Der Kardanantrieb hat eine lange Tradition, findet aber in der Motorradwelt seltener Verwendung als der günstigere Kettenantrieb. Viele Motorräder aus der Mittelklasse waren mit Kardan ausgestattet. Im Gegensatz zu heute hatten Motorradfahrer vor rund 30 Jahren tatsächlich die Qual der Wahl in der Mittelklasse. Neben den Kardan-Traditionalisten BMW und Moto Guzzi entdeckten Anfang der 80er-Jahre nämlich auch die Japaner die Vorzüge der wartungsarmen Dauerwelle. Vorreiter war Honda mit der CX 500, die bereits seit 1978 auf der Erfolgswelle schwamm.
Was taugen japanischen Klassiker mit Kardanwelle als Gebrauchte? In der Folge rollte eine wahre Flut neuer Kardan-Motorräder aus Japan nach Europa. Alleine Honda führte 1983 mit CX500, CX 500/650 E, VT 500 E und der CBX 650 E fünf klassische, unverkleidete Kardan-Tourer mit 50 PS im Programm. Großer Beliebtheit erfreuten sich ebenso Yamaha XJ 650 und Kawasaki GT 550, während die einst geschmähte Suzuki GS 650 G Katana erst in den letzten Jahren ihre Rehabilitation als gesuchtes Liebhaberstück erfuhr. Ein Trend, der sich mangels aktueller Alternativen bei einigen der folgenden Kardan-Bikes abzeichnet.
Die Technik des Kardanantriebs
Von den für die Kraftübertragung zuständigen Kreuzgelenken erhielt die Kardanwelle und schließlich der Kardanantrieb seinen Namen. Kreuzgelenke sind bereits seit dem 14. Jahrhundert bekannt, ihre Erfindung datiert weit vor der Automobil- oder Motorradgeschichte. Das Kegelradgetriebe lenkt die Drehbewegung von längs auf quer um und treibt damit das Hinterrad an. Dank der Kegelzahnräder kommt es bei dieser Kraftübertragung zu einem leichten Verlust an Leistung.
Neben der Kardanwelle, welche für die Übertragung des Drehmomentes verantwortlich ist, besteht der Kardanantrieb aus den Kegelzahnrädern, die sich an der Hinterachse und dem Getriebe befinden. Da das Hinterrad des Motorrads federn muss, muss die Welle zur Kraftübertragung mit den Kardangelenken ausgestattet werden. Das Kegelradgetriebe selbst besteht aus dem Kegelrad und dem von diesem angetriebenen Tellerrad.
Vorteile und Nachteile des Kardanantriebs
Der Kardanantrieb ist ein geschlossenes System, wird also nicht durch Dreck verunreinigt. Folglich ist er langlebiger, eine Kilometerzahl an die 100.000 Km ist nicht unüblich. Auch die Wartungsintervalle fallen seltener aus, außer einem gelegentlichen Ölwechsel muss der Antrieb nicht wie eine Kette regelmäßig gepflegt werden. Da der Kardanantrieb ein geschlossenes System darstellt, ist er weniger anfällig und sauberer als ein Ketten- oder Riemenantrieb.
Er kann weder durch Staub, Regen oder Dreck verschmutzt werden. Damit bleibt auch die Schwinge und die Felge sauber. Er ist - im Vergleich zu den anderen Antriebsarten - außerordentlich pflegeleicht, wartungsarm. Du brauchst seine Einzelteile weder zu reinigen noch in Intervallen auszutauschen. So solltest Du dem Endgetriebe gelegentlich frisches Öl spendieren, damit alle Teile reibungslos laufen können. Viel mehr Wartung und Pflege braucht der Kardanantrieb nicht
Die Kehrseite der Medaille: Die aufwendige Technik hat mehr Gewicht als der Kettenantrieb, beim Bewegen im Stand fällt das am meisten auf. Ebenfalls sind Reparaturkosten höher als bei anderen Motorrädern. Der Kardanantrieb bringt eine ganze Menge an Gewicht auf die Waage: Neun Kilogramm wiegt allein das Hinterachsgetriebe bei der BMW R 100 GS.
