Motorisierte Dreiräder in der DDR: Eine historische Übersicht

Die Geschichte der motorisierten Dreiräder in der DDR ist vielfältig und reicht von praktischen Lieferwagen bis zu speziell angefertigten Krankenfahrzeugen. Diese Fahrzeuge spielten eine wichtige Rolle im Alltag der Menschen und prägten das Straßenbild der DDR.

Frühe Anfänge und der Framo

Bereits 1927 kam unter dem Namen "DKW-Eillieferwagen" der erste Framo auf den Markt. Ein in Fahrtrichtung geneigter, gebläsegekühlter Einzylinder-Zweitaktmotor trieb über Getriebe und Kette das Vorderrad an. Gelenkt wurde das Vorderrad durch einen trapezförmigen Hebel. Mit 1375 Reichsmark kostete das Fahrzeug weniger als manche Motorräder und war mit den 200ccm-Motoren steuerfrei. Mit dem größeren 300ccm-Motor kosteten sie 29,- RM Fahrzeugsteuer im Jahr. So ein praktisches Gefährt konnten sich auch kleinere Händler und Handwerker leisten.

Bei den ersten Modellen der Transportdreiräder, wie LT und TV, war der Fahrer weitgehend ungeschützt. Bald gab es aber eine Windschutzscheibe und ein sogenanntes Spritzleder. Ab 1933 boten die Lastendreiräder dann etwas mehr Komfort. Der LT 300 PV beispielsweise hatte schon ein festes geschlossenes Fahrerhaus und erstmals auch ein Lenkrad. Die Typen LTH, LTG, LTS und LTP hatten dann auch eine Motorhaube aus Blech und wirkten nicht mehr so spartanisch. Zu den Einzylindermotoren mit 200 und 300ccm Hubraum, welche 6 und 7 später 9PS leisteten, kam ein luftgekühlter Zweizylinder mit 500ccm und 15 PS dazu. Dieser LTG 500 konnte bis zu 700kg Nutzlast transportieren.

DKW und Jørgen Skafte Rasmussen

Der dänische Kapitänssohn Jørgen Skafte Rasmussen kam 1898 nach Sachsen, um am Technikum Mittweida Maschinenbau zu studieren. Schon 1903 gründete er mit Carl Ernst in Chemnitz eine Firma, die Dampfkesselarmaturen herstellte. Im Jahr 1906 kaufte er in Zschopau eine Textilfabrik, die in eine Krise geraten war. Dort stellte er zunächst spezielle Ventile, von ihm erfundene patentierte Dampfentöler, Zentrifugen und im Ersten Weltkrieg auch Zünder für Granaten her. In dieser Zeit versuchte er auch einen Dampfkraftwagen zu bauen.

Im Jahr 1918 stellte Rasmussen den Ingenieur Hugo Ruppe ein. In Zschopau baute er nach Kriegsende einen Kleinstmotor, den Rasmussen als Spielzeugmotor vermarktete. Rassmussen nannte ihn DKW - “Des Knaben Wunsch”. Zur Herbstmesse 1919 in Leipzig wurde eine größere Version des kleinen luftgekühlten Zweitakters vorgestellt, der aus 118 ccm ein PS Leistung entwickelte und als Hilfsmotor an fast jedes Fahrrad angebaut werden konnte. Rasmussen fand mit “Das Kleine Wunder” abermals eine neue Interpretation von DKW. Von diesem Motor wurden in etwa 3 Jahren mehr als 25.000 Stück verkauft. Im Jahr 1922 begann man das Reichsfahrtmodell herzustellen.

Um auch Arbeitern den Kauf eines Motorrades zu ermöglichen wurden Ratenzahlungsverträge angeboten. Der Marketing-begabte Rasmussen baute zusammen mit Carl Hahn ein dichtes Händler- und Service-Netz auf, das auch Motorradbekleidung, Brillen und sogar DKW-Zigaretten vertrieb. Bereits im Jahr 1928 war das DKW Motorradwerk in Zschopau das größte der Welt.

