Motorrad Lenkkopflager Werkzeug Test: Eine umfassende Anleitung

In vielen Foren wird oft Panik verbreitet, dass das Lenkkopflager der Tenere 700 wenig bis gar nicht vom Werk gefettet wurde. Von dieser Panik habe ich mich anstecken lassen und die Tenere auseinander gerissen.

Kurz vorne weg: Ich bin nur ein Hobbyschrauber, der natürlich nicht das Wissen einer Fachwerkstatt hat, geschweige denn das Spezialwerkzeug. Dieser Beitrag zeigt dir auch, was weniger gut und schlecht bei mir gelaufen ist und soll dir dabei helfen, nicht die gleichen Fehler zu machen, die ich gemacht habe. Wenn hier Profischrauber, sogenannte Zweiradmechaniker mitlesen, seid gnädig zu mir.

Lenkkopflager: Erneuern oder Fetten?

Wenn du die Lenkkopflager neu fetten möchtest, ist das mit relativ wenig Aufwand möglich. Wenn du aber die Kegellager und Buchsen erneuerst, ist das eine echte Herausforderung, oder zumindest war es das für mich.

Fakt 1: Mein Lenkkopflager hatte mir bisher keine Probleme bereitet und ich habe es nur aus dem Bauchgefühl heraus gewechselt. Auf dem Bild oben siehst du daher mein Motorrad ohne Tank (Griffheizung zurück gebaut) und ohne Vorderrad, Gabeln und Gabelbrücke. Hätte ich lediglich den Lenkungsdämpfer verbaut, wäre die untere Gabelbrücke und das Vorderrad drinnen geblieben. Dann musst du aber das Vorderrad fixieren, damit die Gabelbrücke nicht rausrutscht und das Vorderrad dir davon läuft. In dem Fall nimmst du einfach einen Zurgurt und fixierts das Vorderrad z.B.

Wie du auf dem Bild siehst, sah mein Lenkkopflager nach 37.000 km im Gelände und zu jeder Jahreszeit gar nicht so schlecht aus. Laut Yamaha Service-Plan soll alle 10.000 km oder einmal im Jahr das Lenkkopflager auf Spiel und Schäden kontrolliert werden. Alle 20.000 km soll das Lager auch neu gefettet werden. Ich will zwar keiner Werkstatt etwas unterstellen, aber den enormen Arbeitsaufwand betreibt keiner, sollte das Lager nicht defekt sein und offensichtlich ausgetauscht werden müssen.

Auch solche steilen Thesen wie, das die Gabelbrücke und die Lenkkopfstange gelöst werden, alles angehoben wird und dann Fett eingespritzt wird, halte ich für unglaubwürdig.

Fakt 2: Mein Lager hätte nicht gewechselt werden müssen. Reinigen und neu fetten hätte sicherlich gereicht. Auch die Laufbuchsen waren noch nicht stark eingelaufen. Ich hab die Lager nur gewechselt, weil ich es mal gemacht haben wollte.

Spezialwerkzeug oder Improvisation?

Laut Yamaha Tenere 700 Werkstattbuch benötigst du nur einen Meißel und Hammer, um das untere Kegelrollenlager zu entfernen. So ein Quatsch. Oder aber Yamaha hat dafür einen Fanboy-Spezialmeißel in Blau-Weiß 😉 Ein normaler Meißel ist nämlich nicht dick genug, um das Lager nach oben von der Lenkkopfstange auszutreiben. Um das machen zu können, braucht man einen Spezialabzieher, den ich leider nicht hatte. Ab in den Schraubstock.

Am Tatort des Grauens… Die Gabelbrücke besteht aus weichem Aluminium und der Meißel hat ordentlich Schaden angerichtet. Damit dir das nicht widerfährt, solltest du dir den Krallen-Abzieher besorgen. Welcher genau das ist? PS: Mit dem unteren Kegelrollenlager muss auch immer die Staubschutzmanchette (Dirchtring) erneuert werden.

