Richtig Bremsen mit dem Mountainbike: Tipps für mehr Sicherheit und Kontrolle

Effektives und kontrolliertes Bremsen ist eine der grundlegenden Fähigkeiten, die jeder Mountainbiker beherrschen sollte. Viele fortgeschrittene Mountainbiker unterschätzen diese scheinbar einfache Technik, doch sie beeinflusst maßgeblich die Fahrgeschwindigkeit und Kontrolle auf dem Trail. Denn nur wer richtig gut bremsen kann, kann auch richtig gut schnell fahren!

Warum ist richtiges Bremsen so wichtig?

Ein falsches Bremsverhalten kann zu Unfällen und Stürzen führen. Deswegen ist es wichtig, sich auf die eigene Fahrtechnik verlassen zu können. Effektives und kontrolliertes Bremsen beeinflusst immens viel!

  • Sicherheit: Sicheres Anhalten in Gefahrensituationen.
  • Kontrolle: Beibehaltung der Kontrolle über das Bike in schwierigem Gelände.
  • Geschwindigkeit: Ermöglicht schnelleres Fahren durch sichere Geschwindigkeitskontrolle.

Besonderheiten beim E-Mountainbike

E-MTBs erfreuen sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit. Mit ihrer kraftvollen Unterstützung ermöglichen sie es auch ungeübten Fahrern, steile Anstiege zu bewältigen und neue Fahrspaßdimensionen zu erleben. Allerdings bringen E-MTBs auch einige Besonderheiten mit sich, die beim Bremsen beachtet werden müssen:

  • Höheres Gewicht: E-MTBs wiegen durch Motor und Akku deutlich mehr als herkömmliche Mountainbikes. Dies führt zu einem längeren Bremsweg.
  • Höhere Geschwindigkeiten: E-Bikes erreichen dank Motorunterstützung mühelos Geschwindigkeiten, die mit einem Muskelkraft-Bike kaum möglich wären. Auch dies wirkt sich auf den Bremsweg aus.
  • Veränderte Gewichtsverteilung: Beim Bremsen verlagert sich das Gewicht stark nach vorne.

Die richtige Bremsentechnik

1. Dosiert Bremsen

Wichtig ist jedoch zu wissen, dass Du Deine Bremsen generell DOSIERT betätigen willst - nicht nur um Bauchplatscher zu vermeiden - sondern auch, um blockierende und dadurch rutschende Reifen zu verhindern.

2. Vorne stärker bremsen

Die Faustregel lautet: 60% der Bremskraft mit der Vorderradbremse, 40% mit der Hinterradbremse. So wird das Gewicht des E-Bikes optimal verteilt und ein Blockieren des Hinterrads verhindert.

Deine Vorderradbremse hat einfach viel mehr Bremswirkung als Deine Hinterradbremse. Das ist, weil Du (also die schwere Masse = Dein Körper) beim Bremsen gegen Dein Vorderrad „gedrückt“ wirst - dadurch viel mehr Traktion am Vorderrad „generierst“ und das Vorderrad dadurch später blockiert, als das Hinterrad. Ergo: kann es viel mehr Bremskraft aufnehmen und Dich daher effektiver abbremsen.

3. Progressiv bremsen

Den Bremshebel langsam und kontrolliert ziehen, nicht abrupt zupacken. So dosierst du die Bremskraft optimal und verhinderst ein Wegrutschen des Vorderrads.

4. Stotterbremse

Bergab empfiehlt sich die Stotterbremse: Mehrmals kurz und kräftig bremsen, anstatt den Bremshebel permanent leicht gezogen zu halten. Dies verhindert ein Überhitzen der Bremsen und sorgt für mehr Kontrolle. Ähnlich wie bei einem ABS-System - mit Stotterbremse: abwechselnd stark bremsen und dann wieder die Bremse loslassen.

