Mountainbike oder Gravelbike: Die Unterschiede

Viele Jahre lang waren Hardtails die unerschütterliche Basis des Mountainbike-Marktes. Wer abseits asphaltierter Wege schnell und günstig Radfahren wollte, kam am Hardtail nicht vorbei. Spätestens Anfang des neuen Jahrtausends aber verbreiteten sich Federgabeln und Fullys. Technischer Fortschritt machte Fahrwerke immer besser. Die Abkehr vom Motto “steif und leicht gleich schnell” dauerte aber noch lange.

Auch BIKE betrieb jahrzehntelang Grundlagenforschung und heute wissen wir, dass im Mountainbike-Terrain in fast allen Fällen Fullys schneller sind als Hardtails. Aus dem Crosscountry-Worldcup sind Bikes mit starrem Heck fast vollständig verschwunden und auch erste Hersteller, wie etwa Canyon und Scott, labeln ihre Hardtail-Modelle nicht länger als Race-Bikes, sondern als Allrounder für Alltag und Abenteuer. Ist es nicht genau das, was Gravelbikes eigentlich können sollen? Alles nur Marketing? Alles schon dagewesen? Wir wollten herausfinden, mit welchem Ansatz Biker besser beraten sind und baten Hardtail und Gravelbike zum Konzeptvergleich.

Gravelbikes und Hardtails haben viele Gemeinsamkeiten aber ebenso viele Unterschiede. Die BIKE-Redaktion diskutiert über Vor- und Nachteile beider Konzepte.

Gravelbikes: Der neue Star am Bike-Himmel

“Schlechte Bikes mit schmalen Lenkern und rutschigen Reifen gab es früher schon” titelten wir 2020 noch mit großer Skepsis, als der Gravel-Trend gerade so richtig Fahrt aufnahm. Und trotzdem konnte sich parallel zum schwindenden Stellenwert des Hardtails eine komplett neue Bike-Gattung entwickeln, die heute in voller Blüte steht. Unter sportlichen Fahrrädern ohne E-Motor verkauft sich aktuell keine Sparte besser als die der Gravelbikes. In fünf Jahren hat sich aber auch technisch viel getan. Manche Gravelbikes tragen heute breite Reifen, Federgabeln und sogar Dropper-Posts. Laut Herstellern liegt der Einsatzbereich auf Straße, Schotter und einfachen Trails - ein Spektrum, das sehr viele Radfahrer anspricht und das auch MTB-Hardtails abdecken können.

In Richtung Geländeeinsatz geht die Vielseitigkeit von Mountainbikes fast immer über die der Gravelbikes hinaus. Am Ende entscheiden der Einsatzzweck des Sportgeräts und persönliche Vorlieben über die Bedürfnisse bei Sitz-, beziehungsweise Griffposition, und Handling sowie den Stellenwert der Aerodynamik. Als wäre der Relativierung noch nicht genug, gibt es am Markt inzwischen auch Mountainbikes mit Dropbar und Gravelbikes mit Flatbar. Um dennoch etwas Licht ins Dunkle zu bringen, hilft ein Blick auf Zahlen und Fakten.

Die Entscheidung zwischen einem Gravel Bike und einem Mountainbike kann schwierig sein, vor allem, wenn du dich fragst, welches Rad deinen Anforderungen am besten entspricht. Während beide Fahrräder für den Einsatz auf unebenem Gelände geeignet sind, haben sie spezifische Stärken und Schwächen, die du kennen solltest. Wir vergleichen Gravel Bikes und Mountainbikes im Detail, um dir zu helfen, die richtige Wahl zu treffen.

Was ist ein Gravel Bike?

Ein Gravel Bike ist ein vielseitiges Fahrrad, das sich sowohl auf Straßen als auch auf unbefestigten Wegen wohlfühlt. Es wurde entwickelt, um Rennrad-Geschwindigkeit mit einer gewissen Geländegängigkeit zu kombinieren.

Was ist ein Mountainbike?

Ein Mountainbike (MTB) ist speziell für das Fahren im anspruchsvollen Gelände konzipiert. Mit dicken Reifen, einer Federgabel (oder sogar Vollfederung) und einem stabilen Rahmen, ist das Mountainbike das ideale Werkzeug, um steinige Trails, Wurzeln, und andere Hindernisse zu meistern.

Gravel Bike vs. MTB

Wenn es um Gravel Bike vs. Mountainbike geht, ist die Geschwindigkeit einer der wichtigsten Unterschiede. Gravel Bikes sind aerodynamischer und leichter als Mountainbikes. Das bedeutet, dass sie auf glatten Straßen und festem Untergrund wesentlich schneller sind. Das Gravel Bike zeichnet sich besonders durch seine Effizienz auf langen, gemischten Strecken aus.

