LKW-Unfälle mit Fahrradfahrern: Eine statistische Analyse und Präventionsmaßnahmen

Innerorts ist jeder vierte Getötete im Straßenverkehr ein Radfahrer. Als besonders gefährlich haben sich Konflikte zwischen abbiegenden Kraftfahrzeugen und geradeausfahrenden Radfahrern herausgestellt. Eine Unfallart, die fast ausschließlich vom Autofahrer verursacht wird und in 80 Prozent der Fälle mit Verletzten endet.

Die Serie reißt seit Jahren nicht ab, das Muster ist immer das gleiche - tödliche Unfälle durch abbiegende Lkw. Nüchtern lautet die Opfer-Statistik jedes Jahr: rund 660 verletzte Radfahrer und 70 Tote, etwa ein Drittel von ihnen kommt bei Abbiegeunfällen ums Leben.

Bis Mitte August 2023 wurden in diesem Jahr in Deutschland bereits 12 Radfahrer*innen durch rechts abbiegende LKW getötet. Die Zahlen sind rückläufig: 2022 waren es noch 19, 2020 sogar 30, allerdings seien die Zahlen noch viel zu hoch, so der ADFC. Maßnahmen zur Vermeidung solcher Unfälle würden immer noch zu wenig genutzt.

Unfallursachen und Risikofaktoren

Autofahrer vergessen beim Abbiegen viel zu oft den Schulterblick oder können wegen Sichtbehinderungen und ungünstig geführter Radwege gar nichts sehen. Deshalb kommt es häufig zu schweren Unfällen mit geradeausfahrenden Radfahrern. Diese Konfliktsituation hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) in einem Forschungsprojekt detailliert untersucht und die Ergebnisse jetzt vorgestellt. Bei einem Crashtest wurden die dramatischen Auswirkungen eines solchen Abbiegeunfalls gezeigt.

Als besonders gefährlich haben sich Konflikte zwischen abbiegenden Kraftfahrzeugen und geradeausfahrenden Radfahrern herausgestellt. Eine Unfallart, die fast ausschließlich vom Autofahrer verursacht wird und in 80 Prozent der Fälle mit Verletzten endet.

Unfallbegünstigende Faktoren sind: Linksfahrende Radfahrer, Radfahrer auf dem Gehweg und abschüssige Straßen.

Bei der Verhaltensbeobachtung wurde vor allem der fehlende Schulterblick festgestellt (in jedem 5. Fall). Bei Konflikten mit Radfahrern hatte sogar jeder dritte Autofahrer den Schulterblick „vergessen“.

Häufigste Fehler bei den Radlern: Fahren in falscher Richtung und queren an Fußgängerfurten.

Besonders schwierig ist die Situation jedoch, wenn sich ein Radfahrer hinter parkenden Autos befindet und sich einer Einmündung nähert (Unfalltyp 243). Hier können viele Abbiegeassistenzsysteme den Fahrrad-Fahrer nicht erkennen, weil er von den Autos verdeckt wird. Eine Warnung bleibt aus und wenn sich der LKW Fahrer hier auf die Technik verlässt, kommt es womöglich zum Unfall.

Ergebnisse der UDV-Studie

  • Unfälle mit abbiegenden Kfz und geradeausfahrenden Radlern passierten zu zwei Drittel beim Rechtsabbiegen.
  • Unfälle mit Verletzten waren sechsmal so häufig wie im Gesamtunfallgeschehen.
  • In 90 Prozent der Fälle hatte der Kfz-Fahrer die Hauptschuld.
  • Anteil der Lkw und Lieferwagen unter den Unfallgegnern: 11 Prozent.
  • Unfallauffällig waren an Ampeln vor allem Radwege, die zwischen zwei und vier Meter von der Straße abgesetzt waren. Bei Kreuzungen ohne Ampeln waren es die, die mehr als vier Meter abgesetzt waren. Hier waren oft Sichtbehinderungen vorhanden.

Technische Lösungen zur Unfallvermeidung

Bei den Kraftfahrzeugen sollten nach Ansicht der UDV Abbiegeassistenten weiterentwickelt und die Chancen der Vehicle-to-Vehicle-Kommunikation (Informationsaustausch zwischen Fahrrad und Auto) genutzt werden.

Über 40 Prozent aller Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern könnte ein elektronischer Abbiegeassistent verhindern und mehr als jedem dritten Unfallopfer das Leben retten. Dies hat die UDV in einem mehrjährigen Forschungsprojekt ermittelt und fordert diese Technologie für Lkw in Kombination mit einer Notbremsfunktion.

Seit 2016 bietet bislang nur Daimler den Totwinkelwarner für rund 2500 Euro bei einigen Modellreihen an. Erfasst der Abbiegeassistent einen Radfahrer, schaltet sich auf der Beifahrerseite eine gelbe Warnleuchte ein. Droht Kollisionsgefahr, blinkt eine rote Leuchte und ein akustisches Warnsignal ertönt zusätzlich. Bremsen muss der Fahrer dann allerdings selbst, eine automatische Notbremsfunktion gibt es nicht. Mercedes Benz hat 2017 jeden vierten Lkw in Deutschland mit Abbiegeassistent ausgeliefert.

Eine Warnung bleibt aus und wenn sich der LKW Fahrer hier auf die Technik verlässt, kommt es womöglich zum Unfall. Die Erkennung von Verkehrsteilnehmern „in der zweiten Reihe“ kann momentan nur das System von LUIS Technology leisten.

57 % der LKW-Fahrer*innen nutzen Abbiegeassistenten. Dass die Zahl im Vergleich zum Notbremsassistent (94,3 %) noch recht gering ist, liegt vor allem daran, dass diese noch weniger verbaut sind. Insgesamt werden Assistenzsysteme für mehr Sicherheit als sehr hilfreich bewertet.

