Mittelmotor E-Bike Nachrüsten: Eine Detaillierte Anleitung

Im Rahmen unseres Formats „E-Bike and Hike“ gewinnt das Thema E-Mobilität für uns eine immer wichtigere Rolle. Abgelegene Orte bequem mit dem E-Bike erreichen, um dann eine tolle Wanderung zu erleben, hat sich nach und nach zu einer unserer liebsten Beschäftigungen entwickelt. In den vergangenen Jahren hatten wir in diesem Rahmen die Möglichkeit, einige der namhaftesten Pedelec-Modelle/Hersteller zu testen. Dabei kam immer wieder die Frage auf, ob es nicht auch möglich ist, mit kleinem Budget ein solides E-Mountainbike zu bekommen.

Bei der Recherche zum Thema wird schnell klar, dass ein halbwegs verlässliches E-MTB fahrfertig beim Händler kaum unter 2.000€ zu haben ist. In diesem Beitrag möchten wir zeigen, wie es tatsächlich möglich ist, mit einem Budget von ca. 400€ ein hochwertiges E-Bike selbst zu bauen.

Fahrradfahren gehört mit zu den beliebtesten und vor allem verbreitetsten Freizeitbeschäftigungen in Deutschland. Auch wenn viele das Rad nur als praktisches Mittel nutzen, um von A nach B zu kommen, gibt es auch viele sportlich orientierte Fahrradfans. Wenn es dann mal steiler zur Sache geht, wünscht sich so mancher etwas elektronische Unterstützung. Ein neues Pedelec ist nicht billig, daher bietet der Markt einige Möglichkeiten zur Nachrüstung des „normalen“ Fahrrads mit Hilfe eines Elektromotors.

Die Wahl des Motors: Mittelmotor im Fokus

Bevor es mit dem Umbau losgeht, gilt es zunächst die Frage zu klären, was für ein Motor genutzt werden soll. Vom Grundsatz her bieten sich Vorderrad, Hinterrad oder das Tretlager zum Einbau eines Motors an. Die Variante eines Frontantriebs haben wir direkt wieder verworfen. Nicht zuletzt, weil sie derzeit eigentlich kaum noch von professionellen Anbietern genutzt wird.

Eine Probefahrt beider Antriebsarten gibt schnell einen Überblick über die Art der Unterstützung und das jeweilige Fahrverhalten. Der Hinterradantrieb eignet sich besonders gut für flaches bis leicht welliges Terrain. Durch den hinten liegenden Schwerpunkt ist gute Beschleunigung und sportliches Fahren sehr gut möglich. Ein Mittelmotor bietet die wohl effizienteste Art des Antriebs. Im Gegensatz zum Heckmotor wirkt ein Mittelmotor sehr natürlich im Fahrgefühl. Nicht selten fällt die Unterstützung erst auf, wenn sie bei 25 km/h wegfällt.

Vorteile des Mittelmotors

  • Effiziente Kraftübertragung durch zentrale Position im Tretlagerbereich
  • Verbesserte Gewichtsverteilung für bessere Balance und Handhabung
  • Flexibilität und Anpassungsmöglichkeiten mit verschiedenen Schalt- und Bremssystemen

Nachteile des Mittelmotors

  • Höherer Wartungsaufwand durch mehr bewegliche Teile
  • Komplexere Installation im Vergleich zu Front- oder Heckmotoren

Benötigtes Equipment und günstige Bezugsquellen

Am Markt gibt es zahlreiche Umbausets verschiedener Anbieter. Bei den meisten günstigeren Herstellern kommen (oft unter anderem Namen) Motoren der Firma Bafang zum Einsatz. Die Preise für solche Sets schwanken oft um mehrere hundert Euro. Auf Grund verschiedenster Bezeichnungen ist es mitunter schwierig die Unterschiede der einzelnen Angebote zu unterscheiden.

Wir haben den Motor direkt in China bestellt und inkl. Gebühren 350€ bezahlt. Viele Ebay-Händler bieten Fixpreise inkl.

Schritt-für-Schritt Anleitung zum Umbau

Wenn alle Teile da sind, geht es an den eigentlichen Einbau. Im ersten Schritt müssen die Pedale, die Kurbeln und das alte Tretlager ausgebaut werden. Die Pedale können am umgebauten Rad wieder verwendet werden und werden daher von der Kurbel geschraubt.

