Die Fahrradtour von Cem Özdemir zur Ernennung als Bundesminister im Schloss Bellevue hat viel Aufsehen erregt - mit dem Radl zwischen fetten Limousinen, die auf dem Gepäckträger geklemmte Urkunde, der Helm. Der ZDF-"Heute-Show" war das nicht genug, sie montierte Özdemir noch bei der späteren Vereidigung im Bundestag den Fahrradhelm auf den Kopf: "Jetzt übertreibt er aber!"
Das war lustig und wurde noch lustiger, als die Verballhornung prompt von Großdenkern in rechten Kreisen für real befunden und als "peinlicher PR-Gag" gerügt wurde. Aus der CSU hörte man dazu nichts. Wenig verwunderlich: Einerseits gehörten PR-Gags mit Fahrradhelmen etwa bei Ex-Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer zum Repertoire, man denke nur an seine Helmkampagne 2019 mit halbnackten Models (der Minister blieb bekleidet).
Mit "Star Wars"-Bösewicht Darth Vader wollte das Bundesverkehrsministerium Kinder zum Tragen von Fahrradhelmen bewegen. Mit einer neuen Plakatkampagne wollte Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) mehr Kinder und Jugendliche für den Fahrradhelm begeistern. Werbefigur auf den Plakaten, die von diesem Dienstag an in Berlin und anderen Großstädten hängen sollten, war laut Ministerium der schwer atmende Bösewicht Darth Vader aus der Filmreihe "Krieg der Sterne" - selbst ein Helmträger.
Knapp jeder fünfte Radfahrer (17 Prozent) war nach Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen 2014 mit Helm unterwegs, nach 15 Prozent 2013. Kinder zwischen sechs und zehn radelten zwar besonders oft mit Helm (69 Prozent), im Vergleich zum Vorjahr (75 Prozent) hatte sich die Quote aber verschlechtert. Mit der Plakataktion wurden auch mindestens 1000 Helme verlost.
"Der Helm gehört zum sicheren Radfahren dazu!", sagte Dobrindt zum Kampagnenstart.
Radverkehr in Bayern
Eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Markus Söder umsteigt. Bilder vom Radeln in der Freizeit überliefert er zuhauf selbst, im Dienst bisher nicht. Denkt man aber an Entourage und Personenschutz, wären da viele Diensträder fällig.
Wie es um diese bestellt ist im Staatsdienst, wollte kürzlich Inge Aures (SPD) in einer Anfrage wissen. Eine Detailabfrage etwa an allen Schulen oder Finanzämtern war nicht möglich, das Verkehrsministerium lieferte aber Zahlen für Ministerien und oberste Behörden: 126 behördeneigene Diensträder sind es dort, inklusive Elektrovariante. Wohl ausbaufähig.
Für die Beschäftigten des Freistaates sei aber ein Jobrad-Modell geplant, hieß es. Derlei läuft meist über Leasing. Das hatte Söder auch in seiner Regierungserklärung zum Klima angekündigt. Weiter ist man laut Ministerium nahezu quer durch die Häuser beim Bau neuer Stellflächen, ein Anfang ist gemacht bei E-Ladestationen - etwa direkt an der Staatskanzlei. Söder könnte umgehend den Özdemir machen.
Im Rahmen des landesweiten Aktionsmonats zur Radfahrsicherheit hat Bayerns Innenstaatssekretär Sandro Kirchner an einer Kontrollstelle der Polizei in Erlangen eine erste Zwischenbilanz gezogen: "Vom 1. bis 15. Mai wurden bayernweit bereits 4.812 Verkehrsverstöße festgestellt“, so Kirchner. "Allein 4.144 davon betrafen Radfahrer - unter anderem wegen Geisterradlns oder unerlaubten Fahren auf Gehwegen."
Zudem ahndete die Polizei 668 Verstöße durch Autofahrer und Lkw-Fahrer, die auf Radwegen hielten oder parkten. Kirchner mahnte zu mehr Rücksicht im Straßenverkehr: "Viel zu oft fehlt es an gegenseitigem Respekt, egal ob auf zwei oder vier Rädern. Das Ergebnis sind vermeidbare Unfälle, häufig mit schweren Folgen. Das darf nicht Alltag sein.
