„Was darf Satire?“ „Alles“ sagte bereits Tucholsky. Letzteres überholt die Wirklichkeit und wirkt schon per se satirisch: jetzt also das Lied: „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“, sang der WDR-Kinderchor in einem „angeblich satirischen“ Video - und zog damit viel Kritik auf sich.
Der WDR ist der Haussender der Kölner und Düsseldorfer Karnevalsumzüge. Regelmäßig fühlen sich von den dortigen Darstellungen auch Menschen verletzt. Man kann darüber streiten, was die Grenzen der Satire sind, ob es sich hier überhaupt um Satire handelt oder ob schlicht Geschmacksgrenzen überschritten wurden.
Der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Bundestag, Johannes Selle (CDU) sagte der BILD: "Hier wird einseitig und polemisch Politik betrieben. Die Reaktionen waren für den Sender offenbar überraschend, angesichts eines Liedes, das in seiner ursprünglichen Form auf den Schlager "Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen" beruht - und sich keinesfalls durch Respekt vor den Altvorderen auszeichnet, deren Eigenheim man in Alkohol umsetzen will.
Auch die bereits aus den 1930er Jahren stammende Umdichtung, bei der die Oma im Hühnerstall Motorrad fährt, zeichnet sich laut dem Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg durch ein "spielerisches Vergnügen am Absurden" aus und sei ein "virulentes Beispiel für Liedgut", das sich beständig verändere.
Zugegeben ist der Text aggressiv, belehrend, hin zu besserem Verhalten in Umweltfragen, spöttisch, polemisch; ob unterhaltsam, das liegt im Auge des Betrachters und Zuhörers. Warum aber diese Eskalationsstufe der Aufregung? Erst einmal gibt es da einen Knopf, den man am Fernseher und Radio zum Ausschalten bedienen kann und dann ja kann auch der Inhalt gegebenenfalls reflektiert werden.
Alt gegen Jung ausspielen? Ich habe mir spaßeshalber den Originaltext des „Omaliedes“ besorgt. Viele Kinder sangen das früher und bekicherten sich, was ich nie ganz in seinem Witz verstanden und nachvollziehen konnte. Aber den Refrain, den sang ich immer mit „…meine Oma ist ´ne ganz patente Frau“.
Die Bedeutung von "patent" kannten vermutlich die wenigsten von uns. Auch nicht den Bericht des Club of Rome, der wenige Jahre zuvor erschienen war und bald Motorradfahren und überhaupt alle Verbrennungsmotoren in schiefes Licht rücken sollte. Wieder werden die Omas adressiert, doch stabreimt der Refrain nun die Oma von der "patenten Frau" zur "Umweltsau".
So weit das paradigmatische Setting für Deutschland an der Schwelle zum Jahr 2020, in dem sich der Streit ums Klima noch deutlicher als Generationenkonflikt erweisen könnte. Darin wird Omas Motorradfahren in Benzinverbrauch umgerechnet und ihr Billigfleischkonsum und Kreuzfahrt-Urlaube angekreidet.
Doch war es vor allem der Refrain "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau", der einen Shitstorm von bald 40.000 Kommentaren entfachte, obwohl der WDR das Video noch am gleichen Abend von seiner Seite nahm. Tom Buhrow, Intendant des WDR, bezeichnete das Lied als "Fehler" und bat öffentlich um Entschuldigung. Da hatten bereits ranghohe Politiker dezidiert Kritik an dem Video geäußert. Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, moniert fehlenden Respekt vor den Älteren.
Einer der Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, fühlt sich an die DDR erinnert und spricht davon, der Chor sei dazu missbraucht worden, "Umerziehung zu betreiben". Dagegen zeigt sich der Leiter des WDR-Chors überrascht von der massiven Kritik an dem Lied und unterstreicht dessen satirischen Charakter. Unterdessen protestierten Dutzende Menschen vor dem Sitz des Senders in Köln unter dem Motto "Meine Oma ist keine Umweltsau". Der Polizei zufolge gehörten einige Demonstranten augenscheinlich zur rechten Szene.
