Moderne Scheibenbremsen sind unglaublich kraftvoll und bieten wahnsinnige Bremskraft, selbst beim Hebelzug mit nur einem Finger. Doch welche Bremse ist die richtige für Sie? Dieser Artikel vergleicht die Magura MT5 und die Shimano XT, um Ihnen bei der Entscheidung zu helfen.
Die Herausforderung: Maximale Verzögerung und Kontrolle
Wer richtig schnell sein will, muss auch schnell langsam werden können. Starke Bremsen helfen, maximale Verzögerung auf den Boden zu bringen und die Kontrolle auf immer anspruchsvolleren Strecken zu behalten. Aber nicht nur für Racer und Sekundenjäger ist eine starke Bremse, die wenig Fingerkraft erfordert, wichtig. Gerade Einsteiger tendieren dazu, mehr auf der Bremse zu hängen - das geht nicht nur aufs Material, sondern auch auf die Unterarme. Wer viel Kraft zum Bremsen braucht, kriegt schnell Arm-Pump. Die Lösung dafür lautet starke Bremsen, die dennoch gut zu dosieren sind.
Was zeichnet eine gute MTB-Scheibenbremse aus?
- Zuverlässigkeit
- Einfache Wartung
- Geringes Gewicht
- Erschwinglichkeit
- Feine Dosierbarkeit
Testumgebung und Methodik
Um Schwächen sichtbar zu machen, mussten wir die Modelle an ihre Grenzen bringen. Vorurteile und Befangenheiten wurden beiseite gewischt und Schwächen ohne Gnade offengelegt. Nach einem Warmup simulierte der Computer wiederkehrende, harte Bremszyklen von 30 auf 15 km/h, die den normalen Fahrbetrieb widerspiegelten und uns erlaubten, Kraft und Verzögerung zu messen. Danach füllte sich die Luft mit einem beißenden Geruch, als wir aufs Ganze gingen. Zusammen mit den rauchenden Bremsscheiben und verbrauchten Belägen lagen auch die Testergebnisse auf der Werkbank.
Für unseren umfassenden Bremsentest haben wir alle Bremsen mit original Bremsbelägen und den zugehörigen 200-mm-Bremsscheiben an Front und Heck getestet. Das Testergebnis setzt sich aus drei Parametern zusammen: Labor, Telemetrie-Aufzeichnung mit BrakeAce und natürlich dem Praxistest auf dem Trail.
Labor
Unseren ausführlichen Labortest haben wir beim Belag-Spezialisten Sinter in Slowenien durchgeführt. Nach dem vorgeschriebenen Einbremsverfahren wurden alle Bremsen mit original Bremsbelägen und Bremsscheibe auf dem Prüfstand montiert. Dann folgten 20 Abläufe von je zwei Testverfahren: Der erste Test simulierte eine Verzögerung von 30 km/h bis zum Stillstand und der zweite Test eine Bremsung von 30 auf 15 km/h. Zwischen jeder der 20 Bremsungen hat die Bremse 10 Sekunden Erholungszeit bekommen. Zudem gab es eine konstante Belüftung der Bremsen, die den Fahrtwind simulieren sollte. Die Ergebnisse stellen jeweils den Durchschnitt der 20 gefahrenen Versuche dar. Zum Erzeugen der Bremskraft wurden immer 40 N auf den Bremsgeber gegeben. Das entspricht 4 kg Zugkraft.
Telemetrie-Aufzeichnung mit BrakeAce
Um die Unterschiede der Bremsen auf unserer auswendig gelernten Teststrecke noch besser erfahren und vor allem aufzeichnen zu können, haben wir jeweils an einem Bike das BrakeAce Telemetrie-Messsystem aus Neuseeland verwendet. Dies wird statt eines Bremsadapters vorn und hinten zwischen Bremse und Bike angebracht und mit dem Smartphone gekoppelt. Startet man das System am Handy, werden die Daten aufgezeichnet und nach dem Run kabellos an eure App übermittelt - dort oder am Laptop könnt ihr anschließend euren Run und die verschiedenen Bremspunkte auswerten.
Praxistest auf dem Trail
Der Test auf dem Trail beginnt denkbar unromantisch: Alle Bremsen müssen montiert und entlüftet werden. Hier haben sich bereits die ersten großen Unterschiede in Sachen Handling und Usability aufgetan. Einige Bremsen werden per Trichter entlüftet, andere mit Spritzen und zu jeweils ganz unterschiedlichen Ports. Im Anschluss an die teils ganz unterschiedliche (Lenker-)Montage wurden die Bremsen nach Herstellerangaben eingebremst, um sie dann - ähnlich wie unsere Test-Bikes - über den immer gleichen Test-Trail zu jagen.
