Motorradunfälle mit schweren Kopfverletzungen: Eine Analyse der Statistik

Die Anzahl der schweren Unfälle mit motorisierten Zweirädern ist weiterhin besorgniserregend hoch. Im Vergleich zu allen anderen Verkehrsteilnehmern ist die Anzahl der schweren Unfälle mit motorisierten Einspurfahrzeugen überproportional hoch.

Alarmierend ist auch die große Anzahl schwerverletzter und getöteter Aufsassen, die trotz Schutzhelm zu Schaden kommen. Die hohe Zahl schwerverletzter und getöteter Aufsassen motorisierter Zweiräder rückt die Schutzausrüstung in den Fokus.

Im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) wurde nun eine Analyse von Unfalldaten und Verletzungsmustern von schwer verunglückten Zweiradfahrenden durchgeführt. Im Rahmen einer Unfalldatenanalyse sollten Erkenntnisse zum Verbesserungspotenzial der Schutzwirkung von Motorradhelmen gewonnen werden.

Im Auftrag der BASt untersuchte das Institut für Rechtsmedizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/Breisgau in Zusammenarbeit mit LS-ICube, Universität Straßburg, Frankreich Unfalldaten und Verletzungsmuster schwer verunglückter Zweiradfahrer und -fahrerinnen. Zur grundlegenden Darstellung der Entwicklung des Unfallaufkommens, der Verletzungsfolgen sowie der wesentlichen Unfallmerkmale wurden die amtlichen Unfalldaten des Statistischen Bundesamtes ausgewertet. Für Aussagen zur Wirkung von Motorradschutzhelmen im Unfallgeschehen wurden Daten der “German In-Depth Accident Study“ (GIDAS) herangezogen.

Die Analyse von 3.611 Unfällen mit schwerverletzten oder getöteten Aufsassen erlaubte eine Segmentierung nach Unfalltypen sowie Aussagen zum Helmtrageverhalten in Deutschland. Vergleichend wurden Auswertungen von Unfällen motorisierter Zweiräder in Frankreich durchgeführt und unfallbedingte Anprallspuren an Schutzhelmen analysiert.

Daraufhin wurden die derzeitigen Prüfbedingungen für Motorradschutzhelme auf ihre Praxistauglichkeit hin untersucht. Nach einer Abschätzung der Belastungen des Kopfes wurden ergänzende computergestützte FEM-Simulationen durchgeführt.

Unfallrisiko und -ursachen

Motorradfahrerinnen und -fahrer verunglücken besonders oft. Der ADAC hat Motorradunfälle analysiert und zeigt, wie sich viele von ihnen vermeiden ließen. Motorradfahren macht Spaß - egal, ob man Touren macht, die sportliche Herausforderung sucht oder einfach nur den Hauch von Freiheit und Abenteuer spüren will.

Allerdings haben Motorradfahrer ein höheres Risiko als Autofahrende, in einen Unfall verwickelt zu werden. Wie lassen sich solch schwere Unfälle verhindern? Oder zumindest deren Zahl verringern? Der ADAC hat eine detaillierte Analyse von Unfällen außerhalb von Ortschaften auf Basis der ADAC Unfalldatenbank durchgeführt.

Insgesamt verzeichnet das Statistische Bundesamt jährlich mehr als 500 tödlich und fast 10.000 schwerverletzte Motorradfahrer und -fahrerinnen. Dafür werteten die Fachleute des Clubs ca. 2500 schwere Verkehrsunfälle aus, die sich außerhalb von Ortschaften (Autobahn, Landstraße etc.) ereigneten und an denen Motorradfahrende beteiligt waren.

Das Ergebnis: Insgesamt sind Kradfahrerinnen und -fahrer bei fast jedem vierten Verkehrsunfall außerorts beteiligt. Bei etwas mehr als einem Drittel handelt es sich um Alleinunfälle, bei knapp zwei Dritteln der Unfälle kollidieren die Motorradfahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Am häufigsten erleiden die Motorradfahrerinnen und -fahrer Schädel-Hirn-Traumata, Thorax-Traumata und Traumata an den Extremitäten. Verletzungen am Kopf, Thorax, Abdomen, Becken und Beinen führen am häufigsten zu schweren bis tödlichen Traumata.

