Mountainbike: Carbon oder Aluminium – Eine umfassende Analyse

Carbon gilt für viele Biker als Inbegriff von Leistung, Leichtigkeit und Begehrlichkeit. Doch um kein anderes Material am Bike ranken sich mehr Mythen. Dieser Artikel räumt mit Halbwissen auf und beleuchtet die Vor- und Nachteile von Carbon im Vergleich zu Aluminium, um eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu bieten.

Expertenmeinungen im Fokus

Um ein umfassendes Bild zu erhalten, wurden renommierte Werkstoffexperten, Entwickler und Produktmanager aus aller Welt befragt. Darunter Nic McCrae von Santa Cruz, Leo Kokkonen von Pole, die Tech-Heads von REIN4CED, Mirko Filler von Beast Components, Cesar Rojo von Unno Bikes sowie Andreas Tschanz und Nils Verhoeven von DT Swiss. Diese Expertenmeinungen bilden die Grundlage für eine detaillierte Analyse.

Aluminium und Carbon: Eine historische Perspektive

Aluminium und kurz darauf Carbon tauchten bereits in den 1980er Jahren in der MTB-Szene auf. Heute sind sie, neben Stahl und Titan, die am häufigsten verwendeten Materialien für Rahmen und zahlreiche Bauteile. Im Laufe der Zeit haben beide Materialien eine bemerkenswerte Entwicklung von waghalsigen Prototypen zu hochbelastbaren High-Performern durchlaufen.

Die Komplexität der Materialien

Es ist wichtig zu verstehen, dass Carbon nicht gleich Carbon und Alu nicht gleich Alu ist. Es gibt gewaltige Unterschiede hinsichtlich der Zusammensetzung des Rohmaterials, dessen Herstellung und Verarbeitung. Diese Faktoren beeinflussen letztendlich die Performance, Haltbarkeit und den Preis des jeweiligen Teils.

Aluminiumlegierungen im Detail

Wir sprechen oft verallgemeinernd von Alu, meinen aber eigentlich Aluminiumlegierungen. Reines Aluminium wäre für die meisten industriellen Anwendungen und auch für unsere Bikes ungeeignet. Durch die Beimischung von Metallen wie Silizium, Kupfer, Zink, Magnesium, Mangan, Eisen, Chrom, Titan oder Scandium entstehen die uns bekannten Aluminiumlegierungen wie Al6061, Al6069, Al7005 oder Al7075.

Der Zusatz Tx beschreibt den Zustand der Legierung. T6 bedeutet beispielsweise, dass die Legierung lösungsgeglüht und warmausgelagert wurde, wodurch sie ihre maximale Zugfestigkeit erreicht. Die maximale Zugfestigkeit beschreibt die Kraft, die in Längsrichtung benötigt wird, um ein eingespanntes Normteil einer Aluminiumlegierung zum Reißen zu bringen. Die Kraft, bis zu der ein Werkstoff auch anhaltender Belastung standhält, ist seine sogenannte Dauerfestigkeit.

Aluminium ist ein isotroper Werkstoff, was bedeutet, dass seine Eigenschaften in alle Belastungsrichtungen gleich sind. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu Carbon.

Vergleich verschiedener Aluminiumlegierungen

Aluminiumlegierungen mit niedrigerer Zahl sind weicher, leichter zu verarbeiten und preisgünstiger. Sie weisen ein gutmütigeres Bruchverhalten auf, haben aber ein schlechteres Verhältnis von Festigkeit zu Gewicht. Al6069 hat höhere Festigkeitswerte als eine 6061er Legierung. 7xxxer Alu ist insgesamt zugfester und zeigt eine höhere Dauerfestigkeit als 6xxxer Legierungen, ist aber auch härter, schwerer zu bearbeiten und teurer. Eine an Bikes oft eingesetzte Legierung der 7xxxer-Serie ist Al7005, während 7075er Aluminium noch höhere Festigkeitswerte aufweist, aber aufgrund ihres Scandium-Anteils und ihrer aufwendigen Verarbeitung teuer ist.

Wenn nicht gerade aus dem vollen Stück gefräst, werden Teile für Alu-Rahmen meist aus vorgeformten Profilen mit bestimmten Wandstärken zugeschnitten und verschweißt. Durch das Konifizieren werden unterschiedliche Wandstärken bei gleichbleibendem Durchmesser erreicht. Bei fast allen Alu-Rahmen setzen die MTB-Hersteller heute auch auf das Hydroforming-Verfahren, das es erlaubt, Aluminiumprofile geschwungen zu formen und die Wandstärken anzupassen.

Die ökologischen Auswirkungen von Aluminium

Aluminium wird aus dem Erz Bauxit gewonnen, dessen Abbau oft mit kritischen Arbeitsbedingungen verbunden ist. Die Erzeugung eines einzigen Kilogramm Aluminium verschlingt rund 15 kWh Strom und verursacht bis zu 25 kg Kohlendioxid. Hinzu kommt die Entstehung von gesundheitsschädlichem Rotschlamm. Erfreulicherweise kann Aluminium recycelt werden, wobei für seine Wiederherstellung nur 5-10 % der Energie benötigt wird, die für die Primärgewinnung fällig wurde. Allerdings sinkt die Qualität zurzeit noch mit jedem Recyclingschritt, da die diversen Legierungen oft vermengt werden. Aktuell stammt nicht einmal ein Viertel des weltweit verarbeiteten Aluminiums aus Recycling.