Nach Kriegsende lernte Rasmussen den Ingenieur Emil Fischer kennen, der bei ihm in Zschopau einen ersten mit Zweitaktmotor ausgerüsteten Kleinwagen entwickelte, welcher jedoch nicht in Serie ging. Im Jahr 1924 erwarb Rasmussen die Firma Slaby & Behringer in Berlin, die ihre kleinen Elektrowagen seit 1920 auch mit DKW-Zweitaktmotoren verkaufte. Am weitesten verbreitet waren die Frontantriebstypen F 1 bis F 8 von denen mehr als eine Viertelmillion verkauft wurden. Rasmussen kaufte viele weitere Firmen, u.a. im Jahr 1928 die Audi AG auf.

Der Krause Duo: Ein Krankenfahrzeug mit Kultstatus

Unter den deutschen Oldtimern ist der Krause Duo wohl einer der skurrilsten. Oftmals fälschlicherweise als Simson-Duo bezeichnet, wurde das kleine Dreirad jedoch nie in Suhl gebaut. Dennoch stammen einige Teile aus dem Regal von Simson. Die Geschichte dieses für gehbehinderte Personen gebauten Fahrzeugs begann bereits 1954. Das technisch sehr simpel konstruierte Dreirad verfügte über einige interessante Details. Viele Lösungen zeugen vom Improvisationstalent der Entwickler. Erhältlich war der Krause Duo in der DDR ausschließlich mit einem ärztlichen Attest. Er war eine sehr günstige Möglichkeit für versehrte Menschen, am Verkehr teilzunehmen.

Bereits Ende der 1940er Jahre begann die Firma Louis Krause aus Leipzig mit der Entwicklung von Versehrtenfahrzeugen. Krause stellte auf der Leipziger Herbstmesse mehrere Krankenfahrstühle vor. Diese waren unter anderem mit Fahrrad-Hilfsmotoren von MAW oder mit einem leicht veränderten 123-cm³-Motor der IFA RT 125/1 ausgestattet. Das erste in Serie gebaute Fahrzeug war der Piccolo Trumpf ab 1955. Der Motor mit 47,6 cm³ und die vordere Federgabel stammten vom Simson SR1. Das vordere Schutzblech wurde vom IWL-Pitty-Roller übernommen. Interessant: Der Piccolo-Trumpf war auch mit Muskelkraft zu bewegen. Durch Umlegen eines Hebels wird eine Auf- und Abbewegung des Lenkers und damit der Vortrieb möglich.

Etwas stärker und immerhin 30 km/h schnell war der ab 1958 gebaute Piccolo Trumpf/5. Die Motorisierung entstammte dem Simson SR2. Bis 1965 wurden etwa 4.500 dieser Krankenfahrstühle gebaut. Er besaß wie später auch das Duo bereits die Front des Simson-Rollers Schwalbe. Im Jahre 1961 erschien der erste zweisitzige Krankenfahrstuhl von Krause. Das Krause-Piccolo-DUO/2 genannte Dreirad besaß eine speziell für den Zweisitzer verbreiterte Front des Rollers IWL Pitty.

Ab dieser Zeit war das Dreirad an den Karosserieteilen der Simson Schwalbe zu erkennen. Das Frontblech wurde aus Aluminium gefertigt. Die Bedienung des Dreiganggetriebes erfolgte vom Lenker aus. Zwischen 1967 und 1971 wurde der Krause Duo als Weiterentwicklung nun mit Frontblechen aus Stahl produziert. 1972 wurde das Unternehmen zum Teil verstaatlicht. Von nun an hieß es VEB Fahrzeugbau und Ausrüstungen Brandis. Erstmals wurden größere Stückzahlen hergestellt. Der Krause-Duo 4/1 verfügte über einen 49,6-cm³-Einzylinder-Zweitaktmotor mit 3,6 PS. Ab 1989 gab es sogar einen elektrischen Anlasser. Geschaltet wurde nach wie vor von Hand. Das Getriebe besaß 3 Gänge und eine automatische Fliehkraftkupplung, die nur wenig verändert aus der Simson Schwalbe (KR51/1S) übernommen wurde.

