Im MotoGP-Zirkus hat sich vor Jahren ein Phänomen etabliert, das inzwischen von fast allen Fahrern praktiziert wird: Das Heraushalten des kurveninneren Beins in der Anbremsphase. Dieses als "Leg Wave" bekannte Phänomen hat auch nach Jahren keine schlüssige Erklärung.
Theorien und Erklärungsversuche
Schwerpunktverlagerung
Tech-3-Yamaha-Crewchief Guy Coulon versucht sich an einer Theorie: "Wir glauben, dass der Schwerpunkt nach innen verlagert wird, wenn der Fahrer das Bein in diese Position bringt. Das Bike bleibt dadurch beim Bremsen länger stabil." Da der Fahrer in der Anbremsphase "in einer geraden Position auf dem Motorrad sitzen muss und beispielsweise die Schultern nicht bewegen kann", hat sich im Laufe der Jahre das "Waving" mit dem Bein eingebürgert, um die Maschine zu stabilisieren.
Psychologischer Vorteil
Valentino Rossi war einer der ersten Fahrer, bei dem das "Waving" mit dem Bein zu sehen war. In der Anfangszeit des Phänomens machten Spekulationen die Runde, dass Rossi allein aus der Tatsache, dass andere Fahrer seinen Stil kopierten, einen psychologischen Vorteil zog. "Es ist ähnlich wie zu der Zeit, als die ersten Fahrer mit Knieschleifern ankamen. Ein Fahrer fing damit an und machte gute Erfahrungen", sagt Coulon.
Keine bewusste Entscheidung
"Sie selbst wissen aber gar nicht, warum sie das tun und merken es manchmal gar nicht, dass sie den Fuß von der Raste nehmen. Es fällt mir schwer, das zu erklären", sagt Coulon erstaunt. "Es sieht so aus, als würden sie diese Bewegung vornehmen, ohne darüber nachzudenken."
Der Fall Jorge Lorenzo
Einer der wenigen Fahrer im aktuellen MotoGP-Feld, die das "Waving" nicht praktizieren, ist Weltmeister Jorge Lorenzo. Für Coulon kein Zufall: "Lorenzo ist auf der Bremse sehr stabil, denn er pflegt seinen ganz eigenen Stil. Er ist fährt generell sehr weich und rund. Er kontrolliert alles sehr geschmeidig, lässt die Bremse früh und behutsam los und nimmt dadurch viel Geschwindigkeit durch die Kurve mit."
Nachteil für die Stabilität
Wilco Zeelenberg, im Yamaha-Werksteam als Teammanager für Lorenzo tätig, erklärt, warum das "Waving" seiner Meinung nach eher ein Nachteil ist: "Sobald du den Fuß von der Raste nimmst, beginnt das Bike zu 'wandern' und du musst nach Stabilität suchen."
Entspannung für den Körper
Zeelenberg hat noch eine andere Theorie parat: "Wenn du spät bremst - und damit meine ich so richtig spät - dann geht dein Puls nach oben. Dann verkrampfst du auf dem Bike. Durch das Heraushalten des Beins wird der Körper wieder entspannt und du kannst das Motorrad in die Kurve zwingen." Tatsächlich tritt das "Winken mit dem Bein" verstärkt dann auf, wenn der Fahrer von außen betrachtet seinen Bremspunkt eigentlich schon verpasst hat. "In dem Moment, wo der Fahrer das Gefühl hat 'Mist, es reicht nicht mehr', nimmt er den Fuß von der Raste. Es ist gewissermaßen eine Art, die mentale Sperre, die Kurve nicht zu kriegen, noch zu durchbrechen", glaubt Zeelenberg.
Die Sicht der Fahrer
Auch die Piloten selbst suchen nach Erklärungen. "Es fühlt sich einfach natürlich an", ist die häufigste Antwort in Fahrerkreisen, wenn sie mit der Frage nach dem Grund für ihren Stil konfrontiert werden.
Messergebnisse und Analysen
PS-Sportreporter Friedemann Kirn hat bei den letzten Saison-Tests in Valencia die MotoGP-Fahrer befragt, aber kaum brauchbare Aussagen erhalten. Um die Redaktion vor einem Glaubenskrieg zu bewahren, wurden Messfahrten durchgeführt. Die Messwerte zeigen, dass die "Bein-Raus"-Nummer nur im ganz hohen Geschwindigkeitsbereich, ab etwa 200 km/h, wirklich Sinn macht. Der Ausrollversuch von 230 bis 180 km/h zeigt, dass der Luftwiderstand mit einem Bein draußen die Verzögerung von 3,8 m/s² auf 4,7 m/s² erhöht.
Im mittleren Geschwindigkeitsbereich bis 130 km/h verringert sich zwar der aerodynamische Effekt, doch der tiefere Schwerpunkt beim "Bein-Raus" macht sich jetzt tatsächlich positiv bemerkbar. Durch das hängende Bein sinkt der Schwerpunkt an der für die Tests benutzten Aprilia um fast zehn Millimeter. Dazu addiert sich die Luftbremse. Bei konventioneller Bremshaltung bei 130 km/h sind das 1,4 m/s², beim "Bein-Raus"-Stil immerhin 1,6 m/s². Legt man jetzt bei einer Vollbremsung von 230 auf 130 km/h eine mechanische Verzögerung von 9,8 m/s² zugrunde, ergibt das für die "Bein-Raus"-Variante einen Vorsprung von 1,33 Metern am Einlenkpunkt.
Messwerte im Überblick
| Messung | Fahrer in Bremsposition | Fahrer in Bremspos. + Fuß raus |
|---|---|---|
| Maximale Verzögerung bei 230 km/h | 3,8 m/s² | 4,7 m/s² |
| Verzögerung von 230 auf 180 km/h | 3,2 m/s² | 3,9 m/s² |
| Verzögerung von 230 auf 130 km/h | 2,4 m/s² | 2,8 m/s² |
| Maximale Verzögerung bei 130 km/h | 1,4 m/s² | 1,6 m/s² |
| Theoretische Werte einer Vollbremsung aus 230 auf 130 km/h (Bremsweg) | 113,8 m | 110,2 m |
| Vorsprung in Meter beim Einlenken mit 130 km/h | 0,76 Meter | 1,33 Meter |
Alternativen und andere Meinungen
Cal Crutchlow zweifelt am Nutzen des "Bein-Raus"-Stils, obwohl er ihn selbst praktiziert. "Ich denke nicht, dass es etwas bringt. Mir wäre es deutlich lieber, wenn ich meine Füße auf den Rasten lassen würde", kommentiert Crutchlow und erklärt: "Man macht es automatisch, weil man eine gewisse Panik entwickelt."
Es bleibt also weiterhin ein Mysterium, warum Rossi & Co. den Fuß nicht auf der Raste lassen. Die einen glauben den Zahlen, die anderen an die Psychologie.
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