5. Körperschwerpunkt absenken

In dem Moment, in dem Du bremst, beuge Arme und Beine, damit Du Deinen Körperschwerpunkt ABSENKST. Moderne E-MTBs verfügen oft über absenkbare Sattelstützen. Nutze diese Funktion, um deinen Schwerpunkt beim Bergabfahren abzusenken und die Kontrolle über das Bike zu verbessern. Spanne Deinen Rumpf an und senke aktiv beide Fersen ab.

6. Bremsen in Kurven

Bremse vor der Kurve STARK ab und fahre so langsam wie möglich (und nötig) in die Kurve. Lasse dann IN DER KURVE nur die Hinterradbremse dosiert SCHLEIFEN. Um deinen Reifen also maximalen Grip zu verschaffen, sollte das Bremsen bereits erledigt sein, bevor du überhaupt in die Kurve kommst.

Die richtige Ausrüstung

Moderne E-MTBs sollten bestmöglich mit hydraulischen Scheibenbremsen ausgestattet sein. Diese bieten im Vergleich zu Felgenbremsen eine deutlich bessere Bremsleistung und Dosierbarkeit, was bei den hohen Geschwindigkeiten und dem Gewicht eines E-MTBs besonders wichtig ist. Scheibenbremsen sind zudem weniger anfällig für Nässe und Verschleiß. Scheibenbremsen bekommst du von namenhaften Herstellern wie Shimano, Sram, Tektro und Magura.

Allgemein unterscheidet man zwischen mechanischen und hydraulischen Bremsen. Hydraulische Bremsen (Felgen- und auch Scheibenbremsen) kommen oft bei E-Bikes zum Einsatz, da sie eine stärkere Bremskraft entwickeln und so dem vergleichsweise hohen Gewicht und Tempo von E-Bikes besser standhalten. In ihrer Montage und Wartung sind sie jedoch aufwendiger als mechanische Bremsen.

Die entscheidenden Bauteile sind die Bremsscheiben, die Bremskolben und die Bremsbeläge. Die Größe der Bremsscheiben ist in Relation zum Gewicht des Fahrers und zum Bike in hohem Maße ausschlaggebend für die Brems-Power. Auch der Einsatzbereich und das Terrain spielen eine Rolle: Schnelle und lange Downhills erfordern größere Scheiben, auch Abfahrten auf langen alpinen Touren mit Rucksack. Aluminiumteile an der Scheibe leiten Hitze besser ab als Stahl, die Bremsen überhitzen weniger schnell. Wichtig ist zudem die Abstimmung der Größe des Rotors auf die Bremsbeläge. So lässt sich ein Fading, das Nachlassen der Bremsleistung auf langen Abfahrten, vermeiden.

Bremsbeläge

Bremsbeläge sind ein typisches Verschleißteil und müssen regelmäßig erneuert werden. Aber mit dem Tausch alleine ist es nicht getan. Denn erst, wenn du die neuen Beläge gewissenhaft auf ihre Aufgabe vorbereitest, können sie ihre volle Wirkung entfalten. Außerdem verlängert sich durch das Prozedere ihre Haltbarkeit.

Im Handel findet man im Wesentlichen zwei Arten von Bremsbelägen: Organische Beläge, gefertigt aus mehrheitlich organischen Stoffen. Und gesinterte Beläge, bestehend aus gepressten Metall- und Keramikteilen. Eher selten sieht man Semi-Metall-Beläge, eine Mischform aus organisch und gesintert.

Generell kann man sagen: Organische Beläge neigen weniger zu Quietschgeräuschen als gesinterte Beläge. Sie haben eine etwas höhere Bremsleistung, verschleißen aber unterm Strich schneller. Die Metall-Kollegen vertragen höhere Temperaturen, erzeugen aber auch mehr Hitze im Bremssystem. Die Beläge selbst sind standfest, aber sie verschleißen die Scheiben schneller als organische Beläge.

