Viele Hersteller haben ihre Modellpaletten radikal bereinigt, um den Kunden den Überblick und sich selbst die Lagerhaltung zu erleichtern.
Preisentwicklung und Marktsituation
Was in Biker-Ohren klingt wie Engels-Chöre dürfte den Schnäppchenjägern Schweißperlen auf die Stirn treiben: 2018 werden viele Bikes wieder billiger! Wer mit dem Bike-Kauf das ganze Jahr gewartet hat, um im Schlussverkauf das Traum-Bike zum kleinen Preis zu erhaschen, muss dieses Jahr ganz genau hinsehen.
Denn die reduzierten Vorjahresmodelle sind oft nur minimal günstiger als deren Nachfolger, die bereits in den Lagerhallen der Hersteller warten. Wie kommt es, dass die Preise plötzlich purzeln, nachdem die Industrie den Endverbrauchern die letzten Jahre immer tiefer in die Taschen griff?
Ein erfreulicher Trend, der sich zwar nicht flächendeckend, aber dennoch bei zahlreichen Herstellern abzeichnet. Industrie-Insider munkeln, dass die günstigeren Preise auch mit einem Wechsel von Produktionsstandorten zu tun haben könnten. Manche Firmen kehren bewährten Fabriken in China den Rücken und bauen neue Werke, beispielsweise in Kambodscha oder Vietnam.
Der Vorteil: Geringere Lohnkosten und eventuell geringere Antidumping-Zölle. Dadurch werden manche Räder billiger.
Auslaufmodelle: Worauf achten?
Wer lange genug in den Weiten des Internets oder bei verschiedenen Händlern sucht, findet dennoch gute Angebote. Weil Bike-Hersteller nur alle drei bis vier Jahre einen neuen Rahmen entwickeln, sind Auslaufmodelle wie beispielsweise das Scott Scale (das erst letztes Jahr einen neuen Rahmen bekommen hat) besonders zu empfehlen. Denn hier variiert lediglich die Ausstattung. Rahmen, Geometrie und Achsstandards verändern sich für 2018 nicht.
Auch wenn der Boost-Standard (148-Millimeter-Hinterradachse) an vielen Bikes technisch keinen wirklichen Vorteil bringt, sollte man beim Schlussverkauf dennoch darauf achten, dass das Bike der Wahl alle aktuellen Standards hat. Bikes mit herkömmlicher 142 Millimeter breiten Hinterradachse lassen sich bereits jetzt erschwert am Gebrauchtmarkt verkaufen.
Rabatte und Verfügbarkeit
Wer sich trotz aller Umstände für ein 2017er-Modell entscheidet, dem können wir eine weitere Hiobsbotschaft nicht vorenthalten: Die große Rabattschlacht, wie sie im Jahr 2016 stattfand, mit Preisnachlässen von 20 bis 30 Prozent auf die komplette Produktpalette, gibt es dieses Jahr nicht mehr.
Die Schnäppchen, die es wirklich wert sind, die eigene Haushaltskasse noch vor Weihnachten zu plündern, sind 2017 rar gesät und oft nicht mehr in allen Rahmengrößen erhältlich. So wie es aussieht, hat der Handel 2017 etwas weniger Ware bestellt und ist deshalb selbst gegen Ende der Saison nicht unter Zugzwang, die Bikes des aktuellen Modelljahres loszuwerden.
Vergleich von Fullys und Hardtails
Wir haben uns jeweils fünf spannende Fullys und Hardtails der Saison 2017 und deren Nachfolger für 2018 angesehen. Lohnt sich der Griff zum Schnäppchen? Oder ist das neue 2018er-Bike vielleicht doch die bessere Wahl?
Hardtails
Die Einsteiger-Hardtails sind gegen Ende der Saison oft schon vergriffen und zudem kaum reduziert.
Altes Modell: Radon ZR Race 29 6.0
Radons Einsteiger-Hardtail hat sich in vergangenen Tests immer wieder bewährt und ist dank 200 Euro Rabatt im Schlussverkauf richtig attraktiv. Das Auslaufmodell hat keine Steckachsen und eignet sich deshalb eher für leichte Fahrer. Ansonsten gibt es wenig Grund zur Kritik.
Ausstattung: Shimano XT/SLX 2x11-Schaltung; Magura MT2-Bremsen; Fox 32 Performance-Gabel
Preis: 1299 Euro
Preis reduziert*: 1099 Euro
Neues Modell: Radon Jealous AL
2018 spendiert Radon seinen günstigen Hardtails einen neuen Alu-Rahmen, der sich optisch und bei der Geometrie stark am Carbon-Hardtail orientiert. Boost-Standard, Steckachsen und geringeres Rahmengewicht sollen das Jealous AL besonders attraktiv für Einsteiger machen.
Ausstattung: Shimano XT/SLX 2x11-Schaltung; Magura MT2-Bremsen; Rockshox Judy-Gabel
Preis: 1299 Euro
Verfügbar: Ab März 2018
Peter Nilges, BIKE-Testleiter: Auch wenn das aktuelle ZR Race stark reduziert ist, glaube ich, dass sich das Warten auf das neue Modell lohnt. Mit den aktuellen Achsstandards und dem angeblich leichteren Rahmen ist man für die Zukunft einfach besser gerüstet.
