Motocross Teutschenthal Geschichte

In dem kleinen Ort Teutschenthal, wenige Kilometer westlich von Halle (Saale), wird seit 1966 Motocross-Geschichte geschrieben.

Es war im Oktober 1966, als etwa 25 Kilometer westlich von Halle (Saale) erstmals die Motoren von Motocross-Maschinen aufheulten. Der DDR-Meister in der 500ccm-Klasse wurde im Schatten der großen Kalihalde gesucht, begleitet von einem offenen Rennen in der 125ccm-Klasse. Papierfähnchen dienten damals als Streckenbegrenzung.

Das Fahrerlager war mit Schneezäunen abgegrenzt und zur Maschinenabnahme ein Armeezelt aufgebaut. So provisorisch das klingt, schon bei diesen ersten Rennen waren professionelle Organisatoren am Werk.

Das Gelände, auf dem sich heute die Rennstrecke befindet, ist eine alte Kies- und Braunkohlegrube, die ab 1966 ihrer neuen Verwendung zugeführt wurde.

„Wir haben damals überlegt, was man motorsportlich in der Region sonst noch machen könnte“, erinnert sich MSC-Vorsitzender Joachim Jahnke und Gründungsmitglied des im Herbst 1966 gegründetes Motorsportclubs Teutschenthal. Da durch den Erfurter Ausnahme-Fahrer Paul Friedrichs der Motocross-Sport in der DDR gerade hoch im Kurs stand, wurde nach einer geeigneten MX-Strecke gesucht und ein entsprechendes Gelände direkt vor den Toren von Halle, am Rande von Teutschenthal, gefunden - ein Areal, das bis in die Nachkriegszeit hinein noch für Kohlebergbau und als Kiesgrube genutzt wurde.

Wo sich heute das Fahrerlager erstreckt, stand im 19. Jahrhundert noch eine Ziegelei.

Schon das zweite Rennen, im Mai 1967 ausgetragen, organisierte der neu gegründete MSC in eigener Regie. Auch der Name „Talkessel“ war schnell gefunden. Wer die Strecke so benannt hat? Jahnke, damals Go-Kart-Fahrer mit nationaler und internationaler Erfahrung, hebt die Schultern.

1971 fand der erste internationale Motocross-Weltmeisterschaftslauf statt. Am ersten Juliwochenende war Teutschenthal erstmals Schauplatz eines Weltmeisterschaftslaufes. In der 250ccm-Klasse wurde um die internationale Trophäe gefahren. Der Belgier Joel Robert, später Weltmeister, stand damals auf dem Teutschenthaler Siegertreppchen ganz oben.

Allerdings kam bereits ein Jahr später für den Motocross-Sport das staatlich verordnete Aus für internationale Meisterschaftsprädikate. Es brach die Zeit der Wettfahrten innerhalb der sozialistischen Ostblock-Staaten an. Der „Pokal für Frieden und Freundschaft“ wurde ins Leben gerufen, für den Teutschenthal im Wechsel mit dem MC Kali Merkers Gastgeber war. „Und wenn wir den Pokal nicht hatten, dann wurde um den Pokal der Kalikumpel gefahren“, so Jahnke. Dabei wurde im „Talkessel“ auch ohne Fahrer aus dem westlichen Ausland weiterhin Motocross vom Feinsten geboten.

Dennoch hat der MSC nie den Traum aufgegeben, wieder die komplette internationale Motocross-Elite in den „Talkessel“ zu holen.

Im Juni 1989 war es soweit: Nach 18 Jahren Zwangspause durften endlich auch wieder westeuropäische Fahrer in Teutschenthal starten. 33.000 Zuschauer jubelten in der 125ccm- und der 250ccm-Klasse Motocrossern aus 13 Nationen zu. Schon zwei Jahre später gab es einen Lauf zur Europameisterschaft und 1993 dann, nach 22 Jahren, die zweite Weltmeisterschaft in Teutschenthal. Seit 1996 drehen die weltbesten Fahrer nun jährlich im „Talkessel“ ihre Runden. In diesem Jahr, in dem der MSC seinen 50. Geburtstag feiert, war es bereits der 23.