Bremsbeläge einbremsen

Egal ob Schnee, Regen oder Trockenheit - Wer neue Beläge richtig einbremst, kann sich immer auf volle Bremskraft verlassen. Umso wichtiger ist das richtige Einbremsen, sobald man neue Beläge eingesetzt hat.

  1. Oberflächen glätten: Lasse dazu die Bremsen auf einer Straße mit geringem Gefälle leicht schleifen. Also wirklich nur leicht schleifen lassen, aber das über eine Strecke von mehreren Hundert Metern.
  2. Reibschicht bilden: Bremse dazu das Bike aus einer Geschwindigkeit von etwa 25 km/h heraus beherzt bis fast zum Stillstand ab. Achte darauf, dass das Rad nicht blockiert. Du wirst feststellen, dass die Bremsleistung bei den ersten Versuchen eher schwach ist, aber bald darauf mit jedem weiteren Versuch ansteigt. Dieser Vorgang muss für jede Bremse, also vorne und hinten separat durchgeführt werden - und das je etwa 30 Mal!
  3. Lösungsmittel ausgasen: Dieser Schritt ist vor allem bei organischen Belägen essentiell wichtig. Dazu die Bremse auf einer längeren und/oder steilen Abfahrt einmal richtig heiß bremsen. Auch hierbei wirst du feststellen, dass die Bremsleistung nach einer Weile abnimmt - das so genannte Fading hat eingesetzt. Jetzt aber den Bremsvorgang noch etwas länger fortsetzen. Erst dann kannst du das Einbremsen beenden.

Bremsscheiben

Aluminiumteile an der Scheibe leiten Hitze besser ab als Stahl, die Bremsen überhitzen weniger schnell. Wichtig ist zudem die Abstimmung der Größe des Rotors auf die Bremsbeläge. So lässt sich ein Fading, das Nachlassen der Bremsleistung auf langen Abfahrten, vermeiden.

Wartung und Pflege

Regelmäßige Wartung ist entscheidend für die Sicherheit und Leistungsfähigkeit der Bremsen:

  • Regelmäßige Wartung: Lasse deine E-Bike Bremsen regelmäßig von einem Fachmann überprüfen und warten.
  • Bremsbeläge prüfen: Vor allem solltest du die Bremsbeläge im Blick behalten. Um herauszufinden, wann du sie wechseln solltest, prüfst du deren Dicke.

Häufige Fehler beim Bremsen

  1. Einseitiges Bremsen: Bremst du nur mit dem Vorder- oder Hinterrad, kann nur eine Kraft übertragen werden. Ist diese einseitige Kraft zu groß, kommt es zum Überbremsen und das jeweilige Rad blockiert. Ziehst du ausschließlich die Vorderradbremse, und das auch noch recht heftig, blockiert das Vorderrad und das Hinterrad hebt vom Boden ab. Es kann so hoch steigen, dass sich das Fahrrad überschlägt und der Fahrer sehr unsanft über den Lenker absteigt. Ein blockiertes Hinterrad führt wiederum zu einem instabilen und unkontrollierbaren Fahrverhalten. Dieser Stabilitätsverlust lässt sich vor allem beim Bremsen in Kurven beobachten.
  2. Falsches Bremsen in Kurven: Da die Seitenführungskraft senkrecht zur Fahrtrichtung, die Bremskraft aber tangential (nach außen) wirkt, wird das Fahrrad auch bei einem leichten Bremsvorgang schnell nach außen gezogen. Die Reifen verlieren die Bodenhaftung und das Fahrrad kippt zum Kurvenmittelpunkt hin um. Merkst du, dass du zu schnell in die Kurve gefahren bist und das Tempo korrigieren musst, solltest du das Rad erst wieder aufrichten, bevor du die Bremse betätigst.
  3. Unzureichende Bremsleistung: Oft spielt es beim Unfallhergang eine große Rolle, dass der Radfahrer die verfügbare Bremsleistung in Gefahrensituationen nicht genügend ausnutzt. Da diese jedoch eine weitaus höhere Bremswirkung erzielt als die Hinterradbremse, kommt das Bike dadurch oft nicht schnell genug zum Stillstand.