Die Bayerische Polizei ist im gesamten Mai mit uniformierten und zivilen Fahrradstreifen im Einsatz. Die Beamten überprüfen gezielt sowohl Radfahrer als auch Autofahrer und Lkw-Fahrer. An beliebten Radstrecken informiert die Bayerische Polizei über Verkehrsregeln und sicheres Verhalten - und sanktioniert riskantes Verhalten konsequent. Die Maßnahmen sind Teil der europaweiten ROADPOL-Aktion "2 Wheelers" (21. bis 23.
Trotz zahlreicher Maßnahmen ist die Zahl der tödlichen Radunfälle hoch. Im Jahr 2024 kamen in Bayern 94 (rund jeder fünfte getötete Verkehrsteilnehmer) Radfahrerinnen und Radfahrer ums Leben - der höchste Stand seit 2009. "Das sind 94 zu viel - und ein klarer Handlungsauftrag an uns alle", erklärte Kirchner. Besonders betroffen sind ältere Menschen: 67 der 94 Getöteten waren im Alter von 65 Jahren und älter.
Neben Prävention und Kontrolle setzt der Staatssekretär langfristig auf eine Verbesserung der Radinfrastruktur. "Bis 2030 sollen in Zusammenarbeit mit den Kommunen 1.500 Kilometer neue Radwege entstehen - sicher, alltagstauglich und gut angebunden." Ein effektives Mittel zur Erhöhung der Sicherheit für Radfahrer sind auch die speziellen Fahrradstreifen der Bayerischen Polizei.
Sabine Roidl, Vizepräsidentin der Landesverkehrswacht Bayern, ergänzte: "Nehmen Sie nur mit einem verkehrssicheren Fahrrad am Straßenverkehr teil und tragen Sie zur eigenen Sicherheit einen Fahrradhelm. Abschließend appellierte Kirchner: "Beachten Sie die Verkehrsregeln, fahren Sie vorausschauend und nehmen Sie Rücksicht. Denn Radfahrer haben keine Knautschzone.
Radgesetz und Radentscheid in Bayern
Die Staatsregierung hatte 2017 versprochen den bayernweiten Radverkehrsanteil bis 2025 von 10 auf 20 % zu verdoppeln. Bis 2022 ist der Radverkehrsanteil aber nur um ca. ein Prozentpunkt auf 11 % gestiegen! Das ist auch kein Wunder: Radwege, Abstellanlagen und Radmitnahmemöglichkeiten fehlen oder sind häufig so dürftig und unsicher, dass sie nicht zum Radfahren einladen. Auf dem Land fehlt ein Alltagsradwegenetz zwischen den Ortschaften.
Oft hat man nur die Wahl zwischen holprigen Feldwegen oder gefährlichem Radeln auf der Landstraße, wo man mit sehr hohen Geschwindigkeiten und wenig Abstand von schweren Kfz überholt wird. Radmitnahme in Bus und Bahn ist teuer, nicht garantiert oder meist gar nicht erst möglich.
In 11 bayerischen Städten gab es deshalb Bürgerbegehren für eine bessere und sichere Radinfrastruktur, deren Forderungen fast alle übernommen wurden. Die Umsetzung der kommunalen Radentscheide geht aber nur sehr langsam voran - weil Ressourcen fehlen und weil die längst nicht mehr zeitgemäßen Richtlinien und Straßenverkehrsgesetze eine bessere Radinfrastruktur verhindern und weil Verfahren, Zuständigkeiten und Standards unklar sind.
Folglich wird oft jahrelang diskutiert statt geplant und gebaut. Mit einem Volksbegehren und einem Radgesetz, das ermöglicht, dass nicht nur von umweltfreundlicher Mobilität geredet, sondern diese auch rasch ermöglicht wird, wollten wir das ändern. Und wir haben einen Teilerfolg erreicht: Nach Berlin und NRW hat nun, auch Bayern ein Radgesetz!
Ohne unser Volksbegehren und die jahrelange Vorarbeit, insbesondere des ADFC Bayern, wäre es sicher noch lange nicht dazu gekommen, denn von 2017 bis Anfang 2023 hat die CSU ein Radgesetz vehement abgelehnt. Ein Radgesetz sei unnötige Bürokratie und ein Eingriff ins Selbstverwaltungsrecht der Kommunen hieß es immer. Erst die riesige Unterstützung und das große Interesse für den Radentscheid Bayern, haben die Meinung der CSU um 180 Grad gedreht.
