Die Geschichte der Fahrradmarke Nordwest und ihre Bedeutung für Nordrhein-Westfalen

Die deutsche Fahrradindustrie vereint Tradition mit Innovation. Sie war die erste deutsche Fahrzeugindustrie, und Deutschland ist damals wie heute Leitmarkt der Branche bei neuen Entwicklungen und ein international wichtiger Produktionsstandort für Fahrräder und E-Bikes.

Industrie mit Tradition

Die deutsche Fahrzeugindustrie hat ihren Ursprung im Fahrrad. Ihre Wurzeln reichen zurück bis in die 1880er-Jahre. Bereits um 1885 entstand die erste deutsche Fahrradfabrik mit den Wanderer-Werken, deren Automobilsparte später Teil von Audi wurde. Im Frühjahr 1886 begann auch die Firma Opel, die damals noch Nähmaschinen produzierte, in großem Stil, Fahrräder zu fertigen. Auch die Brüder Mannesmann wirkten am Fahrradbau durch mit Walzen gehärtete Fahrradkurbeln, vor allem aber mit der Entwicklung des nahtlos gewalzten Rohrs für den Rahmenbau mit.

Im Jahr 1896 wurden bereits 200.000 Räder in Deutschland produziert. 1923 führte Opel in der Fahrradproduktion als erstes deutsches Unternehmen überhaupt eine Fließbandfertigung ein und wurde zum größten Fahrradhersteller der Welt. Alle sieben Sekunden lief ein Fahrrad vom Band - die Fließbandfertigung war damals auch Testlauf für den Automobilbereich.

Fahrrad und E-Bike «Made in Germany»

2024 wurden in Deutschland etwa 2 Millionen Fahrräder und E-Bikes von über hundert Unternehmen in eigenen Fabriken oder beauftragten Werken produziert. Die hochmodernen Fertigungsstätten für Fahrräder und E-Bikes «Made in Germany» finden sich in vielen Teilen des Landes.

Die Produktionsprozesse laufen in den meisten Werken ähnlich ab, optimiert nach den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten oder Spezifikationen der zu produzierenden Modelle. Die Rohrahmen werden in den Werken vieler deutscher Hersteller nach einer Qualitätsüberprüfung in fabrikeigenen Pulverbeschichtungs- und Lackieranlagen lackiert - teilweise individuell nach Kundenwunsch. Auch wenn der Energieaufwand hierfür hoch ist, sind Qualitätssteuerung und Flexibilität entscheidende Vorteile einer eigenen Lackierung. Dekore wie Marken- oder Produktnamen werden von Hand aufgeklebt und anschließend eingebrannt. In anderen Werken werden die Rahmen bereits lackiert und mit Dekoren versehen angeliefert.

Das Einspeichen der Laufräder, also das Verbinden von Felge, Speichen und Nabe, ist ein weiterer Schritt, der mehrheitlich händisch ausgeführt wird, wobei das Zentrieren der Räder mittlerweile hochmoderne Maschinen übernehmen. An oder in die Rahmen werden zunächst die Brems- und Schaltzüge und ggf. Kabel verlegt, bevor die fertigen Laufräder sowie die weiteren Komponenten wie Lenker, Kurbeln, Pedale, Schutzbleche, Sättel und ggf. Motoren - vieles davon aus deutscher Produktion - nach und nach an den Montageplätzen montiert werden. Nach einer Qualitätsüberprüfung wird das fertige Fahrrad verpackt und an den Handel oder direkt zum Endkunden ausgeliefert.

Die Produktvielfalt der in Deutschland hergestellten Fahrräder reicht von Kinderlaufrädern über Kinderfahrräder, Klappräder mit oder ohne Motor, Kompakträder, City- und Rennräder, Mountainbikes, Gravel Bikes, Spezialräder etc. bis hin zu vielfältigen Modellen von Lastenrädern. Ein Großteil der deutschen Hersteller produziert überwiegend E-Bikes. Das ergibt sich zum einen aus der gestiegenen Nachfrage der vergangenen Jahre, zum anderen auch aus dem frühzeitigen Aufbau von Expertise und der Entwicklung der entsprechenden Produkte in Deutschland. Ohne die Antidumping- und Ausgleichszölle auf aus China importierte E-Bikes, die seit 2019 gelten, würde es diese Produktionsvielfalt in Deutschland heute so nicht geben.

