Die Insolvenz des österreichischen Motorradherstellers KTM sorgte für Aufsehen, insbesondere durch eine kuriose Meldung in der Fahrradbranche: Tausende E-Bikes wurden an die Belegschaft verschenkt. Doch was steckt wirklich dahinter?
Die Insolvenz von KTM und die E-Bike-Aktion
Im November 2024 gab die Muttergesellschaft Pierer Mobility bekannt, dass der österreichische Motorradbauer einen Antrag auf ein Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung stellen wird. Grund dafür ist ein Liquiditätsengpass, da KTM offenbar eine Finanzierung in einem hohen dreistelligen Millionenbetrag benötigt. Betroffen sind sowohl die Muttergesellschaft KTM AG als auch die Tochtergesellschaften KTM Components und KTM F&E.
Unter all den Hiobsbotschaften war es wohl die Nachricht, die am meisten für Kopfschütteln sorgte: Die Innviertler Firma hatte im Frühling so große Überkapazitäten an E-Bikes aufgebaut, dass diese gratis an die Belegschaft verschenkt wurden. Wie zuerst die „Salzburger Nachrichten“ berichteten, wurde die Belegschaft bereits im Frühling per Intranet aufgefordert, sich kostenlos E-Bikes zu bestellen, um die Lagerbestände abzubauen. Bis zu zwei Stück konnten sich die Mitarbeiter sichern - insgesamt 11.000 Räder verließen so die Werke. Das ist rund ein Viertel aller produzierten Räder im ersten Halbjahr.
KTM AG verschenkt E-Bikes - das ist der Grund
Weshalb ist die Meldung für die Fahrradbranche dennoch interessant und brisant? Der Grund: Die Pierer Mobility AG ist der Mutterkonzern von KTM Motorrad, aber auch Husqvarna Bikes sowie GasGas gehören dazu. Laut Recherchen der Salzburger Nachrichten verschenkte die Pierer New Mobility GmbH bereits seit dem Sommer 2023 E-Bikes (vorwiegend der Marke Husqvarna) an seine Mitarbeiter, wohl um Lagerkosten zu reduzieren. Die Salzburger Nachrichten vermelden, dass zwischen 5.000 und 7.000 E-Bikes der Marke Husqvarna an die Belegschaft verschenkt wurden, um Lagerkosten einzusparen.
Das Kuriose dabei: Obwohl diese Räder von der KTM AG waren, stand auf den verschenkten Bikes nicht KTM, sondern zum Beispiel „Husqvarna“. Denn der Motorradhersteller KTM hat zwar die Markenrechte, unter diesem und weiteren Namen seiner Motorrad-Fabrikate auch E-Bikes zu vertreiben, nicht aber unter dem Namen KTM.
Die Unabhängigkeit der KTM Fahrrad GmbH
Dieses Privileg hat die „KTM Fahrrad GmbH“, die zwar auch in Mattighofen sitzt und dort rund 600 Mitarbeiter beschäftigt, aber bereits seit 1992 unabhängig von der nun insolventen KTM AG ist. Damals war die Vorgänger AG von KTM schon einmal insolvent und wurde zerschlagen. Die Motorrad-Sparte ging an den Investor Stefan Pierer, der Fahrrad-Bereich ging zunächst an einen Fahrradgroßhändler und schließlich 1995 - nach einer weiteren Pleite - an die aus Taiwan stammende Unternehmerin Carol Urkauf-Chen.
In einer eigenen Pressemitteilung betont die KTM Fahrrad GmbH, dass sie seit 1992 als unabhängiger Fahrradhersteller agiert. Das Unternehmen ist finanziell stabil und hat nichts mit den jüngsten Entwicklungen der KTM AG zu tun. Es bestehen keine wirtschaftlichen oder gesellschaftsrechtlichen Verbindungen zur KTM AG und zur Pierer Mobility AG.
