In Deutschlands Unterwelt, wo brutale Rockerbanden herrschen und Kriege untereinander toben, existieren auch Motorradclubs, die sich von diesem düsteren Bild distanzieren. Die Freiburger Motorradclubs zeigen, wie unterschiedlich diese Gemeinschaften sein können: vom antifaschistisch geprägten MC Kuhle Wampe bis zu den traditionsbewussten City Cobras MC Freiburg.
Die Geschichte der Rocker in Deutschland
Die Rocker sind nicht von Anfang an gemeingefährlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründen US-Soldaten erste Motorradclubs, um ihre Kameradschaft aufrechtzuerhalten.
Doch bei einem Harley-Treffen 1947 in Hollister (Kalifornien) trennt sich gut von böse. ES KOMMT ZU SCHWEREN KRAWALLEN! Der US-Motorradverband erklärt, dass nur „ein Prozent“ der Biker beteiligt war. Sie werden ab jetzt „One Percenter“ (Ein-Prozenter) genannt. Diese Rocker beteiligen sich fortan am Drogen- und Securitygeschäft.
1969 sichern Hells Angels in Kalifornien ein Rolling-Stones-Konzert, bei dem ein Höllenengel einen Gast (18) ersticht.
Im März 1973 gründet sich der erste deutsche Hells-Angels-Ableger in Hamburg. Es folgen weitere in Stuttgart, Berlin und Kiel.
Der Aufstieg und die Geschäfte der Rocker
Später, im November 1999 teilen sich Rocker deutschlandweit auf: Hells Angels öffnen 14 Charter - verfeindete Bandidos machen 17 Chapter auf. Der Kampf um die Macht im Milieu beginnt.
Diskos, Bars und Nachtclubs sind umkämpft. Grund: Wem „die Tür“ eines Ladens gehört, entscheidet, wer drinnen Drogen verkauft - und verdient so mit. Rauschgift kommt per Schiff oder Autokurier meist aus Holland oder der Türkei. Kokain, Marihuana und Crystal Meth gelten als Haupteinnahmequellen im Rocker-Drogenhandel. Ein ebenfalls lukratives Geschäft ist Schutzgelderpressung.
Frauen werden unter Rocker-Bordellen getauscht. Ein Insider: „Das wird gemacht, damit es den Freiern nicht langweilig wird, damit sie nicht immer dieselben Gesichter in den Läden sehen.“
Laut BKA richtet sich jedes achte Strafverfahren im Bereich organisierter Kriminalität gegen Rocker: 14 gegen Hells Angels, 5 gegen Bandidos, 4 gegen Gremium-Mitglieder und 4 gegen Mongols.
Die City Cobras MC Freiburg
Dienstagabend im Freiburger Industriegebiet Haid im Westen der Stadt. Vor dem Clubheim des Motorradclubs City Cobras MC Freiburg stehen die abgestellten Bikes wie an einer Schnur. Im Laternenlicht leuchtet das Chrom. Drinnen ist die Stimmung ausgelassen: Bar in der Mitte, Tischkicker in der Ecke, Poster an der Wand. Im Hintergrund läuft Rockmusik.
Jedes Mitglied der City Cobras trägt die schwarze Lederkutte mit dem Dreiteiler aus Top- beziehungsweise Bottom Rocker und Center Patch. „Wir sind ein MC und keine Fahrgemeinschaft“, kommentiert der 48-Jährige. Gefahren werden damit vorzugsweise Bikes von Harley-Davidson.
Achim Fischer besitzt gleich zwei der Maschinen mit dem berühmten 45-Grad-Motor. Was die Faszination ausmacht? Auch nach 20 Jahren im Sattel könne der Secretary des MC „das überwältigende Gefühl“ nicht recht in Worte fassen.
Auch sonst unterscheiden sich die City Cobras von anderen Motorradclubs: Trotz Titeln wie President, Road Captain oder Secretary gebe es im Freiburger MC keine strenge Hierarchie. „Wir sind kein elitärer Verein“, sagt Schmidl. In den Kreis der Cobras aufgenommen wird trotzdem nicht jeder.
„Ein Prospect muss sich erst bewähren, zuverlässig sein und zu seinem Wort stehen“, sagt Vice President Daniel „Mattu“ Mattuscheck. Wie jeder Weste tragende MC seien aber auch die Cobras ihrer Region - gewissermaßen ihrem Territorium - verpflichtet. „Das hat mit Respekt zu tun“, erklärt der 44-Jährige. Der Breisgau sei „befriedetes Gebiet“.
„Wichtig ist außerdem, dass man sich nicht aufführt wie ein Berserker“, betont Mattuscheck, der seit 20 Jahren vor der Tür des Freiburger Crash-Clubs für Ordnung sorgt. „Es gibt Idioten, die zu viele Dokus gucken, zu uns kommen und dann denken, sie könnten hier große Geschäfte machen und kostenlos in jede Disko kommen“, sagt er.
Den Umgang mit Waffen, Drogen und Prostitution untersagen sich die Cobras laut ihrem Präsidenten. „Das ist bei uns sogar im Mietvertrag geregelt“, lacht Mattuscheck. Anders habe der MC das Clubheim im Industriegebiet Haid nicht beziehen können.
„An so etwas haben wir uns gewöhnt“, so Schmidl. „Wir sind auch nichts anderes als ein Faschingsverein. Wir haben halt das ganze Jahr Fasching“, sagt Schmidl. Die Cobras distanzieren sich vom Mainstream: „Wir sind Außenseiter, vielleicht sind wir auch ein bisschen hängengeblieben“, scherzt Mattuscheck. Cowboy-Stiefel und knatternde Motoren gehörten eben zur Show. Der Name City Cobras ist einem Action-Streifen aus den 80er-Jahren entliehen.