Nun wurden in der Sache verschiedene Beleidigungen mit Morddrohungen gegen WDR-Journalisten bekannt.
Natürlich wollte der der Liedtext mit der Oma als "Umweltsau" provozieren. Wie man im vom WDR gelöschten, aber online anderweitig noch verfügbaren Video sehen kann, haben die Mädchen durchaus Freude an der gesungenen Grenzüberschreitung. Die Frage ist: War die Überzeichnung im Lied tatsächlich dazu angetan, dass sich alle Großmütter verunglimpft fühlen sollten?
Provoziert haben auch zahlreiche Klassiker der deutschen Fernsehgeschichte: Könnten Figuren wie "Ekel Alfred" aus "Ein Herz und eine Seele", der Nachwende-Meckerer "Motzki", bestimmte Folgen der "Lindenstraße" oder anti-autoritäre Kinderfilme wie "Die Vorstadtkrokodile" in Zukunft überhaupt noch auf den Sender gehen?
Wenn Intendant Buhrow sagt, die Aufgabe der Satire sei es, die "Mächtigen aufs Korn zu nehmen, aber nicht, um eine Generation pauschal vor den Kopf zu stoßen und die Gefühle von Menschen zu verletzen", dann ist dieser Wunsch für einen Programmverantwortlichen zwar nachvollziehbar, aber problematisch.
Und wer sind hier die Mächtigen, die es aufs Korn zu nehmen gilt? Derzeit scheint der öffentlich-rechtliche Rundfunk zerrieben zu werden zwischen seinem Auftrag, die gesamte Bandbreite gesellschaftlich vorhandener Meinungen und Positionen abzubilden und der gesellschaftlich stärker werdenden Polarisierung. Denn die unterschiedlichen gesellschaftlichen Formationen haben immer weniger Interesse die andere Seite überhaupt zu hören.
Wenn Tom Buhrow sagt, der WDR wolle zur "Versöhnung in der Gesellschaft" beitragen - und nicht zur Spaltung, übersieht er, dass auch seine jetzige Reaktion spaltet. Was ist mit den Kindern und deren Eltern, die sich freudig an dem Projekt beteiligt haben? Werden Sie nicht nolens volens geopfert, indem man sie tatsächlich als Instrumentalisierte für einen "Klimakrieg der Generationen" dastehen lässt? Selbst wenn es gelänge, verärgerte Zuschauergruppen zu besänftigen, so verprellt man mit der Reaktion diejenigen, die sich eigentlich an der Seite der Sender wähnen.
Im Kontext zahlreicher Debatten, die in diesem und den vergangenen Jahren zum Thema Meinungsfreiheit geführt wurden, erscheint die aktuelle Kritik mindestens ebenso mächtig wie die zahlreichen unter dem "Political Correctness"- Label geführten Debatten, die insbesondere von rechts als Bedrohung der freien Meinungsäußerung gesehen werden. So wurde die kürzliche Beendigung der Zusammenarbeit mit dem Kabarettisten Uwe Steimle durch den MDR von vielen Diskursteilnehmern auf der rechten Seite als Fanal für die Einschränkung der Meinungsfreiheit angesehen.
Wenn eine Kultur in den Sendern Einzug hält, die jede Kontroverse und jedes Fettnäpfchen vermeiden will - und auf dem Weg dorthin Kinderlieder depubliziert - läuft der öffentlich-rechtliche Rundfunk Gefahr, am Ende in glattgebügelter Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.
Lassen wir es doch dabei, lachen wir mit und moralisieren nicht so, schließlich können wir Älteren auch von den Kindern lernen, nämlich sorgsam, vorsichtig, sparsam und nachhaltig mit der Umwelt, der Energie und CO2 - Ausstoß umzugehen. Da waren wir doch nach dem Krieg mal die Vorreiter*innen und haben es im Laufe des Konsumrausches und Wirtschaftwachstum in seiner Konsequenz vielleicht vergessen. Jetzt halten uns unsere Enkel ab und an den Spiegel vor Augen, im Jargon des Zeitgeistes …und wir erinnern uns, nehmen die Realsatire an und lächeln mit.
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