Die Trails sind gespickt mit Steinplatten und sandigen Kurven, auf denen feines Dosieren besonders wichtig ist. Neben dem Fokus auf Bremspower und Standfestigkeit konnten so auch gut die Modulation, das Hebelgefühl und die Ergonomie der Bremsen getestet werden.
Magura MT5 Pro im Detail
Mit der MAGURA MT5 Pro tritt die günstigste Bremse im Vergleichstest zur Prüfung an. Von MAGURA wird die Bremse als günstiger Einstieg in die Gravity-Welt angepriesen. Ob ihr damit wirklich gegen die Erdanziehungskraft ankommt und was neben dem Preis noch für die MT5 Pro spricht, haben wir im Test herausgefunden.
Die MAGURA MT5 Pro kommt im Set mit STORM HC-Bremsscheiben und ist mit den ergonomischen Ein-Finger Bremshebeln ausgestattet. Während der Bremssattel der MAGURA MT5 Pro - wie auch bei der großen Schwester MT7 - aus einem soliden, einteilig geschmiedeten Alu-Teil besteht, ist die Geber-Einheit am Lenker aus Carbotecture gefertigt. Die Schrauben für die Lenkerklemmung werden direkt im Kunststoff eingebracht. Das ergibt ein undefiniertes Gewinde, bei dem man nie sicher ist, ob man die Schraube nicht abreißt oder überdreht. Als Bremshebel kommt im Pro-Set gleich der kürzere HC Ein-Finger-Hebel zum Einsatz. Für die Hebelweitenverstellung ist dann Werkzeug erforderlich: und zwar ein 3er-Inbus, und kein TX25 - wie an den restlichen Schrauben der MAGURA-Bremse.
Die MT5 Pro wird befüllt mit 200 cm langen Leitungen ausgeliefert und ist als Flip-Flop-Bremse ausgelegt. So kann sie je nach Belieben links oder rechts am Lenker montiert werden. Als Medium in den Leitungen kommt MAGURAs Royal Blood - aka Mineralöl - zum Einsatz. Das macht nicht gleich blaues Blut, ist aber haut- und umweltverträglicher als DOT-Bremsflüssigkeit.
Auf dem Trail zeigt sich die MAGURA MT5 Pro als eine solide Bremse mit Schwächen bei der maximalen Bremskraft. Die Modulation der Power ist zwar einfach und intuitiv, leider mangelt es ihr aber an Biss gegen Ende des Hebelwegs. Es ist viel Handkraft notwendig, um eine anständige Verzögerung zu erreichen.
Im Labor spiegelt sich die fehlende Kraft wider, was die Bremse auf den viertletzten Rang rutschen lässt - knapp vor den beiden SRAM CODE-Modellen Bronze und Ultimate und der letztplatzierten TRP Trail EVO.
So ist die Bremse vor allem für Einsteiger geeignet, die nicht auf der Suche nach der maximalen Bremspower, sondern einer guten Modulation sind und sich über den geringeren Preis freuen werden.
Shimano XT im Vergleich
Definitiv die XT. Shimano Hebel hast du in 2 Minuten komplett entlüftet, es geht also deutlich besser.
Die Shimano SLX überzeugt mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis im Test und einer starken Verzögerung samt solider Dosierbarkeit. Das digitale Bremsgefühl erfordert eine kurze Eingewöhnung, dafür muss man bei Anmutung, Ergonomie und Handling keine Abstriche in Kauf nehmen.
Shigura: Die Kombination aus Shimano und Magura
Eine interessante Alternative ist die Kombination aus Shimano-Hebeln und Magura-Sätteln, bekannt als "Shigura". Diese Kombination vereint die Vorteile beider Hersteller: die hervorragende Bremskraft der Magura MT5/MT7 Sättel mit der besseren Dosierbarkeit und dem angenehmen Druckpunkt der Shimano Hebel.
Achte darauf, dass Magura auf Royal Blood setzt, wobei Shimano auf Mineralöl setzt. Die beiden Öle sind allerdings fast identisch. Lediglich besitzen sie unterschiedliche Siedepunkt. Diese sind der der Praxis aber kaum spürbar.
