Mit dem Motorrad durch Südengland: Ein unvergessliches Abenteuer

Die Vorfreude auf 5 Tage Motorradfahren in Südengland lässt die anfängliche Sorge um die kühlen Temperaturen schnell in den Hintergrund treten. Immer wieder stellt sich die Frage: Wie wird das Fahren auf der „verkehrten“ Straßenseite? Ich habe keine Erfahrung mit Linksverkehr.

Die Anreise

Die Kanalfähre nach Calais muss genutzt werden. Langweilig, aber notwendig. Die Internet Wetterfee kündigt für Dover am Mittag 8 Grad Celsius an. Wo bleibt nur der Sommer? In Belgien fällt eine ungewöhnliche Form des Grüßens unter Motorradfahrern auf: der rechte Fuß wird ausgestreckt. Ich war schon zuvor in Belgien mit dem Motorrad unterwegs, aber das ist mir noch nie bewusst aufgefallen. Auf der Landstraße den Gegenverkehr mit der linken Hand grüßen, sieht sehr ungewöhnlich aus. Wie man wohl in England im Linksverkehr grüßt? Man kann ja schlecht die Hand vom Gas nehmen.

Die Strecke ist frei und es lassen sich gut „Kilometer machen“. Auf der Autobahn gibt es ein gutes Tankstellennetz. Diese ist zum Glück recht schnell gefunden. Hier gibt es zwar das benötigte Benzin, aber dafür streikt die ersehnte Kaffeemaschine. Auf den letzten Kilometern ist die Vorfreude auf etwas Heißes zu trinken von Minute zu Minute gestiegen.

Endlich geht es über den Ärmelkanal. Frankreich und England trennen hier nur knapp 43 Kilometer Luftlinie und so dauert die Überfahrt nur 30 Minuten. Pässe werden sage und schreibe drei Mal kontrolliert. Gar nicht so einfach, auf die Insel zu gelangen. Sobald wir an Bord sind, werden die Motorräder fest unter Deck verzurrt. Der Ärmelkanal soll heute etwas unruhiger sein, damit es zu keinem so genannten „Umfaller“ kommt.

Der Linksverkehr und die ersten Eindrücke

In Dover muss alles ganz schnell gehen. Fahrzeugdeck, werden die Motorräder los gemacht. Und da hat er uns: Der gefürchtete Linksverkehr. Doch es ist gar nicht so schwer. Das Ziel für den ersten Reisetag ist Brighton. Es sind ca. 120 km Fahrens auf der „falschen“ Seite. England präsentiert sich mit einem von Kriminalromanen geprägtem Bild. Eine erste Pause legen wir in Hastings ein. Dort bekommen wir das Wechselgeld für unsere Fährtickets in Britischen Pfund. Ein Bankautomat wäre jetzt nicht schlecht. Nach einer Wegbeschreibung von freundlichen Passanten, ist die Bank in Hastings nicht zu finden.

Auch die Frage, wie die englischen Kollegen grüßen, hat sich beantwortet: Sie nicken leicht schräg in unsere Richtung. Brighton fordert unsere gesamte Aufmerksamkeit. Der Verkehr ist viel dichter und es ist wichtig, nicht zu viel nach links und rechts zu schauen. Unser Ziel in Brighton ist der bekannte Brighton Pier. Im Jahr 1891 wurde der erste Pfahl gesetzt. Die Eröffnung folgte im Jahr 1899. Seitdem ist der Pier einer der größten Touristen Magnete in Brighton. Aber ganz ehrlich…Ich glaube, man muss tatsächlich Brite sein, um das zu verstehen. Auf dem Pier drängen sich Restaurants und Souvenirläden dicht aneinander. Ganz am Ende des Piers warten noch einige Fahrgeschäfte auf Besucher.

