Motorradunfälle ohne Schutzkleidung: Eine statistische Analyse

Motorradfahren macht Spaß - egal, ob man Touren macht, die sportliche Herausforderung sucht oder einfach nur den Hauch von Freiheit und Abenteuer spüren will. Allerdings bergen Motorradtouren auch Gefahren. Im Vergleich zu anderen Verkehrsteilnehmern sind Motorradfahrerinnen und -fahrer besonders gefährdet und haben ein höheres Risiko als Autofahrende.

Der ADAC hat Motorradunfälle analysiert und zeigt, wie sich viele von ihnen vermeiden ließen. Dafür werteten die Fachleute des Clubs ca. 2500 schwere Verkehrsunfälle aus, die sich außerhalb von Ortschaften (Autobahn, Landstraße etc.) ereigneten und an denen Motorradfahrende beteiligt waren.

Das Ergebnis: Insgesamt sind Kradfahrerinnen und -fahrer bei fast jedem vierten Verkehrsunfall außerorts beteiligt. Bei etwas mehr als einem Drittel handelt es sich um Alleinunfälle, bei knapp zwei Dritteln der Unfälle kollidieren die Motorradfahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Erhöhtes Unfallrisiko und Verletzungsschwere

Auf Basis der durchschnittlichen Fahrleistungen haben motorisierte Zweiräder gegenüber allen Verkehrsteilnehmern ein vierfach höheres Risiko, an einem Unfall beteiligt zu sein. Die Verunglücktenrate, also die Anzahl der Verunglückten je eine Mrd. gefahrene Kilometer, ist sogar siebenmal so hoch.

Ein erhöhtes Unfallrisiko haben junge Motorradfahrerinnen und -fahrer im Alter von 15 bis 24 Jahren. Die Verletzungsschwere steigt dagegen mit dem Alter. Am häufigsten erleiden die Motorradfahrerinnen und -fahrer Schädel-Hirn-Traumata, Thorax-Traumata und Traumata an den Extremitäten. Verletzungen am Kopf, Thorax, Abdomen, Becken und Beinen führen am häufigsten zu schweren bis tödlichen Traumata.

Gleichzeitig steigt jedoch der prozentuale Anteil an getöteten und schwerverletzten Kradfahrerinnen und -fahrern an allen im Straßenverkehr Getöteten und Schwerverletzten. Das bedeutet: Für alle anderen Verkehrsbeteiligten hat sich die Verkehrssicherheit noch deutlich stärker gesteigert. Insgesamt verzeichnet das Statistische Bundesamt jährlich mehr als 500 tödlich und fast 10.000 schwerverletzte Motorradfahrer und -fahrerinnen. 2018 starben 629 Motorradfahrer bei Unfällen in Deutschland, 20.480 wurden schwer verletzt, 10.320 leicht verletzt.

Statistisch gesehen hat die Zahl der tödlichen Motorrad-Unfälle in den letzten Jahren abgenommen. Doch Motorradfahren ist und bleibt ein Risiko: Biker verunglücken häufiger als PKW-Fahrer, und die Unfallfolgen sind ungleich schwerer.

Risiko Alleinunfall

Bei Alleinunfällen, also rund einem Drittel aller Motorradunglücke, verlieren die Motorradfahrenden oftmals auf kurvigen Streckenabschnitten die Kontrolle über ihr Fahrzeug. Sie verbremsen sich, sind unaufmerksam, stürzen und/oder kommen von der Straße ab. Mit 47 Prozent sind solche Fahrfehler die häufigste Unfallursache. Die zweithäufigste Ursache von Alleinunfällen ist mit 39 Prozent eine überhöhte Geschwindigkeit. Diese führt oft in einer Kurve zum Unfall.

Risiko Kollisionen

Bei knapp zwei Dritteln der Unfälle prallen die Motorradfahrenden mit anderen Fahrzeugen zusammen. Von Kradfahrerinnen und -fahrern verursachte Kollisionen treten am häufigsten aufgrund von Fehlern beim Überholen, einer unangepassten Geschwindigkeit und einem ungenügenden Abstand auf. Bei fast der Hälfte der Fälle waren die Kradfahrenden nicht die Unfallverursachenden.

Bei jedem zehnten Unfall mit Kradbeteiligung kollidiert ein linksabbiegendes Fahrzeug mit einem entgegenkommenden Motorrad. Da überdies die Hälfte aller Kollisionen beim Abbiegen, Einbiegen oder Kreuzen passieren, könnten Linksabbiegeassistenten und Kreuzungsassistenten bei Pkw das Sicherheitsniveau deutlich erhöhen. Denn durch eine Notbremsung könnten diese einen Zusammenstoß verhüten.

Die Rolle der Schutzkleidung

Es ist nicht so, dass Motorradfahrer das nicht wüssten. Trotzdem ist es hin und wieder notwendig, sich mit dem Gefahrenpotenzial des Motorradfahrens auseinanderzusetzen. Denn auch wenn Fahrer in voller Montur, also umfänglicher Schutzkleidung, aufs Motorrad steigen, ist das Risiko getötet zu werden, „etwa 21 Mal höher als im Auto“, wie die aktuellsten Auswertungen der Unfallforschung des GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.) ergaben.

Wie eine neue Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zeigt, liegt dies auch daran, dass übliche Schutzkleidung mit Protektoren bei einem Aufprall auf ein Hindernis schon bei Geschwindigkeiten über 25 km/h lebensbedrohliche Verletzungen nicht mehr verhindern kann. Die auf einer detaillierten Auswertung der Unfallverletzungen und umfangreichen Simulationen beruhende Studie zeigt auch, dass verfügbare Airbagjacken diesen Bereich auf etwa 50 km/h erweitern könnten. Bei größerem Airbagvolumen könnten sie sogar bis zu Aufprallgeschwindigkeiten von 70 km/h wirksam sein.