Skizze 1: Yamahas suboptimales Werkstattbuch. Das Kegelrollenlager hat eine Besonderheit. Der äußere Ring ist höher als der innere. Dadurch kannst du nicht einfach ein großes Rohr und eine breite Scheibe mit mit entsprechenden Innendurchmesser nehmen. Das Rohr was du zum Reintreiben des unteren Lenkkopfkegelrollenlagers benötigst, muss also einen ganz bestimmten Innendurchmesser haben und nur eine dünne Wandstärke haben. Wahrscheinlich gibt es dafür auch ein Spezialwerkzeug (ähnlich einer Nuss oder eines Simmeringtreibers) aber den hatte ich nicht.

Nach dutzenden Rohren und der Mithilfe des Nachbarn habe ich den entsprechenden Innendurchmesser gefunden. Da die Wandstärke aber zu dick war, musste ich mit der Flex auf einer Höhe von ca. 5 mm Material abtragen.

Übrigens, um den unteren Lagerlaufring einzubauen, braucht es auch ein spezielles Werkzeug, das wahrscheinlich nicht in jeder Werkzeugkiste rumliegt. Der Lagerlaufring/ Lagerschale muss von unten eingetrieben werden. Das Ganze so weit, dass der Lagerlaufring im Lenkkopfrohr verschwindet. Demnach ist auch hier der Außendurchmesser entscheidend.

Leider habe ich von diesen Arbeitsschritten keine Fotos gemacht und auch keine Aufnahmen vom Werkzeug.

Zusammenbau: Schritt für Schritt

So, die Lager sind montiert und Lagerlaufringe sind montiert. Jetzt muss der ganze Haufen Tenere-Teile wieder zusammengeschustert werden. Ich werde hier nicht jeden einzelnen Schritt erklären. Das traue ich dir zu, wenn du es schon geschafft hast, das Moped zu zerlegen. Wo gefettet wird und wo welches Teil hingehört siechst du auf der Skizze 2. Dort stehen auch die Drehmomente für die untere Ringmutter.

Hier verreißen viele die Montage und machen einen elementaren Fehler. Was dort als 1st 75N-m und 2nd 7 N-m eingezeichnet ist, bedeutet nicht, dass die untere Ringmutter 75 N-m bekommt und die obere 7 N-m. Um die Kegellager in ihre endgültige Position zu drücken, wird die untere Ringmutter mit 75 N-m angezogen. Dafür gibt es ein Spezialwerkzeug von Yamaha, das 60€ kostet. Ich habe dafür einen DDR Hakenschlüssel (40-42mm) genommen und hinten ein Loch reingemacht, in das die kurze Verlängerung des Drehmomentschlüssels passt. Jetzt kannst du die 75 N-m anziehen. Nachdem du 75 N-m angezogen hast, kannst du die untere Ringmutter wieder lösen und dann mit 7 N-m anziehen. Jetzt kannst du die obere Gabelbrücke wieder aufsetzen und die Lenkkopfmutter PROVISORISCH festziehen.

Weitere Tipps und Tricks

  • Funktioniert super. wenn du den Steuerkopf mit einem Heißluftfön anwärmst und die Lagerschalen mit Eisspray runterkühlst, flutschen die mit ein zwei Schlägen rein.
  • Problem ist nur die untere Hülse ohne Beschädigung abzubekommen, ich kann diesen günstigen Abziehersatz empfehlen gibts in der Bucht (China) ca.
  • Das Motion Pro Lagertool (180 €) ist für den professionellen Gebrauch gedacht und hilft bei Problemen beim Lenkkopflagerwechsel.

Lenkkopflager prüfen

Zur Überprüfung der Lager muss das Motorrad so aufgebockt sein, dass die Lenkung frei ist; das Vorderrad darf keinen Bodenkontakt haben. Das gelingt mit einem Montageständer am Heck und einem Wagenheber unter dem Motor oder indem die Maschine vorne am Rahmen aufgehängt wird.

