Motorrad Sternmotor Hersteller: Eine Hommage an das technisch Machbare

So manchem Edelschrauber geht es beim Customizing um das technisch Machbare, oft auch um das daraus resultierende völlig Abgedrehte. Kein Wunder, dass sich seit geraumer Zeit Bike-Builder aus aller Welt damit beschäftigen, wie sie den Motor aus einem Flugzeug zwischen die zwei Räder eines Motorrads quetschen können. Es ist ein alter Traum vieler Extremschrauber, einen Flugzeugmotor zwischen zwei Räder zu pflanzen. Ein Enthusiast aus Wuppertal hat sich an die Arbeit gemacht.

Die Pioniere der Sternmotoren im Motorradbau

Motorräder mit Umlaufmotor beschäftigten die Konstrukteure seit dem 19. Jahrhundert. Das erste Zweirad mit Sternmotor wurde ab 1892 vom Franzosen Felix Millet gebaut. Der Fünfzylinder rotierte um das Hinterrad, die Radachse diente gleichzeitig als Kurbelwelle. Konventionell eingebaut war der Fünfzylinder der ebenfalls französischen Verdel ab 1910. In England baute man 1919 einen 309- ccm-Dreizylinder in die Redrup Radial. In Deutschland gab es ab 1921 die Megola mit im Vorderrad eingebautem 640-ccm-Fünfzylinder. Erst im neuen Jahrtausend entdeckten Customizer den Sternmotor.

Frühe Versuche und Konzepte

So entwickelte etwa der schwäbische Tüftler Clemens Leonhardt bereits 2005 einen 6700-ccm-V2-Motor mit den Zylindern eines Fliegers. Ab 2006 dann entstanden in den USA gleich mehrere Motorräder mit je einem kompletten Siebenzylinder-Sternmotor im Rahmen. Die inzwischen liquidierte Firma Dreamcraft aus Los Angeles baute den vom australischen Hersteller Rotec zugelieferten Radialmotor mit quer liegender Kurbelwelle ein. Und auch Jesse James baute ein Bike mit längs eingebautem Radialmotor, der »natürlichen« Einbaulage im Flugzeug.

"Der Rote Baron": Ein Meisterwerk aus Wuppertal

Jetzt hat wieder ein deutscher Schrauber das Zepter an sich gerissen, indem er sein Bike rund um einen mächtigen Neunzylinder-Stern von Rotec herum konstruiert hat. Da bringt fast zeitgleich einer aus Wuppertal ein Motorrad unters Volk, das er nach einem Kriegshelden benennt, dem Helden der Lüfte, dem Roten Baron. Sein nächstes Bike sollte nun noch verrückter werden - kein leichter Auftrag. In Australien fand er dann die Maschine, die sein nächstes Werk krönen sollte, diesen prachtvollen Flugzeugmotor. Sein erstes Werk trug bereits einen Zwölf-Zylinder-Auto-Motor eines Aston-Martin zwischen zwei malträtierten Rädern.

Die Beschaffung des Motors

Nahezu zwangsläufig landete er so bei dem kleinen Motorenhersteller Rotec aus Melbourne. Neben einem Siebenzylinder mit 110 PS haben die Australier auch einen Neunzylinder mit 150 PS im Programm. Nicht wirklich einfach gestaltete sich der Kauf, gehörte doch eine Menge Vertrauen dazu, Geld in beträchtlicher Höhe um die halbe Welt zu senden und darauf zu hoffen, tatsächlich auch eines Tages dieses Triebwerk in diesem beachtlichen Umfang auf der Werkbank liegen zu haben.

Technische Details und Herausforderungen

Die ohv-Sternmotoren sind luftgekühlt und finden normalerweise in Leichtflugzeugen Verwendung. Frank orderte einen Neunender mit prallen 3600 ccm und begann mit der Konstruktion des Drumherums. »Zunächst einmal musste ich klären, wie ich die Umlenkung der Antriebswelle zu bauen hatte«, Frank zerlegte den Motor, um das Getriebe mittels 90 Grad umgelenktem Zahnriementrieb mit der Kurbelwelle verbinden zu können. Maschinenbauer Frank schuf zumindest schon mal die Basis durch eine 90-Grad-Umlenkung für den Primärtrieb, mit einem Belt in Dimensionen, die aus eher grobmotorischen Betriebssystemen bekannt sind.

Denn 150 PS sind schließlich kein Pappenstiel, erst recht nicht, wenn die angekündigten 280 Nm bei 2200 U/min real auf die Kupplung zugreifen. An der Rückseite des Motors erfolgte die Verbindung zur Kurbelwelle. Ein Bing-Gleichdruckvergaser füttert die neun Brennkammern. Ob das Fünf-Gang-Getriebe letztendlich diesem kolossalen Trumm aus Australien dauerhaft standhalten wird, ist auch noch nicht geklärt, denn der Wuppertaler arbeitet bis dato an der Maschineneinheit gegen Undichtigkeiten im Ölkreislauf an.

