen gegen einen neuen aus dem Dichtungs-Set ersetzen. Wenn alles Altöl schön abgelaufen ist und man die Dichtfläche gereinigt hat, kann man die Ölablassschraube mit dem neuen O-Ring wieder in ihr Gewinde drehen.
Blick in die Altölwanne: mein Spiegelbild, müde, schwarz, schlierig. Auch das Öl, trübe, nach 8000 Kilometern sonniger Fahrt.
Ölfilter wechseln
Die Ölfilterpatrone sitzt leicht zugänglich an der Vorderseite des Motors. Einziges Problem: genau dort, wo man den Ölfilter-Schlüssel anzusetzen hat, ist ein kleiner elektrischer Geber in den Motorblock geschraubt (Kurbelwellenstellung) und schränkt den vorhandenen Platz für dieses Werkzeug erheblich ein. Man kann bei dieser Modifikation sicher noch mehr Material wegnehmen, dann braucht man nicht nach jeder Vierteldrehung neu anzusetzen.
Beim Herausdrehen des Filters schützt man die darunter liegenden Elektronik-Teile (den Regler und deine Anschlüsse) mit einem entsprechenden Auffangbehälter oder Ablauf. Nach dem Reinigen der Dichtfläche der Ölfilteraufnahme bestreicht man die Gummidichtung des neuen Ölfilters mit etwas Motoröl und schraubt den Filter dann wieder an seinen Platz.
Das Harley-Werkstatthandbuch, welches sonst Drehmomente für die kleinsten und unbedeutendsten Schrauben angibt, sagt hier klar: KEINEN Ölfilterschlüssel benutzen. Die Ölfilterpatrone nach dem Berühren der Dichtflächen noch eine halbe bis dreiviertel Drehung von Hand nachziehen. So habe ich es gemacht, und so war später alles perfekt dicht.
Befüllung
Zur Befüllung des Motors schreibt Harley 2,4 Liter Motoröl vor. 2 Liter reichen zunächst, um den Ölstand auf Maximum zu bringen. Dann das Motorrad starten und den Motor einige Zeit im Leerlauf drehen lassen. So wird der Ölfilter gefüllt, womit der Ölstand wieder unter ?max? sinkt. Nun die restlichen 0,4 Liter Motoröl nachfüllen.
2. Kupplungseinstellung
12 Uhr. Zum ersten Mal gilt es jetzt für mich, sozusagen durch den Spiegel des Primärdeckels hindurchzutreten und in das Innere des Harley-Motors einzudringen. Weniger bildlich gesprochen: es geht nun ans Eingemachte.
Beim Einstellen der Kupplung muss der Motor Raumtemperatur haben (bei heiβem Motor wird beim Einstellen mehr Spiel als vorhanden vorgetäuscht). Raumtemperatur. Das Motorrad sollte senkrecht stehen (sonst läuft Öl aus dem geöffneten Primärdeckel). Bevor man mit der eigentlichen Arbeit beginnt, wird der Kupplungs-Inspektionsdeckel am hinteren Ende des Primärgehäuses entfernt. Dazu die fünf T 27er Torx-Schrauben gleichmäβig lösen. Den Deckel säubern und dann eine neue Dichtung in die auf der Rückseite befindliche Nut einsetzen.
Die Einstellung der Kupplung wird an zwei Stellen vorgenommen: erstens an der Kupplung selbst, zweitens am Seilzug. Dabei ist die Justierung der Einstellschraube an der Kupplung selbst als Grundeinstellung zu sehen, die erst einmal stimmen muss, bevor die Stellschraube des Seilzuges in die richtige Position gedreht wird.
- Es wird erreicht, indem man am Seilzug richtig Luft gibt. Dazu die vor dem linken Rahmenunterzug befindliche Stellschraube (1/2-Zoll) nach Lösen der Kontermutter (9/16- Zoll) ein gutes Stück weit nach oben drehen. Der Kupplungs-Handhebel ist nun fast frei beweglich.
- Das Justieren des Spiels an der Kupplung: Die Justierschraube an der Kupplung wird von einer 9/16-Zoll Kontermutter gehalten, die zunächst gelöst werden muss. Dreht man den Schlüssel langsam gegen den Uhrzeigersinn tut sich nichts ? die Kupplung dreht sich mit. So geht es also nicht. Bewegt man den Schlüssel aber mit einem trockenen Schlag, funktioniert es ohne Probleme.
Das Drehmoment der Kontermutter ist nämlich nicht so hoch, wie man es sich denken könnte: nur zwischen 8,1 und 13,6 Nm. Einstellung der Kupplung. Ruhig ein paar Mal wiederholen, dann bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wo dieser Punkt genau liegt.