Kardanantrieb eine ganze Menge an Gewicht auf die Waage bringt und die Konstruktion eines solchen Antriebs wesentlich aufwändiger und teurer ist, kostet das Motorrad mit einem solchen Antrieb in der Regel etwas mehr. Durch die Kegelräder tritt ein leichter Verlust an Leistung an Deiner Maschine ein. Bei einigen älteren Motorrädern mit Kardanantrieb kann es zu stärkeren Reaktionen bei einem Lastwechsel kommen: Wenn Du beschleunigst, richtet sich das Heck des Motorrades auf.
Klassische Motorradmodelle mit Kardanantrieb
Darunter befinden sich Motorräder wie die R- und K-Reihe von BMW, diverse Honda, Kawasaki, Moto Guzzi, Suzuki und Yamaha. Hier eine detailliertere Betrachtung einiger erwähnter Modelle:
Honda CX 500 (1978 - 1983)
Ihr pummeliges Design, die glatten Zylinder mit den merkwürdig verdrehten Köpfen oder die gewöhnungsbedürftige Lampenmaske entsprachen nie dem gängigen Schönheitsideal. Dennoch wurde die Honda CX 500 ein Riesenerfolg. Speziell Tourenfahrer ließen sich vom hohen Komfort und der wartungsfreundlichen Technik überzeugen, die überdies mit einer bemerkenswerten Standfestigkeit aufwartete.
Typisch Honda: Der 80-Grad-V2 wies einige technische Finessen auf, die beim Erscheinen der CX fast schon revolutionär wirkten. Auffällig waren vor allem die um 22 Grad nach innen gedrehten Zylinderköpfe, die so selbst Langbeinigen genügend Spielraum ließen. Um das Rückdrehmoment der längs liegenden Kurbelwelle zu eliminieren, rotiert die zahnradgetriebene Kupplung in die entgegengesetzte Richtung. Dank über dem Kurbeltrieb liegender Nockenwelle fielen diese sehr kurz und leicht aus - gut für hohe Drehzahlen bis über 10000 Touren.
Checkpunkte
Anfänglich gab es öfter Ärger mit unzuverlässigen Steuerkettenspannern (Bruchgefahr), denen Honda erst zum Modelljahr 1982 mit einem verstärkten Bauteil begegnete. Rasselnde Geräusche des laufruhigen Triebwerks sind daher immer ein Grund zur Vorsicht.
Alle CX-Varianten zusammengerechnet, hat Honda über 48000 Stück verkauft. Gute Chancen haben Kaufinteressenten beim noch immer weit verbreiteten 500er-Ur-Modell und dessen Chopper-Schwester. Ordentliche Gebrauchsmaschinen mit Laufleistungen bis 60000 Kilometer gibt es ab zirka 600 Euro aufwärts.
Daten (CX 500)
- Antrieb: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertakt-V-Motor, vier Ventile pro Zylinder, Hubraum 497 cm³
- Leistung: 37 kW (50 PS) bei 9000/min
- Getriebe: Fünfganggetriebe, Kardanantrieb
- Fahrwerk: Rückgrat-Pressstahlrahmen, Telegabel, Zweiarmschwinge, zwei Federbeine
- Bremsen: Doppelscheibenbremse vorn, Trommelbremse hinten
- Maße und Gewichte: Radstand 1455 mm, Gewicht vollgetankt 221 kg
- Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 174 km/h
Honda VT 500 E (1983 - 1987)
Für Honda war die Sache klar: Mit schlanken 204 Kilogramm, sechs Gängen, harmonischer Leistungsentfaltung, dem gleichermaßen wendigen wie stabilen Fahrwerk sowie dem nahezu reaktionsarmen Kardan sollte die VT 500 E eigentlich locker an den Verkaufserfolg des CX-Pummelchens anknüpfen können. Obwohl die VT 500 E der älteren Schwester sowohl bei den Fahrleistungen als auch beim Fahrverhalten deutlich überlegen war, hielt sich das Käuferinteresse in Grenzen.