Risiko Alleinunfall

Bei Alleinunfällen, also rund einem Drittel aller Motorradunglücke, verlieren die Motorradfahrenden oftmals auf kurvigen Streckenabschnitten die Kontrolle über ihr Fahrzeug. Sie verbremsen sich, sind unaufmerksam, stürzen und/oder kommen von der Straße ab. Mit 47 Prozent sind solche Fahrfehler die häufigste Unfallursache. Die zweithäufigste Ursache von Alleinunfällen ist mit 39 Prozent eine überhöhte Geschwindigkeit. Diese führt oft in einer Kurve zum Unfall.

Risiko Kollisionen

Bei knapp zwei Dritteln der Unfälle prallen die Motorradfahrenden mit anderen Fahrzeugen zusammen. Von Kradfahrerinnen und -fahrern verursachte Kollisionen treten am häufigsten aufgrund von Fehlern beim Überholen, einer unangepassten Geschwindigkeit und einem ungenügenden Abstand auf. Bei fast der Hälfte der Fälle waren die Kradfahrenden nicht die Unfallverursachenden.

Schutzmaßnahmen und Prävention

Die Analyse des Unfallgeschehens motorisierter Zweiradfahrender lässt erforderliche und umsetzbare Gegenmaßnahmen erkennen, um die hohe Zahl von schwerverletzten und getöteten Unfallopfern zu senken. Die Projektergebnisse bieten eindeutige Erkenntnisse, um die Sicherheitswirkung von Motorradschutzhelmen künftig erheblich zu verbessern.

Die Auswertung schwerer Unfälle mit motorisierten Zweirädern zeigte, dass Aufsassen von Motorrädern sechs- bis zehnmal so häufig tödlich verunglücken wie Nutzer und Nutzerinnen von Mofas und Mopeds. Während sich etwa die Hälfte der Unfälle auf die neun häufigsten Unfalltypen verteilen, verunglückte ein Viertel der Aufsassen bei Unfalltypen mit einer Häufigkeit von weniger als einem Prozent, was die Vielfalt des Unfallgeschehens zeigt.

Die detaillierte Untersuchung von 199 Unfällen ergab, dass in etwa der Hälfte der Fälle trotz benutztem Schutzhelm Kopfverletzungen davongetragen wurden. Laut GIDAS-Daten trugen rund 75 Prozent der Aufsassen einen Integralhelm, fünf Prozent einen Jethelm. Die weiteren Verunfallten trugen einen Halbschalenhelm, sonstige ungeeignete Helme oder waren ohne Helm unterwegs.

Nach den aktuellen, wissenschaftlichen Erkenntnissen der Verletzungs-Biomechanik sowie nach dem Stand der Technik gewährleistet die Motorradschutzhelmnorm UN-R22 nicht mehr in ausreichendem Maße einen Verletzungsschutz. Eher wird eine Weiterentwicklung der Helme unter Nutzung neuer Werkstoffe und Technologien beeinträchtigt. Zur Fortschreibung der UN-R 22/05 wurden deshalb Empfehlungen erarbeitet.

Als wesentliche Verbesserung wird der Austausch der ISO-Kopfform gegen einen Hybrid III Dummy-Kopf angesehen. Zusätzlich wurden Alternativvorschläge zu Umfang und Ausstattung sowie zur Durchführung und zu den angelegten Kriterien der Prüfung erarbeitet.

Technische Innovationen zur Unfallvermeidung

Technik kann Unfälle vermeiden. Bei Motorrädern hätte ein Kurven-ABS in Kombination mit einer Traktionskontrolle ein hohes unfallvermeidendes Potenzial. Dadurch könnte ein großer Teil der Fahrunfälle verhindert werden. Aber auch ein Abstandsregeltempomat (ACC) und ein Totwinkelassistent könnten die Sicherheit der Motorradfahrerinnen und -fahrer erhöhen. Ein eCall-System würde die Hilfeleistung nach dem Crash verbessern.

