Felsen, Steine, Wurzeln, Kanten, Schotter - wer mit dem Mountainbike stürzt, fällt selten weich. Rückenprotektoren sollen das Schlimmste verhindern und die filigrane Wirbelsäule schützen. Wir haben zwei Protektoren-Westen in der Praxis getestet, die zusätzlich zum Rückenschoner auch Brustprotektoren vorweisen: die Endura MT500 Weste und den Poc VPD System Torso.
Warum Rückenprotektoren wichtig sind
“Das ist Quatsch!”, weiß Wirbelsäulen-Experte Prof. Dr. Christoph Siepe aus München. Man müsse nur mal mit den Fingern über den Rücken tasten, um festzustellen, wie dicht die knöchernen Dornfortsätze unter der Haut liegen. “Beim Aufprall werden die Muskeln plattgedrückt, die Knochen brechen - da hilft nur Schaum, der den Aufprall effektiv absorbiert”, erklärt Siepe. Um die empfindliche Wirbelsäule optimal zu schützen, sollte der Protektor sie möglichst komplett bedecken, von Nacken bis Steißbein - ohne dabei die Bewegungsfreiheit einzuschränken und einem im schlimmsten Fall das Gefühl zu geben, regelrecht eingeschränkt zu sein. Das kann einen so ablenken, dass dadurch die Gefahr eines Unfalls sogar steigt.
Die Testkandidaten im Detail
In unserem Vergleichstest haben wir verschiedene Modelle unter die Lupe genommen - mit Fokus auf Schutzwirkung, Tragekomfort, Passform und Verarbeitung. Welche Weste im Bikepark wirklich überzeugt, erfährst du hier.
POC VPD System Torso
Der POC VPD System Torso ist schon eine ganze Weile im Programm des schwedischen Protektoren-Labels. Er wurde aber stets verbessert.
Im Gegensatz zu den meisten Brust- und Rückenprotektoren wird der Poc VPD Torso über der Kleidung getragen. Das sieht stylisch aus und sorgt für einen Motocross-Look. Vom Tragegefühl ähnelt es einer kugelsicheren Weste - das boostet das Selbstbewusstsein. Der POC VPD Torso kommt ganz ohne Stoff oder Westenkonstruktion aus, sondern besteht nur aus den Protektoren an Brust und Rücken sowie den verbindenden Gummibändern. Das hat den Vorteil, dass der Protektor nicht so leicht müffeln kann. Das elastische VPD-Material wird bei Wärme weicher, was den Tragekomfort erhöht. Erst bei einem Aufprall verhärtet sich das Material und schützt so den Träger. Der Protektor ist mit zahlreichen Belüftungsschlitzen versehen, insbesondere im weit heruntergezogenen Rückenteil.
Die Handhabung des POC VPD System Torso ist einfach. Durch Gummibänder und Druckknöpfe ist der Protektor schnell an- und ausgezogen. Die Größe S/M passte den Testern mit einer Körpergröße von 1,78 m sehr gut. POC bietet auch eine Variante für nur Brust (100 Euro) und nur Rücken (180 Euro) an. In der reinen Brust-Variante sehen wir wenig Sinn.
Gewicht: 1179 Gramm, Preis: 240 Euro.
Vor- und Nachteile des POC VPD System Torso
- Stärken: Tragekomfort, langes Rückenteil, Belüftung
- Schwächen: Nur CE EN 1621/2 Level 1 Zertifikat, Preis, Gewicht
Der Rückenprotektor ist allerdings nur mit dem einfacheren EN 1621-2-Level 1 zertifiziert. Hier wurde - wie übrigens bei Endura auch - aufgrund von Tragekomfort und Gewicht auf das sicherere Material verzichtet. Auf Anfrage äußert sich POC dazu knapp: “Das Erreichen von Level 2 hätte zu einer Erhöhung der Dicke und des Gesamtgewichts des Produkts geführt, was für die betroffenen Nutzer nicht ideal gewesen wäre.”
Endura MT500 D30 Weste
Erstlingswerk: Endura stellte die erste eigene Protektorenweste (MT500) Anfang des Jahres vor.
Auf dem BIKE-Festival in Riva stellte das Schotten-Label ihre erste Protektoren-Weste vor. Das Anlegen der leichten MT500-Weste ist dank der Klettverschlüsse sehr einfach. Die Protektoren lassen sich leicht herausnehmen, die Polyesterweste kann dann einfach gewaschen werden. Trotzdem: Wir empfehlen, die Weste unter das Shirt zu ziehen. Denn wenn man den Protektor erst einmal eingesaut hat, bekommt man den Schmodder nur schwer wieder aus dem Kunststoffnetz heraus. In der Weste befinden sich an Brust und Rücken große D30-Schaumprotektoren. Dieser elastische Schaumstoff verhärtet sich beim Aufprall und schützt so den Körper vor Stößen. Vorteil des weichen Materials: Es schmiegt sich beim Tragen angenehm an den Körper an.