Mountainbikes hingegen sind aufgrund ihrer robusten Bauweise und breiteren Reifen schwerer und weniger aerodynamisch. Sie sind langsamer auf Asphalt, aber in unwegsamem Gelände unschlagbar.

Gewicht

Das Gewicht spielt bei der Wahl zwischen einem Gravel Bike und einem Mountainbike eine entscheidende Rolle. Gravel Bikes (ca. 9-11 Kg) sind im Vergleich zu Mountainbikes leichter, da sie meist auf eine Federung verzichten und schlankere Rahmen und Komponenten besitzen. Das niedrigere Gewicht macht Gravel Bikes ideal für lange Touren und Strecken, bei denen du das Fahrrad eventuell auch mal tragen musst.

Mountainbikes (ca. 8- 15 Kg) hingegen sind aufgrund ihrer robusteren Bauweise schwerer. Das zusätzliche Gewicht ergibt sich durch die Federgabel, breitere Reifen und oft auch Vollfederung.

Sitzposition

Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen den beiden Fahrradtypen ist die Sitzposition. Beim Gravel Bike sitzt du in einer aufrechteren Position, was den Komfort auf langen Fahrten und bei unebenem Gelände erhöht. Diese entspanntere Geometrie hilft dabei, Rücken und Nacken weniger zu belasten, besonders auf längeren Strecken und Abenteuern.

Das Rennrad bietet hingegen eine sportlichere, nach vorne gebeugte Sitzposition.

Reifen

Die Reifen spielen bei Gravel Bike vs Mountainbike eine zentrale Rolle. Gravel Bikes haben breitere Reifen als Rennräder, aber schmalere als Mountainbikes. Ihre Reifenbreite variiert zwischen 35 mm und 45 mm, was ihnen genug Traktion auf Schotter- und Waldwegen bietet, ohne die Geschwindigkeit auf der Straße zu beeinträchtigen.

Mountainbikes hingegen sind mit breiten, grobstolligen Reifen ausgestattet, die für maximale Traktion auf losem und schlammigem Untergrund sorgen. Für Cross Country und Marathon Mountainbikes wird 51 mm bis 54 mm (2,1 Zoll bis 2,3 Zoll) empfohlen. Bei einem All Mountain geht die Tendenz zu 54 mm bis 61 mm. Beim Enduro MTB kann mit 58 mm bis 64 mm (2,35 Zoll bis 2,6 Zoll) gefahren werden.

Federung

Ein entscheidender technischer Unterschied zwischen Gravel Bikes und Mountainbikes ist die Federung. Gravel Bikes verzichten in der Regel auf eine Federung, um das Gewicht niedrig zu halten. Sie verlassen sich auf ihre Reifen und Rahmengeometrie, um Stöße zu absorbieren. Dies macht sie auf Asphalt und leichten Schotterwegen sehr effizient.

Mountainbikes hingegen haben entweder eine Frontfederung (Hardtail) oder eine Vollfederung (Fully). Diese sorgt für ein sanftes Fahrgefühl auf unebenen Trails und hilft, Hindernisse wie Steine oder Wurzeln problemlos zu überwinden.

Bremsen

Beide Fahrradtypen verwenden in der Regel Scheibenbremsen, die unabhängig von Wetter und Untergrund eine hervorragende Bremsleistung bieten. Gravel Bikes sind meist mit mechanischen oder hydraulischen Scheibenbremsen ausgestattet, die präzise und leistungsstarke Bremskraft bieten.

Mountainbikes setzen ebenfalls auf hydraulische Scheibenbremsen, die speziell für den Einsatz im Gelände optimiert sind.

Lenker

Gravel Bikes sind mit einem Drop-Bar-Lenker ausgestattet, ähnlich wie bei Rennrädern. Dies ermöglicht eine aerodynamische Haltung und verschiedene Griffpositionen, was auf langen Strecken vorteilhaft ist.

Mountainbikes verfügen hingegen über einen breiten, flachen Lenker, der maximale Kontrolle im Gelände bietet.

Sitzposition

Legt man die Geometriezeichnungen von Hardtail und Gravelbike nebeneinander, lassen sich eindeutige Unterschiede ausmachen. An unseren Beispielbikes Propain Terrel CF Trail (Gravelbike) und Bike Ahead The Frame liegen in Größe L stattliche 75 Millimeter Sitzrohrlänge. Während Gravelbikes die kürzere Gabel mit einem längeren Steuerrohr kompensieren und so beim Stack-Wert oftmals nicht weit vom Hardtail entfernt landen, beträgt die Reach-Differenz unserer Kandidaten beachtliche 43 Millimeter. Auch hier liegt der Teufel aber im Detail: Durch einen längeren Vorbau und einen nach vorne ausladenden Rennlenker holt das Gravelbike viel Länge raus. Für die Sitzposition ist wiederum die Griffposition mitentscheidend. Ob Hoods, Unter- oder Oberlenker streckt, staucht, hebt oder senkt die Körperposition auf dem Rad. Pauschal zu sagen man säße auf einem Gravelbike komfortabler oder sportlicher als auf einem Hardtail ist deshalb nicht möglich. Festhalten lässt sich lediglich: Ein Dropbar bietet mehr Griffoptionen. Gerade auf langen Strecken kann die Varianz Rumpf, Schultern und Arme entlasten.

