Liebe ist wie Fahrradfahren: Eine Buchzusammenfassung

Paul Fournel, geboren 1947 in Saint-Étienne als Sohn eines Buchhändlers, beschloss schon mit fünf Jahren, Schriftsteller zu werden. Er studierte Literaturwissenschaften und hat seither zahlreiche Bücher veröffentlicht. Zudem hat er mehrere erfolgreiche Radsport-Bücher verfasst, u.a. das Lexikon Méli-Vélo (2008), die preisgekrönte Biografie Anquetil - Mit Leib und Seele (2012) und zuletzt Maison peloton (2022), das demnächst ebenfalls bei Covadonga in deutscher Übersetzung erscheint.

In 55 kurzen, wunderbar pointierten Texten entwirft der französische Schriftsteller Paul Fournel ein Universum, in dessen Zentrum das Rennrad steht. Fournels Band ist voller Erzählungen über das Radfahren. Jede Einzelne von ihnen ist dabei eine kleine Liebeserklärung. Egal, wie lang die Essays und Geschichten sind, der Leser merkt sofort, dass Fournel nicht nur etwas vom Schreiben versteht, sondern auch ein Experte und glühender Fan des Radfahrens ist.

Fournel schreibt beschwörend, romantisch, einfühlsam, nachdenklich und führt seine Leser von einer sehr vertraut vorkommenden Situation zur nächsten und von einer überraschenden Beobachtung zur nächsten. Er schafft es aber, bereits mit nur wenigen Worten und Sätzen komplette Bilder zu entwerfen, dichte Sinnes- und Erlebnisberichte zu vermitteln, die spannungsgeladen seiner Liebe zum Velo Ausdruck verleihen. Seine Schilderungen ziehen unweigerlich in den Bann und lassen den eigenen Gedanken freien Lauf.

Die Faszination des Radfahrens

Wer einmal mit eigener Muskelkraft einen Alpenpass erobert und bezwungen hat, kennt das befreiende Gefühl, das einem das Radfahren bescheren kann. Allein mit sich und der Welt gegen die Probleme des Alltags anfahren. Nichts als die Sonne über und die Straße unter einem. Die Hände fest am Lenker, sind die Gedanken frei. Für den Franzosen Paul Fournel ist das Radfahren mehr als das. Für ihn ist Radfahren schlicht und einfach Liebe. Der Journalist frönt diesem Hobby seit Jahrzehnten, seit er als Kind in die Pedalen seines ersten Fahrrades getreten ist. Es ist eine glückliche Kindheit, immer fest im Sattel sitzend.

Das erste Fahrrad vergisst man nicht. Das Erlernen des Rauschs der Geschwindigkeit, wenn die Stützräder plötzlich nicht mehr den Drang nach vorn bremsen. Das erste Mal mit den Freunden ein eigenes Peloton bildend. Nichts kann einen stoppen. Das sind unvergessliche Kindheitserinnerungen und Erfahrungen, die einem keiner mehr nehmen kann.

Es sind alles kurze Kapitel, in denen er philosophisch, aber niemals prätentiös über das Radfahren schreibt. »Das ist genau das, was man von einem guten Fahrradbuch erwartet. Man lernt eine Menge über die Welt und sich selbst, wenn man Rad fährt. Das Fahrradfahren hilft einem dabei, sich im Leben zurechtzufinden. Sich weiterzuentwickeln. Voranzukommen.

Die kleinen Details und großen Gefühle

Die kleinen Randnotizen und packenden Details aus seinem ereignisreichen Radlerleben, aus seiner Zeit als Hobby-Rennradfahrer zeugen von seiner Passion: der Kampf gegen die breite Masse der Mitschüler, die Sport hassen, weil das dem damaligen Zeitgeist entspricht. Der Kampf gegen den heutigen Zeitgeist, der Radsport unweigerlich mit Doping verbindet. Der Kampf gegen den Hund, der plötzlich auf der Straße auftaucht und seinen blinden Angriff auf das Fahrrad mit dem Leben bezahlt.

Fournels Buch spricht wie das Radfahren selbst alle Sinne an: Er schreibt davon, dass "die Maschine so gut wie stumm" ist, dass man nur das Geräusch des Windes auf dem Rad hört: "Ein echtes Fahrrad quietscht nicht. Knarrt nicht, wimmert nicht - es surrt."

Der Wind selbst lässt sich dabei in zwei Typen einteilen: den objektiven und den relativen Wind: "Den ersten erzeugt die Mechanik der Welt, der zweite ist das Werk des Rennradlers selbst. Sein Meisterwerk, könnte man sagen, denn je schneller er fährt, desto mehr Wind erzeugt er." Fournel schreibt auch von den Gerüchen der verschiedenen Landschaften, die er in seinem Leben via Velo durchfahren hat.

Seine Prosa ist dabei knapp und sehr pointiert. Sie sind wie Doping, setzen eigene Erinnerungen frei, die längst verschüttet schienen. Man erinnert sich als Leser zurück: die erste Begegnung mit einer sich plötzlich öffnenden Autotür, der erste Sturz, der erste Berg, Geschwindigkeitsrekorde, Rauschzustände ob des Vollbrachten und Geleisteten. Erinnerungen positiver wie negativer Natur.

Radfahren im Alltag

Ich fahre immer Fahrrad. Im Alltag, im Urlaub, wenn ich meine Familie besuche. Wie für viele Andere war das Fahrrad für mich als Kind ein Draußenspielzeug und eine Schulwegbewältigungshilfe. Irgendwann bekam ich eine Joker-Klingel geschenkt. Das Radfahren lehrte mich Selbstvertrauen. Dank ihm habe ich, französische Zigaretten rauchend, den Mont Ventoux erobert. Das Radfahren half bei Bahnausfällen. Die 72 Kilometer zu Maman konnte ich einfach selber fahren. Das Radfahren brachte mich an die entlegensten Orte, die weder zu Fuß noch mit dem Auto zu erreichen sind.

Manchmal vergesse ich, wie viel Selbstbestimmung und Freiheit mir das Radfahren gibt. In seiner alltäglichen Präsenz wird es für mich zu selbstverständlich. Um mir zu demonstrieren, dass ich nicht abhängig von meinem Fahrrad bin, unternehme ich Städtetrips. Dann fahre ich in der vollen verspäteten Bahn voller menschlicher Ausdünstungen nach Paris. Ich erwische mich dabei, wie ich all die Menschen auf ihren Rädern beneide. Erhöht gleiten sie elegant und zügig an Menschen und Autos vorbei, sie haben etwas Starkes an sich. In dem Moment identifiziere ich eine weitere Libertät, die mir das Radfahren vermittelt: Isoliert am Leben teilzunehmen, fernab von ungewollter Nähe. Auf dem Rad bin ich in meinem Safe Space.

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