Obwohl die VT 500 E floppte, war das neu konstruierte Triebwerk ein großer Wurf: Bis heute treibt es - natürlich mehrfach überarbeitet - Hondas Dauerbrenner Transalp, NTV und die VT 750-Chopper an. Clou des V2 ist sein Hubzapfenversatz. Neu war bei der VT 500 auch der Zylinderkopf mit zwei Einlass- und einem Auslassventil sowie zwei Zündkerzen.
Checkpunkte
Mechanisch birgt die V2-Kons-truktion der VT 500 E keine bösen Überraschungen, Triebwerk und Kardanantrieb gelten als robust und sehr langlebig. Ein leises Tickern im Leerlauf ist kein Grund zur Sorge, wahrscheinlich haben nur die Ölspritzdüsen ein wenig zu viel Spiel.
Geringes Angebot trifft auf wenig Nachfrage - so kurz lässt sich das Marktgeschehen bei der VT 500 E beschreiben. Was bedeutet, dass selbst die wenigen Top-Exemplare mit Laufleistungen unter 30000 Kilometer kaum mehr als 1500 Euro erzielen.
Daten (Typ PC11)
- Motor: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertakt-V-Motor, drei Ventile pro Zylinder, Hubraum 491 cm³
- Leistung: 37 kW (50 PS) bei 9000/min
- Getriebe: Sechsganggetriebe, Kardan
- Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Zweiarmschwinge, zwei Federbeine
- Bremsen: gekapselte Scheibenbremse vorn, Trommelbremse hinten
- Maße und Gewichte: Radstand 1480 mm, Gewicht vollgetankt 204 kg
- Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 187 km/h
Honda CBX 650 E (1983 - 1987)
Hondas Antwort auf Yamahas XJ 650 fiel sehr gewöhnungsbedürftig aus. Die Mischung aus Tourer und Cruiser - Basis war ein Soft-Chopper nach US-Geschmack - missfiel, ebenso die Pendelneigung bei flotter Gangart.
Checkpunkte
Ruhige Naturen, die sich am Aussehen nicht stören, erhalten mit der CBX 650 E einen seltenen Tourer zum günstigen Preis, dessen kultivierter und langlebiger Antrieb über jeden Zweifel erhaben ist. Außerdem macht der automatische Ventilspielausgleich teure Wartungsarbeiten überflüssig.
Daten (Typ RC13)
- Motor: Luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, vier Ventile pro Zylinder, Hubraum 655 cm³
- Leistung: 37/55 kW (50/75 PS) bei 8000/9000/min
- Getriebe: Sechsganggetriebe, Kardan
- Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Zweiarmschwinge, zwei Federbeine
- Bremsen: Doppelscheibenbremse vorn, Trommelbremse hinten
- Maße und Gewichte: Radstand 1460 mm, Gewicht vollgetankt 220 kg
- Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 202 km/h (75 PS)
Kawasaki GT 550 (1983 - 1989)
Tatsächlich zählt Kawas kleiner Tourer, der 1983 das Kardan-Programm nach unten abrundete, zu den besonders robusten Vertretern seiner Zunft. Bieder zwar, aber ausgesprochen bequem und leicht beherrschbar. Die Kardanreaktionen fallen gering aus, ebenso der Spritverbrauch. Kritik ernten jedoch die luftunterstützten Federelemente, die flottes Reisen - besonders mit Beladung - mangels ausreichender Dämfpung zur Schaukeltour ausarten lassen.
