Das Neger auf Fahrrad Stereotyp

Unternehmen wollen mit ihren Produkten auffallen und unterhalten, überraschen, eine Geschichte erzählen. Oft gelingt das, oft auch nicht. "Müllermilch“ musste das kürzlich erfahren: Auf einer Milchflasche räkelten sich Pin-up-Girls, die Sorte "Sharon Sheila Schoko" zeigte eine dunkelhäutige Frau mit einem Stück Schokolade auf dem Schoß. Ärgerliche Stereotype oder lustige Idee?

Manchmal gibt es Autoren, die mit ihrer Person und ihrem Werk zur Stimme werden für eine Epoche, für eine Zeit, oder für ein ganzes Land. Der französisch schreibende, 1966 in der ehemaligen Kolonie Kongo geborene Autor Alain Mabanckou besitzt eine solche Stimme. Sein Werk, bestehend aus acht Romanen und sechs Gedichtbänden, wird seit Jahren in Frankreich mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Neben den literarischen Qualitäten bezieht dieses Werk seinen Glanz auch aus einem fast paradox anmutenden Umstand. Ohne die Republik Kongo, ihre besondere Tradition und ihre Sprachen, auf die Mabanckou fortwährend zurückgreift, wäre dieses Werk nicht denkbar.

In der Republik Kongo hätte es aber kaum Überlebenschancen. Das bis 2003 von einem Bürgerkrieg geschüttelte Land verfügt über kein nennenswertes Verlagswesen. Es brauchte die Emigration und den Blick zurück, um ein Werk wie das von Alain Mabanckou ins Leben zu rufen.

Alain Mabanckou: "Die meisten afrikanischen Sprachen, die ich spreche, sind mündliche Sprachen. Es sind keine Schriftsprachen wie etwas das Suaheli. Ich spreche fünf oder sechs Sprachen, in denen es keine Bücher gibt. Würde ich in diesen Sprachen schreiben, gäbe es niemanden, der diese Bücher lesen würde. Also blieb mir nur die erste Fremdsprache, die ich gelernt habe, und das war die französische Sprache. Deshalb sind alle meine Bücher auf Französisch geschrieben."

Aus der Spannung zwischen Herkunft und Fremde beziehen diese Bücher ihre eigene Energie. Dem kometenhaften Erfolg Alain Mabanckous hat es sicher geholfen, dass der die Mechanik westlicher Kulturbetriebe schnell begriffen hat, dass er ihre Erwartungen nach Klischees manchmal bedient, manchmal auch souverän durchbricht.

Mabanckou weigert sich, ins postkoloniale Klagelied einzustimmen. "Es bringt ja nichts, immer nur die eine Seite zu kritisieren. Normalerweise nörgeln die Afrikaner von morgens bis abends an Europa rum. Europa hat uns dieses und jenes angetan, wenn wir auf die Nase fallen, liegt es daran, dass Europa dafür verantwortlich ist, wenn Afrika leidet, liegt es daran, dass die Europäer es ausplündern - all das stimmt ja auch. Aber man muss auch objektiv bleiben, man muss sich fragen, tragen wir, die Afrikaner, nicht auch einen Teil der Verantwortung für die Leiden Afrikas?"

"Verre Cassé", "Zerbrochenes Glas", der nun ins Deutsche übersetzte Roman von Alain Mabanckou, ist im französischen Original schon 2005, also vier Jahre vor Black Bazar erschienen, und wirkt in vieler Hinsicht wie eine Studie zu eben diesem Roman. Beide sind ein Tresen-Roman: Zentraler Ort ist eine Bar, in der gescheiterte Existenzen verkehren. Allerdings liegt diese Bar diesmal nicht in der Goutte d’Or, sondern mitten in Kongos Hauptstadt Brazzaville. Das Elend des Landes, der Stadt, wird nur skizziert, taucht in dem Schlamm auf, in dem man steht, wenn man das Lokal mit dem Namen "Angeschrieben wird nicht" verlässt; in den mageren Hunden, die sich dann einstellen und, natürlich, in den gebrochenen Existenzen, die einander schon mal das Wort "Neger" an den Kopf werfen.

