Maximale Schräglage im MotoGP: Winkel, Fahrstile und Rekorde

Die Welt des MotoGP ist voller Superlative, und die Schräglage der Motorräder in den Kurven gehört zweifellos dazu. Es geht um Neigungswinkel, Physik, Fahrstile und die Suche nach dem optimalen Kurvenspeed.

Die Physik hinter der Schräglage

Bei Kurvenfahrten entstehen Fliehkräfte (Zentrifugalkräfte), die ein Einspurfahrzeug ohne Schräglage nach außen umkippen lassen würden. In Schräglage wirkt die nach innen verlagerte Gewichtskraft von Pilot und Maschine den Fliehkräften entgegen. Je kleiner der Radius und/oder je schneller die Fuhre, desto größere Schräglagen sind nötig.

Wie viel Schräglage ist möglich?

Bei sportlichen Bikes mit reichlich Schräglagenfreiheit hängt das maßgeblich von der Haftreibung ab. Die Höhe der Haftreibung zwischen Reifen und Asphalt wird mit dem Reibungskoeffizient µ (sprich: mü) bezeichnet. Bei ordentlichen Reifen auf guten Landstraßen entspricht µ = 1.

Bei diesem Wert begrenzt die Physik die theoretische Schräglage auf 45 Grad. Weil sich sehr griffige Reifen mit sehr rauem Asphalt stark verzahnen, was den Grip erhöht, sind auch größere Schräglagen möglich. MotoGP-Piloten und auch die Jungs aus der Superbike-WM schaffen bis zu satten 62 Grad Fahrzeugschräglage.

Verschiedene Schräglagen

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei Schräglagen:

  1. Effektive Schräglage: Ein theoretischer Wert, der sich aus der Kurvengeschwindigkeit und dem Kurvenradius errechnet.
  2. Fahrzeugschräglage: Der Winkel, um den das Motorrad geneigt ist.
  3. Kombinierte Schräglage: Berücksichtigt die Schwerpunktlage von Fahrer und Maschine.

Fahrstile und ihre Auswirkungen

Es gibt verschiedene Fahrstile, die sich auf die Schräglage und den Kurvenspeed auswirken:

  • Aufrecht sitzend: Fahrzeug- und kombinierte Schräglage sind identisch.
  • Drücken: Der Pilot drückt das Motorrad in die Kurve, wodurch sich die Fahrzeugschräglage erhöht.
  • Hanging-off: Der Pilot verlagert sein Gewicht nach innen, was die kombinierte Schräglage erhöht.

Marc Marquez: Der Schräglagen-König

(Motorsport-Total.com) - Er hat es schon wieder getan: Erst in Mugello überbot Marc Marquez seinen eigenen Schräglagen-Rekord, doch der ist seit dem Trainingsfreitag auf dem Sachsenring auch schon wieder Geschichte.

In Kurve 3 der deutschen MotoGP-Strecke erreichte der Honda-Pilot einen Winkel von 66 Grad und stellte damit eine neue offizielle Bestmarke in der Königsklasse auf.

"Ich weiß auch nicht wirklich, woran es liegt", rätselt Marquez darüber, warum ausgerechnet er die extremsten Schräglagen fährt. "Ein Grund könnte sein, dass das Motorrad in dieser Saison manchmal etwas träge ist in den Kurven. Deshalb versuche ich, mich stärker in die Kurven zu legen." Über den neuen Rekordwert muss der Weltmeister selbst schmunzeln: "66 Grad... das ist wirklich zu viel. Daran müssen wir arbeiten."

Während er in der Lage ist, die aktuellen Unzulänglichkeiten der RC213V mit seinem Talent auszugleichen, gelingt das seinen Markenkollegen nur bedingt.

"Es sieht so aus, als könnte Bradl ein bisschen mehr Schräglage fahren als ich, aber das war schon seit Jahren sein Stil. Wenn man sich mich und Taka anschaut, lehnen wir uns exakt gleich in die Kurve.

Crutchlow weiß: "Wir müssen mit diesem Motorrad höhere Schräglagen fahren, um die Kurven zu nehmen, aber jedes Mal, wenn ich das Bike mehr lehne, rutsche ich weg und stürze. Das ist einfach nicht mein Stil, aber deshalb nutzt Marc es zu seinem Vorteil. Ihm ist klar, dass niemand sonst auf der Honda so fahren kann wie er.

"Natürlich will er das Motorrad immer verbessern", sagt der LCR-Fahrer weiter, "aber ich denke, er ist glücklich mit dem, was er hat, weil er weiß, dass er der Schnellste ist und der Konkurrenzfähigste. Er ist clever damit. Aber er hat eben auch ein einzigartiges Talent und ist der beste Fahrer der Welt.

Auch Honda-Testfahrer Stefan Bradl, der am Sachsenring für den verletzten Jorge Lorenzo einsprang und den zehnten Platz belegte, kann über Marquez' Fähigkeiten auf dem Motorrad nur staunen.

"Er hat einen besonderen Fahrstil", analysiert der Deutsche. "Er hat ein fantastisches Gefühl fürs Limit und unglaubliche Fähigkeiten. Er weiß, welche Settings er auf einer schnellen Runde und welche er im Renntrimm braucht. Er ist sehr gut vorbereitet gemeinsam mit seinem Team. Wir verbringen so viel Zeit in Schräglage hier und er weiß einfach am besten, wie man das Bike lenkt und dabei schnell ist", berichtet Bradl weiter.

Doch der MotoGP-Testpilot muss zugeben: "Ich kenne seine Geheimnisse nicht. Ich schaue mir nur die Daten an und sehe, dass er wirklich schnell ist. Ich versuche natürlich, ihm das nachzumachen, aber das ist nicht so einfach."

Reifen und Schräglage

Die Reifen spielen eine entscheidende Rolle bei der erreichbaren Schräglage. Sogenannte Qualifier aus der Superbike-WM bieten beispielsweise unglaublichen Grip, halten aber nur wenige Runden. Auch Tourensportreifen können beachtliche Schräglagen ermöglichen, wie ein Fahrer mit einer Hayabusa im Schwarzwald berichtet.

Schräglagen im Vergleich: Serienbikes im Test

Ein Test mit verschiedenen Serienbikes zeigte, dass die erreichbare Schräglage stark vom Motorradtyp und dem Fahrstil abhängt:

Maximale Schräglagen und Geschwindigkeiten verschiedener Motorräder

Motorrad Fahrstil Fahrzeugschräglage Kombinierte Schräglage Kurvenspeed
Husqvarna 701 Aufrecht sitzend 47° 47° 57 km/h
Husqvarna 701 Drücken 57° 51° 62 km/h
Husqvarna 701 Hanging-off 46° 51° 62 km/h
Ducati Diavel Aufrecht sitzend 41° 41° 50 km/h
Ducati Diavel Drücken 41° 41° 47 km/h
Ducati Diavel Hanging-off 41° 41° 53 km/h
Honda Fireblade (Serienreifen) Hanging-off 48° 51° 61 km/h
Honda Fireblade (Qualifier) Hanging-off 53° 55° 65 km/h
BMW S 1000 R Hanging-off 47° 50° 59 km/h

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