Acht Monate nach seinem schweren Sturz auf der ersten Etappe der Polen-Rundfahrt hat Radprofi Marcus Burghardt seine aktive Karriere beendet.
Mit dem Namen Marcus Burghardt verbindet jeder Radsportbegeisterte den Inbegriff von bedingungsloser Opferbereitschaft. Keiner hat im letzten Jahrzehnt den Begriff des Domestik im Straßenradsport derart geprägt wie Marcus Burghardt, der seit 2017 die Schuhe für das deutsche WorldTour-Team BORA-Hansgrohe schnürt.
Der 38 Jahre alte gebürtige Zschopauer, der zuletzt für den deutschen Rennstall Bora-Hansgrohe fuhr, hatte sich bei dem Unfall am 9. August 2021 das rechte Handgelenk gebrochen.
"Ich war eigentlich davon überzeugt, dass ich viel schneller wieder fit werden würde, war in dieser Hinsicht aber wohl nicht realistisch genug", erklärte Burghardt, der 2007 den Klassiker Gent-Wevelgem gewonnen hatte und ein Jahr später die 18. Etappe der Tour de France für sich entschied, in seiner Pressemitteilung.
„Anfang des Jahres habe ich endgültig gemerkt, dass die Reha-Fortschritte zu langsam fortschreiten, um fit fürs Frühjahr zu werden“, erklärte Burghardt, der sich ursprünglich noch ein oder zwei Jahre als Profi weiterfahren sah.
Durch seine Rolle als loyaler Helfer, der sich für seine Kapitäne bis über die Schmerzgrenze hinaus in den Wind stellt, hauchte er dem früher als Wasserträger verpönten Begriff neue Popularität ein.
Seine vollständige Aufopferung für das Wohl des Teams ist legendär. Marcus Burghardt ist der Fels in der Brandung, auf dem ein Leuchtturm gebaut wird.
Ein Domestik hilft den Fahrern nach einem Sturz wieder ins Rennen, er dient als Schrittmacher, versorgt die anderen mit Snacks oder Wasser. Erst durch treue Helfer wie Marcus ist es seinen Teamkollegen Peter Sagan und Emanuel Buchmann überhaupt möglich, um Siege und Spitzenplatzierungen im Gesamtklassement mitzufahren.
Aus Marcus’ Sicht wird man in diese Rolle hineingeboren und braucht das bestimmte Gespür und die richtige Einstellung, um sie perfekt zu erfüllen.
Und das tut er: Wenn man sich die Highlights der großen Frankreich-Rundfahrt 2011 anschaut, sieht man den späteren Gesamtsieger Cadel Evans oft versteckt hinter dem groß gewachsenen Deutschen fahren: Der gebürtige Sachse hatte mit seiner Leistung einen Bärenanteil am Gesamtsieg des Australiers.
Persönliche Podiumsplatzierungen spielen für Domestiken bei der Planung des Lebenslaufs eine untergeordnete Rolle.
Die Anfänge und der Weg zum Profi
Der 33-jährige ist am Samerberg daheim und einer der wichtigsten Radrennfahrer im Team „Bora-hans-grohe“ aus Raubling.
Seine Aufgabe ist es, den Kapitän des Teams während einer Etappe sicher ins Ziel zu bringen.
„Wir müssen aufpassen, dass am Anfang des Rennens keine großen Gruppen weggehen. Dafür sind zwei Mann zuständig. Vier Mann sind es im Mittelteil, die bei Attacken aufpassen.
Der aktuelle Weltmeister Peter Sagan ist der Star des Teams von „Bora-hans-grohe“. Als ein umgänglicher und lustiger Typ, wird er beschrieben.
Für seine Aufgabe muss Marcus Burghardt Topfit sein. Am Renntag ist zunächst ein ausgiebiges Frühstück angesagt. Während des Rennens ist es auf den ersten 100 Kilometern wichtig, viele Riegel zu essen. Das bringt die Kohlehydrate. Nach jedem Sektor ist es ratsam, Gel zu nehmen und viel zu trinken.
Drei Jahre später hat er seinem Kapitän Cadel Evans zum Gesamtsieg verholfen. Seine sportlichen Fähigkeiten beschreibt er lapidar: „Ich kann nichts richtig gut und nichts richtig schlecht. Dadurch kommst du in die Klassikerschiene im Frühjahr. Da bekommst du die Tempohärte und lernst, wie du in Positionskämpfen die Ellenbogen ausfahren musst.“
Darum ist er seiner Mutter heute noch dankbar, dass sie den jungen Marcus zu einem Radsportverein damals im Erzgebirge gebracht hat.
Sein Talent ist relativ spät erkannt worden. Erst so mit 18 hat er gemerkt, das könnte sein Beruf werden.
Den großen Schritt hat er im U23-Team von „Wiesenhof“ aus Leipzig gemacht und es dadurch auch in die Nationalmannschaft geschafft. 2005 hat er einen Profi-Vertrag bei T-Mobile bekommen.
Wer Marcus Burghardt auf einer der kurvigen Straßen trifft, die durch die sattgrünen Wiesen rund um das bayerische Rosenheim führen, sieht einen dankbaren Menschen. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht und kann damit seine Familie ernähren - und das seit knapp 15 Jahren.