Um die Kurbel zu lösen, muss zuerst die Schraube auf Höhe des Tretlagers entfernt werden. Anschließend kann die Kurbel mit Hilfe eines Kurbelabziehers abgenommen werden. Mit einem Aufsatz für Tretlagerschrauben wird die Schraube am Tretlager entfernt. Bei den meisten Tretlagern löst sich die Schraube auf beiden Seiten in Fahrtrichtung. Gerade bei älteren Rädern muss hier viel Kraft aufgewendet werden. Eine Verlängerung für einen größeren Hebeleffekt wirkt hier wunder.

Wenn die Schrauben auf beiden Seiten los sind, kann das Tretlager entnommen werden. Durch den Einbau des Motors entfällt die vordere Schaltung. Der Umwerfer und der Schaltgriff am Lenker können demontiert werden.

Auswahl des Kettenblatts

Bei der Wahl des Motors muss entschieden werden, welche Größe das vordere Kettenblatt haben soll. Wir haben uns für eines mit 46 Zähnen entschieden. Das richtet sich vor allem nach dem Fahrverhalten bzw. dem überwiegend zu befahrenden Terrain. Bevor der Motor eingebaut wird, kann das Kettenblatt am Motor verschraubt werden.

Einbau des Motors

Anschließend wird der Motor, wie abgebildet eingesetzt. Ein kleines Metallstück dient der Sicherung und wird vorerst nur locker angeschraubt. Die hervorstehenden Wellen des Metallstücks kommen nach innen, um später besseren Halt am Rahmen zu gewährleisten.

Zur Sicherung des Motors werden 2 Muttern am Tretlager aufgeschraubt. Zuerst kommt die dickere der beiden. Mit einem speziellen Schraubenschlüssel wird die Mutter ordentlich festgeschraubt. Eine zweite Mutter kommt zum Kontern darüber. Der Motor sollte so positioniert werden, dass er oben am Unterrohr des Rahmens anliegt. Mit einem kleinen Stück Gummi haben wir die Kontaktstelle zwischen Motor und Rahmen vor Klappern und Abnutzung geschützt. Anschließend werden auch die Schrauben an der Metallplatte festgeschraubt.

Nun können die neuen Kurbeln aufgeschraubt werden. Hier sind einige Umdrehungen nötig, damit alles gut sitzt. Anschließend geben die Pedale dem Rad schon wieder ein fertiges Aussehen.

Verkabelung und Montage von Akku und Sensor

Aus der Unterseite des Motors kommen die Kabel hervor. Das Hauptkabel führt hinauf zum Lenker. Was das Daumengas angeht, ist dieses werkseitig nicht gedrosselt. Sofern im Controller nichts umprogrammiert werden soll, empfehlen wir, den Gashebel ganz wegzulassen. Mit einem ungedrosselten Daumengas ist das Rad definitiv nicht für die Straße zugelassen. Wir hatten das Daumengas im Controller ursprünglich auf 6 km/h (Schiebehilfe) gedrosselt. Hierfür wird ein zusätzliches Kabel benötigt.

Der Speedsensor wird im hinteren Bereich des Rahmens angebracht und erkennt die Geschwindigkeit mit Hilfe eines Speichen Magneten. Ein weiteres Kabel führt zum Akku. Wir haben unseren selbst gebauten 630 Wh Akku am Rad verbaut. Die Halterung des Hailong Akkus lässt sich normal an den Schrauben für den Flaschenhalter befestigen. Da unser Rahmen sehr schmal ist, haben wir hier noch eine zusätzliche Halterung mit dem 3D Drucker gedruckt, um zusätzlichen Halt zu bieten. Der Akku kann theoretisch auch auf einem Gepäckträger untergebracht werden, oder mit einer speziellen Tasche in den Rahmen gehängt werden.

Optionale Komponenten: Schaltsensor und Programmierkabel

Im ursprünglichen Setup haben wir auf einen Schaltsensor verzichtet. Genau wie das Programmierkabel ist dieser nicht Teil des Umbausets. Beide Teile müssen extra gekauft werden, lohnen sich aber auf jeden Fall. Den Schaltsensor haben wir schon nach ca. 300 km nachgerüstet. Er sorgt dafür, dass der Motor beim Schalten die Unterstützung unterbricht.

Abschließende Schritte und rechtliche Hinweise

Sobald die Verkabelung abgeschlossen ist, steht einer Probefahrt nichts mehr im Weg. Wir haben noch einige kosmetische Veränderungen, wie das Entfernen der alten Aufkleber vorgenommen. Grundsätzlich lässt es sich wie so oft nicht pauschal sagen, ob ein selbst umgebautes E-Bike legal auf öffentlichen Straßen gefahren werden darf oder nicht.