Bei jedem zehnten Unfall mit Kradbeteiligung kollidiert ein linksabbiegendes Fahrzeug mit einem entgegenkommenden Motorrad. Da überdies die Hälfte aller Kollisionen beim Abbiegen, Einbiegen oder Kreuzen passieren, könnten Linksabbiegeassistenten und Kreuzungsassistenten bei Pkw das Sicherheitsniveau deutlich erhöhen. Denn durch eine Notbremsung könnten diese einen Zusammenstoß verhüten.

Praktische Tipps für sicheres Motorradfahren

Da die meisten Unfälle auf ein Fehlverhalten von Fahrerinnen und Fahrern zurückzuführen sind, haben Bikerinnen und Biker, aber auch alle anderen Verkehrsteilnehmenden die Möglichkeit, Unfälle durch ein vorausschauendes, defensives Fahrverhalten zu vermeiden. Schützen Sie sich bei jeder Fahrt mit einem ECE-Helm, Motorradhandschuhen, -stiefeln, -jacke, -hose, Rückenprotektor und Nierengurt.

Achten Sie bei Ihrer Jacke und Hose auf Protektoren im Bereich der Schultern, Ellenbogen, Rücken, Hüfte, Knie. Für eine bessere Sichtbarkeit im Straßenverkehr sind kontrastreiche Kleidung und Fahrzeuglackierungen hilfreich. Checken Sie die Bremsen, Reifen, Feder-Dämpfer-Elemente, Fahrwerklager, Beleuchtungsanlage, Antrieb (z.B. Kette), Motor vor jeder Fahrt.

Üben Sie Bewegungs- und Bedienungsabläufe in Ruhe ein. Auch die Reifen brauchen Zeit, bis sie eine Mindesttemperatur erreicht haben. Halten Sie sich selbst körperlich fit, damit Sie auch bei langen Fahrten unter ungünstigen Bedingungen noch Reserven haben. Wählen Sie in Linkskurven eine Fahrlinie, die möglichst weit rechts ist. Dadurch halten Sie den Abstand zum Gegenverkehr am größten. Außerdem brauchen Sie in Schräglage mehr Platz.

Trainieren Sie die spezielle Blickführung für die Kurvenfahrt: Einlenkpunkt, Scheitelpunkt, Kurvenausgang, weiterer Straßenverlauf. Die Blickführung gehört zur den wichtigsten Lenkungsinstrumenten.

Verhalten bei einem Motorradunfall

Nach einem Motorradunfall ist es eine Herausforderung, besonnen und richtig zu reagieren. Vor allem nach schweren Motorradunfällen haben alle Beteiligten nicht selten einen Schock erlitten, der ein ruhiges Handeln erschwert. Zunächst steht die Frage im Raum, ob die Polizei gerufen werden muss oder nicht. Wurde beim Unfall das Motorrad nicht oder kaum beschädigt und liegt kein Personenschaden vor, kann auf die Beamten verzichtet werden.

Anders sieht es allerdings bei schweren Motorradunfällen aus. Wurde bei einem Motorradunfall der Fahrer verletzt, sollten die Beamten in jedem Falle alarmiert werden, vor allem, wenn ein Motorradunfall tödlich endet.

Ersthelfer am Unfallort sollten wissen, wie sie nach dem Motorradunfall mit dem Verletzten umgehen. Vor allem die Frage, ob der Helm abgenommen werden soll, ist wichtig. Ist keine Atmung oder kein Puls feststellbar, sollte der Helm mit aller Vorsicht entfernt werden, wobei besser zwei Ersthelfer zum Einsatz kommen, von denen einer den Hals des Verletzten stützt. Wenn der Verletzte atmet, ein Puls spürbar oder er gar bei Bewusstsein ist, sollte der Helm aufbleiben.

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