Handling

Jenseits von Teer und feinem Schotter kann selbst bei bester Fahrtechnik kein Gravelbike dem Hardtail das Wasser reichen. Während auf dem Gravelbike bei einer Griffposition auf den Hoods die Hände deutlich vor der Vorderradachse platziert sind, liegt das gedachte Lot an einem geraden MTB-Lenker hinter der Achse. Auf Trails, die Mountainbikern Spaß machen, kommen Gravelbikes nicht nur wegen rutschiger Reifen früh an ihre Grenzen. Vor allem wenn das Gefälle steiler wird, hängt der Pilot auf einem Gravelbike so weit vorne, dass sich schnell Überschlagsgefühle einstellen. Hinzu kommen an den meisten Modelle eine starre Sattelstütze, ein hohes Oberrohr und ein bedeutend steilerer Lenkwinkel. Flache Waldwege mögen noch zum Habitat des Gravelbikes gehören. Auf Trails müssen Gravelbiker leider aber sogar mit breiten Reifen, Federgabel und Dropper-Post deutlich öfters schieben. In der Theorie beschert das dem Mountainbike mehr Laufruhe. In gerader Fahrt liegt ein Hardtail stoischer auf der Strecke und lässt sich weniger schnell durch Hindernisse aus der Bahn werfen. Dagegen verspricht die Rahmengeometrie eines Gravelbikes ein agileres Handling und mehr Drehfreude in engen Kurven. Allerdings beschneiden lange Vorbauten und frontlastige Griffpositionen am Cockpit ein direkteres Lenkverhalten erheblich. Im Gelände lässt sich ein Hardtail deshalb einfacher unter Kontrolle halten als ein Gravelbike.

Auch innerhalb der Gravelbike-Gattung gibt es jedoch gravierende Unterschiede. Bikepacking-Modelle, welche mit hohem Systemgewicht lange Distanzen zurücklegen sollen, liegen typischerweise näher an der laufruhigen Geometrie eines Mountainbikes als sportliche Race-Gravelbikes.

Aerodynamik

Die aerodynamischen Unterschiede zwischen Gravel- und Mountainbike sind messbar. Für etwa 75 Prozent des Luftwiderstands ist der Fahrer verantwortlich, nur rund 25 Prozent entfallen aufs Bike. Auch auf einem Mountainbike lässt sich durch eine effiziente Sitzposition mit Innerbarends der Löwenanteil des Luftwiderstands wegsparen. Trotzdem kann sich der Gravelbiker in der Unterlenkerposition noch tiefer in den Wind ducken. Bei 45 Kilometern pro Stunde zeigen sich in Windkanalmessungen Unterschiede von etwa 90 Watt zwischen Aero-Rennrad und Mountainbike. Gravelbikes rangieren je nach Geometrie und Ausstattung zwischen den beiden Extremen. Übrigens entfallen circa acht Prozent des gesamten Luftwiderstandes auf die Laufräder. Zwischen einem 30 Millimeter breiten Rennradreifen und einem 42 Millimeter breiten Gravelreifen liegt der Aerodynamik-Vorteil bei etwa 20 Watt zugunsten der Straßen-Bereifung. In Sachen Aerodynamik hat das Gravelbike einen Vorsprung zum Hardtail.

Gravel Bike Fahrer

Wenn du ein vielseitiges Fahrrad suchst, das sowohl auf der Straße als auch auf Schotterwegen schnell und effizient ist, dann ist das Gravel Bike die richtige Wahl.

Mountainbike Fahrer

Bist du eher im extremen Gelände unterwegs, auf technischen Trails, in steilen Abfahrten und auf felsigem Untergrund? Dann ist ein Mountainbike die beste Wahl.

Beispiele

Hier sind Beispiele für Hardtail und Gravelbike:

Merkmal Hardtail (Bike Ahead The Frame) Gravelbike (Propain Terrel Trail)
Laufradgröße 29 Zoll 28 Zoll
Federweg 120 mm 40 mm
Gewicht (Gr. L/XL) 9,46 kg 10,71 kg
Preis 6579 Euro 3644 Euro

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