Mit dem Krause-Duo 4/2 standen 4 Gänge zur Verfügung. Das Krause-Duo 4 erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h und durfte in der DDR sogar auf der Autobahn bewegt werden. Durch den für das Verdeck montierten Käfig entfiel die Helmpflicht für das Krause-Duo. Mit kleinen Weiterentwicklungen und Verbesserungen wurde das Krause-Duo bis nach 1991 gebaut. Auch im Ausland wurden die oft auch fälschlicherweise als Simson-Duo bezeichneten Versehrtenfahrzeuge verkauft.

Viele Details des Krause-Duos lassen auf großen Einfallsreichtum schließen. So wurde die fehlende Benzinuhr beispielsweise durch einen vertikal am Tank angebrachten Benzinschlauch ersetzt. Als Wetterschutz diente ein aus Plane gefertigtes Verdeck. Für eine kurze Zeit wurde auch ein fester Dachaufbau angeboten. Auch die Besitzer der Krause-Duo waren kreativ.

Als Neufahrzeug war es jedoch nur auf Attest direkt über die Sozialversicherung zu bekommen. Sogar die Wartung inklusive Ersatz- und Verschleißteile wurde durch die Sozialversicherung übernommen. Alle 6 Jahre konnte ein neues Fahrzeug geordert werden. Nach dem Mauerfall ergaben sich für Betroffene andere Möglichkeiten. Das bedeutete allerdings nicht, dass die Krause-Duo weniger beliebt waren. Die Käufer waren andere. Das Dreirad entwickelte sich zu einem Kultfahrzeug und fand viele Liebhaber.

Oft wurden die Krause-Duo umfangreich zu mehr oder weniger skurrilen Lifestyle-Fahrzeugen umgebaut. Die Ersatzteilversorgung für die kleinen Trikes ist ausgesprochen gut, solange es nicht um Teile für die sehr alten Modelle Piccolo geht. Der Krause-Duo hingegen ist weitgehend auf Technik der Simson aufgebaut. Aufgrund der großen Verbreitung der Suhler Zweiräder gibt es viele Betriebe, die Teile nachfertigen. Auch die Umrüstung der recht anfälligen Zündung auf eine elektronische ist problemlos. Selbst neue Verdecke lassen sich finden. Die Reparaturfreundlichkeit dieses einfach aufgebauten Fahrzeuges ist gut.

Krause-Duos sind trotz der relativ hohen Stückzahlen selten zu bekommen.

Produktionszahlen und Geschwindigkeit des Krause Duo 4

Die folgende Tabelle fasst die Produktionszahlen und die Höchstgeschwindigkeit des Krause Duo 4 zusammen:

Merkmal Wert
Produktionszeitraum 1972 bis 1991
Produzierte Stückzahl ca. 25.800
Höchstgeschwindigkeit 60 km/h

Das "Liliput" Dreirad

Liliput hieß ein DDR-Dreirad, ein besonderes Dreirad: Es hatte hinten ein Rad, vorne zwei Räder, zwölf Zoll, luftbefüllt! Das war wichtig: Ohne Luftreifen bist du ausgelacht worden. Ich bin nie dahintergekommen, wie die auf diese Dreiradform gekommen sind. Wahrscheinlich ging es darum, Material zu sparen. Und es gab eine DDR-Baumaschine, die ähnlich aussah: einen dreirädrigen Dumper, so nannte man bei uns einen Kipper. Und weil wir alle Dumperfahrer werden wollten, hätten wir alle gern ein Liliput gehabt.

Der Tempo Hanseat

"So einen hatten wir auch mal" oder "Das waren noch Zeiten" hört Kai-Uwe Wahl häufig, wenn der Hamburger mit seinem Tempo Hanseat auf den drei Rädern für Aufsehen sorgt. Es macht ihm auch Spaß, die Leute mit dem vergleichsweise jungen Baujahr zu irritieren. Denn der Kastenwagen mit Ein-Zylinder-Dieselmotor und 10 PS aus 454 Kubikzentimetern Hubraum ist aus dem Jahr 1989.

Auf der Suche nach einer zukunftsträchtigeren Branche werden Max Vidal und sein Sohn Oscar im wachsenden Markt der Dreirad-Lieferwagen fündig. So wird 1928 der Autobauer Vidal & Sohn gegründet - später wird der Zusatz Tempo-Werk ergänzt. Als aber der gewiefte und erfahrene Konstrukteur Otto Daus 1929 dazustößt, nimmt das junge Unternehmen richtig Fahrt auf.

