Leonardo da Vinci: Mythos und Wahrheit über die Fahrrad-Erfindung

Leonardo da Vinci, eine Ikone der Renaissance, fasziniert bis heute als Maler, Wissenschaftler und Erfinder. Seine wissenschaftlichen Studien in Anatomie, Geologie oder Architektur fanden erst im 19. Jahrhundert Anerkennung. Mittlerweile sind es vor allem anderen die Haltung und die Weltsicht Leonardos, die faszinieren: seine experimentelle Leidenschaft; sein rastloser Drang, Wissen an die Stelle von Glauben zu setzen; schließlich der außergewöhnlich produktive Eigensinn eines Mannes, der als uneheliches Kind, als Linkshänder und als Homosexueller immer schon anders war als die anderen.

So üppig die Lobeshymnen auf ihn ausfallen, so kärglich ist das Wissen über seine Person. "Die ungeheuren Umrisse von Leonardos Wesen", bedauerte Burckhardt, "wird man ewig nur von ferne ahnen können." Unbestritten ist, dass Leonardo am 15. April 1452 in dem Ort Vinci in der Toskana geboren wurde.

Aufgrund dieser illegitimen Abkunft ist es Leonardo, nachdem sein Vater ihn nach Florenz holt, verwehrt zu studieren. Mit 17 beginnt er, die Malerei zu lernen, in der Werkstatt von Andrea del Verrocchio, einem soliden und anerkannten Künstler. Dort malt Leonardo sein erstes bedeutendes Bild, die "Verkündigung an Maria". Wie seine Kollegen ist er von der antiken Idee der Vollkommenheit inspiriert, doch deutet sich schon an, was ihn von anderen Malern unterscheidet: sein Dämmerlicht, das Verschwommene auf seinen Bildern.

Eine schnelle Karriere als Künstler ist Leonardo nicht vergönnt. Etwa zehn Jahre malt er bei und für Verrocchio. Eigene kleine Aufträge bekommt er vor allem dank der Verbindungen seines Vaters. Wir dürfen uns den jungen Künstler als lebenslustigen Mann vorstellen, der sich vom weiblichen Geschlecht freilich nicht angezogen fühlt.

Da Ludovico mehr als zwei Drittel seines Etats für seine Feldzüge ausgibt, dient Leonardo sich ihm nicht als Maler an, sondern als Militäringenieur. Er will, heißt es in einem Bewerbungsschreiben, "Eurer Herrschaft meine geheimen Erfindungen vorlegen". Leonardo musiziert auf einer Laute und brilliert als Sänger, der den Herzog und seinen Hof mit improvisierten Liedern erfreut. Er entwirft prunkvolle Dekorationen für öffentliche Umzüge. Gleichzeitig führt der das Leben eines frühen Bohemiens.

Aber was ist künstlerische Arbeit? Etwa 7000 von einst rund 13.000 Seiten sind erhalten, jedoch in aller Welt verstreut. Die britische Königsfamilie verwahrt den Großteil der anatomischen Skizzen in ihrem Stammsitz in Windsor; der Software-Milliardär Bill Gates hat 1994 ein Arbeitsbuch für mehr als 30 Millionen Dollar ersteigert. Die Aufzeichnungen sind ganz unpersönlich gehalten und zeigen den Künstler als rastlosen Forscher. Aber es ist eine Kunst für sich, seine Notizen zu entziffern - der Linkshänder schreibt spiegelverkehrt von rechts nach links.

Um Menschen möglichst getreu abzubilden, befasst er sich mit Anatomie. "Derjenige, der nicht weiß, welche Muskeln welche Bewegungen verursachen", schreibt er, werde Muskeln in Bewegung nur "schlecht zeichnen". Sein Interesse an der Anatomie verselbständigt sich bald. Nachts seziert er Leichen - dass die Kirche darin eine verwerfliche Störung der Totenruhe sieht, lässt ihn kalt. Obwohl Leonardo sich vor den stinkenden, verwesenden Körpern ekelt, schneidet er nach eigenen Angaben mehr als 30 von ihnen auf, Männer und Frauen jeden Alters. Mit seinen anatomischen Studien ist er, nicht zuletzt dank seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten als Zeichner, der Zeit weit voraus.

Für die Kunst scheint er jetzt verloren. Leonardo hat schon immer bedächtig gemalt. Zum einen experimentiert er ausdauernd mit Lasuren und Farben, zum anderen hemmen ihn seine extrem hohen Ansprüche. Dann vergingen zwei, drei, vier Tage, in denen er nichts tat, als täglich eine oder zwei Stunden lang das bislang Vollbrachte zu mustern. Er "betrachtete, begutachtete und beurteilte prüfend seine Gestalten".

Wirkliches Wissen basiert für Leonardo auf sinnlicher Erfahrung. Er argumentiert wie ein moderner Agnostiker: Ob es einen Gott oder eine Seele gebe, darüber ließe sich ewig streiten. Unstrittig aber sei, dass zwei mal drei sechs ist. Bei aller Wertschätzung der Mathematik lernte er allerdings zeit seines Lebens nicht richtig zu dividieren. Anders als der Leonardo-Mythos es will, war er kein Gott. Der Autodidakt hat sich selbst keineswegs als Universalmenschen gesehen, sondern als "uomo senza lettere", als unbelesenen Mann. Sein Selbstbewusstsein wurde von Selbstkritik ausbalanciert.