Vorteile von Shigura:
- Hohe Bremskraft
- Gute Dosierbarkeit
- Ergonomische Bremshebel
Vergleich von Bremsflüssigkeiten: Mineralöl vs. DOT
Hydraulisch betätigte Bremsen bedeutet, dass diese die Kraft durch eine Flüssigkeit übertragen. Derzeit sind zwei Arten von Bremsflüssigkeit vertreten: Mineralöl und DOT. Der Vorteil von Flüssigkeiten: Sie lassen sich im Gegensatz zu Luft nicht komprimieren, die Kraftübertragung findet also nahezu verlustfrei statt. Aus diesem Grund ist auch penibles Entlüften - also kleinste Lufteinschlüsse aus dem Bremssystem zu entfernen - so wichtig. Noch ein Faktor: Bremsflüssigkeit siedet viel später als Wasser.
DOT-Bremsflüssigkeit
DOT-Bremsflüssigkeit kommt ursprünglich aus dem Kfz-Bereich. Die DOT-Flüssigkeit ist in Nummern unterteilt, wobei hauptsächlich DOT 4 und 5.1 bei MTBs vertreten sind. Je höher die Zahl, desto höher ist die Siedetemperatur der Flüssigkeit. Das wichtigste Merkmal von DOT-Bremsflüssigkeit ist, dass sie hygroskopisch ist. Das heißt, DOT bindet Wasser (unter anderem aus der Luft) und bildet eine homogene Flüssigkeit. Dadurch ändern sich die Eigenschaften von DOT und der Siedepunkt (regulär bis zu 260° C) sinkt. Darum sollte die Bremsflüssigkeit regelmäßig getauscht werden. Zudem ist DOT gesundheitsschädlich und aggressiv gegenüber Lack, Haut und Klamotten.
Mineralöl
Mineralöl als Bremsflüssigkeit ist die Alternative zu DOT. Das Mineralöl wird aus Erdöl gewonnen und hat in der Regel einen niedrigeren Siedepunkt von 190° C. Es ist nicht gesundheitsschädlich oder schlecht für den Lack, nur der Kontakt mit den Bremsbelägen sollte unbedingt vermieden werden. Mineralöl zieht kein Wasser an, bindet es aber auch nicht: Wie beim Salatdressing schwimmt das Öl einfach oben - eine typische Emulsion.
Die Wahl der Bremsflüssigkeit obliegt in jedem Fall dem Hersteller, einfaches Wechseln zwischen den verschiedenen Flüssigkeiten ist nicht möglich. Dabei können Dichtungen und auch Bremsleitungen zu Schaden kommen. Der Einfluss aufs Bremsgefühl ist zudem marginal. Mineralöl sollte ebenso herstellerspezifisch gewählt werden, wie DOT nur mit der richtigen Nummer verwendet werden kann.
Bremsbeläge: Metallisch vs. Organisch
Prinzipiell gilt, dass jeder Bremsenhersteller auch seine eigenen Beläge anbietet. Meist sogar in unterschiedlichen Ausführungen. Zudem sind Nachrüst-Beläge von Drittherstellern wie z. B. Sinter, GALFER oder Kool-Stop verfügbar. Hiermit lässt sich häufig vergleichsweise günstig die Bremspower steigern. Zudem gibt es meist zwei Arten von Belägen: metallische und organische.
Die Herstellung der Beläge erfolgt grundsätzlich bei allen Belägen gleich: Die Masse wird unter Hitze und hohem Druck auf die Trägerplatte gepresst.
| Eigenschaft | Organische Beläge | Metallische (gesinterte) Beläge |
|---|---|---|
| Bremskraft (Normalbetrieb) | Höher | Niedriger |
| Bremskraft (Heißtest) | Geringere Leistung, mehr Fading | Konstantere Leistung, weniger Fading |
| Empfehlung | Bremskraft und geringes Quietschen wichtig | Schwere Fahrer und lange Abfahrten |
Bremsscheiben: Konstruktion und Befestigung
Die Bremsscheiben für MTB-Bremsen bestehen alle aus Stahl - zumindest die Reibfläche, an der die Beläge anliegen. Die Dicke der Bremsscheiben variiert hingegen und ist vor allem mit der Wärmeableitung gekoppelt.
Noch ein wesentlicher Unterschied bei den Bremsscheiben: Es gibt ein- und zweiteilige. Letztere sind auf einem „Stern“ in der Mitte vernietet und schwimmend gelagert. So wird verhindert, dass sich die Reibscheiben bei Wärme ungleichmäßig ausdehnen und verziehen können.
Kommt es zur Befestigung der Bremsscheiben am Rad, ist der Markt zwischen Shimano und dem Rest der Bremsenwelt gespalten. Stichwort 6-Bolt vs. Centerlock. Für uns hat sich die Variante mit den 6 Schrauben als besser herausgestellt. Zwar ist die Montage etwas aufwändiger, dafür haben die Bremsscheiben kein Spiel auf der Nabe.
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