Vor dem Eingang zum Pier steht ein Bankautomat. Schließlich ist es mittlerweile 19:30 Uhr und wir stehen noch immer ohne Geld da. „No display“. Und jetzt? Zum Glück funktioniert die Karte meines Reisebegleiters. Die Fortsetzung unserer Tour ist gesichert. Wir finden ein Zimmer in der Pension Victoria von Miss Hyland. Es ist eingerichtet im Stil der 1960er Jahre. Vor dem Schlafengehen müssen wir noch unsere Jeans tauschen.

Tag 2: Portsmouth und Exmouth

Nach sieben Stunden Schlaf fühle ich mich frisch und ausgeruht. Ich bin bereits um kurz vor 06:00 Uhr aus dem Bett. Pünktlich zum Frühstück bin ich zurück in unserer Pension. Was mich dort auf dem Teller erwartet, würde jedem Kardiologen die Haare zu Berge stehen lassen: Fetttriefende Bratwurst, Spiegeleier, gebratene Tomaten und Pilze. Wahrscheinlich würde mir der Kaffee gefallen. So kann man sich entscheiden, ob man sich noch einmal hinlegen oder gestärkt in den Tag starten möchte.

Wir wollen unsere Fahrt unterbrechen und zwei Besichtigungsstops einlegen. Im historischen Hafen liegen mehrere alte Segelschiffe. Dicht beieinander finden sich z.B. die HMS Victory und die HMS Warrior. Das Schiff diente ihm 1805 in der bekannten Seeschlacht von Trafalgar als Flaggschiff. Da uns der Eintrittspreis (ca. 24€) zu hoch ist, begnügen wir uns mit der (gratis zu besichtigenden) HMS Warrior aus dem Jahr 1860. Sie war das erste „gepanzerte“ Kriegsschiff der Welt und verfügte über ein „Panzerdeck, das bei Bedarf versenkbar“ war. Angetrieben wurde die Warrior von einer Dampfmaschine. Bei Bedarf konnte sie allerdings auch segeln. Hierzu konnten die Schornsteine eingezogen werden. Man kann sich kaum vorstellen, unter welchen Bedingungen die Matrosen fristen musste.

Anschließend wollen wir auch noch einen Blick in das D-Day Museum von Portsmouth werfen. Das gestaltet sich schwierig. Die in meinem Navi gespeicherte Route, beinhaltet einen im Vorfeld zu Hause geplanten Wegpunkt, der mitten im britischen Marinestützpunkt von Portsmouth liegt. Man kann ja mal fragen…. Nach einigen Kilometern durch die Straßen von Portsmouth führt uns die Route zum D-Day Museum. Dort wird plastisch der Ablauf der Operation „Overlord“ dargestellt, die am 06. Juni 1944 mit der Einschiffung der alliierten Truppen in Portsmouth ihren Anfang nahm.

Nach so viel Geschichte wollen wir wieder auf die Straße. Wir müssen heute noch einige Kilometer fahren. Unser Tagesziel ist Exmouth. Dort wollen wir die Fähre nach Starcross nehmen. Die Fähre soll uns dabei helfen, etwas Zeit zu sparen. Jetzt geht es lange Strecken auf der A270. Die Straße entspricht dem, was wir als Bundesstraße bezeichnen würden. Gegen 19:00 kommen wir endlich in Exmouth an. Aber wo soll hier eine Fähre verkehren? Weit und breit ist nichts zu sehen. Wir verstehen es nicht. Im Internet wurde bei unserer Planung mehrfach auf die Fähre hingewiesen. Wir müssen wieder rauf aufs Motorrad und es wenigstens noch in die Nähe des Startpunkts von Tag 3 schaffen.

Wir finden nach kurzer Suche zwei Zimmer oberhalb eines China Restaurants. Das muss für heute gut sein. Vom langen Fahrtag ziemlich erledigt beenden wir den Tag recht bald mit einem Bier.