"Chefneger", wenn von dem Präsidenten der jungen Demokratie die Rede ist oder auch "Banania Neger", wenn jemand eine ganz ausgesuchte Beleidigung verteilt. Ähnlich dem Sarotti-Mohr zierte in Frankreich lange eine schwarze Figur jenes Kakaogetränk mit Bananengeschmack namens "Banania". Man merkt schon, der Rassismus ist bei Alain Mabanckou das Komplementärstück zum Euro-Zentrismus. Beides ist in seinen Romanen komisch.

"Punkt zwölf Uhr mittags, als sich die Bevölkerung gerade an den Tisch setzte, um ihr Fahrrad-Hähnchen zu genießen, nahm der Oberbefehlshaber-Präsident alle Radiosender und den einzigen Fernsehsender in Beschlag, die Lage war ernst, (...) und nachdem er sich geräuspert hatte, um sein Lampenfieber zu vertreiben, begann er, die europäischen Länder zu kritisieren, die uns mit der Sonne der Unabhängigkeit zum Narren gehalten hätten, während wir auch weiterhin von ihnen abhängig waren, schließlich hätten wir noch immer eine Avenue du General-de-Gaulle (...) wohingegen es in Europa noch immer keine Avenuen gebe, die nach Mobutu Sese Seko, Idi Amin Dada oder Jean-Bédel Bokassa benannt sind (...), die er gekannt und für ihre Loyalität, ihre Menschlichkeit und ihre Achtung der Menschenrechte geschätzt habe."

Dieser Roman kommt ohne Satzzeichen aus. Er ist die monologische Wiedergabe eines Textes, den ein Stammgast der Bar "Angeschrieben wird nicht" in ein Heft schreibt. Der Wirt hat ihn darum gebeten. Am Ende soll das Heft zerrissen werden. Die behauptete, quasi postmoderne Vorläufigkeit des schriftlichen Unternehmens paart sich mit ihrem entschiedenen Anschluss an die mündliche Erzähltradition aller Figuren, die darin vorkommen. Selbst wenn man die vielen Anspielungen auf afrikanische Mythen und Legenden nicht versteht, ihre Vibration ist in dem Text spürbar, der übrigens am besten laut genossen wird.

"Die mündliche Erzähltradition ist für dieses Buch ganz entscheidend. Es soll fast ein gesprochenes Buch sein. Ich bewundere die mündliche, die schöne Rede fast mehr als das, was schön geschrieben ist. Eine besonders schöne Rede ist inspiriert. In der mündlichen Tradition, in der ich stehe, das ist die aus Kongo-Brazzaville, ist die mündliche Rede wichtiger als das, was geschrieben ist. Wissen Sie, ein geschriebenes Stück kann man zerreißen, eine Rede aber kann man nicht zerreißen. Wenn eine Rede entsteht, dann segnet sie den Zuhörer. Man kann ihr nicht entziehen. Deshalb geht es in meinem Buch Verre Cassé um die Sprache, allerdings wird sie durch die Schrift gestützt."

Für den an europäischen Literaturen geschulten Leser gibt es noch ein anderes Vergnügen. Der Roman Verre Cassé jongliert mit Versatzstücken, Zitaten und Verweisen auf den klassischen Kanon der abendländischen Literatur. Beim Leser stellt sich eine Kreuz-Worträtsel oder auch Sudoku-Freude ein, wenn die Verkäuferin namens "Kahle Sängerin" zu Samuel Beckett führt; der Garten, den es zu kultivieren gilt, zu Voltaire; und war da nicht was mit dem Titel, Zerbrochenes Glas?