Die Firma ist zunächst einige Jahre in der damals noch eigenständigen Stadt Wandsbek ansässig. Daher ziehen die Autopioniere 1935 nach Harburg-Wilhelmsburg, das 1937 in den Staat Hamburg eingegliedert wird, auf ein größeres Gelände. Dort gibt es bereits eine Fabrik namens Galalith, die ihren Betrieb - unter anderem die Produktion von Kämmen aus Kunstharz - allerdings aufgegeben hat. Tempo kann das leerstehende Werk laut Kai-Uwe Wahl günstig übernehmen.

Der meistgekaufte Kleinlaster der Welt kommt in den 1930er-Jahren von Tempo. Die Tempo-Fahrzeuge haben durchweg Frontantrieb. So haben die Käufer bei der Wahl der Ausstattungsvarianten relativ freie Hand. Das Tempo-Werk stellt im Verlauf seiner mehr als 40-jährigen Geschichte eine große Zahl an Sonderaufbauten her. "Tempo baut nach Maß", heißt es.

Nachdem die Briten die Produktionsgenehmigung erteilen, stellt Vidal & Sohn bereits 1945 wieder Fahrzeuge her. In die Erfolgsspur fahren die Hamburger aber erst nach der Währungsreform 1948 und dank eines europäischen Hilfsprogramms, das dafür sorgt, dass Rohstoffe wieder in die Hansestadt geliefert werden. 1950 ist der Hanseat der meistverkaufte Lieferwagen in Deutschland. Neben dem Hanseat (als Weiterentwicklung der Vorkriegsdreiräder A200 und des A400) kommt auch der vierrädrige Matador mit seinen "Kulleraugen" bei der Kundschaft gut an.

So haben namhafte Firmen wie Reifenhersteller Phoenix oder Senf-Produzent Kühne Tempo-Wagen in ihren Fuhrparks. Beliebt sind die Autos auch bei Kleinbetrieben oder "fliegenden Händlern" als mobiler Verkaufsstand. Es gibt Krankenfahrzeuge, Abschlepp-, Straßenreinigungs- und Tankwagen sowie Busse von Tempo - alle basierend auf den Grundplattformen. Familien freuen sich über Autos mit Camping-Ausstattung. Auch der Export boomt. Insgesamt 48 Länder stehen als Auftraggeber in den Bestelllisten.

Um das Unternehmen mit einem Partner abzusichern, verkauft Oscar Vidal am 1. Februar 1955 50 Prozent an die Hannoversche Maschinenbau AG (Hanomag). Dies geschieht wohl auch, weil die Zeit des einst erfolgreichen Hanseat abgelaufen ist. Drei Räder sind nicht mehr gefragt. Die Zusammenarbeit mit Hanomag funktioniert anfangs gut, dann geraten die Hannoveraner selbst in Schwierigkeiten. 1958 übernimmt die Rheinische Stahlwerke AG aus Essen die Aktienmehrheit von Hanomag. Ein Jahr später gehen Tempo und Hanomag an den Rheinstahl-Konzern. 1965 gibt Oscar Vidal seine letzten Geschäftsanteile an Rheinstahl ab.

Innerhalb des Essener Konzerns kommt Tempo zu Hanomag. Der Tempo-Lieferwagen wird als "Harburger Transporter" weiterentwickelt. Ab 1966 hat auch der Tempo Matador das Rheinstahl-Hanomag-Emblem auf der Front. Das Tempo-Werk in Harburg wird 1969 Teil der neuen Hanomag-Henschel Fahrzeugwerke GmbH, die wiederum 1971 von der Daimler-Benz AG übernommen wird. Bis 1977/1978 baut Mercedes die "Harburger Transporter" in Hamburg.

Vom Hanseat gibt es seit 2020 sogar eine Elektro-Version. Auch wenn die Marke Tempo in Deutschland nicht mehr benutzt wird, lebt sie noch weiter: Das Unternehmen Bajaj-Tempo in Indien stellt von 1962 bis 2000 die Dreirad-Lieferwagen von Tempo in Lizenz her.

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