Design und Inspiration

Den Rahmen legte der Wuppertaler so aus, dass er ohne Unterzüge auskommt und der riesige Motor - der Durchmesser beträgt unglaubliche 85 cm - von vorne eingehängt werden kann. Er fertigte eine Springergabel, die den langen Weg vom Boden bis zum Lenkkopf überbrückt und setzte 80-Speichen-Räder mit vorne einem 90er und hinten einem 300er Avon-Cobra-Reifen ein. Ein kastenförmiger Behälter unter dem Sattel dient als Benzintank, das Motoröl der Trockensumpfschmierung bunkert unauffällig im Heckfender.

»Ich wollte ein Themenbike bauen. Mit dem klassischen Flugzeugmotor liegt der Rote Baron ja auf der Hand«, erklärt Frank. Also dekorierte er seinen Eigenbau mit Patronenhülsen an Griffen und Reifenventilen, platzierte eine Fliegerbombe über den Rahmenrohren und pinselte alle Blechteile feuerrot an. Ob sie den Drehmomentgewalten standhält? Die Benzinstandsanzeige übernimmt ein transparenter Schlauch an der Tankseite.

Der Propeller als Showelement

Außerdem bestückte er den freien Kurbelwellenstumpf mit einem offen laufenden Propeller: »Bringt ein kleines bisschen Kühlung, dient aber vor allem der Show«. Und da, wo beim Flugzeugmotor aus dem australischen Melbourne der Propeller angeflanscht wäre, sitzt jetzt ein vierteiliger Lüfterflügel: Der dient zwar mehr der Show denn der eigentlichen Lüftung, erfüllt aber an dem sonst freien Kurbelwellenstumpf auch optisch voll seinen Zweck. Schließlich gibt er dem Kraftpaket mit seinen immerhin 85 Zentimeter Durchmesser eine gewisse Leichtigkeit des Seins, denn im Normalleben des luftgekühlten ohv-Rotec-Motors verhilft dieser Leicht-Flugzeugen an und rauf in die frische Luft.

Die Megola: Ein weiterer Meilenstein

Näher als Cockerells Konstruktion kam selten ein motorisiertes Zweirad an die Technik und Ästhetik zeitgenössischer Luftfahrzeuge heran. Das „Megola=Zweirad=Auto“ strotzte vor Ideen: Der tragende Rahmen in Schalenbauweise - heute sagt man Monocoque - findet sich bei damaligen experimentellen Flugzeugen, Umlaufmotoren waren mit Stand der Flugtechnik.

Technische Daten der Megola

  • Motor: 637 ccm, 5-Zylinder, 4-Takt, SV, Umlaufmotor
  • Leistung: ca. 14 PS bei 4500 U/min
  • Getriebe: Direktantrieb über Planetenradsatz ohne Kupplung und ohne Wechselgetriebe
  • Gewicht: 130 kg
  • Höchstgeschwindigkeit: ca. 90 km/h

Die Bistella 500: Ein tschechisches Meisterwerk

Tatsächlich hat der tschechische Ingenieur Marek Foltis einen Doppelsternmotor mit zweimal fünf 50er-Zweitaktzylindern und fünf integrierten Kompressoren gebaut. Damit stecken bis zu 120 PS in seiner Bistella 500. Von weitem sieht die Bistella 500 zwar aus wie ein altes 50er-Moped, und tatsächlich stammt die Basis vom tschechischen Hersteller Jawa. Doch je näher man die Bistella 500 anschaut, desto eher erkennt man, wo da zweieinhalb Jahre Freizeitarbeit drin stecken.

Technische Details der Bistella 500

  • Motor: Doppelsternmotor mit 10 Zylindern
  • Hubraum: 500 ccm (10 x 50 ccm)
  • Leistung: Bis zu 120 PS
  • Kompressoren: 5 integrierte Kompressoren

Weitere bemerkenswerte Projekte

Ride Motion ist ein Flugmotorenhersteller mit Sitz in Süd-Australien, der sich auf die Entwicklung und den Bau von Dreizylinder-Aggregaten spezialisiert hat. Die drei Zylinder des luftgekühlten Aggregats stehen aber nicht in Reihe, sondern in Sternform mit 120 Grad-Zylinderwinkel zueinander. Als Spenderbike für das LFO-Projekt zog Kennedy Motorcycles eine MV Agusta Brutale heran.

Motorrad Motor Leistung
Roter Baron Rotec Neunzylinder-Sternmotor 150 PS
Megola Fünfzylinder-Sternmotor 14-20 PS
Bistella 500 Doppelsternmotor mit 10 Zylindern Bis zu 120 PS

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