Bremsen im Gelände

Ob Kurven, Abfahrten oder Nässe: Wer auf dem Fahrrad unterwegs ist, muss das Bremsverhalten an die jeweilige Situation anpassen.

  • Bremsen am Berg: Beim Bremsen am Berg verschiebt sich die Radlast. Bei Bergabfahrten verlagert sie sich deutlich nach vorn, wodurch die Bremskraft hinten reduziert wird. Auch die Hangabtriebskraft parallel zur schiefen Ebene wirkt gegen die Bremskraft. Bei steilen Bergauffahrten verhält es sich genau umgekehrt. Die Hangabtriebskraft wirkt in Richtung der Bremskraft, der Fahrer wird nach unten bzw. hinten gezogen.
  • Bremsen bei Nässe: Bei Regenwetter ist Vorsicht das A und O. Wenn die Fahrradfelgen und Bremsbeläge nass werden, kann nahezu keine Reibung entstehen. Betätigst du die Felgenbremse, wirst du bei den ersten Radumdrehungen kaum eine Wirkung spüren, da Felgen und Beläge erst trocken gebremst werden müssen, bis eine Reibung entsteht. Bei Nässe musst du den Bremsvorgang früher einleiten, um das Tempo rechtzeitig zu verringern oder zum Stillstand zu kommen. Außerdem solltest du damit rechnen, dass die Bremskraft plötzlich stärker wird, wenn du das Wasser verdrängt hast.
  • Bremsen bei Glätte: Bei Glätte ist der Bremsweg verlängert. Bei Glätte solltest du deshalb bestenfalls nur ausrollen lassen und gar nicht bremsen. Allgemein raten wir dazu, das Bike bei Glätte stehen zu lassen.

Tuning-Optionen

Wenn ihr mit eurer Brems-Performance nicht zufrieden seid, gibt es einige Möglichkeiten für Upgrades, ohne dass ihr direkt die komplette Bremse austauschen müsst.

  • Größere Bremsscheibe: Mit 20 mm Scheibendurchmesser mehr steigt die Bremskraft jeweils ca. um 10 %.
  • Andere Bremsbeläge: Je griffiger die Beläge, desto höher ist die Reibung und somit auch die entstehende Hitze.
  • Vierkolbenbremsen: Vierkolbenbremsen gehören bei den meisten High-End-Trail/Enduro-Bikes mittlerweile zur Grundausstattung und sind eine tolles Upgrade, wenn du regelmäßig lange, steile Abfahrten fährst.

Weitere Tipps vom Profi-Mechaniker Yanick Gyger

  1. Beläge und Scheibe einbremsen: Wichtig ist ein Wechsel von Erhitzen und Abkühlen. Mit schleifender Bremse pedalieren oder bergab rollen, bis sie heiß wird. Die Bremse darf aber nicht überhitzen, sonst verliert sie an Leistung. Nun die Bremsscheibe abkühlen lassen. Nach 40 Sekunden bis einer Minute das Ganze wiederholen. Alternativ zehn Sprints und Vollbremsung bis zum Stillstand. Nie mit neuen Bremsen gleich einen 1000-Höhenmeter-Downhill starten.
  2. Scheibenpflege: Nach dem Waschen des Bikes verbleiben Rückstände der Pflegemittel auf den Bremsen. Sie reduzieren die Bremsleistung. Diese Rückstände kann man durch Erhitzen mit einem Bunsenbrenner vorsichtig entfernen. Achtung bei Carbon- oder Textilspeichen!
  3. Tuning: Beläge und größere Scheibe: Liefert die Bremse trotz sachgemäßen Einbremsens nicht die gewünschte Leistung, muss man nicht gleich die gesamte Bremse wechseln. Oft reichen eine größere Scheibe oder andere Beläge.

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