Der Mythos des Leonardo da Vinci Fahrrads

Auf der Rückseite eines Skizzenblattes von Leonardo da Vinci wurde eine Zeichnung gefunden, die ihm in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ursprünglich zugeschrieben wurde. Dadurch wäre da Vinci der Erfinder des Fahrrads gewesen, was allerdings schon sehr früh in Frage gestellt wurde. Anders als bei seinen zahlreichen Zeichnungen von Fluggeräten, nach denen da Vinci heute manchmal als Erfinder des Hubschraubers gehandelt wird, gilt dies beim Fahrrad bei der Mehrheit der Forscher mittlerweile nicht mehr.

Die Skizze wurde 1974 in da Vincis Codex Atlanticus gefunden, einer im 16. Jahrhundert zusammengestellten Sammlung von losen Blättern mit Zeichnungen, Skizzen und Notizen da Vincis. Sie fand sich dort auf der Rückseite eines Manuskripts. Eine Gruppe von Mönchen unter Leitung des Lexikographen Augusto Marinoni schloß zu der Zeit eine Restaurierung des Codex ab und präsentierte in dem Zuge den Fund der Zeichnung eines fahrradähnlichen Gefährts.

Leonardo da Vinci hat das Fahrrad nicht erfunden, die Erfindung des Fahrrads wird immernoch und bis auf Weiteres Freiherr von Drais zugesporochen. Wer jedoch die Fälschung angefertigt hat, ist weiterhin umstritten.

Auf der Skizze sind alle Elemente enthalten, die heute als wichtig für ein Fahrrad empfunden werden. Allerdings macht die Skizze den Eindruck, daß sie von jemandem angefertigt wurde, der sich mit der Funktionsweise eines Fahrrades nur ungenügend auskennt.

Selbst zu Lebzeiten von da Vinci waren physikalische und vor allem geometrische Gesetze bekannt, die das dargestellte Gefährt ohne Not einfach nicht einhält. Die hier angedeutete Rahmenform ist jedoch so labil, daß sie selbst mit modernsten Baustoffen heute kaum realisierbar wäre. Es ist nicht erklärlich, warum dieser Entwurf unlenkbar gezeichnet wurde. Eine schlichte Verlängerung des Vorbaus in Richtung Tretlager hätte einen Rahmen geschaffen, der lenkbar wäre und im Prinzip heutigen Damenrahmen ähneln würde.

Leonardo da Vinci hat mehrmals in anderen Skizzen so etwas Ähnliches wie Blockketten angedeutet. So ungenau diese Skizze auch ist, auf ihr werden keine Elemente einer Blockkette dargestellt, es ist vielmehr eine der heute üblichen Fahrradketten erkennbar, deren Bauart aber erst lange nach da Vinci erfunden wurde.

Während bei Kettenblatt und Zahnkranz Zähne angedeutet sind, sogar über den gesamten Durchmesser, ist bei der "Kette" nichts dergleichen zu erkennen. Theoretisch könnte das ein gedeckter Zahnriemenantrieb sein, das ist jedoch noch viel unwahrscheinlicher als das Ganze ohnehin schon ist. Gummi war damals in Europa noch nicht bekannt.

Die Pedalarme sind viel zu lang, sie würden nicht drehbar sein, weil der Boden im Weg ist. Die winklige Anordnung ist unklar, sie scheint einem Piktogramm des 20. Jahrhunderts entnommen zu sein. Die Pedalarme passen proportional und farblich nicht zur Zeichnung, sie sind technisch weit weniger durchdacht als der Rest der Skizze. Sie erscheinen wie später von einem Unkundigen hinzugefügt.

Der fotografischen Kopie ist die Zeichentechnik nicht mit Sicherheit zu entnehmen, es liegt der Schluß nahe, daß es sich um eine Bleistiftskizze mit braunen Kohlestrichen handelt. In der Mitte der Darstellung wurde offensichtlich nicht sehr sauber radiert. Die Radien der Räder sind relativ genau gezeichnet und wirklich rund, was keine Selbstverständlichkeit bei derartigen Skizzen ist.

Die Zeichnung selbst ist allerdings sehr ungenau und technisch unvollkommen, was den Schluß zuläßt, daß sie nicht von Leonardo stammt sondern eine Fälschung darstellt. Die Pedale sind zudem in eineer anderen Farbe gehalten als der Rest der Zeichnung, sie stechen auch dadurch hervor, daß ihre Proportionen nicht stimmen.