Tag 3: Entlang der Küste nach Land's End

In der Nacht setzt prasselnder Regen ein. Es schüttet wie aus Eimern, und ich muss an unseren ursprünglichen Plan, nämlich mit dem Zelt zu reisen, denken. Da es auf dem Friedhof nicht viel zu besichtigen gibt, sitze ich schon bald im Frühstücksraum unserer Unterkunft. Ich benötige dringend Bargeld. Glücklicherweise finde ich einen Bankautomaten auf meiner Karte. Diese bekomme ich innerhalb von 15 Minuten und schon bin ich wieder liquide. Wir setzen unseren Weg Richtung Westen fort. Die Strecke führt entlang der bekannten englischen Seebäder Torquay, Torbay, Paignton und Brixham. Überall gibt es Cafés und Souvenirshops. Trotz der kühlen Temperaturen sieht man viele Briten in T-Shirt und kurzen Hosen. Es sind noch einige Kilometer bis Land´s End zu fahren.

Kurz vor unserem ersten Ziel des Tages stoppen wir noch einmal am „St. Michaels Mount“. Auf der Gezeiteninsel befindet sich ein kleines Schloss, nebst zugehöriger Kapelle. Bei Ebbe ist die Insel zu Fuß erreichbar, bei Flut ist sie vom englischen Festland abgeschnitten. Vom Parkplatz aus, muss erst das in Großbritannien obligatorische Besucherzentrum mit den üblichen Imbissbuden und Souveniershops durchquert werden. Von dort hat man einen tollen Blick auf den Atlantik. Bei einem Rundgang findet sich das erste, bzw. letzte Haus Englands. Je nachdem, aus welcher Richtung man gerade kommt. Wir wollen heute noch bis nach St. Austell fahren. Die Strecke dorthin führt über eine schmale, von hohen Hecken gesäumte Landstraße, auf der gerade so ein Auto und ein Motorrad mit Seitenkoffern aneinander vorbei passen.

Kettenprobleme und freundliche Helfer

Plötzlich hören wir ein lautes klackendes Geräusch. Ich befürchte schon, dass sich hier irgendwelche Feierabend Rennfahrer verabredet haben, da springt meine Kette raus! Glück im Unglück! Ein freundlicher Helfer kommt mit seinem Land Rover und sperrt somit die Straße hinter mir ab. Zumindest kann mich jetzt von hintern erst mal niemand mehr auf die Kühlerhaube nehmen. Schnell haben die freundliche Helfer die Kette wieder aufgezogen und stellt mit Bedauern fest, dass er sein Werkzeug nicht dabei hat, um die Kette auch noch spannen zu können. Mein Reisebegleiter hat mittlerweile gemerkt, dass ich nicht mehr hinter ihm fahre und hat gewendet. Vorsichtig setzten wir unsere Fahrt fort. St. Austell ist bereits der nächste Ort. Im ersten Bed & Breakfast, das wir anfahren, haben wir leider keinen Erfolg. Alle Zimmer sind belegt.

Der Besitzer ist sehr hilfsbereit und telefoniert so lange herum, bis er eine Unterkunft für uns gefunden hat. Diese Pension entpuppt sich als echter Glücksgriff für uns. Der Besitzer ist ein ehemaliger Hausmeister und verfügt daher über alle möglichen Werkzeuge. Der passende Schraubenschlüssel zum Spannen der Kette ist schnell gefunden. Die Welt ist wieder in Ordnung. Den Schraubenschlüssel dürfen wir sogar behalten. Am Abend besuchen wir noch einen Pub. Dort gibt es „Doombar“. Das Bier ist Geschmackssache. Ich finde es klasse. Mein Reisebegleiter bekommt es kaum herunter. Den Einheimischen im Pub scheint es auf jeden Fall zu schmecken.