  1. Lenkung langsam von Anschlag zu Anschlag schwenken und auf ungleichmäßige Bewegung, Rastung oder Haken achten. Seilzüge, Bremsleitungen und Kabel dürfen den Lenkeinschlag nicht behindern. Im Zweifel den Lenker mit Schaltern, Brems- und Kupplungsarmaturen demontieren und so ablegen, dass er sicher liegt. Keinesfalls die Anschlüsse der Bremsleitungen lösen.
  2. Wenn die Schwenkbewegung ungleichmäßig verläuft oder ein Schleifgeräusch hörbar ist, laufen die Lager trocken. Dann müssen sie zumindest gereinigt und geschmiert werden.
  3. Rastet die Lenkung ein, ist mindestens ein Lenkkopflager defekt; es müssen aber stets oberes und unteres Lager ersetzt werden.

Lenkkopflager wechseln

Die Arbeitsabläufe zum Zerlegen und zum Zusammenbau von Kugellager- und Kegelrollen-Lenklagerung sind grundsätzlich gleich. Der einzige Unterschied liegt beim unteren Lager: Der Kugelring ist ein loses Bauteil, während beim Kegelrollenlager der Käfig mit den Kegelrollen schon auf dem Lagerinnenring montiert ist.

Pitting an den Kegelrollen verursachen ein irritierendes Fahrgefühl.

Gabelbrücken mit Lenkschaftrohr ausbauen

  1. Motorrad so aufbocken oder -hängen, dass das Vorderrad frei ist.
  2. Verkleidungsteile so weit abbauen, dass man ungehinderten Zugang zur oberen und unteren Gabelbrücke hat.
  3. Lenker abbauen und sicher ablegen. Lenkerarmaturen können montiert bleiben, sofern Kabel und Züge den Ausbau der oberen Gabelbrücke nicht behindern.
  4. Vorderrad und Gabelbeine ausbauen. Nochmals: Verschraubungen der Bremsleitungen an Bremssätteln, Bremspumpe und Verteilern NICHT lösen!
  5. Lenkschaftrohr-Kopfmutter lösen und abdrehen: Lenkung nach links gegen den Lenkanschlag drehen.
  6. Obere Gabelbrücke abnehmen. Wenn sie fest sitzt, Kontaktstellen an Gabelrohren und Lenkschaft mit Kriechöl einsprühen, von unten mit leichten Schlägen abklopfen.
  7. Sicherungsscheibe abnehmen.
  8. Kontermutter lösen und abschrauben. Gummischeibe (wenn vorhanden) abnehmen.
  9. Untere Gabelbrücke nach oben hin festhalten, Lenkkopflager-Einstellmutter abdrehen, Gabelbrücke nach unten herausziehen.
  10. Staubdichtung, Lagerinnenring und Kugellagerring aus dem oberen Lenkkopflager herausnehmen.
  11. Unteren Kugelring vom Lenkschaftrohr abziehen. Teile reinigen.

Lagerschalen und Innenringe prüfen

  1. Zustand der Lagerschalen im Rahmen und Innenringe auf Sicht prüfen: Sie dürfen nicht beschädigt, eingelaufen, punktuell eingedrückt oder anders beschädigt sein (zum Beispiel Korrosion).
  2. Die Lagerschalen müssen fest und spielfrei im Rahmen sitzen, der untere Lagerinnenring fest auf dem Lenkschaftrohr.
  3. Alle Lagerkugeln oder Kegelrollen müssen perfekt rund sein und dürfen keine flachen Stellen, Vertiefungen („Krater“), Materialausbrüche, eingelaufene oder eingeschlagene Stellen haben.

Wenn die Lager defekt sind, müssen sie erneuert werden. Ein Umbau auf Kegelrollenlager bedingt äußerst präzise Vorbereitung der Lagersitze und sorgfältigste Einstellung, weil ihr Losbrechmoment höher ist als das eines Kugellagers. Falsch eingestellte Kegelrollenlager können Fahrwerksprobleme wie Pendeln und Lenkerschlagen verursachen!

Lenkkopflager ausbauen

Bei einem Austausch der Lager werden oben und unten komplett neue Lagersätze eingebaut. Spezialwerkzeuge zum Aus- und Einbau von Lagern arbeiten mit Gewindespindeln ohne Erwärmung. Nachstehend beschrieben wird der Austausch der Lager nach der üblichen Handwerkermethode.