Während die sportliche GPZ-Schwester 1983 bereits 61 PS ans kettengetriebene Hinterrad schickte, beließ es die mit zahmeren Nockenwellen versehene GT bei 50 PS, die dem Einsatzzweck entsprechend mit einer fülligeren Drehmomentabgabe einhergingen. Als Reisespezialistin wurde die GT konsequent auf die Belange der Tourer ausgerichtet: Mit großem Tank, niedrigem Gepäckträger, üppig gepolsterter Sitzbank und den (zu) soften luftunterstützten Federelementen war die Zielrichtung vorgegeben: Reisen, nicht Rasen.
Checkpunkte
Speziell die Steckverbindungen der Elektrik offenbaren mitunter Kontaktschwierigkeiten. Nicht unbekannt sind ebenfalls Ölverlust, insbesondere im Bereich der Ölsteigleitungen des Zylinderkopfs, sowie rasselnde Steuerketten.
Los geht es für die hierzulande nur bis 1989 angebotene GT 550 in der Preislage um 500 Euro für gut gebrauchte Alltagsfahrzeuge mit Laufleistungen ab 50000 Kilometer. Selbst die Perlen aus erster oder zweiter Hand mit weniger als 30000 Kilometern auf der Uhr erlösen selten mehr als 1500 Euro.
Daten (KZ 550 B/G)
- Motor: Luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei Ventile pro Zylinder, Hubraum 553 cm³
- Leistung: 37 kW (50 PS) bei 8500/min
- Getriebe: Sechsganggetriebe, Kardan
- Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Zweiarmschwinge, zwei Federbeine
- Bremsen: Doppelscheibenbremse vorn, Trommelbremse hinten
- Maße und Gewichte: Radstand 1475 mm, Gewicht vollgetankt 221 kg
- Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 177 km/h
Suzuki GS 650 G (1981 - 1982)
Nein, am Aussehen lag es nicht, dass die Kardan-Katana nach nur zwei Jahren wieder verschwand. Eher schon am hohen Preis und den Motorschäden.
Checkpunkte
Falsche Pleuellagerschalen verursachten die Motorschäden, ab Fahrgestellnummer 122709 waren die richtigen drin. Weiterhin litt der 650er-Zweiventiler unter hohem Ölverbrauch (Ventilschaftdichtungen, Kolben), außerdem machte die Lichtmaschine häufig Ärger.
Daten (Typ GS 650 GX)
- Motor: Luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei Ventile pro Zylinder, Hubraum 673 cm³
- Leistung: 37/54 kW (50/73 PS) bei 8000/9500/min
- Getriebe: Fünfganggetriebe, Kardan
- Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Zweiarmschwinge, zwei Federbeine
- Bremsen: Doppelscheibenbremse vorn, Scheibenbremse hinten
- Maße und Gewichte: Radstand 1480 mm, Gewicht vollgetankt 239 kg
- Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 180/197 km/h (mit 50/73 PS)
Yamaha XZ 550 (1982-1984)
Als Sportler zu touristisch, als Tourer zu sportlich - mit der XZ 550 lag Yamaha völlig daneben. Was auch am eigenwilligen Design lag. Und den Fahrwerkschwächen bei flotterem Tempo.
Checkpunkte
Außer dem labilen Fahrwerk schwächelt die XZ 550 auch in technischer Hinsicht. Als anfällig haben sich nicht nur die Lichtmaschine und der Anlasser-Freilauf erwiesen, sondern ebenso die Kurbelwelle sowie die rasch gammelnde Auspuffanlage.
Daten (Typ 11U)
- Motor: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertakt-V-Motor, vier Ventile pro Zylinder, Hubraum 552 cm³
- Leistung: 37/47 kW (50/64 PS) bei 9000/9500/min
- Getriebe: Fünfganggetriebe, Kardan
- Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Cantileverschwinge, mit Zentralfederbein
- Bremsen: Doppelscheibenbremse vorn, Trommelbremse hinten
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