Erfolge und besondere Momente
Dass er selber aufs Podest fahren kann, hatte er zuvor bewiesen, mit einem Etappensieg bei der Tour de France 2008 und dem Sieg beim Klassiker Gent-Wevelgem 2007.
Auch 2008 gewann er eine Etappe der Tour de France. 2012 verhalf er Cadel Evans zu seinem Tour de France Gesamtsieg, 2017 wurde er Deutscher Meister.
Zuletzt hat Marcus Burghardt mit seinem Team eine große Herausforderung zu bewältigen gehabt. Das Rennen Paris-Roubaix, es wird umgangssprachlich die „Hölle des Nordens“ genannt. Vor den Fahrern liegt eine Strecke von 254 Kilometern, davon knapp 60 sind Kopfsteinpflaster. „Das heißt erhöhte Sturzgefahr.
Vor allem wenn es im Sommer zur Tour de France geht. Zum neunten Mal nimmt er an der „Mutter aller Rundfahrten“ teil. 3500 Kilometer in drei Wochen, da braucht man gutes Sitzfleisch. Vergangenes Jahr ist er mit seinem Team BMC auf dem dritten Platz gelandet. Auch da hat er seine Interessen zurückstellen müssen. 2008 hat er aber einmal eine Etappe bei der Tour gewonnen.
Seine erste Tour de France hat er 2007 bestritten. Der Start ist vor dem Buckingham-Palast in London für zweieinhalb Millionen Zuschauer gewesen. Das bedeutet Gänsehaut pur. Burghardt liebt die Zuschauermassen, auch wenn sie den Fahrern nur schmale Gassen lassen.
Mit einem Specialized Venge fährt man natürlich deutlich schneller als mit vielen anderen Bikes und zum Siegen braucht es heute spezielle Technologien. Für das Ausleben seiner Passion tut es aus Marcus’ Sicht aber eigentlich alles auf zwei Rädern.
Leben abseits der Rennstrecke
Seit geraumer Zeit wohnt er am Samerberg, der Liebe wegen. Bei der Bayern-Rundfahrt vor zehn Jahren hat er seine Frau Maria kennengelernt. „Ein fesches Madel, habe ich mir damals gedacht“, erinnert sich. Gefunkt hat es aber erst während der anschließenden Tour de France, zu der er seine Maria zur letzten Etappe eingeladen hatte. Ausgerechnet also in der Stadt der Liebe, in Paris. Mittlerweile hat das Paar zwei kleine Töchter. Lena-Sophia und Theresa sind die größten Fans von Papa.
Laut Maria gibt es für ihren Mann genau zwei Outfits: das BORA-Hansgrohe-Kit auf dem Bike und die Lederhosen, sobald er nicht mehr im Sattel sitzt.
Daheim am Samerberg genießt Marcus Burghardt die Ruhe, wenn er mal gerade eine Rennpause hat.
Wir fahren bei bestem Kaiserwetter ein Stück seiner Hausrunde am Samerberg und werden direkt neidisch: Bergblick statt Hochhausallee, Kuhgemuhe statt Hupkonzert.
Auch wenn Marcus Burghardt vor 37 Jahren in der Nähe von Chemnitz das Licht der Welt erblickt hat: Er ist leidenschaftlicher Bayer und wohnt mit seiner Frau Maria und den beiden Töchtern in Samerberg/Rosenheim in der Nähe des Chiemsees.
Wenn man als Radprofi die Liebe seines Lebens kennenlernen will, muss man das am besten bereits vor der Karriere machen oder eben während des Bikens.
So war es auch bei Marcus: Während einer Rundfahrt hat er Maria getroffen und sie direkt zur Tour de France eingeladen. Sie ließ ihn jedoch lange zappeln: Erst an den Champs-Élysée hat sie ihren zukünftigen Mann in Empfang genommen.
Marcus liebt die Berge, das bayerische Leben und die Traditionen.
Engagement und Zukunftspläne
Marcus Burghardt engagiert sich beim Bund Deutscher Radfahrer in Zukunft in der Verbandsarbeit. Der Tour-de-France-Etappensieger von 2008 und Gewinner des Klassikers Gent-Wevelgem von 2007 wurde bei der Bundeshauptversammlung in den Vorstand gewählt. Burghardt, der seine Karriere vor einem Jahr beendet hatte, soll sich als Vizepräsident Vertragssport um den Profibereich kümmern.
"Ich fördere schon seit Jahren den Nachwuchs in meinem alten Verein und würde mir wünschen, dass sich mehr ehemalige Sportler um junge Talente kümmern", sagte der 39-Jährige: "Außerdem müssten sich generell mehr Frauen in die Verbandsarbeit einbringen."
Inzwischen plant Burghardt ein großes Rad-Event, das am 18. September 2022 nahe seiner Wahlheimat in Oberbayern stattfinden wird. Die ersten Informationen zu „Shades of Speed“ könnt ihr euch schon jetzt auf www.shades-of-speed.de einholen.
Am Freitagabend wartet ein ganz besonderes Highlight: Oimara live in Concert - witzig, alpenländisch und absolut mitreißend.
Wer bei Shades of Speed in die Pedale tritt, darf sich unterwegs auf mehr als nur Energiegel und Bananen freuen: An den Verpflegungsstationen erwarten dich kulinarische Highlights, zubereitet von echten Spitzenköchen.
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