Hat man den Punkt mit dem Spiel ?0? gefunden, wird die Einstellschraube laut Werkstatthandbuch zwischen einer halben und einer ganzen Drehung gegen den Uhrzeigersinn zurückgedreht. In dieser Justierstellung hat die Kupplung das Spiel, welches sie braucht, um unter allen Temperaturbedingungen korrekt zu funktionieren. Also, diese Stellung der Justierschraube halten und die Kontermutter wieder festziehen. Hierbei sollte man es nicht übertreiben. 8,1 bis 13,6 Nm sind, wie gesagt, von Harley vorgegeben (das ist kaum mehr, als das Drehmoment der kleinen Torx-Schrauben des Kupplungs-Inspektionsdeckels ? kaum zu glauben).
Laut Werkstatthandbuch sollte man jetzt noch dreimal den Kupplungshebel ziehen, um sicher zu gehen, dass sich die Kugeln des Ausrückmechanismus? in ihrer richtigen Position befinden.
Das Wiederspannen und Justieren des Seilzugs
Dazu dreht man die Stellschraube vor dem linken Rahmenunterzug wieder auseinander, bis am Handhebel noch 1,6-3,2 mm übrig bleiben (Angabe des Werkstatthandbuchs). Zum Schluss den Kupplungs-Inspektionsdeckel mit der neuen Dichtung wieder auf das Primärgehäuse schrauben. Auch dabei behutsam vorgehen. Laut Harley sollten die fünf Torx-Schrauben in mehreren Schritten, beginnend mit der oberen, ?über Kreuz? angezogen werden, zuletzt mit einem Drehmoment von 9,5-12,2 Nm.
3. Bremsflüssigkeitswechsel
13.30 Uhr. Das Wechseln der Bremsflüssigkeit ? keine schöne Arbeit, aber wichtig. Bremsflüssigkeit nimmt Wasser auf (igitt), welches nicht nur die Bremswirkung bis auf Null herabsetzen kann, sondern auch Korrosion im Bremssystem bewirkt, welche besonders auf den Gleitflächen des Bremszylinders tötlich für die Dichtungen wird. Deshalb ist der Harley-Wartungsplan unerbittlich: die DOT 4 Bremsflüssigkeit muss alle zwei Jahre gewechselt werden.
Beim Arbeiten mit Bremsflüssigkeit ist Vorsicht geboten. Bremsflüssigkeit ist ein ziemlich agressives Zeug, das nicht nur die Augen, sondern auch teure Lackflächen erbarmungslos angreift. Zunächst wird um den Bremsflüssigkeitsbehälter alles schön abgedeckt, dann am Bremssattel alles, was umfallen oder sich lösen könnte, abgesichert und befestigt (das eine Ende des durchsichtigen Schlauchs mit Kabelbinder an die Entlüftungsschraube, das andere Ende mit Draht an das Einmachglas; doppelseitiges Klebeband unter das Einmachglas ? da rührt sich nichts mehr).
Zuerst die beiden Kreuzschlitzschrauben oben auf dem Bremsflüssigkeitsbehälter lösen und den Deckel abnehmen. Diesen, zusammen mit der Dichtung, sorgfältig mit Alkohol reinigen. Bevor ich damit beginne, die alte Bremsflüssigkeit mit neuer durch die Bremsleitung zu drücken, ziehe ich den Inhalt des Bremsflüssigkeitsbehälters mit einer Spritze ab. Auf dem Grund des Bremsflüssigkeitsbehälters sammeln sich immer so einige Ablagerungen. Zur Reinigung nehme ich in Alkohol getränkte Wattestäbchen.
Harley empfiehlt übrigens, bei Arbeiten an der Bremsanlage niemals agressivere Mittel zu verwenden. Nachdem man auf die Bremssattel-Entlüftungsschraube einen passenden durchsichtigen Schlauch gesteckt hat, der mit seinem anderen Ende in einem Einmachglas hängt, zieht man nun in mehrfachen Wiederholungen einen Arbeitsgang durch.
- Kleinhirn an rechte Hand: Bremsgriff ziehen, Druck auf die Anlage geben.
- Kleinhirn an linke Hand: Bremssattel-Entlüftungsschraube um eine Vierteldrehung öffnen. Ein wenig alte Bremsflüssigkeit schieβt in diesem Moment in den durchsichtigen Schlauch. Am Bremshebel bricht der Druck zusammen und die rechte Hand, welche keinen Widerstand mehr spürt, zieht ihn, fast von allein, bis zum Gasgriff durch.
- Kleinhirn an linke Hand: Bremssattel-Entlüftungsschraube schlieβen.
- Kleinhirn an rechte Hand: Bremsanlage ist wieder dicht, du kannst den Bremsgriff jetzt lösen.
- Bremsdruck ist wieder da, der erste Zyklus ist geschafft.