Was ist eigentlich Carbon?

Ein fertiges Teil aus carbonfaserverstärktem Kunststoff (CFK) ist das Resultat vieler aufwendiger Fertigungsschritte. Die unter hohem Energieaufwand gewonnenen Kohlenstofffasern werden zunächst in kleine Bündel oder Gelege gefasst. Diese werden dann in einer gewünschten Anordnung ausgelegt, mit einem harzigen Bindemittel vorbehandelt und dadurch lose in Flächen geformt. Auch die Herstellung der benötigten Harze benötigt große Mengen an Energie. Das Laminat aus Fasern und Harz, das sogenannte Prepreg, wird aufgerollt und dem Hersteller zur Verfügung gestellt. Es ist das Ausgangsmaterial, aus dem dann Stücke zugeschnitten und per Hand mehrschichtig in hohlen Formteilen angeordnet werden.

Die fertig ausgekleideten Hälften werden dann formschlüssig zusammengefügt. Im Inneren der Bauteile sind zudem meist elastische Blasen platziert, die die Faserschichten von innen an die Außenwand der Form pressen. Unter Druck und hoher Temperatur härtet das im Prepreg enthaltene Epoxidharz im Autoklav aus, wodurch der fertige Rahmen oder das Teil entsteht. Diese Monocoque-Bauweise ist heute die gängigste Herstellungsmethode.

Was wir dann am Ende optisch sehen, sind nur die äußeren Faserlagen des Bauteils. Die charakteristischen 3K- und 12K-Gewebe bestehen aus rechtwinklig angeordneten Faserbündeln. Die Anordnung, Form und Anzahl von Prepreg-Zuschnitten an unterschiedlichen Stellen eines Bauteils ist einer der größten Qualitätsfaktoren des fertigen Produkts.

Anisotropie von Carbon

Carbon ist ein anisotroper Werkstoff. Während das isotrope Aluminium in alle Richtungen gleiche Materialeigenschaften aufweist, ist Carbon lediglich in Richtung seiner Fasern stark. Und auch dort nicht auf Druck, sondern nur auf Zug. Carbon kann mehr als das Zehnfache der Zugfestigkeit von Aluminiumlegierungen aufweisen und übertrifft das Metall zudem in puncto Dauerfestigkeit und Materialermüdung.

Allerdings können Beschädigungen durch Stürze oder Aufprall zu Rissen oder Ablösungen zwischen den Fasern, sogenannten Delaminationen, führen. Selbst wenn die Schäden unsichtbar im Inneren des Bauteils liegen, können diese für verminderte Belastbarkeit und sogar für überraschendes Spontanversagen sorgen. Carbon-Fertigung ist ein sehr energie- und arbeitsintensiver Prozess.

Aluminium vs. Carbon: Die gängigen Klischees

Aluminium ist robust und günstig, Carbon leicht und teuer - das sind die gängigen Klischees. Doch ganz so einfach ist es nicht. Als Rahmenmaterial bei Bikes und E-Bikes kommt in der Regel Aluminium 6061 zum Einsatz. Carbon ist in der Fahrrad- und E-Bike-Welt das High-End-Material - und das nicht ohne Grund.

Im Gegensatz zur Rohrbauweise bei Aluminiumrahmen werden Carbonrahmen heute zumeist im sogenannten Monocoque-Verfahren hergestellt. Durch die Verwendung der Fasermatten lassen sich neue, fließende Formen gestalten, die den Carbonrahmen meist steifer und stabiler machen. Gerade beim Bau von E-MTBs hat die freie Formgebung einen enormen Vorteil, denn der Rahmen kann im Bereich der Motoraufnahme und zur Integration des Akkus recht frei gestaltet werden.

Laufräder: Carbon vs. Aluminium

Laufräder und Reifen zählen zu den effektivsten Möglichkeiten, das Bike auf mehr Vortrieb zu trimmen. Bikes mit leichten Laufrädern, insbesondere vorne, fahren sich quirliger und lassen sich besser beschleunigen. Deshalb sind Carbon-Laufräder so begehrt. Carbon ist sehr steif, wodurch sich die Laufräder sehr präzise steuern lassen. Was aber nicht heißt, dass man keine steifen Alu-Laufräder bauen könnte. Ein guter Teil der Stabilität hängt nämlich von den Speichen und der Art des Einspeichens ab. In der Praxis ist ein Unterschied zwischen guten Alu-Laufrädern und Carbon-Laufrädern für Durchschnitts-Biker kaum festzustellen.