Fahrräder und E-Bikes «Made in Germany» sind im europäischen Ausland sehr gefragt. Insgesamt wurden 2024 mehr als 1,3 Millionen Fahrzeuge aus Deutschland nach Europa exportiert, wobei auch hier der Anteil der E-Bikes wächst, noch aber hinter dem der Fahrräder liegt. Hauptabnehmer sowohl für Fahrräder als auch für E-Bikes sind die Niederlande, gefolgt von Österreich. Deutschland ist der größte Fahrrad- und E-Bike-Markt in Europa und die deutsche Fahrradindustrie ist für ihre Innovationskraft weltweit angesehen. Was hier an neuen Modellen und Entwicklungen entsteht, findet international Beachtung.

Das E-Bike ist das dominierende Elektrofahrzeug auf dem deutschen Markt. Erstmals wurden 2023 mehr E-Bikes als Fahrräder verkauft, und zwar etwa 1,9 Millionen Fahrräder und 2,1 Millionen E-Bikes.

Das E-Bike hat in den vergangenen Jahren maßgeblich zur Umsatzsteigerung der Unternehmen der Branche beigetragen. Seit 2018 haben sich die Absätze im Vergleich zu 2023 verdoppelt, seit 2013 sogar verfünffacht. Das E-Bike ist somit Treiber für Absatz, Umsatz und Innovation der deutschen Fahrradindustrie. Insgesamt wurde mit dem Verkauf von Fahrrädern und E-Bikes in Deutschland im Jahr 2024 ein Umsatz von rund 6,4 Milliarden Euro erzielt.

Hohe Fertigungstiefe bei Teilen und Zubehör - keineswegs «alles aus Asien»

Entgegen der allgemeinen Annahme wird eine breite Palette hochwertiger Fahrradteile und Zubehör in deutschen Produktionsstätten hergestellt. Speichen, Ketten, Lampen, Helme, Schutzbleche, Gepäckträger, Klingeln, Schlösser: Für fast alle Teile eines Fahrrades findet sich in Deutschland ein herstellendes Unternehmen. Dabei ist die Fertigungstiefe sehr hoch - vom Kunststoffgranulat für das Gehäuse bis zur fertigen Fahrradlampe findet mancherorts alles in einem Werk statt. Einige Unternehmen leisten sich eine eigene Galvanik, zum Beispiel für Lenker, Sattelstützen oder Lampengehäuse. Neugründungen aus dem Automotive-Bereich bauen in Deutschland innovative Nabenschaltungen, neue Antriebs- und Schaltsysteme werden hierzulande entwickelt und hergestellt. Unter den Herstellern gibt es einige Hidden Champions sowie Produzenten von weltmarktführenden Produkten. So stammen die mit Abstand hochwertigsten Nabendynamos aus deutscher Entwicklung und Produktion.

Die Produktion von Fahrradrahmen im großen Stil findet derzeit mehrheitlich außerhalb Deutschlands statt. Ausnahmen sind Kleinstserien oder Spezialanfertigungen. Aluminiumrahmen werden hauptsächlich aus China importiert. Fahrradrahmen aus Carbon kommen überwiegend aus Taiwan, da sich hier über Jahrzehnte hinweg eine große Expertise entwickelt hat. Mittlerweile hat sich auch in Portugal eine Fahrradrahmen- (und Teile-) Produktion etabliert, die schon einige deutsche Hersteller beliefert. Auch wenn die Batteriezellenproduktion für E-Bike-Batterien zum allergrößten Teil in China stattfindet und viele komplette Batteriepacks aus Asien importiert werden, werden Batteriepacks für E-Bikes in kleineren Teilen auch in Europa und Deutschland gefertigt.

Neben der Produktion von Fahrzeugen, Komponenten und Zubehör tragen weitere Produkte und Dienstleistungen rund ums Fahrrad zur Wertschöpfung in Deutschland bei. Dieses wirtschaftliche Potenzial des Fahrrades wird von einigen Bundesländern bereits erkannt und näher untersucht. So haben Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im Jahr 2024 eigene Studien veröffentlicht.

Der Fachhandel sowie meist daran angeschlossene Werkstätten sind wichtige Pfeiler des deutschen Einzelhandels und auch im ländlichen Raum flächendeckend präsent.

Produktionsstandort mit Zukunft

Die deutsche Fahrradindustrie ist geprägt von mittelständischen Unternehmen, darunter viele seit langem in Familienbesitz. Sie sind verwurzelt in ihren Regionen und bieten abseits großer Ballungszentren Arbeitsplätze und Wertschöpfung.