In den fünf Jahrzehnten „Talkessel“ gab es viele spannende Rennen. Gestern wie Heute stehen die Stars der MX-Szene am Startgatter. Dreifach-Weltmeister Paul Friedrichs war dabei und auch die ostdeutschen Motocross-Helden wie Heinz Hoppe, Helmut Schadenberg oder Torsten Wolff gehörten dazu. Mehrfach-Weltmeister Stefan Everts aus Belgien ging im „Talkessel“ regelmäßig auf Punktejagd. Mehrfach-Weltmeister Antonio Cairoli macht es noch immer.

Zu erleben waren und sind großartige deutsche Fahrer wie Pit Beirer und - aktuell wieder mit ganz vorn in der WM - Max Nagl. Stolz ist der MSC, dass so großartige Motorsportler wie der Solo-Weltmeister und heutiger US-Superstar Ken Roczen, Mannschaftsweltmeister Marcus Schiffer und Marko Happich, Vize-Weltmeister bei den Seitenwagencrossern, dem Club angehörten.

Mit durchschnittlich 30.000 Zuschauern pro Rennen zog die Strecke bereits in den 1980er Jahren einige Aufmerksamkeit auf sich. Das hat sich bis heute gehalten: Verschiedene Passagen wurden angepasst, damit sie den Weltmeisterschaftsläufen auf internationalem Niveau entsprechen.

Auf derzeit 1.565 Metern, hat die Strecke eine Mindestbreite von sieben Metern und wartet mit sieben Sprüngen sowie mehreren ansteigenden und absteigenden Passagen auf. Entlang der traditionellen Naturstrecke gibt es mehrere Zuschauerränge, die wie in einem Stadion eine sehr gute Sicht auf das Geschehen auf der Strecke bieten.

Heute gehören dem MSC 260 Mitglieder an, die im Jahresverlauf dank vieler Stunden ehrenamtlicher Tätigkeit jährlich zwei Rennwochenende organisieren, neben dem „Grand Prix of Germany“ im Mai war es im August wieder ein Lauf zur sachsen-anhaltischen Landesmeisterschaft. „Die Organisation dieser Rennen betrachten wir auch als einen Beitrag zur Nachwuchsförderung, die uns immer wichtig war“, so Clubchef Joachim Jahnke. Aus diesem Grund beteiligt sich der MSC Teutschenthal seit 2013 auch als Stützpunkt des Nachwuchsprojektes ADAC MX Academy.

Das ist bei ihm so und bei allen anderen Mitgliedern im MSC, bei den Fahrern und den Organisatoren, bei den fleißigen Küchen-Helferinnen und den Profis in der Technischen Abnahme, im Büro der Rennorganisation und beim Strecken-Aufbau, bei den freundlichen Damen im WelcomeCenter und bei den Pistenarbeitern, den Elektrikern und Schweißern, den Bagger-Fahrern, Fahrerlager-Organisatoren, Parkplatz-Einweisern und Streckenposten-Betreuern, bei den Fahnen-Aufhängern, Eintrittskarten-Verkäufern, Plakat-Anbringern, VIP-Begleitern, bei Ergebnislisten-Austrägern, Reinigungskräften und Startmaschine-Verantwortlichen, beim Kopierer-Team, den Security-Einweisern … und auch beim Rennleiter.

Darauf hatten Fans, Fahrer und Funktionäre lange gewartet: Teutschenthal begrüßte am ersten Oktober-Wochenende die Motocross-Weltmeisterschaft im traditionsreichen Talkessel zum MXGP of Germany.