Die KTM Fahrrad GmbH distanziert sich davon und teilt mit, dass sie KTM-Fahrräder ausschließlich über den Fachhandel vertreibt. Die Kritik, die KTM Fahrrad erreicht, werde oft in einen Zusammenhang mit der im Fahrradbereich ausschließlich von der KTM Fahrrad GmbH genutzten Marke KTM gebracht. Nur die KTM Fahrrad GmbH ist berechtigt, Fahrräder unter der Marke KTM herzustellen und zu vertreiben. KTM Fahrrad informiert außerdem darüber, dass das Unternehmen „mit den Aktionen rund um die Marken Husqvarna, Raymon, Gasgas etc. nichts zu tun hat“.
Auswirkungen auf die Fahrradbranche
Die verschenkten E-Bikes und die drohende Insolvenz der KTM AG werfen ein Schlaglicht auf die schwierige Situation der gesamten Fahrradbranche. Im Winter 2024/25 gerät die Bike-Branche immer stärker unter Druck. Hersteller beklagten immer wieder Schwierigkeiten mit Lieferengpässen und steigenden Preisen. Zuletzt überschwemmte zu allem Übel auch noch die verspätete Ware aus Bestellungen von 2022 und 2023 den schon schwächelnden Markt.
Die Folge: Bei Händlern und Herstellern sind die Lager voll wie nie, verkauft wird in der Nebensaison und der aktuellen Konsum-Flaute aber kaum noch etwas. Die Verkäufer überbieten sich mit Rabatten, gleichzeitig müssen immer mehr Bike-Firmen nun Insolvenz beantragen.
Diese Entwicklung betrachtet die Branche in der Region als kritisch, denn auch wenn Pierer vorschreibt, die Räder ausschließlich zur Eigennutzung zur verwenden, seien jüngst bereits zahlreiche Fahrräder auf diversen Marktplattformen aufgetaucht und zum Verkauf angeboten worden.
Wirtschaftswissenschaftler Hannes Winner warnt in den SN: Wenn plötzlich mehr als 5.000 Fahrräder zusätzlich auf den Markt kommen, breche die Nachfrage ein. Der Weiterverkauf wurde den Mitarbeitern zwar untersagt. Trotzdem scheinen einige Modelle auf verschiedenen Marktplattformen aufgetaucht zu sein.
Weitere Entwicklungen in der Fahrradbranche
Die Turbulenzen in der Fahrradbranche setzen sich fort. Hier einige Beispiele:
- Pierer-Ausstieg aus Fahrradgeschäft schneller als geplant (06.08.2025): Die Pierer Mobility Gruppe treibt ihren Ausstieg aus dem Fahrradgeschäft schneller voran als ursprünglich geplant.
- UVEX geht mehrheitlich an US-Investor (03.07.2025): Die Uvex Group positioniert sich für die Zukunft mit einem neuen Mehrheitseigentümer.
- Canyon: Wertverlust von über 40 % (06.06.2025): Der deutsche Direktversender Canyon hat mit schlechten Zahlen zu kämpfen.
- BMC Group leitet Stellenabbau und Restrukturierung ein (21.05.2025): Die BMC Group hat weitreichende Maßnahmen zur Sicherung ihrer Wettbewerbsfähigkeit angekündigt.
Die Situation bei Pierer Mobility
Fest steht: Pierer New Mobility schließt neben dem Standort Deutschland in Schweinfurt auch die Standorte Südafrika und Großbritannien. Die Produktion von GasGas und Husqvarna pausiert aber erstmal, Lagerbestände sollen weiter abverkauft werden. „Das Tagesgeschäft läuft für die Endkunden unverändert weiter“ verspricht der Konzern und schließt damit ausdrücklich auch Gewährleistung und Garantie mit ein.
Um die Bestände stärker abzubauen, griff der Konzern in der Vergangenheit zu einer bemerkenswerten Maßnahme. 2023 verschenkte die Gruppe 5600 E-Bikes in einer „Summerbike-Aktion“ an ihre Mitarbeiter(innen), wie aus dem Nachhaltigkeitsbericht hervorgeht.
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