Altes Modell: Ghost Lector 5 LC
Die markanten Rohrformen machen den Rahmen des Lectors schon fast zum Design-Objekt. In dieser Preisklasse muss man lange nach einem derart attraktiven Rahmen suchen. Seit Ghost auf das Boost-Achsmaß umgestellt hat, hat sich der Lector-Rahmen in Tests sehr gut geschlagen.
Ausstattung: Sram XO 1x11-Schaltung; Sram Guide R-Bremsen; Rockshox Reba RL-Gabel
Preis: 1999 Euro
Preis reduziert*: 1699 Euro
Neues Modell: Ghost Lector 3.9 LC
Der Rahmen bleibt für 2018 unangetastet, aber ansonsten ändert Ghost für die kommende Saison die komplette Ausstattung. Die 2x11-Schaltung verleiht dem Hardtail einen breiteren Einsatzbereich, und die Shimano-Bremsen sind für ihre problemlose Handhabung bekannt.
Ausstattung: Shimano XT 2x11-Schaltung, Shimano BRM 365-Bremsen; Fox 32 Rhythem-Gabel
Preis: 1999 Euro
Verfügbar ab sofort
Ludwig Döhl, BIKE-Testredakteur: Bei diesen beiden Bikes bleibt es Geschmackssache, ob man sich für den puristischen Vorgänger oder das auf Touren ausgelegte Nachfolgermodell entscheidet. Im Netz wird das 2017er-Modell zehn bis 15 Prozent billiger angeboten.
Altes Modell: Scott Scale 920
2016 fuhr das Scale, getarnt als Erlkönig, bereits erste Runden im Worldcup, bevor es in der Saison 2017 in die Läden rollte. In vergangenen Tests war das Handling extrem verspielt und sorgte so nicht nur für Vortrieb, sondern auch für viel Spaß auf den Trails.
Ausstattung: Shimano SLX 2x11-Schaltung und -Bremsen; Fox 32 Performance-Gabel
Preis: 2999 Euro
Preis reduziert*: 2199 Euro
Neues Modell: Scott Scale 920
Der Nachfolger gleicht dem 2017er-Scale derart, dass man die Unterschiede schon gezielt suchen muss. Der Rahmen bleibt unverändert, die Lackierung variiert nur leicht der Preis wird 200 Euro günstiger. Auch eine Alternative: Das Scale 925 für 2499 Euro mit Srams 1x12 Schaltung. Wer hier nicht zuschlägt, ist selbst schuld.
Peter Nilges, BIKE-Testleiter
Altes Modell: Cannondale FSI Carbon 2
Einmal fühlen wie Mani Fumic, oder zumindest das gleiche Bike fahren wie er. Mit leichten Carbon-Felgen und der hauseigenen Lefty-Gabel macht das FSI Carbon 2 eine gute Figur an jeder Startlinie. Der Carbon-Rahmen hat sich mit seiner sportlichen Geometrie bereits seit 2015 bewährt.
Ausstattung: Shimano XTR 1x11-Schaltung; Magura MT Race-Bremsen; Cannondale Lefty 2.0-Gabel
Preis: 5299 Euro
Preis reduziert*: 3199 Euro
Neues Modell: Cannondale FSI Carbon 2
Abgesehen von der Farbe ändert sich am FSI-Rahmen für 2018 nichts. Die Blau- und Gelbtöne werden in der kommenden Saison durch Froschgrün ersetzt, die Shimano-Schaltung weicht einer etwas moderneren 1x12 Schaltung von Sram. Die Carbon-Felgen bleiben, trotz Preisreduzierung.
Ausstattung: Sram XO Eagle 1x12-Schaltung; Sram Level TL-Bremsen; Cannondale Lefty 2.0-Gabel
Preis: 4299 Euro
Verfügbar ab sofort
Ludwig Döhl, BIKE-Testredakteur: In manchen Shops ist das 2017-Modell um 40 Prozent reduziert! Obwohl Cannondale den Preis beim 2018er-Modell ab Werk um 1000 Euro gesenkt hat, lohnt sich bei diesen Rabatten dennoch der Griff zum Auslaufmodell.
Fullys
Viele Hersteller spendieren ihren Fullys für 2018 einen neuen Rahmen. Oft lohnt sich das Warten auf die neuen Modelle. Manchmal aber sind die Schnäppchen, die man durch den Modellwechsel erhaschen kann, einfach unwiderstehlich.
Altes Modell: Specialized Epic FSR Comp Carbon
Das Epic ist ein Marathon-Klassiker. Die komfortorientierte Geometrie und das automatische Lockout haben Profis beim Cape Epic mehrmals zum Sieg verholfen und auch viele Hobbysportler auf der Langdistanz begleitet.