Beim Kampf der Motocross-Weltelite konnten die Deutschen Piloten diesmal nicht mithalten. In der Königsklasse MXGP (bis 450 ccm) war es für Lokalmatador Henry Jacobi (Honda) ein Wochenende zum Vergessen. Während der Thüringer im ersten Heat nur Rang 20 erreichte, schied er im zweiten Umlauf sogar komplett aus. Damit konnte er im Talkessel nur einen WM-Zähler sammeln und rutschte in der WM-Wertung um einen Rang zurück auf die 15. Position. Beim letzten Grand Prix in Teutschenthal im Jahr 2019 war Jacobi noch in der MX2-Klasse unterwegs und hatte Gesamtplatz fünf erreicht.

Erfolgreich waren andere: Der Sieger von Teutschenthal 2021 heißt Tim Gajser (Honda), der bereits 2019 hier gewann nun die Führung im Gesamtklassement übernommen hat. Mit ihm auf dem Podium standen der Niederländer Jeffrey Herlings (KTM) als Zweiter und der Franzose Romain Febvre (Kawasaki) als Drittplatzierter. Getrübt wurde die Freude über das spannende Geschehen in der Topklasse vom Zusammenstoß des Spaniers Jorge Prado (KTM) mit seinem Teamkollegen Jeffrey Herlings unmittelbar nach der Zieldurchfahrt im ersten Lauf. Prado, im ersten Umlauf noch Sieger, konnte danach beim zweiten Lauf verletzungsbedingt nicht mehr antreten.

Für die weiteren deutschen Starter, die Brüder Tim und Tom Koch aus Wormstedt (Husqvarna/KTM) sowie Mike Stender (Yamaha) und Stefan Ekerold (Husqvarna), reichte es bei diesem Deutschland-GP nicht für WM-Punkte.

Über den Grand-Prix-Sieg in der „kleinen“ WM-Klasse MX2 freute sich in Teutschenthal der Franzose Maxime Renaux (Yamaha). Bei der Siegerehrung hatte noch sein Landsmann Tom Vialle (KTM) ganz oben auf dem Treppchen gestanden. Da er während des zweiten Rennens jedoch eine Sicherheitsflagge missachtet hatte, wurde er nach den Rennen von der Jury zwei Plätze nach hinten versetzt, was ihn den Sieg kostete. Als Dritter wird der Österreicher Rene Hofer (KTM) in der Siegerliste geführt, der sich sichtlich über seine erste WM-Podiumsplatzierung überhaupt freute.

Die beste Platzierung eines deutschen WM-Fahrers holte der siebtplatzierte Simon Längenfelder (GasGas). Im WM-Ranking rückt der 17-jährige Bayer, der ein Wochenende zuvor noch für das deutsche Team bei der Mannschaftsweltmeisterschaft (MX of Nations) antrat, um einen Platz auf Rang elf vor. Die weiteren Deutschen Paul Haberland (Honda), Marnique Appelt (KTM) und Nico Greutmann (Husqvarna) belegten allesamt hintere Plätze und konnten damit keine WM-Punkte ernten.

Zum Programm des MXGP von Deutschland zählten auch in diesem Jahr zwei Klassen der Europameisterschaft. Coronabedingt wurden diese bereits samstags komplett ausgefahren. Der Italiener Nicholas Lapucci (Fantic) holte sich mit zwei Laufsiegen den Teutschenthaler Pokal in der großen EM-Klasse (EMX250) vor dem Norweger Kevin Horgmo (GasGas) und seinem Landsmann Andrea Bonacorsi (Yamaha). Hervorragende Ergebnisse fuhren mit Rang sieben der Chemnitzer Jeremy Sydow (Yamaha) und Maximilian Spieß aus Ortrand (Fantic) auf Rang acht ein.