Für viele Biker sind Carbon-Laufräder die ideale Ergänzung zu den fast schon selbstverständlich gewordenen Rahmen aus Carbon. Doch nicht wenige zögern aufgrund der hohen Preise. Auf dem Papier haben Carbon-Laufräder die Nase vorn, doch erfühlen lässt sich der Unterschied weniger deutlich. Die Messungen zeigen: Bei identischem Aufbau besitzt der Carbon-Laufradsatz eine höhere Steifigkeit. Bei der Beschleunigung liegen die beiden Kontrahenten aber auf gleichem Niveau. In der Praxis fühlen sich auch die Alu-Laufräder ordentlich steif an. Echte Unterschiede konnte auf den Trails keiner der Tester feststellen.

Bei der Robustheit hat Carbon durch moderne Verarbeitungstechnologien deutlich zugelegt. Einziger, gravierender Unterschied: Eine verbogene Alu-Felge lässt sich notfalls noch zurechtbiegen.

Vor- und Nachteile im Überblick

Merkmal Carbon Aluminium
Gewicht Leichter Schwerer
Steifigkeit Höher Geringer
Preis Teurer Günstiger
Reparatur Schwieriger, oft nicht möglich Einfacher, kann zurechtgebogen werden
Robustheit Hohe Belastbarkeit, aber anfällig für Delamination Verformbar, gutmütigeres Bruchverhalten

Fazit

Gute Laufräder lassen sich sowohl mit Carbon- als auch mit Alu-Felgen realisieren. Im Ultra-Leichtbau hat Carbon definitiv die Nase vorne, doch dann wird’s auch teuer.

Der Rahmen: Carbon oder Aluminium?

In aller Munde und State of the Art ist derzeit Carbon, denn es ermöglicht den Herstellern, ihre Rahmen richtig kreativ zu gestalten. Carbonrahmen können extrem steif sein und übertragen die Kraft mit jedem Tritt direkt, ohne dass sich der Rahmen im Geringsten verbiegt. Allerdings kann ein besonders steifer Rahmen sehr bockig und unbequem sein. Aluminium erfreut sich dank seiner guten Verhältnisse von Steifigkeit zu Gewicht und Kosten zu Nutzen größter Beliebtheit. Ein hochwertiger Alu-Rahmen kann sogar leichter als ein günstiger Rahmen aus Carbon sein.

Entscheidend für die Qualität eines Carbonrahmens ist das Prepreg, eine gewebte Fasermatte, deren Faserausrichtung bei der Fertigung des Rahmens exakt zu den späteren Belastungen dieses Bauteils passen müssen. Anders als bei der Fertigung aus Aluminium mit einzelnen, unterschiedlichen Rohrquerschnitten, können Carbonrahmen in Monocoque-Bauweise gefertigt werden.

Beim Kauf eines Mountainbikes hast du die Qual der Wahl: Soll es ein Rahmen aus Carbon sein oder doch lieber die Aluminiumvariante? Die meisten Fahrerinnen und Fahrer, die beim World Cup oder der Enduro World Series an den Start gehen, setzen auf Carbon - wobei natürlich auch in diesem Fall Ausnahmen die Regel bestätigen.

Carbon ist leichter als Aluminium. Punkt. Für Anstiege und Fahrten im Flachen ist dies ein unbestreitbarer Vorteil, da der Fahrer auf einem Carbonrad mit weniger Reibung und einer geringeren Gravitationskraft zu kämpfen hat. In Sachen Steifigkeit ist Carbon ebenfalls Aluminiumlegierungen überlegen, wobei dieser Vorteil manchmal auch zu einem Nachteil werden kann.

Der größte Unterschied hinsichtlich der Haltbarkeit von Aluminium und Carbon besteht darin, dass sich Aluminium unter Krafteinwirkung verformt während Carbon bricht. Einen verdellten Aluminiumrahmen kann man oft noch weiterfahren, ein gebrochener Carbonrahmen hingegen hat nur noch Schrottwert.

Alternativen zu Carbon und Aluminium

Der Großteil der „Mountainbikes“ und mountainbikeähnlicher Fahrräder da draußen hat einen Stahlrahmen, das war schon in grauer Vorzeit so. Aber auch wenn Stahl auf eine lange Tradition in der Mountainbikewelt zurückblicken kann, eignet es sich in der Regel bestenfalls für die Verwendung im normalen Straßenverkehr. Heutzutage sind 99 % aller “richtigen” Mountainbikes entweder aus Aluminium oder Carbon gefertigt.

Stahl verfügt über sehr gute Dämpfungseigenschaften, die die von Carbon und Aluminium in den Schatten stellen. Stahl ist außerdem sehr widerstandsfähig und Rädern aus diesem Material ist deshalb oft eine längere Lebensdauer beschieden als Carbon- und Aluminiumbikes. Dank seiner Dichte, die dreimal so hoch ist wie die von Aluminium, ist Stahl aber leider auch ziemlich schwer.

In einer perfekten Welt gäbe es nur noch Räder aus Titan, schließlich ist dieses Wundermetall nicht nur sehr leicht, sondern auch noch super stabil. Mal ganz davon abgesehen, dass es sich wie ein Traum fährt. Es gibt aber ein Problem: Titan ist sauteuer. Außerdem ist es sehr schwierig zu verarbeiten. Aus diesem Grund fristen Titanteile bis heute ein Nischendasein.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0