Das Laufrad als möglicher Ursprung

Läßt man den "Kettenantrieb" bei der Skizze weg, so erscheint die Zeichnung in einem völlig anderen Licht. Es handelt sich nun nicht mehr um das angebliche "Fahrrad" sondern gleicht vielmehr dem Vorläufer, dem Laufrad. Angesichts der Tatsache, daß da Vinci diesen Entwicklungssprung kaum hätte übergehen können und angesichts der unnötig komplizierten Antriebstechnik erscheint eine solche Zeichnung als sehr viel wahrscheinlicher als die heute bekannte.

Das Laufrad ist auch technisch etwas anders zu interpretieren. Nimmt man als Ursprung eine Kutsche mit Drehschemel und überträgt dieses Prinzip auf ein Zweirad, so ist lediglich der Drehpunkt zum Lenken schwer bis unmöglich ausführbar, diesem Prinzip entspricht aber diese Skizze. Der angedeutete Splint unterhalb des Vorbaurohres könnte ein Hinweis des Zeichners sein, daß da noch irgendwas drehbar gemacht werden müsse, es aber bisher nicht ist. Als solch eine nur bedingt funktionsfähige, weil unlenkbare Konstruktion auf einer Skizze wiederum wäre die Urheberschaft von Leonardo da Vinci deutlich glaubhafter als ein Fahrrad, was mit damaligen Voraussetzungen gleich an mehreren Stellen unmöglich umsetzbar gewesen wäre.

Beim genauen Hinsehen erkennt man Reste von dünnen Linien, die frei interpretiert dem Ober- und Unterrohr eines Fahrrades heutiger Bauart annähernd entsprechen. Es ist denkbar, daß der Fälscher diese dünnen Linien ursprünglich benutzen wollte und nicht restlos wegradiert hat. Diese Geometrie liegt doch sehr nahe am Aufbau heutiger Fahrräder.

Falls die Zeichnung jedoch wirklich im 15. Jahrhundert bei Leonardo da Vinci oder einem seiner Schüler vermutet werden kann, so war sie ihrer Zeit wirklich erstaunlich weit voraus. Es ist äußerst unwahrscheinlich, daß bereits um 1450 eine derat konkrete Zeichnung eines heutigen Fahrrads existierte, bei der die gesamte Fahrradgeschichte bis zu diesem Zeitpunkt (Roverrahmen, um 1920) vernachlässigt und ignoriert wird.

Die Analyse der Skizzen aus technischer Sicht legt ebenfalls eine Fälschung zu Grunde, wobei das denkbare dargestellte Laufrad allerdings theoretisch möglich gewesen wäre, was jedoch durch die Zeichnungsreste des Rahmens wieder relativiert wird.

Der Codex Atlanticus

Die Biblioteca Ambrosiana beherbergt den Codex Atlanticus, hier geht es um ein Blatt bzw. die Rückseite eines Blattes aus diesem Buch. Dieser Codex Atlanticus (italienisch: Codice Atlantico) bezeichnet eine gebundene Sammlung von Zeichnungen, Skizzen und Notizen von Leonardo da Vinci, in diesem Buch befindet sich die angebliche Zeichnung des Fahrrades.

Der Erbe da Vincis, Francesco Melzi (um 1491/92 - um 1570) bewahrte die schriftlichen Unterlagen und manuskripte des Meisters auf. Erst der Bildhauer und Kunstsammler Pompeo Leoni (1533-1608) konnte einen großen Teil der Aufzeichnungen erwerben und zusammenführen. Er zerschnitt jedoch viele Blätter und fügte sie neu zusammen. Das Fahrrad wurde aufgrund der von da Vinci abweichenden Zeichnungsart schnell nicht ihm sondern seinem Schüler und Haupterben Francesco Melzi (* 1491/92; † 1570) zugeschrieben.

Der die Zeichnung enthaltende Codex wurde bereits in den 60er Jahren vom Kunsthistoriker und Experten für Manuskripte von da Vinci Carlo Pedretti durchgesehen, dabei wurde von ihm aber nichts von einer Zeichnung eines Fahrrades erwähnt.

Pryor Dodge, der Autor des Buches „Faszination Fahrrad: Geschichte - Technik - Entwicklung“, kommt zu dem Schluß, daß die Zeichnung (bzw. nur ein kleiner Teil davon) vermutlich von Gian Giacomo Caprotti (genannt Salaj) stammt, ebenfalls einem Schüler von da Vinci, geb. 1493. Er bezeichnet die Skizze des Fahrrades als Hoax. Die Ergänzungen zu einem Fahrrad wurden dann in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts von Unbekannten angefertigt.

Ein letzter Beweis ist das Material des Stiftes. Das angebliche Fahrrad von Leonardo da Vinci wurde mit einem Bleistift mit einer Mine aus Graphit angefertigt.

Die neusten Entwicklungen hat man bewusst nicht fokussiert, weil sie anderswo nachzulesen sind. Die UCI war aus Lessings Sicht ein Bremser für technische Innovation. Ein Rennrad in Schalenbauweise wurde erst zugelassen und dann wieder verboten, als darauf ein Rekord gefahren wurde, sagt der Experte. Für Lessing war das Fahrrad schon immer ein technisch anspruchsvolles, komplexes Produkt, und nicht erst in den letzten 20 Jahren gab es großen Erfindergeist.

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