Allerdings ist das Ergebnis vorläufig noch eher ein Radgesetzchen. Gerade die Regelungen für mehr Sicherheit von Fuß- und Radverkehr, die wir vorgeschlagen hatten, fehlen uns im Bayerischen Radgesetz, dass CSU und Freie Wähler im Sommer 2023 kurz vor der Landtagswahl noch eilig beschlossen haben. Auch sind Zuständigkeiten und Verfahren noch immer nicht so klar geregelt, dass Planung und Bau von Radinfrastruktur schneller voran kommen.
Doch wir setzen uns weiter dafür ein, dass Bayern ein wirksames Radgesetz und dadurch so rasch wie möglich besseren und sicheren Radverkehr bekommt. Für uns gilt weiterhin: Sicher radeln.
Am Mittwoch, den 7. Die Ablehnung des Zulassungsantrages für das Volksbegehren wird vor allem damit begründet, dass im Straßenverkehrsgesetz des Bundes so viel abschließend geregelt sei, dass Bayern hier nichts weiter regeln dürfe, z.B. die Anordnungen von Tempo 30 oder von sog. Schulstraßen die wir in einzelnen Artikeln vorgeschlagen hatten.
Das Gericht selbst bezeichnete sein Urteil als „sehr kleinteilig“. Wir und unsere Juristen sind nach wie vor der Meinung, dass man das auch anders sehen könnte - nicht zuletzt, weil manche der so abgelehnten Artikel so im Rad- bzw. Mobilitätsgesetz von NRW und Berlin stehen, für die ja dasselbe Straßenverkehrsrecht gilt.
Zudem ist unstrittig, dass das Straßenverkehrsgesetz dringend reformiert werden muss. Vielleicht hat die Staatsregierung das Gerichtsverfahren vor allem deshalb angestrengt, damit sie schnell ihr eigenes Radgesetz schreiben und es eiligst durch das Gesetzgebungsverfahren bringen konnte? Vorgestellt wurde der Entwurf des Bayerischen Radgesetzes von CSU und Freien Wählern bereits eine Woche bevor das Urteil verkündet wurde.
Der mit heißer Nadel gestrickte Radgesetzentwurf von CSU und Freien Wählern wird die von uns forcierte Erhöhung der Sicherheit des Rad- und Fußverkehrs wohl leider nicht ermöglichen. Wir bieten weiter unsere konstruktive Mitarbeit an und möchten, dass die versprochene Radallianz bald ihre Arbeit aufnimmt und die Radentscheid-Bündnispartner endlich beteiligt werden, um die nötigen Nachbesserungen per Gesetzesänderungen zu erzielen.
Das Urteil des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs verstehen wir zudem als Auftrag uns auf Bundesebene für eine Modernisierung des Straßenverkehrsrechts und der Straßenverkehrsordnung einzusetzen.
Mit dem von der Initiative „Radentscheid Bayern“ vorgelegten Gesetzesentwurf haben wir die Einrichtung eines Runden Tisches zu Radverkehrsthemen gefordert, der die Fortschritte evaluieren und einen Austausch aller relevanten Radakteur mit dem Freistaat ermöglichen soll.
ADFC und Radsternfahrt
Auch 2024 setzt der ADFC München ein Zeichen für den Radverkehr! Am Sonntag, den 21. April, findet die große Radsternfahrt statt. Höhepunkt der Radldemo, die besseren Radverkehr in Stadt und Land fordert, ist die Fahrt über die für den Kfz-Verkehr gesperrte Autobahn A95 zwischen Luise-Kiesselbach-Platz und der Ausfahrt München Kreuzhof stadtein- und stadtauswärts.
Weitere Initiativen und Maßnahmen
Im Bayerischen Radgesetz wurde in Artikel 7 die Einführung eines Ein-Euro-Tickets festgelegt. Dieses ist Ende 2023 dann eingeführt worden. Allerdings mit einer Vielzahl von zeitlichen und räumlichen Ausnahmen.
Kritik an Kampagnen
Die Fahrradhelm-Kampagne von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mit leicht bekleideten Models stieß auf heftige Kritik. Vor allem SPD-Politikerinnen fühlten sich von der Werbeaktion abgestoßen - und forderten nun sogar ihren Stopp.
"Es ist peinlich, dumm und sexistisch, wenn der Verkehrsminister seine Politik mit nackter Haut verkauft", sagte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, Maria Noichl, der "Bild am Sonntag". Frauen fühlten sich dadurch beleidigt. "Deshalb: Runter mit den Plakaten." Diese sollen den Angaben zufolge ab Dienstag entlang von Straßen aufgestellt werden.
