Mittelmotor für Fahrräder: Informationen und Details

Als Brose seinen E-Bike-Antrieb 2013 auf der Internationalen Automobil-Ausstellung vorgeführt hat, ahnte niemand, wie schnell dieser E-Bike-Motor sich einen Platz an der Spitze des Marktes sichern würde. Brose ist als Unternehmen weniger bekannt als zum Beispiel Bosch, aber in der Branche der Automobilzulieferer ein Urgestein. Neben vielen weiteren Geschäftsbereichen widmete sich das Familienunternehmen der Entwicklung und Herstellung von Motoren für Fensterheber, Servolenkungen und Scheibenwischer und stieg schnell in die Entwicklung von Automobil-Elektromotoren ein.

In der Folge hat sich Brose geschickt darauf verstanden den Wissens- und Erfahrungstransfer von Abläufen, Analyseinstrumenten, und Qualitätsmethoden von der Automotiv-Produktion in die Produktion des E-Bike-Antriebs zu bewerkstelligen. Das Ergebnis ist ein leistungsstarker und hochsensibler E-Bike-Motor, der auf einem Lenkmotor aus der Autoindustrie basiert. Dieses, wie Brose es nennt, intuitive Fahrgefühl erreicht der Automobilzulieferer durch eine hochauflösende Sensorik.

Das Drehmoment wird 420 Mal in der Sekunde gemessen und auf Basis dieser Werte errechnet die Antriebssteuerung je nach Modus die jeweilige Motorunterstützung, so entsteht eine gleichmäßige und kraftvolle Tretunterstützung. Der Brose Mittelmotor ist ein Kraftpaket, das mit 90 Nm eine Tretkraftunterstützung von bis zu 300 % bietet. Da verwundert es nicht, dass dieser Pedelec-Antrieb vermehrt in Sportbikes wie Touren E-Bikes oder E-Mountainbikes zu finden ist. In Kombination mit Nabenschaltungen, die zu starke Drehmomente in der Regel langfristig nicht gut vertragen, wird der Mittelmotor auf 50-60 Nm gedrosselt.

Der Motor wird in dem ursprünglichen PKW-Lenkungsmotor durch einen Zahnriemen angetrieben, der im Vergleich zum Kettenantrieb sehr leise - nahezu geräuschlos und vibrationsarm arbeitet. Diese geringe Geräuschentwicklung in Kombination mit dem kompakten und in den Rahmen integrierten Motor, lässt Pedelecs mit Brose-Antrieb fast wie klassische Fahrräder wirken. Neben seiner Leistungsfähigkeit ist der Mittelmotor ein Antrieb für Ästheten: Durch einen flexiblen Einbauwinkel wird in jedem E-Bike-Typ eine optimale Rahmengeometrie erreicht.

Sensationell ist die Möglichkeit ein Mehrfachkettenblatt mit dem E-Bike-Antrieb zu kombinieren. Das zweite Kettenblatt mit Umwerfer ermöglich in Verbindung mit einem 10-Gang-Ritzel eine 20 Gang-Schaltung - ob diese 20 Gänge in der Realität tatsächlich benötigt werden hängt vom Fahrer ab. Ein Alleinstellungsmerkmal des Brose E-Bike-Antriebs ist die komplette Entkopplung vom System, sobald der Motor ausgeschaltet ist, sich also im OFF-Modus befindet. So kann das Elektrofahrrad ohne Motorunterstützung wie ein klassisches Fahrrad gefahren werden, ohne den geringsten Widerstand.

Die Konzepte im Überblick

Der Antrieb ist das Herz des E-Bikes. Die Frage, welche Antriebsform die beste ist, kann man pauschal nicht beantworten. Es gibt in diesem Zusammenhang kein "gut" oder "schlecht". Es geht vielmehr darum, welche Anforderungen man an das Pedelec stellt. Grundsätzlich gibt es drei verschiedene Varianten:

  • Vorderrad-Antrieb
  • Mittelmotor
  • Hinterrad-Antrieb

Die Antriebskonzepte unterscheiden sich in erster Linie in der Anbringung des Motors: Im Vorderrad, im Hinterrad oder im Bereich des Tretlagers hinter der Kurbel. Jede der Antriebspositionen hat gravierende Auswirkungen auf das Fahrverhalten des Pedelecs. Soll das E-Bike besonders stabil im Laufverhalten sein oder bevorzugen Sie ein besonders wendiges Modell? Der Antrieb kann Ihnen, je nach Position, das Gefühl geben, gezogen oder geschoben zu werden.