  1. Obere und untere Lagerschale mit langem Dorn und 250-Gramm-Hammer unter leichten Schlägen schrittweise über Kreuz austreiben.
  2. Auf dem Lenkschaftrohr sitzt noch der Innenring des unteren Lagers. Diesen fettfrei reinigen, mit einem Heißluftföhn kurz anwärmen, das ganze Bauteil auf einer stabilen Holzunterlage ablegen und den Innenring vorsichtig mit Hammer und Meißel ringsum von seinem Sitz treiben.

Beim Abnehmen des unteren Lagerinnenrings sind gefühlvolle Schläge ringsherum die sicherste Methode.

Lenkkopflager einbauen

  • Die Lagerstellen im Lenkkopf des Rahmens und auf dem Lenkschaftrohr der Gabelbrücke sind penibel gereinigt.
  • Die Lagerstellen dürfen keine mechanischen oder korrosionsbedingten Schäden oder Verformungen haben.
  • Alle Lagerteile sind neu.
  • Äußere Lagerschalen für eine Stunde ins Tiefkühlfach legen; so ziehen sie sich zusammen und lassen sich leichter einbauen.

Sollten die Sitze der Lagerringe im Rahmen ausgeschlagen sein, kann lockerer Sitz der Lager mit speziellem Lagerklebstoff verhindert werden. Klebstoff kurz vor dem Einbau auf der Außenseite des Lagerrings dünn aufbringen. Besser ist es, den Lagersitz exakt nachzufräsen und dann erst die Lagerschale einzukleben. Gute Händler haben die nötigen Spezialwerkzeuge. Näheres auf der Homepage des „Lager-Gurus“ Emil Schwarz (www.emilschwarz.de).

  1. Den neuen unteren Lagerinnenring mit Heißluftföhn, Heizplatte oder Backofen langsam auf 80 bis 100 Grad erwärmen. Nur mit Hitzeschutz-Handschuhen anfassen!
  2. Staubschutzscheibe ganz nach unten auf ihren Sitz schieben.
  3. Erwärmten Lagerinnenring auf das kalte Lenkschaftrohr fädeln, nach unten auf den Sitz schieben und mit passendem Rohrstück und kurzen Hammerschlägen auf seinen Sitz drücken.
  4. Oberen und unteren Lagersitz am Rahmen mit dem Heißluftföhn vorsichtig anwärmen. Nicht die Lackierung abbrennen.
  5. Jetzt die kalten Lagerschalen aus dem Kühlschrank holen und von oben und unten in die Lagerstelle im Lenkkopf einsetzen. Wichtig: Die untere Lagerschale hält zunächst nicht von alleine, deswegen mit zwei Hammerstielen ganz nach oben drücken und so lange am Anschlag halten, bis die Schalen fest sitzen. Eleganter ist es, eine Gewindestange M10 oder M12 durch den Lenkkopf zu schieben, oben und unten je eine große Scheibe aufzusetzen und diese mit zwei Muttern leicht gegeneinander zu verspannen.
  6. Gutes Fett in die Lagerschalen und an die Wälzlagerringe geben.
  7. Bei Kugellagern: unteren Kugelring über das Lenkschaftrohr fädeln und auf unteren Innenring setzen.
  8. Lenkschaft von unten in Rahmenkopf einführen und mit der Hand nach oben halten.
  9. Oberen Kugelring einsetzen, Lagerinnenring einsetzen, Staubkappe aufschieben, Lagereinstellmutter aufschrauben, handfest anziehen.
  10. Gabelbrücke fünfmal von Anschlag zu Anschlag schwenken, damit sich die Lager richtig setzen.
  11. Einstellmutter wieder um 1/2 Umdrehung lösen und dann das Lenkkopflager sorgfältig einstellen.
  12. Obere Gabelbrücke aufstecken, Lenkschaft-Kopfmutter fingerfest anziehen. Gabelbeine und Lenker montieren.
  13. Alle Schrauben und Muttern mit dem vorgeschriebenen Drehmoment festziehen.

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