Alternative technische Lösungen

Selbst aktiv wurde die Lebensmittelkette Edeka Südbayern. Dort rüstete der technische Leiter Anton Klott die Lkw-Flotte mit einem eigens entwickelten Abbiegeassistenten aus. Per Kamera an der Zugmaschine und Bildschirm im Führerhaus kann der Fahrer den toten Winkel komplett einsehen und wird bei Gefahr optisch und zusätzlich durch zwei Sensoren an der rechten Seite akustisch gewarnt. Abbiegeassistent und Kamera werden bei einer Geschwindigkeit unter 30 km/h über den Blinker sowie bei jeder Lenkbewegung nach rechts aktiviert.

Vier gewinnt - nach diesem Motto entwickelte der Flensburger Martin Budde das System Bike-Flash zur Installation an Kreuzungen und Ampelmasten. Vier LED-Warnleuchten blinken in unterschiedlichen Höhenstufen, sobald ein Radfahrer im toten Winkel per Wärmesensorik in einer Zone bis zu 16 Meter Entfernung erkannt wird. Die vier blinkenden Leuchtbügel sind sowohl von Pkw-Fahrern, deren Sicht zum Beispiel durch breite B-Säulen behindert ist, als auch vom erhöhten Lkw-Führerhaus während des kompletten Abbiegevorgangs gut zu sehen. In umfangreichen Langzeittests habe sich Bike-Flash unter verschiedensten Witterungsbedingungen wie Kälte, Schnee, Regen oder bei gleißendem Sonnenlicht ohne Ausfälle bewährt, garantiert der Macher. Das Warnsystem ist TÜV-zertifiziert. Vertrieben wird Bike-Flash vom Husumer Unternehmen MRS Mobile Road Safety, etwa 15.000 Euro kostet eine Anlage, Budde sagt eine Lebensdauer von zirka 20 Jahren voraus.

Benannt ist der Spiegel nach der Tochter seines Erfinders Ulrich Willburger. Willburgers Idee: Ein Konvexspiegel oberhalb der Ampelanlage soll den toten Winkel schlicht verschwinden lassen. In Freiburg wurden 2007 circa 160 Kreuzungen mit Trixi-Spiegeln ausgestattet. Detaillierte Auswertungen liegen zwar bislang nicht vor, doch seit Einführung gab es nur noch einen Abbiegeunfall mit tödlichem Ausgang. Zuvor starben innerhalb von sechs Jahren neun Radfahrer. Eine Umfrage der TU Kaiserslautern bestätigte außerdem, dass für 90 Prozent der Brummifahrer die Spiegel eine gute Hilfe waren, trotz der meist vier vorhandenen Außenspiegel nutzten die Fahrer auch den zusätzlichen Trixi-Spiegel. Martin Haag, Leiter des Forschungsprojekts, weist jedoch darauf hin, dass die Spiegel vor allem vor dem Abbiegevorgang hilfreich sind, einmal angefahren würden sie keine zusätzliche Sicht verschaffen. Trixis seien daher ein Baustein von mehreren zur Verkehrssicherheit. Die Stadt Osnabrück rüstete jüngst Kreuzungen um 50 weitere Spiegel eines anderen Herstellers auf, 70 waren vor gut zwei Jahren montiert worden.

Verantwortung der Verkehrsteilnehmer

An die Autofahrer appelliert Brockmann angesichts der oft unübersichtlichen Abbiegesituationen, den Schulterblick konsequent anzuwenden und im Zweifel auch mehrmals zu schauen. „Radfahrer sollten an Kreuzungen besonders aufmerksam sein und zur eigenen Sicherheit auch einmal auf ihr Vorfahrtsrecht verzichten“, rät Brockmann.

LKW Fahrer müssen besonders vorsichtig abbiegen - Fahrer, die nicht genug Sorgfalt beim Abbiegen walten lassen, können im Falle eines tödlichen Unfalls zu hohen Geldstrafen verurteilt werden. LKW-Spiegel richtig einstellen und beim Abbiegen gewissenhaft benutzen. Langsam abbiegen: Fahrzeuge, die über 3,5 Tonnen wiegen, dürfen nur in Schrittgeschwindigkeit rechts abbiegen. Bei Missachtung droht ein Bußgeld in Höhe von 70 Euro und ein Punkt in Flensburg.

Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmenden. Sie haben keine Knautschzone - deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrer*in im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmenden zu rechnen.

Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, indem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer*innen nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen.

Die Rolle des ADFC

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) setzt sich mit seinen mehr als 240.000 Mitgliedern mit Nachdruck für die Verkehrswende in Deutschland ein. Wir sind überzeugt davon, dass eine gute, intuitiv nutzbare Infrastruktur, gut ausgearbeitete Radverkehrsnetze und vor allem Platz für Rad fahrende Menschen auch dazu einlädt, das Fahrrad als Verkehrsmittel zu benutzen.

Einen besonderen Dienst leisten die vielen ehrenamtlich Engagierten im ADFC: Sie organisieren Radtouren, kommen mit Politikern ins Gespräch und tragen mit unzähligen Aktionen dazu bei, dass die Bedingungen für Rad fahrende Menschen zunehmend besser werden.

Als ADFC-Mitglied profitieren Sie außerdem von umfangreichen Serviceleistungen: Sie können, egal wo Sie mit Ihrem Fahrrad unterwegs sind, deutschlandweit auf die ADFC-Pannenhilfe zählen. Außerdem erhalten Sie mit unserem ADFC-Magazin Radwelt Informationen zu allem, was Sie als Rad fahrenden Menschen politisch, technisch und im Alltag bewegt.

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