Funktionsweise

Unabhängig von der Art des Antriebs im Pedelec kommt es vor allem darauf an, wie die Steuerung des Motors geregelt ist. Der Sensor registriert, dass Sie in die Pedale treten und gibt die Information an den Controller weiter. Der Controller ist die eigentliche Steuereinheit. Er reguliert den Akku und veranlasst, dass dieser Strom an den Motor schickt. Nachdem der Strom fließt, setzt die Trittunterstützung des Pedelecs mehr oder weniger direkt ein.

Günstige Pedelecs zum Beispiel "registrieren" nur, ob getreten wird oder nicht. Es erfolgt also keine gleichmäßige Trittunterstützung, sondern eher ein "ruckartiger Schub". Schlauere Sensoren messen, welche Kraft vom Fahrer selbst auf die Pedale gebracht wird. So kann die Unterstützung gleichmäßig und an die individuelle Kraft des Fahrers angepasst, erbracht werden. Dies wird dann eher als sanfter Schub wahrgenommen und nicht als ungesteuerter "Turbo-Anschub".

Je genauer und schneller die Sensorik des E-Bikes auf das Treten reagiert, desto weniger Verzögerung hat der Antrieb und umso angenehmer und harmonischer fährt sich ein Pedelec. Die Qualität und Funktionsweise dieser Steuerung lässt sich am besten durch eine Probefahrt herausfinden. Sie sollten die Gelegenheit nutzen und gleich mehrere Antriebstypen testen. So können Sie die Unterschiede direkt spüren und die für Sie passende Variante finden.

Der Mittelmotor im Detail

Beim Mittelmotor befindet sich der Antrieb direkt hinter dem Tretlager. Durch die optimale Gewichtsverteilung liegen Antriebsblock und zumeist auch der Akku nahe am tiefliegenden Schwerpunkt. So werden die Fahreigenschaften des E-Bikes nicht beeinträchtigt und führen zu einem sehr angenehmen Fahrgefühl. Diese Antriebsform entspricht am ehesten dem "normalen" und natürlichen Treten.

Der Mittelmotor ist die aufwendigste Variante. Da der Antrieb direkt im Rahmen verbaut ist, liegen hier die Produktionskosten höher als bei anderen Modellen und ein Nachrüsten normaler Fahrräder ist kaum möglich. Mittelmotoren werden häufig nur im mittleren bis hohem Preissegment angeboten.

Vorteile des Mittelmotors

  • Die Kraft wird direkt auf die Kette übertragen.
  • Sehr kompakte Bauweise des Tretlagermotors möglich.
  • Stabiler Geradeauslauf bedingt durch tiefliegenden Schwerpunkt und langen Radstand gewährleistet.
  • Kompakte Verkabelung (zumeist nur ein Kabelstrang) und daraus resultierend, eine geringe Störanfälligkeit.
  • Alle Schaltungstypen (Ketten- und Nabenschaltung) können verbaut werden.
  • Wechsel von Vorder- und Hinterrad problemlos möglich.
  • Lastverteilung und Schwerpunkt sind (abhängig von der Akkuposition) ideal.
  • Natürlichstes Fahrgefühl der drei Motorvarianten bedingt durch die direkte Kraftübertragung.
  • Alle "normalen" Fahrradkomponenten (abgesehen von denen am Tretlager) können verwendet werden.
  • Im Vorderrad könnte prinzipiell noch ein Nabendynamo eingebaut werden.