Die City Cobras, ein Knabenchor? Die Freiburger Polizei hält sich bedeckt. Präsidiumssprecher Johannes Saiger möchte keine Aussage zu Motorradclubs treffen, verweist lediglich auf den aktuellen Sicherheitsbericht des Landesinnenministeriums. Drei Seiten darin sind sogenannter „Rockerkriminalität“ gewidmet. 100 Ortsgruppen mit rund 1400 Mitgliedern und Supporten zählt die Südwest-Statistik. 33 Verfahren wegen Organisierter Kriminalität liefen landesweit im Jahr 2020. Trotzdem steht der Freiburger MC unter Beobachtung. Bei lauter Musik im Clubheim stehe die Polizei sofort auf der Matte.
„Wir vermeiden Aufmärsche, die Leute bekommen das oft in den falschen Hals“, sagt Schmidl. Auch Corona habe die Cobras geschlaucht: „Die Zeit hat bei uns Narben hinterlassen“, sagt er. Umso mehr freue sich der President nun auf den Frühling und die Ausfahrten: „Wir stehen in den Startlöchern.
MC Kuhle Wampe Freiburg
Der MC Kuhle Wampe Freiburg hat seine Räumlichkeiten samt Werkstatt im Osten der Stadt. Im Gegensatz zu den Cobras zählen die 20 Freiburger auch vier Frauen zu ihrem Motorradclub. Auf Titel verzichtet der MC indes. Es ist nicht die einzige Besonderheit. Kuhle Wampe beruft sich auf eine antifaschistische Tradition. Ausfahrten haben oft politischen Hintergrund.
Anfang 2021 fuhr Kuhle Wampe nach Oberndorf am Neckar, um dort die Tore des Waffenproduzenten Heckler und Koch mit ihren Bikes zu blockieren. Ende des Jahres besuchte der Club die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsass. Zuletzt demonstrierten die Mitglieder gegen AfD und Corona-Maßnahmen-Skeptiker.
Dazu zählen auch die Rechte anderer Motorradfahrer. Neben fehlenden Parkmöglichkeiten in Freiburg, Fahrverboten für Südbadens schönste Strecken fühlt sich die Szene immer wieder durch pauschale Lärmbeschwerden diskriminiert. „Es wird alles in einen Topf geworfen, über viel lautere Sportwagen spricht in der Debatte niemand“, sagt Obrecht. Die Szene werde durch Stereotype belastet. „Wir sind keine Rocker“, betont Pedro Lopez von Kuhle Wampe. Das Bild von rund 4,7 Millionen Bikern in Deutschland sei durch Vorurteile, Film und Fernsehen verzerrt.
„Ich bin eben lieber drauf als drin“, beschreibt Bernd Obrecht die Faszination Motorrad. Die vorbeiziehende Landschaft mit allen Sinnen wahrzunehmen sei unbezahlbar. Die Art des Zweirads spiele keine Rolle: „Es ist nicht schnell, aber mehr“, sagt er. Ein Motorrad bedeute Freiheit und Unangepasstheit.
Berndt Koberstein und die Anfänge von Kuhle Wampe
Berndt arbeitete in Freiburg, war Gewerkschafter und Kommunist. Nach der sandinistischen Revolution ging Berndt 1983 nach Nicaragua.
1984 wurde im Norden, in der Kleinstadt Wiwili, der Freiburger Arzt „Tonio“ Pflaum von durch die CIA gestützte Contras ermordet. Pflaum hatte unter anderem auf den Zusammenhang von Krankheiten und schlechten Wasser aufmerksam gemacht. So gründete sich in Freiburg ein „Freundeskreis Tonio Pflaum“, später der Wiwili Verein. Dieser übertrug die Leitung eines Trinkwasserprojektes für Wiwili an Berndt Koberstein.
Berndt lernte das Wasserleitungsbauen und ging Ende 1985 nach Nicaragua. Das Projekt war im Endstadium, als Berndt in einen Hinterhalt der Contra geriet, mit zwei weiteren Aufbauhelfern und drei Nicaraguanern im Sommer 1986 hinterrücks erschossen wurde. Er war bei seinen Kollegen und Genoss*innen sehr beliebt und wurde nur 30 Jahre alt.
Berndt ist in der Provinzhauptstadt Matagalpa begraben, wo eine Schule seinen Namen trägt. Sein Grabstein trägt die Aufschrift „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“.
Als Erstmaßnahme organisierte KW Freiburg „ein Motorrad für Nicaragua“ und schickte dieses mit einem Container voller Wasserleitungen an die Sandinistische Jugend in Wiwili.
Außerdem habe ich schon 1978 mit sechs anderen den linken Motorradclub Kuhle Wampe Freiburg gegründet und bin als Delegierter zur Gründungsveranstaltung des bundesweiten Clubs gefahren. Wir waren damals Teil der Friedensbewegung und haben beispielweise eine Motorradstafette gegen Atomraketen durch ganz Deutschland gemacht. 2002 haben wir mit über 200 Motorrädern in Freiburg gegen die NPD demonstriert. Antifa ist auch heute noch unser großes Thema.
Zusammen mit der Friedensliste und dem Motorradclub hat der akj wahnsinnig zu meiner Menschwerdung beigetragen und mich enorm geprägt. Ich komme aus einem ziemlich reaktionären Elternhaus. Ich habe dann im Studium alles anders gemacht, als man es mir gesagt hat: gesellschaftlich, persönlich, privat, politisch.
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