Wer kann sich Italien ohne Roller vorstellen? Allein dieses Gefährt erhält den Kultstatus und sorgt auf den Straßen Italiens für den Flair, den man kennt und liebt. Das war aber dem Unternehmer Enrico Piaggio und seinem Chefingenieur Corradino d’Ascanio noch nicht genug. Damit schafften Piaggio und d’Ascanio das dreirädrige Gefährt.
Ein stolzes Gefährt, das sich seither auf der ganzen Welt zu Hause fühlt. Denn auch in Indien, Asien oder im restlichen Europa tuckert sie nach wie vor als Taxi oder einfach nur zum Spaß herum. Aber in Italien gehört sie in die Weinberge, auf italienische Marktplätze, zwischen Olivenhaine, in die kleinen Straßen und vor die Eisdiele, wie Pizza, Pasta und Wein.
Die Anfänge in Pontedera
In der Provinz Pisa, in der Stadt Pontedera wurde 1884 das Unternehmen gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es damit vorbei. Das Werk lag in Trümmern. Enrico Piaggio, Sohn des Firmengründers Rinaldo, ließ sich jedoch davon nicht unterkriegen.
Piaggios Kleinstlaster Ape (Biene) ist ein urtümliches Gefährt, 1948 von Enrico Piaggio und dem Flugzeugingenieur Corradino d'Ascanio als preiswertes Transportfahrzeug für das boomende Nachkriegsitalien ersonnen. Auf Schnickschnack verzichtete die Rollerfirma - billig sollte das Lieferantenpendant der Vespa (Wespe) stattdessen sein, um mühelos durch verwinkelte römische Gassen zu steuern.
Die erste Ape lief 1948 vom Band - zwei Jahre nachdem die erste Vespa herausgekommen war. Im Grunde war die Ape ein Roller auf drei Rädern mit Fahrerkabine und Ladefläche. Die Idee, ein richtiges Lenkrad einzubauen, gab man bald wieder auf. Es blieb beim Lenker mit zwei Griffen: einer links, einer rechts.
Die Ape im Wandel der Zeit
1969 forderte man dem Motor heraus und versah die Ape mit einem 49 m3 Motor. Damit erlang das Gefährt den Automobil Status und die Begierde von Jugendlichen.
Im Laufe der Jahrzehnte gab es immer wieder Sonderausstattungen. Gern wird sie jetzt aber zur Werbung benutzt. Die Tuning-Szene im Heimatland der Ape ist groß: tiefer gelegt, umlackiert oder mit leistungsstarken Motoren. Oder als fahrbarer Elektrogrill, als Espressobar und sogar als Open-Air-Kino mit kleiner Leinwand. Der Südtiroler Sascha Müller hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht.
Selbst eine Familie ließ sich in der Ape unterbringen, wenn auch engstens zusammen. Die Kinder fanden dann auf der Ladefläche Platz. Vor allem in Italiens Süden sieht man heute noch Modelle aus den 1960er und 1970er-Jahren, die zuverlässig ihre Dienste tun. Mit einigermaßen handwerklichem Geschick lässt sich die Ape reparieren.
Ab 200 Kilo wird es allerdings heikel. Ob die Zuladung zu heavy ist, prüft man am besten auf die italienische Weise: Wenn sich die Hinterräder mehr als 20 Grad neigen, ist die Fuhre voll.
Technische Details und Besonderheiten
"Bis heute ist das Grunddesign im wesentlichen unverändert geblieben", sagt Unternehmenssprecher Wolfgang Witzani. In der Tat. Die Ape besitzt weder Heizung, noch Radio. Der Fahrersitz ist nicht verstellbar. Das Dreirad ist im Prinzip nur ein schnöder Fünfziger-Roller, der mit Blech ummantelt wurde. Das Interieur ist spartanisch, die Motorleistung überschaubar: Ein Zweitakter mit 49,8 Kubikzentimeter beschleunigt die Biene auf bestenfalls 40 km/h, fettleibige Fahrer müssen sich mit weniger Schub begnügen. Das tut dem Fahrspaß jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil.
Wo ist hier bloß der Rückwärtsgang? Hat die Ape überhaupt einen? Ja, sie hat: Während die linke Hand den Kupplungshebel heranzieht, muss die rechte einen schwarzen Metallstab umfassen, der roh aus dem Fahrzeugboden ragt. Dann die Beine gegen die Kabinenfront stemmen, den Oberkörper nach hinten werfen und schon rastet la marcia indietro ein. Dazu gibt das unsynchronisierte Getriebe ein hässliches Krachen von sich. Aber keine Sorge, das ist ganz normal.
Anfangs stehen einem die Schweißperlen auf der Stirn, denn die Ape verlangt vor allem im Abendverkehr Koordinationsfähigkeit. Das unsynchronisierte Getriebe ist zickig, die Fußbremse beißfaul. Erschwerend kommt hinzu, dass mangels Cockpitbeleuchtung alle Verrichtungen im Halbdunkel stattfinden müssen. Das stresst den ungeübten Fahrer. Weil der Lasten-Kasten breiter ist als die Vorderkabine, sieht man beim Höllenritt mit der Ape nicht allzu viel von dem, was die anderen auf der Straße so treiben. Da hilft nur italienische Gelassenheit.