Nachteile des Mittelmotors

  • Höherer Preis für den "speziellen" Rahmen, da keine Standardrahmen verbaut werden können.
  • Nur wenige Anbieter mit Rücktrittbremse (Panasonic, Derby,...).
  • Höhere Belastung des Kettenstrangs und Ritzel bedingt durch zusätzlichen Zug können zu höherem Kettenverschleiß führen.
  • Schaltungsprobleme bei der Kombination von Mittelmotor und Nabenschaltung können auftreten.
  • Nachrüstung normaler Fahrräder ist nahezu unmöglich.
  • Vorne ist nur ein Kettenblatt möglich.
  • Rekuperation ist nicht möglich (ergo weniger E-Bike Reichweite)

Vergleich: Mittelmotor vs. Andere Antriebsarten

Um einen umfassenden Überblick zu bieten, ist es wichtig, den Mittelmotor mit anderen gängigen Antriebsarten zu vergleichen:

Hinterradantrieb

Bei dieser Antriebsform handelt es sich um einen Nabenmotor, der in die Hinterradnabe integriert ist. Beim Hinterradantrieb ist der größte Teil des Gewichts auf das Hinterrad verlagert. Dies hat einen guten Halt zur Folge, was eine sportliche Fahrweise zulässt und gerade am Berg und bei Nässe von Vorteil ist.

Vorteile des Hinterradantriebs

  • Höheres Gewicht auf der Hinterachse als auf der Vorderachse und dadurch bedingte Traktionsvorteile
  • Motorwirkung geht direkt aufs Rad
  • kompakte Bauweise und hoher Wirkungsgrad
  • Guter Anpressdruck begünstigt eine sportliche Fahrweise
  • Schwerpunkt ist vorteilhafter als bei einem Vorderradantrieb
  • Optisch unauffällig im Vergleich zum Frontnabenmotor
  • Leises Fahrverhalten
  • Zuverlässige Antriebsform
  • Nabendynamo ist möglich
  • wenig Belastung der Kettenkomponenten
  • Ausbau des Vorderrads sehr unproblematisch
  • Rekuperation (Energierückgewinnung) möglich
  • Einfacher Austausch des Motors bei Defekt, Motorwechsel möglich

Nachteile des Hinterradantriebs

  • Ausbau des Hinterrads kann aufwendig sein
  • Steuerung und Verkabelung ist oft umständlich
  • Störanfälligkeit bedingt durch Kabelverlegung (Regen, Spritzwasser)
  • Einschränkung der Schaltungsvariante (zumeist nur Kettenschaltungen)
  • eine Rücktrittbremse nur bedingt möglich
  • Gewicht ist sehr "rücklastig" wenn auch der Akku am hinteren Teil des Fahrrades montiert ist, was sich auf das Fahrverhalten auswirken kann.

Vorderradantrieb

Beim Vorderradantrieb ist der Elektromotor in der Nabe des Vorderrads untergebracht. Technisch gesehen ist der Vorderradantrieb am leichtesten einzubauen und ist mit jeder Schaltung und Rücktritt kompatibel. Daher sind günstige Pedelecs häufig mit einem Frontnabenmotor ausgerüstet. Zu beachten ist, dass die Vorderradbeschleunigung als etwas gewöhnungsbedürftig gilt.

Vorteile des Vorderradantriebs:

  • Kostengünstigste Variante
  • Umrüsten "normaler" Fahrräder ist fast immer möglich
  • Leichter Ausbau der Räder
  • Jede Art von Schaltung kann verwendet werden
  • Freie Wahl der Hinterradbremse - Rücktrittbremse möglich

Nachteile des Vorderradantriebs:

  • Optisch sichtbare "dicke" Vorderradnabe
  • Längere Kabelwege sind nötig und können die Störanfälligkeit erhöhen
  • Nabenmotoren belasten den Fahrradrahmen und können zu Rahmenbrüchen führen
  • Stärkere Motoren können die Lenkung beeinflussen
  • Im Vergleich zum Hinterrad niedrigerer Anpressdruck - durchrutschen eher möglich
  • Höheres Gewicht am Vorderrad - das Lenken wird u.U. erschwert
  • Fahrverhalten ist gewöhnungsbedürftig, da das Vorderrad eher "zieht". Der Fahrer ist von einem "normalen" Fahrrad gewöhnt, dass der "Schub" von hinten kommt

Fazit

Die Wahl des richtigen Motors hängt stark von den individuellen Bedürfnissen und dem geplanten Einsatzzweck des E-Bikes ab. Der Mittelmotor bietet ein natürliches Fahrgefühl und eine gute Gewichtsverteilung, während Hinterrad- und Vorderradantriebe jeweils spezifische Vor- und Nachteile aufweisen.

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