Kleidung schützt bei Unfall ohne Aufprall, wenn es keine Kollision beziehungsweise keinen Aufprall gibt, sondern wir beispielsweise über den Asphalt schlittern, dann bewährt sich Schutzkleidung aber sehr wohl.

Konsequenzen des Verzichts auf Schutzkleidung

Vorgeschrieben ist nur ein Motorradhelm, schützende Kleidung ist allerdings optional. Abgesehen davon, dass das Verletzungsrisiko bei einem Unfall deutlich erhöht ist, kann es zu Problemen mit der Haftpflichtversicherung kommen.

In der Rechtsprechung wird ein Motorradunfall ohne Schutzkleidung verschiedenartig gehandhabt. 2009 verhandelte das Oberlandesgericht (OLG) Brandenburg über einen Motorradunfall ohne Schutzkleidung, bei welchem ein Biker durch eine fremdverursachte Kollision mit einem Pkw erhebliche Schäden an Knie und Bein davontrug (Az. 12 U 29/09, 2009). Unstreitig war dabei die Schuldfrage, denn der Crash mit dem Motorrad war eindeutig durch den Autofahrer verursacht worden. Das OLG gab der Versicherung Recht. Es verwies auf die Vernachlässigung der Gefahrvermeidungspflicht des Motorradfahrers. Immerhin wisse jeder verständige Mensch, dass bei einem Motorradunfall ohne Schutzkleidung ein wesentlich höheres Verletzungsrisiko bestehe.

Anders sah dies das OLG Nürnberg, welches sich im Jahr 2013 mit einem Motoradunfall ohne Schutzkleidung befasste (Az. 3 U 1897/12). Erneut lag der Verhandlung eine Kollision zwischen Pkw und Kraftrad zugrunde, bei welcher sich der Motorradfahrer schwere Fuß- und Beinverletzungen zuzog. Das OLG begründete die Hauptschuld des Pkw-Fahrers damit, dass eine Pflicht zum Tragen von Stiefeln für das Motorrad gesetzlich nicht verankert sei.

Tipps zur Unfallvermeidung

Da die meisten Unfälle auf ein Fehlverhalten von Fahrerinnen und Fahrern zurückzuführen sind, haben Bikerinnen und Biker, aber auch alle anderen Verkehrsteilnehmenden die Möglichkeit, Unfälle durch ein vorausschauendes, defensives Fahrverhalten zu vermeiden.

  • Schütze dich bei jeder Fahrt mit einem ECE-Helm, Motorradhandschuhen, -stiefeln, -jacke, -hose, Rückenprotektor und Nierengurt.
  • Achte bei deiner Jacke und Hose auf Protektoren im Bereich der Schultern, Ellenbogen, Rücken, Hüfte, Knie.
  • Für eine bessere Sichtbarkeit im Straßenverkehr sind kontrastreiche Kleidung und Fahrzeuglackierungen hilfreich.
  • Checke die Bremsen, Reifen, Feder-Dämpfer-Elemente, Fahrwerklager, Beleuchtungsanlage, Antrieb (z.B. Kette), Motor vor jeder Fahrt.
  • Übe Bewegungs- und Bedienungsabläufe in Ruhe ein.
  • Auch die Reifen brauchen Zeit, bis sie eine Mindesttemperatur erreicht haben.
  • Halte dich selbst körperlich fit, damit du auch bei langen Fahrten unter ungünstigen Bedingungen noch Reserven hast.
  • Wähle in Linkskurven eine Fahrlinie, die möglichst weit rechts ist. Dadurch hältst du den Abstand zum Gegenverkehr am größten. Außerdem brauchst du in Schräglage mehr Platz.
  • Trainiere die spezielle Blickführung für die Kurvenfahrt: Einlenkpunkt, Scheitelpunkt, Kurvenausgang, weiterer Straßenverlauf. Die Blickführung gehört zur den wichtigsten Lenkungsinstrumenten.
  • Ein defensiver Fahrstil kann Leben retten.

Zusätzlich zu diesen Verhaltensweisen können auch technische Innovationen die Sicherheit erhöhen:

  • Kurven-ABS in Kombination mit einer Traktionskontrolle
  • Abstandsregeltempomat (ACC)
  • Totwinkelassistent
  • eCall-System
  • Linksabbiegeassistenten und Kreuzungsassistenten bei Pkw

Die Bedeutung von Fahrtrainings

Fahrtrainings sind sehr hilfreich, sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann. Auch Schräglagen und das richtige Verhalten bei unerwarteter Gefahr in der Kurve wird dort gelehrt. Ältere Fahrer haben ein höheres Unfall-Risiko, wenn sie erst später wieder- und vor allem neu eingestiegen sind.

Fahrsicherheitstrainings für Motorräder bieten die großen Automobilclubs wie der ADAC, die Dekra oder Deutsche Verkehrsrat (DVR) an.

Unfallursachen im Überblick

42 Prozent der von Autofahrern verursachten Motorradunfälle sind sogenannte "Sichtunfälle". Viele Motorradcrashs ereignen sich an Kreuzungen und Einmündungen - also an Stellen, an denen sich oft die Vorfahrt ändert. Wie bereits oben erwähnt: Zu den meisten Motorradcrashs kommt es wegen überhöhter Geschwindigkeit.

Egal, ob Sie ein geübter Motorradfahrer sind und regelmäßig auf dem Bike sitzen oder gerade erst Ihr Zweirad bekommen haben: Ein Fahrsicherheitstraining mit Motorrad macht auf jeden Fall Sinn. Dabei lernen Sie, in Gefahrensituationen richtig zu reagieren.

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