Produktion von Fahrrädern in Nordrhein-Westfalen

Im Jahr 2024 sind 50.946 Fahr- und Krafträder mit Elektromotor in Betrieben des nordrhein-westfälischen Verarbeitenden Gewerbe produziert worden. Wie Information und Technik Nordrhein-Westfalen als Statistisches Landesamt anlässlich des Europäischen Tag des Fahrrades am 03. Juni 2025 mitteilt, wurden im letzten Jahr 34,1 % weniger Fahr- und Krafträder mit Elektromotor produziert als 2023. Die Zahl der produzierten Fahrräder mit Motor war jedoch um 30,9 % größer als noch 2019. Der Anteil von Zweirädern u. a. Fahrrädern ohne Motor lag 2024 mit 42.907 Stück bei 45,7 %. 71,8 % der 2024 in NRW produzierten Fahr- und Krafträder mit und ohne Elektromotor wurden in Betrieben des Regierungsbezirks Münster produziert.

Die Importmenge von Fahrrädern mit und ohne Motor ist nach vorläufigen Ergebnissen erneut zurückgegangen. Rund 334.000 Fahrräder mit Elektromotor sind im Jahr 2024 nach NRW importiert worden; das waren 24 % weniger als im Vorjahr. Die Zahl der importierten Fahrräder ohne Motor lag im vergangenen Jahr mit 621.000 Fahrrädern um 31 % unter dem Vorjahr. Hauptlieferland war auch im Jahr 2024 Österreich mit einem Anteil von 27,3 %.

Als Elektrofahrräder gelten Fahrräder, d.h. Zwei-, Drei- und Vierräder mit Trethilfe oder Elektrohilfsmotor und Krafträder mit Elektromotor wie z. B. Elektroroller sowie Beiwagen. Zu den Fahrrädern ohne Motor zählen Zwei-, Drei-, Vier- und Lastendreiräder.

Die genannten Ergebnisse zur Produktion beziehen sich auf Betriebe von Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes sowie des Bergbaus und der Gewinnung von Steinen und Erden mit im Allgemeinen 20 oder mehr Beschäftigten.

Der Wert der zum Absatz bestimmten Produktion wird unter Zugrundelegung des im Berichtszeitraum erzielten oder zum Zeitpunkt des Absatzes erzielbaren Verkaufspreises (ohne Umsatz- und Verbrauchsteuer) ab Werk berechnet.

Produktion von Kraft- und Fahrrädern mit und ohne Elektromotor in NRW in den Jahren 2019 - 2024

Erzeugnis Jahr Betriebe mit zum Absatz bestimmter Produktion (Anzahl) Menge der zum Absatzbestimmten Produktion (Stück)
Fahrräder (Zwei-, Drei- und Vierräder), mit Trethilfe, mit Elektrohilfsmotor; Krafträder mit Elektromotor (z. B. Elektroroller); Beiwagen 2019 33 8.908
Fahrräder (Zwei-, Drei- und Vierräder), mit Trethilfe, mit Elektrohilfsmotor; Krafträder mit Elektromotor (z. B. Elektroroller); Beiwagen 2020 35 7.783
Fahrräder (Zwei-, Drei- und Vierräder), mit Trethilfe, mit Elektrohilfsmotor; Krafträder mit Elektromotor (z. B. Elektroroller); Beiwagen 2021 35 9.480
Fahrräder (Zwei-, Drei- und Vierräder), mit Trethilfe, mit Elektrohilfsmotor; Krafträder mit Elektromotor (z. B. Elektroroller); Beiwagen 2022 47 6.484
Fahrräder (Zwei-, Drei- und Vierräder), mit Trethilfe, mit Elektrohilfsmotor; Krafträder mit Elektromotor (z. B. Elektroroller); Beiwagen 2023 57 7.350
Fahrräder (Zwei-, Drei- und Vierräder), mit Trethilfe, mit Elektrohilfsmotor; Krafträder mit Elektromotor (z. B. Elektroroller); Beiwagen 2024 6 50.946
Zweiräder u.a. Fahrräder (einschl. 42.907

Schon vor hundert Jahren schlug das Herz der deutschen Fahrradindustrie in Nordrhein-Westfalen. Die Bielefelder Radrennbahn von 1953 ist das sichtbarste Zeichen der Radbegeisterung. Ein riesiges Oval aus 333 Meter fugenlosem Spannbeton. Lange Schauplatz von Verfolgungs- und Steherrennen und anderen Großveranstaltungen. Einige Kilometer weiter sammelt Resul Benli in einer alten Scheune hunderte Fahrräder. Alles Exemplare der großen Bielefelder Marken wie Dürkopp, Anker oder Rabeneick. Sie sind auch Andenken an seinen Vater und an die große Tradition. Die Bielefelderin Mieke Kröger hat schon Radsportgeschichte geschrieben.

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