Ausstattung: Shimano SLX 2x11-Schaltung; Shimano M506-Bremsen; Rockshox Reba RL Brain-Gabel; Fox Brain-Dämpfer
Preis: 3699 Euro
Preis reduziert*: 3099 Euro
Neues Modell: Specialized Men’s Epic Comp Carbon
Wir haben uns bei einem ersten Test vom Können des 2018er-Epics bereits überzeugt. Der Brain-Dämpfer arbeitet noch feinfühliger. Die Geometrie wird mit etwas längerem Hauptrahmen minimal sportlicher.
Ausstattung: Sram GX 1x11-Schaltung; Sram Level TL-Bremsen; Rockshox Reba RL-Gabel; Rockshox Micro Brain-Dämpfer
Preis: 3999 Euro
Verfügbar ab sofort
Ludwig Döhl, BIKE-Testredakteur: Sowohl das alte als auch das neue Epic sind sehr gute Bikes. Allerdings drückt die 2x11-SLX-Schaltung beim 2017er-Modell mächtig auf die Waage. Wenn es im Marathon um jede Platzierung geht, würde ich zum 2018er-Modell greifen.
Mit einer komfortorientierten Geometrie ist es Partner für lange Touren oder Alpenüberquerungen. 2018 bleibt die Ausstattung gleich. Größter Unterschied: Die Größen XS bis M gibt es nur noch mit 27,5-Zoll-Laufrädern. Die Größen M bis XL sind weiterhin mit 29"-Laufrädern verfügbar.
Ausstattung: Shimano-XTR-2x11-Schaltung und -Bremsen; Fox 34 Float Factory-Gabel und Factory DPS Dämpfer
Preis: 3999 Euro
Verfügbar ab sofort
Ludwig Döhl, BIKE-Testredakteur: Wer die Rahmengrößen XS bis M fahren kann und 27,5-Zoll-Laufräder gutfindet, sollte auf jeden Fall zum Auslaufmodell greifen. Ein besseres Schnäppchen ohne Einbußen in der Ausstattung kann man im Schlussverkauf kaum machen.
Altes Modell: Focus Spine
Das Spine war lange Zeit ein gelungenes Touren-Bike mit 120 Millimetern Federweg und 27,5-Zoll-Laufrädern. Der potente Hinterbau sorgte dafür, dass das Carbon-Bike auch auf dem Singletrail richtig Spaß machte. Ab 2018 wird das Spine nicht mehr produziert.
Ausstattung: Shimano XT 2x11-Schaltung und -Bremsen; Fox 32 Performance-Gabel und Performance-Dämpfer
Preis: 3999 Euro
Preis reduziert*: 2199 Euro
Neues Modell: Focus Jam C Pro 29
Als Ersatz für das Spine kann der Kunde in dieser Preisklasse nur zum Jam mit 29-Zoll-Laufrädern und 130 Millimetern Federweg greifen. Die großen Laufräder und die 34er-Gabel drücken sicherlich etwas mehr auf die Waage als beim Vorgänger.
Ausstattung: Shimano XT 2x11-Schaltung und -Bremsen; Fox 34 Performance-Gabel und Performance-Dämpfer
Preis: 3699 Euro
Verfügbar Ab Dez. 2017
Stefan Loibl, BIKE-Testredakteur: Einen richtigen Ersatz liefert Focus für das Spine nicht. Wer ein leichtes Touren-Bike mit potentem Hinterbau sucht, wird mit dem 2017-Modell glücklich. Zumal die Preise im Netz extrem attraktiv sind. Das Jam 29 ab 2018 wird definitiv abfahrtslastiger.
5 Tipps zum Bike-Kauf
- Vergleichen Sie Preise online: Auch wenn Sie ein Bike im Fachhandel kaufen wollen, lohnt sich der Blick ins Internet. Ist ein Bike dort bei mehreren Anbietern drastisch reduziert, muss auch der stationäre Händler den Preis senken. Extreme Rabattaktionen von bis zu 40 Prozent kann aber nicht jeder Händler mitmachen.
- Seien Sie Flexibel: Meist werden die Bikes erst dann reduziert, wenn nur noch ein gewisser Restbestand vorhanden ist. Oft ist also nicht mehr jede Farbvariante in jeder Größe auf Lager. Wer ein Schnäppchen machen will, muss nehmen, was noch im Laden steht.
- Es kommt auf die Größe an: Besonders kleine oder besonders große Fahrer haben meist die besseren Chancen auf ein Schnäppchen. Während Bikes in den Größen M und L rasch ausverkauft sind, sind Bikes in den Rahmengrößen XS oder XL oft Ladenhüter. Händler sind in diesem Fall rabattwilliger.
- Gönnen Sie sich was: Je teurer die Bikes sind, desto mehr Rabatt geben die Händler meist. Für Schnäppchenjäger lohnt sich deshalb der Blick auf die Bikes über dem eigenen Preis-Limit. Mit den richtigen Prozenten rücken die Traum-Bikes in erschwingliche Nähe.
- Kaufen Sie gebraucht: Wenn Sie beim Händler wirklich gar nicht fündig werden, durchstöbern Sie den Gebrauchtmarkt. Oft verkaufen Biker ein relativ neues Rad zu guten Preisen. Die Garantie ist dann allerdings erloschen.
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