Turbulent ging es in der kleineren EM-Klasse (EMX125) zu. Hier siegte der Niederländer Ivano van Erp (Yamaha) mit einem Punkt vor Bobby Bruce aus Großbritannien (GasGas) und Lucas Coenen aus Belgien (Kawasaki). Bester deutscher Youngster war Valentin Kees aus Schwabniederhofen (KTM), der sich mit einem guten zweiten Lauf immerhin sechs Meisterschaftspunkte holte und im Gesamtklassement auf Platz 19 ankam. Zwei Punkte gab es auch für den Teamkollegen Maximilian Werner aus Jena. In den Kampf um die Meisterschaft der EMX125 können beide aber nicht eingreifen.

Zum ersten Mal wurden in diesem Jahr in Teutschenthal Meisterschaftspunkte in einer e-Motocross-Klasse vergeben. Fahrer von sechs bis acht Jahren gehen in dieser neuen Serie an den Start, die über fünf Läufe ausgetragen wird. „Minis“ aus ganz Europa waren dafür in den Talkessel gereist, um im Rahmen der WM um Podiumsplatzierungen zu fahren. Der Spanier Eleu Jose (Husqvarna) konnte nach zwei Läufen den Siegerpokal in die Höhe stemmen, neben ihm auf dem Podium standen die beiden Österreicher Elias Eder (KTM) und Maurice Heidegger (GasGas). Bester Deutscher wurde Felix Siegl (Husqvarna) als 14. im Endklassement.

Jens-Uwe Jahnke, Vorsitzender des MSC Teutschenthal zog ein positives Resümee des Rennwochenendes: „Es war eine tolle Veranstaltung. Nach zweieinhalb Jahren Pause konnten wir zeigen, dass wir nicht aus der Übung sind und weiterhin ein WM-Rennen mit hohem Standard ausrichten können. Die Planung war aufgrund der Corona-Pandemie sehr schwierig.

Der MSC Teutschenthal und Infront Moto Racing als Promoter der Motocross-WM haben sich auf einen Deal bis 2027 geeinigt. Der Große Preis von Deutschland wird weitere sieben Jahre im Talkessel gefahren.

Nachdem das Rennen dieses Jahr der Pandemie und den Beschränkungen für Großveranstaltungen zum Opfer fällt, will man ab nächste Saison wieder durchstarten.

Andreas Kosbahn (Motorsportclub Teutschenthal): „Wir freuen uns sehr über die Verlängerung des Vertrages mit Infront Moto Racing bis 2027. Wir sind seit den neunziger Jahren ein fester Bestandteil des FIM Motocross-Weltmeisterschaftskalenders und arbeiten seither vertrauensvoll zusammen, von den Zeiten der Action Group bis heute. Gemeinsam haben wir die Qualität der Veranstaltung enorm verbessert, um Fahrern, Teams und Fans noch bessere Bedingungen zu bieten. Der bisher unvergleichliche Höhepunkt war die Austragung der Monster Energy FIM MXoN im Jahr 2013 vor 85.000 Zuschauern. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um dem Management von Infront Moto Racing und dem gesamten Team für das Vertrauen zu danken, insbesondere in diesen ungewöhnlichen Zeiten. Wir kämpfen weiterhin sehr hart, damit wir im Jahr 2021 wieder alle Fans im legendären Talkessel von Teutschenthal willkommen heißen können.“

David Luongo (CEO Infront Moto Racing): „Wir freuen uns, die Verlängerung der Zusammenarbeit mit Teutschenthal bis 2027 zu bestätigen. Der Talkessel liegt allen MXGP-Fans am Herzen, eine wunderschöne Rennstrecke, die dank ihres speziellen Designs jedes Jahr spektakuläre Rennen bietet, und von überall gut einsehbar ist. Meine Gedanken sind bei Joachim Jahnke, der in der vergangenen Woche verstorben ist und seiner Familie, die einen großen Teil zum Erfolg des GP beigetragen haben. Ich möchte auch Andreas Kosbahn und seinem ganzen Team für all die Jahre der Zusammenarbeit danken.

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