"Ja, Verre Cassé ist auch ein Buch über die Literatur. Im Inneren plaudert ja der Erzähler, aber manchmal tauchen in seiner Rede die Titel von Büchern auf, darunter auch die von einem Autor, der in Deutschland lebt, den ich sehr lieber, Günter Grass, der die Blechtrommel geschrieben hat. Ich mag es sehr, wenn die Literatur auch eine Tatsache ist. Also, es gibt all diese Einflüsse, ein Großteil meiner eigenen Bibliothek findet sich in Verre Cassée wieder, mit Autoren aus Frankreich, Russland, Afrika, Deutschland, all diese Autoren kommen vor."

Gewiss, erzählerisches Understatement oder auktoriale Bescheidenheit sähen anders aus. Doch Alain Mabanckou füllt die Rolle, die er für sich entworfen hat, als Autor wie als Mensch. Er ist der Botschafter einer reichen Kultur. Und er hat die Spielregeln der zweiten Kultur, in der er nun zu Hause ist, verinnerlicht. Zu Interviews erscheint Mabanckou elegant gekleidet, gerne im Maßanzug, der den Dandy zitiert, und zurück verweist auf eine Generation im Kongo, die sich auch durch ihr Äußeres von den marxistischen Ideen der Elterngeneration distanziert. Überhaupt, die Ideologie hat ausgedient. Humanität entsteht nicht in Parolen, sondern in dem genauen, man möchte fast sagen zärtlichen Blick des Autors auf seine Figuren. In ihrem Schatten stehen jene Millionen von Menschen, die noch nicht Teil haben am großen Glück der Erde.

"Ich spreche gerne über die sogenannten kleinen Leute, die Armen, deren Leben einen Sprung hat, weil genau das die Literatur ausmacht. Es gibt die Literatur ja nicht, weil alles in bester Ordnung ist, sondern weil es in der Gesellschaft nicht rund läuft, die Missstände aufzuzeigen ist eine Aufgabe der Literatur. Es liegt auch eine besondere Schönheit in Menschen, deren Leben zerbrochen ist, denn sie wollen sich wieder aufrichten, sie wollen ihr Leben in den Griff bekommen.

Wer will schon Afrogermane, Afroafrikaner oder Maximalpigmentierter genannt werden? Dann schon lieber trotzig zum „bösen N-Wort“ - „Neger“ - greifen. Meint Marius Jung, schwarzer Comedian aus Köln. Er spottet provozierend und amüsant über Vorurteile, Rassismus, aber auch übertrieben-krampfige politische Korrektheit bei der Wortwahl.

Gerade hat Jung das Buch „Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde“ vorgelegt. Der Titel könnte die Debatte um das Streichen diskriminierender Begriffe aus Kinderbüchern neu entfachen. „Wenn humorlose Sprachpolizisten fordern, Worte wie Neger ganz aus der Sprache zu tilgen und zu verbieten, ist das Fundamentalismus. Und alles, was wir tabuisieren, bearbeiten wir inhaltlich nicht“, sagt Jung.

Der Soul-Comedian ist ein gefragter Interviewpartner, seit sein Büchlein vor einigen Tagen auf den Markt gekommen ist. Als Studiogast haben ihn zahlreiche Fernseh- und Radiosender eingeplant, um ihn über sein anekdotenreiches autobiografisches Werk plaudern zu lassen.

„Lachen gegen Rassismus“ könne ein guter Weg sein, glaubt der Kabarettist, Sänger und Moderator. „Wenn wir mit Humor drangehen, ist das ein Türöffner für ernste Diskussionen. Wir müssen unbedingt über unsere Haltung und über mehr gegenseitigen Respekt reden. Das darf auch Spaß machen, das muss kein schmerzhaftes, großes Ding werden.“ Jung jammert also nicht, er juxt. Sein Buch enthält auch „interaktive Übungen, mit denen Sie Ihr Negerverständnis überprüfen können“ - und es versteht sich als „humoristischer Ratgeber“.