Außerdem ist die Ape im deutschen Straßenbild derart selten, das die anderen Verkehrsteilnehmer ohnehin ganz von selbst auf das wunderliche Gefährt achten. Eine Testfahrt im Hamburger Innenstadtverkehr zeigt: Selbst tonnenschwere Geländewagen bremsen vorsorglich ab, wenn eine Ape ihren Weg kreuzt. Das Verhalten ähnelt jenem von muskelbepackten Bodybuildern, die einem drahtigen kleinen Typen ausweichen, der ihnen entgegentorkelt und irgendwie nach Ärger aussieht. Auch der Piaggio-Laster signalisiert: Achtung, hier kommt ein bereifter Irrer. Also aufgepasst, denn wer sich freiwillig mit so einem Gefährt in die Rushhour begibt, dem ist vermutlich alles egal.
Die Ape als Kultobjekt
Aber eines ist sicher, die kleine und schmale Italienerin, mit ihren Maßen von gerade mal 2,5 Metern, sorgt bis heute für Urlaubsfeeling und ist Gefährtin in fast allen Lebenslagen. Käfer und Ente gehören schon der Vergangenheit an.
Die Zeitung "La Repubblica" urteilte, dass die Ape perfekt zum italienischen Nationalcharakter zwischen Individualismus und Familiensinn passe. "Man fühlt sich im Fahrerhäuschen allein wohl, mit Ware oder Handwerkszeug im Rücken. Aber man fährt darin auch zu zweit, enger aneinander und mit einem Hauch von Intimität.
Für Fahrten jenseits des Fünf-Kilometer-Radius ist die Ape nichts. Doch wer sein Auto ohnehin nur zum Supermarkt und zurück bewegt, dem mag das kleine Laster ausreichen. In den Kofferraum des Kastenwagens passen ungefähr 1500 Liter, also genauso viel wie in die Kombiversion der Mercedes C-Klasse.
Connaisseure kalauern, nur drei Berufsgruppen könnten mit der Ape etwas anfangen: Pizzafahrer (weil sie Italiener sind), Friedhofsgärtner (weil sie enge Wege befahren müssen) und Alkoholiker (weil sie keinen Pkw-Führerschein mehr haben). Doch auch für alle anderen ist Piaggios Ape interessant. Da ist zunächst das Finanzielle. 4474 Euro kostet die auch als Pickup erhältliche Ape. Für so wenig Geld bekommt der Ape-Pilot viel Coolness-Faktor. Wo die Biene auftaucht, steht sie im Mittelpunkt. Passanten gaffen. Frauen kreischen. Porschefahrer weinen. Wer in seiner Ape durch In-Viertel wie die Schanze oder den Prenzlauer Berg knattert, kann sich seiner Rolle als Trendsetter sicher sein. Er darf Pkw-Normalos mit mitleidigen Blicken abkanzeln. Die armen Würstchen müssen schließlich Mini oder BMW Z8 fahren und das auch noch langsam - zumindest, solange sie eine Ape vor der Nase haben.
Produktionseinstellung in Italien und die Zukunft
Künftig baut Piaggio sein Dreirad jedoch nur noch in Indien - weil die Umweltauflagen der EU zu streng sind und wahrscheinlich auch, weil der Markt in Europa inzwischen zu klein.
Zum Jahresende läuft im toskanischen Stammwerk des Herstellers Piaggio nach mehr als einem Dreivierteljahrhundert das letzte Modell vom Band. Künftig wird nur noch in Indien produziert - und auch nur noch für Asien und Afrika, nicht mehr für Europa. So schließt sich ein weiteres Kapitel Autogeschichte. Die Zeiten, in denen Autos wie Tiere heißen, sind bald wohl endgültig Vergangenheit.
Im bevölkerungsreichsten Land der Welt mit seinen mehr als 1,4 Milliarden Einwohnern wird die Ape bereits als Elektro-Modell hergestellt und auch mit einem Antrieb aus Erdgas. In Italien trösten sie sich einstweilen damit, dass noch einige Hundert Restposten made in Italy verkauft werden. Und mit dem Wissen um den legendärsten aller italienischen Kleinwagen, den Fiat 500. Der klassische "Cinquecento" wird schon seit 1975 nicht mehr gebaut, aber manchmal sieht man ihn auch heute noch auf den Straßen.
Das Ende haben die Gewerkschaften publik gemacht. Strenge EU-Normen: Eine Umrüstung lohnt nicht Der Zweitakter der „Ape“ erfüllt geradeso die Norm Euro 4. Den Antrieb abgastechnisch zu optimieren wäre sehr aufwändig. „Und es wäre keine Ape mehr“, räumt selbst Angelo Capone, Sekretär der FIOM in Pisa ein. Das ist die Schwestergewerkschaft der IG Metall. Eine Umrüstung lohnt wohl auch nicht, weil das historische Gefährt in Europa nur noch wenige Abnehmer findet. Abgelöst hat die Ape längst der vierrädrige Transporter „Porter“, den ein Viertaktmotor antreibt. Der besteht die strengen EU-Normen.
Entwickelt wurde der batteriebetriebene Kleintransporter zusammen mit dem chinesischen Jointventure Foshan. Zwar wird die Ape aus Italien verbannt - doch sie lebt weiter. Das Modell ist in vielen Entwicklungsländern als „Tuktuk“ beliebt. In Indien prägen die oft - bienengerecht - schwarzgelb angestrichenen Dreiräd-Taxis das Straßenbild vieler Städte. Auf dem Subkontinent soll die Produktion im seit 1963 bestehenden Piaggio-Werk fortgesetzt werden. Die Modelle sollen nicht nur auf dem lokalen Markt, sondern auch in Asien und Afrika verkauft werden.
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