Der verwendete D30-Protektor hat allerdings nur das einfachere Level 1-Sicherheitszertifikat: CE EN 1621/1. Zur Info: Das bessere Level 2 überträgt bis zu 50 Prozent weniger Energie als Level 1. ist das ein Argument gegen die Endura MT500 Weste? Wir meinen ja, zumindest für Downhiller. Denn hier erreichen Biker hohe Geschwindigkeiten und brauchen maximalen Schutz, wenn sie bei einem Sturz mit dem Rücken auf Stufen und Kanten aufschlagen. Das Produkt-Management von Endura äußert sich dazu so: “Da dies unsere erste Protektorenweste auf dem Markt ist, waren wir der Meinung, dass das EN Level 1 besser für unseren Markt geeignet ist und mit dem Rest des Endura-Sortiments übereinstimmt. Die Protektorenweste richtet sich an Trail- und Enduro-Fahrer und ist nicht nur auf Downhill ausgerichtet.“
Gewicht: 890 Gramm, Preis: 150 Euro.
Vor- und Nachteile der Endura MT500 D30 Protektoren-Weste
- Stärken: Passform, Belüftung, Gewicht, Preis
- Schwächen: Nur CE EN 1621/2 Level 1 Zertifikat
Protektoren: Weste vs. Rucksack - was schützt besser beim Biken?
Christiane Reckter, Sachverständige für Persönliche Schutzausrüstung (PSA) beim TÜV Rheinland erklärt: Eine Weste besitzt den Vorteil, dass sie den Protektor optimal an den Rücken fixiert. Sie wird meist unter der Kleidung getragen. Dadurch wird der Protektor beim Aufprall nicht zur Seite geschoben, sondern bleibt dort, wo er sein soll. Rucksäcke haben den Nachteil, dass sich die Position mit und ohne Beladung nicht exakt einhalten lässt.
Wichtig ist, dass die Protektoren dort bleiben, wo sie schützen sollen, sprich: die Passform ist wichtig. Und, dass sie eine gute Dämpfungsleistung besitzen.
Standards sind immer Minimalanforderungen. Das sind aber dennoch die Werte, die einen relevanten Schutz garantieren.
Ich würde immer den Protektor mit der besten Schlagdämpfung kaufen (Anm. d. Red.: ein Rückenprotektor mit Level 2).
Die Verordnung für Persönliche Schutzausrüstung (PSA) besagt zwar, dass die Protektoren nach Sturz ausgetauscht werden sollen, doch aus meinen Test-Erfahrungen weiß ich, dass diese modernen Multi-Impact-Schäume wie sie BMW, Sas-Tec, D30 usw. anbieten, mehr als einen Sturz wegstecken.
Protektoren: Können sie schwere Verletzungen verhindern?
Dr. Josef Obrist, Chirurg und Primar der Unfallklinik Salzburg erklärt: Mit einem Rückenprotektor kann man die Lendenwirbelsäule und untere Brustwirbelsäule schützen. Der Protektor kann den Aufprall dämpfen - davon bin ich überzeugt. Doch die überwiegenden und wirklich ernsten Verletzungen betreffen die Halswirbelsäule. Die Sturzfolge sind Brüche beim Aufprall und Querschnittslähmung. Dagegen kann ein Rückenprotektor leider nicht schützen - dagegen gibt es keinen Schutz!
In den Jahren circa 2013-2018 haben sich die ernsten Mountainbike-Unfälle verdoppelt. Die Verletzten kommen in erster Linie aus den Bike-Arenen Leogang und Saalbach-Hinterglemm zu uns.
Bei Mountainbike-Unfällen ist sehr oft die Halswirbelsäule und die obere Brustwirbelsäule betroffen, weil sich Mountainbiker überschlagen und oft den Hang runterkullern. Das führt zu Querschnittslähmungen. Motorradfahrer brechen sich dagegen eher die Beine, weil sie kollidieren.
In meinen Augen machen Nackenstützen keinen Sinn, denn sie schränken den Fahrer in seinen Reaktionsmöglichkeiten zu sehr ein. Das ist jetzt allerdings nur die biomechanische Sichtweise.