Ein wenig von unserer alten Bremsflüssigkeit ist nun unten aus dem System heraus, während der Bremsflüssigkeitsstand oben im Bremsflüssigkeitsbehälter ein ganz klein wenig gesunken ist. Ich ziehe den oben beschriebenen Zyklus noch viele Male durch. Aber Vorsicht: zu keiner Zeit darf der Bremsflüssigkeitsbehälter bis auf den Grund leergepumpt werden, sonst kommt Luft ins System. Also, so alle fünf Zyklen mal nachschauen, wie es mit dem Bremsflüssigkeitsstand steht und immer wieder neue Bremsflüssigkeit nachfüllen.
Wann ist Schluss? Normalerweise dann, wenn unten aus dem Schlauch klare neue, statt trüber alter Bremsflüssigkeit austritt. Den Unterschied kann man normalerweise einigermaβen deutlich sehen. Man kann auch weiter machen, bis man sich ganz sicher ist. Eine volle Flasche neuer Flüssigkeit im Bremssystem dürfte mehr als genug sein.
Zum Schluss die Bremssattel-Entlüftungsschraube sorgsam festziehen. Harley gibt hier ein Drehmoment von 9-11,3 Nm an, was nicht viel ist. Wir haben es hier mit einer kleinen Schraube in Alu zu tun ? also nicht übertreiben, trotz unserer Euphorie über die geleisteten Arbeit.
Wartungsintervalle bei Harley-Davidson
Es gibt verschiedene Wartungsintervalle bei Harley-Davidson:
- 1.600 km oder 1.000 Meilen
- 8.000 km oder 5.000 Meilen
- 16.000 km oder 10.000 Meilen
- 24.000 km oder 15.000 Meilen
- usw.
Den ersten Termin in der Werkstatt hat Dein Bike nach 1.600 KM. Anschließend wird alle 8.000 KM oder im jährlichen Rhytmus die Inspektion durchgeführt.
Grundsätzlich gilt, dass Deine Harley-Davidson mindestens einmal im Jahr zur Inspektion beim Harley-Davidson Vertrags-Händler Deines Vertrauens vorstellig werden sollte. Dies gilt unabhängig von den gefahrenen Kilometern. Auch für die Garantie ist eine regelmäßige Wartung wichtig. Den vollen Garantieanspruch hast Du nur dann, wenn die Inspektionen regelmäßig von einem Harley-Davidson Händler nach Herstellervorgaben durchgeführt wird.
Der jeweilige Wartungsumfang hängt vom Modell und der Laufleistung ab.
Grundsätzlich ist die Erstwartung (1.600 KM) die größte Inspektion, bei welcher nahezu jede Schraube am Motorrad nach den ersten gefahrenen Kilometern auf der Straße geprüft wird und alle Flüssigkeiten gewechselt werden. Im Jahresturnus wird dann zwischen der “großen” und der “kleinen” Wartung unterschieden. Bei der Wartung werden die Öle inkl. des Filters sowie ggf. Luftfilter und Zündkerzen gewechselt und alle entscheidenden Bauteile wie beispielsweise die Bremsen überprüft. Der Bremsflüssigkeitswechsel ist unabhängig von den gefahrenen Kilometern alle zwei Jahre fällig.
| Wartung | Interval | Hauptaufgaben |
|---|---|---|
| Erstwartung | 1.600 KM | Prüfung aller Schrauben, Wechsel aller Flüssigkeiten |
| Regelmäßige Wartung | Alle 8.000 KM oder jährlich | Ölwechsel, Filterwechsel, Bremsenprüfung |
| Bremsflüssigkeitswechsel | Alle 2 Jahre | Unabhängig von gefahrenen Kilometern |
Mit regelmäßigen Wartungen machst du den Idealzustand deines Motorrads zum Dauerzustand. Funktionieren Bremsen, Reifen und Riemen, wie sie sollen? Elektronik, Beleuchtung, Batterie, Kühlmittel, Kupplung in Ordnung? Was muss vor und nach der Winterpause erledigt werden? Es gibt viel zu beachten, um eine Maschine optimal in Schuss zu halten.
Um dein Motorrad perfekt in Form zu halten, kannst du einiges selbst tun. Schmiermittel verschmutzen, Bremsflüssigkeiten ziehen Wasser, Gummimischungen werden spröde, zahlreiche Komponenten brauchen Pflege.
Auch wenn Du keine 8.000 km im Jahr fährst, solltest Du einmal im Jahr die essenziellen Komponenten prüfen lassen. Denn Teile, Flüssigkeiten und Co. altern trotzdem. Verschmutztes Öl, dreckige Filter, nicht ordnungsgemäß geschmierte Teile - all das und noch mehr macht Deiner Harley® auf lange Sicht zu schaffen.
Ein gepflegtes Scheckheft sorgt dafür, dass der Wert Deiner Harley® erhalten bleibt und Du einen hohen Wiederverkaufswert erzielen kannst. Wir machen nicht nur das Nötigste und wechseln das Motoröl. Wir unterziehen Deine Harley® einer peinlichst genauen Sicherheits- und Leistungsprüfung.
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