Daher ist es vor dem Umbau und dem Einkauf der Komponenten wichtig, sich zu informieren, was erlaubt ist. Wir bieten hier definitiv keine rechtssichere Beratung an, können zum aktuellen Zeitpunkt jedoch davon ausgehen, dass das hier umgebaute Pedelec auf deutschen Straßen unterwegs sein darf. Grob zusammengefasst darf ein Pedelec laut Gesetzgeber nicht schneller als 25 km/h durch den Motor beschleunigt werden. Die Unterstützung muss über dieser Geschwindigkeit abschalten. Der Motor darf eine Nenndauerleistung von 250 Watt vorweisen. Ein Daumengas darf nur als Schiebe- und Anfahrhilfe mit max. 6 km/h ohne paralleles Treten nutzbar sein. Alles was darüber hinaus geht ist kein Pedelec mehr und muss zugelassen und versichert werden. Auch wenn das Internet voll ist mit Umbausets von 350 bis über 1.000 Watt, ist der Betrieb auf öffentlichen Straßen ohne Zulassung nicht erlaubt.

E-Bike selber bauen - ja oder nein?

Pauschal gesagt lohnt sich der Umbau immer dann, wenn bereits ein gutes Rad vorhanden ist, welches weiterhin genutzt werden soll. Der Einbau ist für jedermann möglich, sofern etwas handwerkliches Geschick vorhanden ist. Mit dem Umbau wollten wir in erster Linie zeigen, dass es durchaus möglich ist ein hochwertiges E-Bike selbst zu bauen. Wir möchten das Rad überwiegend auf unbefestigten Wegen, wie Forst- und Feldwegen nutzen. Der Bafang Mittelmotor eignet sich ideal für Strecken im Mittelgebirge und in den Bergen. Das Fahrgefühl des Bafang Mittelmotors ist sehr angenehm und kann spannenderweise absolut mit den Motoren von Bosch und Shimano mithalten. Wer etwas mehr in die Thematik einsteigen möchte kann die Programmierung des Controllers sogar an die jeweiligen Fahrgewohnheiten anpassen.

Insgesamt sollten für den Umbau zum E-MTB rund 400€ veranschlagt werden. Ein Hinterradmotor (ebenfalls Bafang 250W) schlägt nur mit ca. 100€ weniger zu Buche, ist aber etwas schwieriger im Einbau. Den besten Überblick bekommt man, wenn vor dem Kauf beide Systeme einmal getestet werden können. Für den Umbau sollte mit allem Drum und Dran schon ein ganzer Arbeitstag eingeplant werden.

Hierbei handelt es lediglich um einen Erfahrungsbericht.

Vor- und Nachteile eines E-Bike-Umbaus

Vorteile Nachteile
Kostenersparnis: Der Preis für einen Umbausatz liegt deutlich unter dem eines neuen E-Bikes. Komplexität der Installation: Der Umbau kann je nach technischem Know-how und handwerklichen Fähigkeiten eine Herausforderung darstellen und spezielles Werkzeug erfordern.
Flexibilität: Du kannst dein Fahrrad bei Bedarf wieder in den Originalzustand zurückversetzen. Garantieverlust: Die Garantie des Originalherstellers kann erlöschen, wenn du einen Nachrüstsatz installierst.
Individualität: Dein Fahrrad bleibt einzigartig, und du kannst Komponenten nach Belieben austauschen oder upgraden. Gewichtsverteilung: Ein unsachgemäß installierter Motor oder Akku kann das Fahrverhalten des Fahrrads negativ beeinflussen.
Nachhaltigkeit: Durch die Nachrüstung eines bestehenden Fahrrads trägst du zur Nachhaltigkeit bei. Kompatibilitätsprobleme: Exotische Rahmenformen, spezielle Schaltungssysteme oder ungewöhnliche Bremsen können die Installation erschweren.
Wartungsfreundlichkeit: Offene Standards ermöglichen dir, Reparaturen selbst durchzuführen und Ersatzteile von verschiedenen Herstellern zu beziehen. Rechtliche Aspekte: In vielen Ländern darf ein E-Bike, dessen Motorunterstützung 25 km/h überschreitet, nicht mehr als Fahrrad gelten und erfordert eine Zulassung sowie eine Versicherung.

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