Tag 4: Dartmoor und Stonehenge

Am nächsten Morgen folgen wir dem Rat der Einheimischen: „Gehen Sie in das Gefängnis! Gehen Sie direkt dort hin. Zahlen Sie keine 200 Pfund Strafe!“. Gemeint ist natürlich das berühmte Gefängnis, dass jeder Krimileser und Edgar Wallace Fan kennt. Das Dartmoor erstreckt sich über 954 Quadratkilometern und besteht vornehmlich aus Moor und Heide. Die Fahrt durch das Dartmoor ist mehr als beeindruckend. Ein Farbenspiel aus Braun- und Grüntönen soweit das Auge reicht. Überall tummeln sich jede Menge Schafe und Ponys. Die Ponys sind zum Teil so zutraulich, dass sie sich sogar streicheln lassen. Ich für meinen Teil, muss allerdings nicht alles anfassen.

Das Gefängnis von Dartmoor ist leicht zu finden. Im Jahr 1809 wurde das berühmte Gefängnis eröffnet. Ursprünglich gebaut für französische Gefangene aus dem Krieg zwischen England und Napoleon. wurde es 1851 wieder eröffnet und wird seitdem als Gefängnis für Schwerkriminelle genutzt. Fotografieren ist, zum Schutz deren Privatsphäre leider verboten. Ein paar Aufnahmen habe ich trotzdem gemacht. Als nächstes besuchen wir noch das Motorradmuseum von Moretonhamsead. In dem kleinen Museum werden über 100 Fahrzeuge aus den letzten 100 Jahren dargestellt. Geschichte zum Anfassen.

In Stonehenge angekommen, fallen uns schon bald die Besucherschlangen vor den Kassenhäuschen auf. Für die kurze Busfahrt vom Besucherzentrum zum eigentlichen Steinkreis werden 18,50 GPB aufgerufen. Angestellten in ca. einer halben Stunde zu bewältigen. Über Stonehenge, dessen Frühphase auf 3100 v. Chr. wird, gibt es viele Theorien. Vom Kult- und Versammlungsplatz, über eine religiöse Anlage, bis hin zu einem Observatorium. Niemand weiß es genau. Wahrscheinlich ist es genau das, was die Faszination dieses Steinkreises ausmacht. Der Bau muss eine unglaubliche Kraftanstrengung gewesen sein.

Tag 5 und 6: Rückreise und Defekt

Nach dem Besuch von Stonehenge (der bei strahlendem Sonnenschein keine gute Idee ist), brechen wir Richtung Dover auf. Gegen 20.00 Uhr haben wir es geschafft. Allerdings sind hier keine freien Zimmer zu finden. Das hat gerade noch gefehlt. Der Tag war lang. Sehr lang. Es hilft nichts. Dort endlich angekommen, kann ich es kaum glauben. liegt mitten auf der Partymeile von Calais. Die Musik dröhnt aus den Kneipen und Horden von angetrunkenen Jugendlichen tummeln sich auf der Straße. Aber manchmal haben wir auch einfach Glück. Ich möchte nur noch ein Bier gegen den Durst und dann ab ins Bett.

Der Wetterbericht verspricht Starkregen. Meinen Regenkombi interessiert das nicht. Der Reisverschluss ist trotzdem kaputt. Zu allem Überfluss geht inmitten dieses Unwetters auch noch meine Ölkontrollleuchte an. Das hat jetzt noch gefehlt. Keine angenehme Aufgabe, wenn in einem Abstand von drei Metern Autos mit überhöhter Geschwindigkeit Wasserfontainen hochschleudern. Von dort aus rufen wir den ADAC. Ergebnis seiner Untersuchung: Der Schalter der Kontrolllampe ist kaputt und muss zu Hause gewechselt werden. Wenigstens können wir unsere Reise fortsetzten.

Fazit

Ich würde jederzeit wieder nach England fahren. Schon nach wenigen Kilometern hat man sich daran gewöhnt. Die Engländer sind unglaublich freundlich und hilfsbereit. England ist immer eine Reise wert!

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