Weitere getestete Modelle
Neben den oben genannten Modellen wurden auch folgende Protektorenwesten getestet:
- EVOC Torso Protector
- ION Arcon HD Pro
- EKOI Racing Protect D3O BOA
EVOC Torso Protector
Evoc führt mit dem Liteshield Flex ein revolutionäres neues Material ein. Anders als herkömmliche Schäume ist dieser Protektor im Spritzguss-Verfahren hergestellt. Er zeichnet sich durch seine hohe Temperaturbeständigkeit aus und bewahrt seine schützenden Eigenschaften in einem breiten Temperaturbereich.
Ähnlich wie die Protektoren von Poc und Ion besitzt auch der Evoc eine stabile Brust als auch eine große Rückenplatte. Diese werden jeweils von sechs Riemen zusammengehalten, die sich zusätzlich an den Träger anpassen lassen. Während Poc beim Verschluss auf klassische Druckknöpfe setzt, spendiert Evoc seinem Torso Protector innovative und praktischere Magnetverschlüsse.
Anders als POC und Ekoi besitzt der Evoc das hohe Schutzlevel 2 der EN 1621-2, was den Rückenprotektor damit sicherer macht als die erwähnte Konkurrenz. Der Brust-Protektor hat das leichtere Schutzlevel.
ION Arcon HD Pro
Ion präsentierte erst dieses Frühjahr sein Erstlingsgwerk, den Arcon HD Pro Brust- und Rückenpanzer. Der Rückenprotektor erfüllt die Level 2 CE-Testnorm, genau wie der Protektor von Evoc. Besonders: Das verwendete REZRO-Material ist vollständig biologisch abbaubar.
Der Oberkörper-Protektor wurde in enger Zusammenarbeit mit Freeride-Star Nico Vink entwickelt. Der Arcon HD Pro liegt mit ihren martialischen Hartschalen-Besätzen, den sogenannten Power Slide Caps und einem Gewicht von 1369 Gramm schwer in der Hand und wirkt erst mal ziemlich sperrig. Doch die anfängliche Skepsis verflog schon nach der ersten Abfahrt. Der Schoner lässt sich gut fixieren und gibt einen sicheren Halt. Auch die Belüftung funktioniert gut.
Der Protektor erfüllt nicht nur für den Rückenteil die Level 2 CE-Testnorm, sondern auch für das Brustteil. Das macht den Ion besonders.
EKOI Racing Protect D3O BOA
Als einziges Modell im Test vertraut das Franzosen-Label auf D30-Schaum. Vorteil: Die Ekoi Racing Protect Weste ist viel leichter als die Konkurrenz, was sich positiv auf den Tragekomfort ausschlägt.
Neben den leichten D30-Protektoren-Einlagen integrierte Ekoi für die Fixierung Boa-Verschlüsse. So lässt sich der Protektor per Radverschluss fixieren. Ganz nett, in der Praxis war die Handhabung bei der Konkurrenz aber leichter und unkomplizierter. Denn die zwei seitlichen BOA-Rädchen sind etwas schwer zu erreichen. Das Innenfutter besteht aus atmungsaktivem Mesh, die Träger lassen sich per Klettverschluss einstellen.
Die D30 Protektoren im Ekoi besitzen vorne wie hinten das einfache EN 1621-2-Level 1, genau wie bei POC. Wer´s noch nicht weiß: D30 ist ein spezieller Schaumstoff, der weich und flexibel bleibt - aber sich bei einem plötzlichen Aufprall blitzschnell verhärtet. Dadurch absorbiert er Stoßenergie sehr effektiv.
Tabelle: Vergleich der getesteten Protektorenwesten
| Modell | Gewicht | Preis | Zertifizierung (Rücken) | Besonderheiten |
|---|---|---|---|---|
| POC VPD System Torso | 1179 g | 240 € | EN 1621-2 Level 1 | Über der Kleidung tragbar, VPD-Material |
| Endura MT500 D30 Weste | 890 g | 150 € | CE EN 1621/1 Level 1 | D30-Schaumprotektoren, leicht |
| EVOC Torso Protector | N/A | 190 € | EN 1621-2 Level 2 | Liteshield Flex Material, Magnetverschlüsse |
| ION Arcon HD Pro | 1369 g | 239.99 € | CE Level 2 (Brust & Rücken) | REZRO-Material (biologisch abbaubar), Hartschalen-Besätze |
| EKOI Racing Protect D3O BOA | 758 g | 160 € | EN 1621-2 Level 1 | D30-Schaum, BOA-Verschlüsse |
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