Auch Familienministerin Franziska Giffey (SPD) fand die Aktion ihres Kabinettskollegen wenig amüsant. Sie ist darauf vollständig bekleidet, trägt einen Helm und schreibt dazu: "Lieber Andreas Scheuer: MIT HELM GEHT AUCH ANGEZOGEN!"
SPD-Fraktionsvize Katja Mast äußerte ähnliche Kritik: Zwar spreche die Kampagne das richtige Thema an, sagte sie der "Passauer Neuen Presse" (Samstag). Doch sei die Umsetzung "peinlich, altbacken und sexistisch". Halbnackte Frauen und Männer sollten nicht mit Steuergeldern auf Plakate gebannt werden.
Die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Josephine Ortleb, reagierte ebenfalls empört: "Es braucht weder Frauen als Objekte, nackte Haut noch Sexismus, um junge Menschen auf Sicherheit im Radverkehr aufmerksam zu machen", sagte sie der Zeitung. Das Beispiel von Scheuers "Sex-sells-Kampagne" zeige, dass die Bundesregierung dringend eine Gleichstellungsstrategie benötige.
Hauptzielgruppe seien junge Frauen und Männer, die aus ästhetischen Gründen keine Helme trügen. Zwar könne man die Einwände von verschiedenen Seiten nachvollziehen, stehe aber hinter den Motiven.
Kontroverse um das Lastenrad
Beim Nachrichtendienst X, in Talkrunden und Interviews, stürzen sich konservative und rechte Politikerïnnen aufs Lastenrad wie ein Pitbull auf seinen neuen Kauknochen. Für sie ist das Rad mit der Transportbox der Inbegriff grüner Klientelpolitik „Mit dem Lastenrad lässt sich keine Zukunft gestalten“, wetterte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kürzlich auf X. Friedrich Merz spottete im Handelsblatt-Interview: „Sollen die Urlauber zukünftig mit dem Lastenrad nach Mallorca fahren?“
Keine Helmpflicht gefordert
Der Präsident des Deutschen Verkehrsgerichtstags, Ansgar Staudinger, hat sich gegen eine Fahrrad-Helmpflicht ausgesprochen. Eine gesetzliche Verankerung könnte dem Trend zum Radfahren entgegenwirken, sagte er. „Wir erlauben jedem, sich selbst zu gefährden.“ Dies ergebe sich aus der im Grundgesetz verankerten freien Entfaltung der Persönlichkeit.
Es bräuchte triftige Gründe, damit der Staat da eingreifen dürfte, sagte Staudinger vor Beginn des Verkehrsgerichtstages in Goslar an diesem Donnerstag und Freitag. Ein Beispiel dafür sei die Einführung der Anschnallpflicht im Auto.
Es gebe mildere Mittel als eine bußgeldbelegte Fahrrad-Helmpflicht - „zum Beispiel Infokampagnen von Verbänden und wohldurchdachte Werbeaktionen des Staates“. Die Kampagne des Bundesverkehrsministeriums, in der halbnackte Models einen Fahrradhelm trugen, sei indes ein „Rohrkrepierer“ gewesen, betonte Staudinger.
Gerichte könnten die Menschen auch ohne gesetzliche Pflicht zum Tragen eines Helms bewegen, ist Juraprofessor Staudinger überzeugt. Wie das gehen soll? Indem Radfahrer nach einem Unfall vor Gericht Mitschuld bekommen. So könnte das Gericht etwa einem 70-Jährigen, der mit seinem E-Bike von einem Auto angefahren wird und sich am Kopf verletzt, sagen: „Du hättest mit Helm fahren können.“ In der Folge könnte der Radfahrer nicht 100 Prozent Schadenersatz für seine Verletzungen geltend machen, sondern weniger. Bei der Bewertung des Mitverschuldens sollte das Helmtragen berücksichtigt werden, fordert Staudinger. Das wäre ein Lerneffekt für die Menschen.
Verwandte Beiträge:
- Markus Burkhard: Der erfolgreiche Radrennfahrer – Porträt
- Markus Söder und das Fahrrad: Spannende Touren, Top-Sicherheit & Bayerische Tradition erleben!
- Marcus Burghardt: Die unglaubliche Karriere eines Radprofi-Helden
- Fahrradreparatur Erkelenz: Die Werkstatt für Ihr Fahrrad
- Motorrad-Beintaschen im Test: Die besten Modelle für Harley-Davidson & Co. entdecken!
Kommentar schreiben