Kostprobe: „Ganz wichtig ist es (...), nicht einfach davonzulaufen, wenn Sie des schwarzen Mannes ansichtig werden.“ Oder auch: „Begrüßungsformeln wie ,Die Putzmaterialien stehen im Besenschrank’ können das Gespräch von Anfang an belasten.“ Zu einem weltoffenen „Uga Uga?“ rät der Autor nur dann, wenn die Kommunikation auf Deutsch, Englisch oder Französisch vorher nicht geglückt ist.

Geboren in Trier als Sohn weißer Eltern, aber mit krausem Haar und „milchkaffeefarbener Haut“ lernt der „kleine Bastard“ Häme und Feindseligkeit kennen. Bei Castings hat er später oft keine Chance auf die ersehnten Rollen. „Sein Sarkasmus ist nicht aufgesetzt, da steckt Lebenserfahrung hinter“, sagt der Schriftsteller Günter Wallraff.

Vor einigen Jahren war Wallraff mit geschwärztem Gesicht und Perücke als Afrikaner bundesweit unterwegs und hat erlebte Ressentiments und offene Ablehnung im Fernsehfilm „Schwarz auf Weiß“ dokumentiert. „Wir haben es noch immer mit massivem Rassismus und fehlender Normalität zu tun“, betont der Kölner Autor.

Jungs Buch sei „ein großartiger satirischer Beitrag“, der die jüngste „verkrampfte Scheindebatte“ um Themen wie politisch korrekte Wortwahl wieder „vom Kopf auf die Füße“ stelle, meint Wallraff: „Er hat die Legitimation, in alle Richtungen auszuteilen. Und sein Spott trifft die Richtigen.“

Rassistisch nennt Marius Jung neben den „Neonazi-Würstchen“ auch Dauerbetroffene, die „uns nur als Opfer tolerieren“. Überall seien Schwarze konfrontiert mit Alltagsrassismus, der häufig aus Unsicherheit, Acht- und Respektlosigkeit resultiere, sagt der Comedian. Und für seinen Job gelte: „In Deutschland als Schwarzer eine Rolle als Schauspieler zu bekommen, ist sauschwierig.“

Statt also zu streiten, ob man das Wort „Negerlein“ aus Kinderbüchern entfernt, wie es einige Verlage schon getan haben oder derzeit prüfen, solle man lieber über diskriminierende Einstellungen reden. Auch mit dem Nachwuchs, rät Jung, der gerade Vater geworden ist.

Vom „Gesellschaftskritiker“ Jung werde man hoffentlich noch mehr hören, meint Wallraff. Der Carlsen Verlag nennt keine Verkaufszahlen, spricht aber von großem Interesse an dem Buch und einem positiven Markt-Start. In den kommenden Wochen solle nachgedruckt werden, sagt eine Sprecherin.

Jung betont: „Je mehr ich es schaffe, dass die Leute sich selbst hinterfragen, dabei aber auch lachen können, desto mehr wäre das Buch ein Erfolg.“

Marius Jung hat ein Vorbild in den USA. Baratunde Thurston ist ein schwarzer Comedian, der schon vor knapp zwei Jahren einen ganz ähnlichen Leitfaden veröffentlicht hat: "how to be black". Thurston hat nigerianische Wurzeln und an amerikanischen Eliteuniversitäten studiert. Dort traf er auf jede Art von Verkrampftheit und Vorurteilen, die der weiße Teil der amerikanischen Bevölkerung noch mit sich herumträgt.

Seinen Bestseller hat er mit Überschriften versehen wie: „Wie man ein schwarzer Freund ist“, oder was man einen schwarzen Freund besser nicht fragen sollte. Er macht sich lustig über die Stereotype wie jenes, dass Schwarze immer die besseren Tänzer seien. Auf Betriebsfeiern rät er Schwarzen ab, sich darauf einzulassen, auf die Tanzfläche zu gehen. Sie müssten damit rechnen, von ihren weißen Kollegen umringt zu werden, die eine außergewöhnliche Tanzdarbietung von ihnen erwarteten.

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